SPECIAL zu der Vampir-Trilogie von Guillermo del Toro und Chuck Hogan

Guillermo del Toro

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Guillermo del Toro ist einer der bekanntesten Regisseure und Drehbuchautoren unserer Zeit. Zu seinen Filmen gehören The Devil's Backbone, Cronos, Mimic, Blade II, Pans Labyrinth sowie Hellboy und Hellboy II. Für Pans Labyrinth wurde er mit drei Oscars ausgezeichnet. Derzeit bereitet del Toro in Neuseeland die Verfilmung von J.R.R. Tolkiens Roman Der kleine Hobbit vor ­ nach den Der Herr der Ringe-Filmen das kommende Kino-Großereignis. Die Saat ist sein erster Roman.

Chuck Hogan

© Liepman AG
Chuck Hogan ist Autor internationaler Thriller-Bestseller wie Endspiel und Mördermond. Für Endspiel wurde er mit dem renommierten »Hammett Award« ausgezeichnet.






Interview mit Guillermo del Toro und Chuck Hogan

Guillermo del Toro, Sie haben Drehbücher verfasst und zahlreiche Filme gedreht, um nur
einige Ihrer vielen Verdienste zu nennen. Was hat Sie dazu motiviert, einen Roman zu schreiben?

Guillermo del Toro: Es ist eine ganz andere Herausforderung, aber ich habe schon immer Kurzgeschichten und später, in meiner Filmarbeit, Treatments für Filme geschrieben (das Treatment ist eine etwas »freiere« Form als ein Drehbuch). Einige meiner Kurzgeschichten wurden auch ver-öffentlicht, und es ist mein heimlicher Traum, Gruselromane für junge Leser zu schreiben. Mein Lieblingsautor in dieser Hinsicht ist Roald Dahl, der völlig unbekümmert das Groteske mit dem Magischen vermischte. Als Leser liebe ich die Form der Kurzgeschichte, aber wenn ein Roman einen straffen Aufbau hat, finde ich ihn weit eindringlicher und ausfüllender. Trotzdem sind einige meiner Lieblingsschriftsteller, wie Jorge Luis Borges, Horatio Quiroga, Saki usw., auch Meister der Kurzgeschichte. Der Roman entstand aus der Lust und der Möglichkeit dazu.
Sie sind einer der mit Abstand fantasievollsten und kreativsten Künstler der heutigen Zeit. Welche Einflüsse haben zu Ihrem Erfolg beigetragen? Hatten Sie eine Art Muse?
Guillermo del Toro:
Seltsamerweise ziehe ich häufig mehr Inspiration aus Malerei und Büchern als aus anderen Filmen. Maler wie Carlos Schwabe, Odilon Redon, Félicien Rops, Arnold Bocklin, Lucian Freud, Francis Bacon, Thomas Cole und viele andere begeistern mich immer wieder neu, und an der Bücherfront gibt es genauso viele Kandidaten ... bei Charles Dickens klappt es jedes Mal, auch bei Oscar Wilde, Juan Rulfo, Horacio Quiroga usw.
Viele Ihrer Filme drehen sich um fantastische Figuren. Warum haben Sie sich für Ihren ersten Roman Vampire ausgesucht?
Guillermo del Toro:
Mein ganzes Leben lang bin ich schon von Vampiren fasziniert, aber immer aus einer naturalistischen Perspektive. Cronos, mein erster Film, sollte eine Neuformulierung des Genres sein – ich liebe es, alte Mythen neu zu erzählen. Als ich Blade II in Angriff nahm, näherte ich mich dem Film mit einer Myriade Ideen über Vampirbiologie, aber nur wenige davon haben es in den Film geschafft. Vom Ton her musste es ein Actionfilm werden, und einiges von dem biologischen Zeug war sowieso schon zu verstörend ... Ich finde es toll, den Ursprung der Vampirgattung aus dem Blickwinkel des Biologischen, des Göttlichen und des Evolutionären zu erklären. Einige meiner Lieblingsbücher über Vampirismus sind Abhandlungen über vampirische »Fakten«, Bücher von Bernard J. Hurwood, Dom Augustin Calmet, Montague Summers usw.
Es gibt viele Geschichten, Filme und sogar eine Fernsehserie mit Vampiren. DIE SAAT bedient sich der Vorstellung, dass Vampire eine Seuche sind und der Chefjäger ein Wissenschaftler der Seuchenschutzbehörde ist. Was hat Sie zu dieser Idee inspiriert?
Guillermo del Toro:
Als Kind liebte ich The Night Stalker und war hin und weg von Mathesons und Rices Idee, ein Geschöpf von solch übermächtiger Gestalt durch die Augen eines ganz normalen Mannes zu erforschen, eines Mannes, der gewohnt ist, methodisch vorzugehen. »Einfach ein ganz normaler Arbeitstag ...«
Wie haben Sie und Chuck Hogan sich gefunden, um DIE SAAT zu schreiben? Wir funktioniert ihre Zusammenarbeit?
Guillermo del Toro:
Es war eine Zusammenarbeit im besten Sinne des Wortes. Ich hatte eine »Bibel« für das Buch geschaffen. Sie enthielt den Großteil der strukturellen Ideen und Figuren, und dann hat Chuck übernommen und neue Figuren und Ideen erfunden. Fet (eine meiner Lieblings-figuren) stammt ausschließlich von ihm. Im Anschluss war ich dann wieder an der Reihe, schrieb neue Kapitel oder bearbeitete seine Version intensiv, und dann schrieb er meine umgeschriebene Fassung wieder um und so weiter und so fort. So habe ich auch schon früher mit anderen Leuten zusammengeschrieben. Ich fand Chucks Stil und seine Ideen in seinen bisherigen Büchern toll und wollte ihn unbedingt als Partner, weil er ein ausgeprägtes Gespür für Realität hat und noch NIE ZUVOR einen Horrorroman geschrieben hat. Ich wusste, wir würden einander ideal ergänzen. Was mich überrascht hat, war, dass er selbst auch ein paar schaurige Szenen beigesteuert hat! Er hat sich als ziemlich gestörter Mensch entlarvt!
Chuck Hogan, Stephen King pries Ihren Roman Endspiel als einen der zehn besten des Jahres 2005. Wie war es, ein solches Riesenlob von dieser hochverehrten kulturellen Ikone zu bekommen?
Chuck Hogan
Allein die Tatsache, dass Stephen King etwas von mir gelesen hat, hat mich total umge-hauen. Und dann noch zu erfahren, dass es ihm gefallen hat – dass ich in den Kopf eines Mannes vorgedrungen war, der all diese Jahre in unser aller Köpfe präsent war -, das war schon ein einmaliger Kick, das hat mir wirklich Auftrieb gegeben. Ich schrieb ihm einen lang-atmigen Dankesbrief, der vermutlich im Ordner »Verrückte Fans« gelandet ist – aber dass er seine Position benutzt, um sich für die Werke anderer Autoren einzusetzen, sagt einem alles, was man wissen muss.
Was hat Sie am meisten an der Arbeit mit Guillermo del Toro überrascht? Hatte das Projekt mit ihm Auswirkungen auf Ihr eigenes Schreiben? Haben Sie sich früher, als Sie noch in einer Videothek arbeiteten, jemals in Ihren wildesten Träumen ausgemalt, so etwas zu machen – und noch dazu mit einer Legende wie del Toro?
Chuck Hogan:
Ich hatte noch nie mit jemandem zusammen geschrieben, und echten Horror hatte ich auch noch nie veröffentlicht. Und plötzlich saß ich an einer epischen Trilogie mit einem Meister des Genres. Wahrscheinlich hätte mich das stärker einschüchtern sollen – aber ich spürte eine sofortige Affinität zu dem Material und auch ehrliche Begeisterung angesichts der Herausforderung, diese Geschichte zum Leben zu erwecken, was mir beides geholfen hat, die Sache durchzuziehen. Als erster Leser kann Guillermo ziemlich entmutigend sein, aber gleichzeitig ist er ein unglaublich großzügiger Arbeitspartner. Mal ganz abgesehen von seinem Wahnsinnswissen: Es macht einfach Spaß, ihm eine Frage stellen zu müssen – sagen wir mal, warum der Organismus der Vampire heiß ist statt kalt – und zu wissen, dass er mir nicht nur eine Einführung in ihre komplizierte Biologie geben wird, sondern seine Ausführungen auch noch mit stichhaltigen Beispielen aus dem Bereich der Insektenkunde, der Meeresfauna und einigen obskuren Tatsachen über die Funktion menschlicher Blutplättchen ausschmücken wird.
Ihre Romane Endspiel und Mördermond erforschen die dunkle Seite der menschlichen Natur. Was reizt sie an diesem Thema, und generell am Spannungsgenre?
Chuck Hogan:
Thriller und Horror sind beides Genres des Existenzialismus, und mich reizen Geschichten vom Menschen in seinem Extrem, von Leuten, die geprüft, verfolgt, bedroht werden. Ich finde, ein Autor sollte sich selbst in seiner Arbeit fordern, genau wie er die Figuren in seiner Geschichte fordert – alles andere wäre unehrlich und nicht authentisch. Was ich an DIE SAAT großartig finde, ist dass der Verlauf der Story diese Maxime aufnimmt und sie mit eintausend multipliziert.
DIE SAAT ist der erste Teil einer Trilogie. Können Sie uns verraten, wie es weitergeht?
Guillermo del Toro:
Im zweiten Roman wird eine Art Dämmerzustand herrschen – die Menschheit verliert ihren Vorsprung, und wir erleben, was die Zukunft für die Vampire bereithält, während gleichzeitig die mythischen Ursprünge des Ganzen aufgespürt werden. Wir statten vertrau-ten Erinnerungen einen Besuch ab und erfahren mehr über Setrakian, und Gus führt uns zu einem unerwarteten Bündnis. New York steht unter Kriegsrecht, und einen Weg aus der Stadt zu finden, wird zu einer der wichtigsten Nebenhandlungen. Der dritte Teil wird dann absolut gewaltig, sowohl in seinen Implikationen als auch in seiner Tragweite. Er formuliert Vampirismus vollkommen neu.
Werden wir DIE SAAT in absehbarer Zeit auf der Leinwand sehen?
Guillermo del Toro:
Nein, nicht als Film – das ist eine viel zu komprimierte Form ... ich glaube, ideal wäre, eine begrenzte Anzahl von Folgen fürs Kabelfernsehen daraus zu machen und es nicht zur Endlosserie auszuwalzen, wo die Figuren nur sterben, wenn es die Einschaltquoten tun.