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SPECIAL zu den Thrillern von Ryan David Jahn

MR. HYDE IN LOS ANGELES

von Ryan David Jahn

Wenn man uns fragt, ist Ryan David Jahn einer der vielversprechendsten jungen Spannungsautoren Amerikas. Ganz ohne Zweifel ist er einer der vielseitigsten. Dem soziologisch gesättigten Drama Ein Akt der Gewalt, für das Jahn mit einem Dagger Award ausgezeichnet wurde, folgte zunächst Der Cop, ein knallharter Action-Trip quer durch Amerika. Jahns dritter Streich wiederum ist der Noir-Thriller Die zweite Haut, welcher uns in die düstersten Ecken von L.A. mitnimmt, und dem Leser offenbart, dass das Schlechte auch in guten Menschen lauern kann. Wir wünschen packende Unterhaltung!

      Vor etwa achtzehn Jahren erzählte mir eine Nachbarin von einem Vorfall, der sich ein paar Tage zuvor zugetragen hatte: Sie stand gerade auf dem Balkon eines Hotelzimmers im zehnten Stock und hielt ihren kleinen Sohn im Arm, als ihr der Gedanke durch den Kopf schoss, ihn einfach loszulassen, sodass er herunterfallen würde. Alle Verantwortung wäre von ihr genommen, einfach ausgelöscht durch eine so einfache Tat. Sie könnte sich auf einen tragischen Unfall herausreden und wäre frei, könnte ihr Leben fortsetzen, ohne dass die Verantwortung für ein Kind auf ihren Schultern lastete.
      Natürlich würde die Frau so etwas niemals tun. Doch schon die Tatsache, dass sie in der Lage war, es zu denken, entsetzte sie.
      Ich weiß nicht mehr, was ich ihr geantwortet habe, aber ich kann mich noch daran erinnern, dass ich fand, so ein Gedanke hätte nichts zu bedeuten. Jeder Mensch hat Gedanken – böse Gedanken – die er niemals in die Tat umsetzt. Würden unsere Gedanken Wirklichkeit, so würde jeder Ehemann seine Gattin betrügen und umgekehrt wahrscheinlich genauso. Würden unsere Gedanken Wirklichkeit, säßen die meisten von uns als Mörder hinter Gittern. Weiß Gott, ich habe in meinen Gedanken – und in meinem Herzen – bereits Dutzende Morde begangen.
      Jeder von uns trägt zwei Persönlichkeiten in sich, und eine von ihnen sollte tunlichst weggesperrt bleiben. Diese zweite Person ist eine Bestie, ein Teufel. Diese zweite Person hat keinen Sinn für menschliches Zusammenleben, für Ordnung und Gesetz. Und wie sehr wir uns auch dagegen wehren, es kann passieren, dass diese zweite Person für kurze Zeit entkommt. Nur eine dünne Membran hält sie gefangen.
      An ihren Taten gemessen: Sind Sie ein guter oder ein schlechter Mensch? Ich habe Dinge getan, für die ich mich zutiefst schäme. Macht die Scham mich zu einem guten Menschen – ich könnte mir einreden, dass ich wenigstens Reue verspüre, was eine wirklich schlechte Person nicht tun würde –, oder bin ich ein schlechter Mensch, weil ich getan habe, was ich getan habe? Wenn man den Menschen durch seine Taten definiert, so muss Letzteres gelten, oder nicht? Wenn wir keine Schuld auf uns laden, indem wir Böses denken, dann sollte uns unsere tatsächliche Schuld auch nicht erlassen werden, wenn wir unsere bösen Taten bereuen. Nur unser Handeln bestimmt, wer wir sind.
      Was wäre nun, wenn ein Mann ein Verbrechen begangen hätte, so unverzeihlich, dass er nicht mehr damit leben kann? Was, wenn es seine Persönlichkeit auseinanderreißt? Genau das passiert in Die Zweite Haut. Und zwar auf denkbar surreale Weise. Kann man bei Verstand bleiben, wenn man nur noch die Hälfte der Person ist, die man einmal war? Oder ist die Leere, die übrigbleibt, schlimmer als das, was einst die Lücke füllte?
      Wenn Sie mich fragen, gilt Letzteres. Man kann zwar versuchen zu verdrängen, was man ist. Aber am Ende ist ein halber Mensch so gut wie gar kein Mensch. Und der Teufel, den man verbannt hat, wird immer einen Weg zurück nach Hause finden.