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SPECIAL zu den Thrillern von Ryan David Jahn

BRENNEN MUSS LOS ANGELES

Das Buch beginnt mit einem spektakulären und ungewöhnlichen Mord. Wie kam es dazu?
Ryan David Jahn: Ich denke, am besten beginnt man ein Buch mit dem Ereignis, das den Rest der Geschichte in Gang bringt. Ich bin kein großer Freund davon, ewig auf der Backstory herumzureiten, besonders nicht am Anfang. Indem Sandy seinen Stiefvater erschießt, fällt der erste Dominostein und löst eine Kettenreaktion aus. Es war also nur logisch, mit dieser Szene zu beginnen. Davon abgesehen, erinnere ich mich gut daran, wie ich selbst mit Waffen gespielt habe, als ich so alt war wie Sandy. Einmal hätte ich einem Freund fast in den Kopf geschossen (es fehlte vielleicht ein halber Meter). In den Händen Erwachsener sind Schusswaffen unheimlich. Aber in den Händen von Kindern sind sie wirklich angsteinflößend. Die Szene, in der Sandy und sein Freund eine Schrotpatrone in einen Schraubstock klemmen und mit einem Schlosserhammer draufschlagen, beruht übrigens auf einer wahren Begebenheit aus meiner Kindheit. Wenn ich bedenke, was ich alles angestellt habe, kann ich froh sein, noch am Leben zu sein und nicht im Gefängnis zu sitzen.

Erst bringt ein Kind einen Erwachsenen um, dann muss sich der Protagonist Eugene Dahl gegen das organisierte Verbrechen behaupten. Wolltest du mit dem Buch eine Geschichte im Sinn von David gegen Goliath erzählen?
Ryan David Jahn: Nicht gezielt, aber mir gefällt diese Interpretation des Buchs. Ich glaube, die Sichtweise eines Autors auf sein Werk muss nicht unbedingt die richtige sein. Obwohl es nicht meine Absicht war, leuchtet mir sofort ein, dass man es als David-gegen-Goliath-Geschichte lesen kann. Wobei im echten Leben üblicherweise Goliath gewinnt.

Der Daily Mirror schrieb, »Der letzte Morgen« sei dein »gewagtester und vielschichtigster Roman«. Wie lange hast du daran gearbeitet? Was waren deine Vorbilder in Sachen Storytelling?
Ryan David Jahn: Geschrieben habe ich an dem Buch etwas über ein Jahr. Wer und was mich inspiriert hat? Das ist schwer zu sagen. Ich wollte ein großes Buch schreiben, das etwas über Kindheit und Gerechtigkeit erzählt und über die Desillusionierung des Erwachsenwerdens
– also darüber, was aus unseren Kindheitsträumen wird, wenn wir älter werden. Es sollte um Liebe und Hass gehen und um die Grauzone dazwischen, in der sich diese beiden Gefühle oft vermischen. Außerdem sollte sich das Buch episch anfühlen, obwohl es in nur einer Stadt und über einen relativ kurzen Zeitraum im Jahr 1952 spielt. Ich hoffe, das ist gelungen.
Mit einer kleinen Ausnahme war mein einziges Vorbild das echte Leben. Ich habe Bücher geschrieben, die laufend auf andere, ältere Romane verweisen, und auch wenn es diesmal ebenfalls so scheinen mag – manche Szenen erinnern vielleicht vage an David Goodis oder Jim Thompson – war es von mir zu keiner Zeit so beabsichtigt. Das einzige Buch, an das ich mich bewusst angelehnt habe, war »Brennen muss Salem« von Stephen King. Auf den ersten Blick erzählt es eine völlig andere Geschichte, aber die Struktur ist ziemlich ähnlich. Barlow in »Brennen muss Salem« ist James Manning in »Der letzte Morgen«; das Marsten-Haus in »Brennen muss Salem« ist das Haus des Ermittlers in Der letzte Morgen; beide Bücher haben einen Autor als Hauptfigur; beide handeln vom Verlust von Unschuld. Es gibt noch viele weitere Parallelen. Bisher hat das niemand bemerkt, aber ich verrate es jetzt einfach mal.

Der Roman spielt im Los Angeles der Fünfzigerjahre. Was fasziniert dich an diesem Ort und dieser Zeit?
Ryan David Jahn: Ich habe fünfzehn Jahre lang in Los Angeles gelebt und kenne die Stadt sehr gut. Trotzdem hätte ich das Buch fast nicht geschrieben, weil es zu einer Zeit in der Stadtgeschichte spielt, der sich schon so viele andere Schriftsteller angenommen haben, allen voran James Ellroy. Aber die Geschichte verlangte danach, geschrieben zu werden, und ein Wechsel des Settings kam nicht infrage. Diese Geschichte hätte nirgendwo sonst und zu keiner anderen Zeit funktioniert. Ich habe eine Vorliebe für die Fünfziger- und Sechzigerjahre. Wahrscheinlich, weil es eine Zeit in der Vergangenheit ist, zu der ich noch eine menschliche Verbindung fühle. Die Ermordung Abraham Lincolns zum Beispiel ist von historischer Bedeutung. Aber der Mord an John F. Kennedy hat noch eine emotionale Ebene, die bei Lincoln bereits fehlt. Seine Ermordung ist ein historisches Ereignis, Kennedys ein menschliches. Und weil man zu dieser Zeit noch eine emotionale Verbindung hat, kann man gut Parallelen zu heutigen Verhältnissen ziehen und gleichzeitig
zeigen, wie die Vergangenheit unsere Gegenwart geformt hat.

Derzeit ist eine Verfilmung deines Debütromans »Ein Akt der Gewalt« im Gespräch. Gibt es ähnliche Pläne für »Der letzte Morgen«?
Ryan David Jahn: Sowohl »Ein Akt der Gewalt« als auch »Der Cop« wurden für eine Verfilmung optioniert. Es wäre toll, wenn auch »Der letzte Morgen« als Filmstoff entdeckt würde, aber es ist sehr schwer umzusetzen. Die englische Fassung ist 120 000 Wörter lang. Die meisten Drehbücher bewegen sich eher im Bereich von 20 000 Wörtern. Da das Buch beinahe nur aus Handlung besteht, wäre das eine echte Herausforderung.

Interview: Oskar Rauch