SPECIAL zu der Vampir-Trilogie von Guillermo del Toro und Chuck Hogan

»Warum Vampire niemals sterben«

von Guillermo del Toro und Chuck Hogan

Heute Abend werden Sie oder jemand, den Sie lieben, sehr wahrscheinlich von einem Vampir besucht werden – im Fernsehen oder im Kino oder im Buchladen. Unser eigener Roman beschreibt eine Epidemie, die sich in der heutigen Zeit in New York City ausbreitet.

Alles begann vor zweihundert Jahren. Es war 1816, das "Jahr ohne Sommer", als Asche aus einem Vulkanausbruch die Temperaturen weltweit dramatisch abkühlte und in weiten Gebieten Hungersnöte auslöste. Ein paar Freunde versammelten sich in der Villa Diodati am Genfer See und lobten einen kleinen Wettbewerb aus, wer sich die schaurigste Geschichte einfallen ließ – und die beiden großen Ungeheuer des modernen Zeitalters waren geboren.

Eines wurde von Mary Godwin erfunden, die bald darauf zu Mary Shelley werden sollte und deren Dr. Frankenstein einem trostlosen Geschöpf Leben einhauchte. Das andere Ungeheuer wurde weniger erfunden, denn verschmolzen: John William Polidori strickte Folklore, persönliche Abneigung und erotische Ängste zu "Der Vampyr" zusammen, einer Erzählung, die die Grundlage des heutigen Verständnisses von Vampiren bildet.

Mit "Der Vampyr" brachte Polidori die beiden Hauptzweige von Vampirliteratur hervor: den Vampir als romantischen Held und den Vampir als untotes Monster. Diese Ambivalenz reflektiert möglicherweise Polidoris eigene, da man allgemein davon ausgeht, dass Lord Ruthven, das titelgebende Geschöpf, auf Lord Byron beruht – dem literarischen Superstar seiner Zeit und einem weiteren Bewohner der Villa am See in jenem schicksalhaften Sommer. Polidori umsorgte Byron Tag und Nacht, sowohl als sein Arzt als auch als sein ergebenster Groupie. Doch gleichzeitig hegte Polidori einen Groll gegen ihn: Byron war gutaussehend und genial, während der arme Doktor nur mäßig talentiert und von eher farbloser Erscheinung war.

Aber das war nur die neue Variante eines sehr alten Konzepts. Der Mythos selbst, den es bereits lange vor der Erfindung des Wortes "Vampir" gab, scheint jede Kultur, Sprache und Epoche zu durchziehen. Die indischen Baital, die chinesichen Ch'ing Shih und die rumänischen Strigoi sind nur einige wenige Bezeichnungen. Das Geschöpf ist wahrscheinlich so alt wie Babylonien und Sumer. Oder noch älter.

Der Vampir könnte einer verdrängten Erinnerung aus unserer Zeit als Primaten entstammen. Vielleicht waren wir irgendwann – notgedrungen – Kannibalen. Als wir uns zu sesshaften, Ackerbau treibenden Gruppen mit sozialen Grenzen entwickelt hatten, bildete möglicherweise eine grundlegende Sage unsere Vorfahren als primitive Bestien ab, die im kalten Erdboden schliefen und sich vom salzigen Blut anderer Lebewesen nährten.

Ungeheuer werden, wie Engel, von unseren individuellen und kollektiven Bedürfnissen heraufbeschworen. Heute genau wie damals in jenem düsteren Sommer 1816 spüren wir den Drang, ihre kalte Umarmung zu suchen.

Darin liegt ein wichtiger Schlüssel: Im Gegensatz zu zeitlosen Geschöpfen wie dem Drachen versucht der Vampir nicht, uns zu vernichten, sondern ermöglicht stattdessen eine ganz spezielle Form der Blutalchemie. Denn indem durch die Berührung mit ihm seine nächtliche Gabe übertragen wird, verwandelt der Vampir unser schnödes, sterbliches Ich in das Gold ewiger Jugend und flößt uns etwas ein, was jedes soziale Konstrukt zu unterdrücken strebt: die Urlust. Wenn Jugend die Verquickung von Begehren und unendlicher Möglichkeit ist, dann schafft Vampirlust in unserem Inneren eine köstliche Leere, eine, die wir sehnlichst auszufüllen wünschen.

Mit anderen Worten: Andere Ungeheuer betonen das Sterbliche in uns, wohingegen der Vampir das Ewige in uns hervorhebt. Durch das Wundermittel seines Blutes wird das Blei unseres giftigen Fleisches zu goldener Materie.

In einer Gesellschaft, die sich so schnell verändert wie die unsere, wo jede Woche ein neuer "Blockbuster" an den Kinokassen inthronisiert werden muss oder wo Idole in jeder Fernsehstaffel neu mittels Einschaltquoten erschaffen werden, wohnt der Verheißung etwas Dauerhaften, etwas wahrhaftig Ewigen ein besonderer Reiz inne. Als Verführergestalt ist der Vampir so wandelbar und vielschichtig wie eh und je. Man muss sich nur seine langsame Wandlung von den pansexuellen, dekadenten Geschöpfen bei Anne Rice hin zu den aktuellen Permutationen – in denen alles von ewiger keuscher Liebe bis hin zu wilden nächtlichen Eskapaden in Aussicht gestellt wird – ansehen und findet darin das wahre Wesen der Unsterblichkeit: Anpassungsfähigkeit.

Vampire finden ihre Nische und mutieren inzwischen mit wachsender Geschwindigkeit – früher erlebte man jahrzehntelang dieselbe Sorte von Unhold, die sich in zahlreichen Handlungen wiederholte. Heute kommen Vampire simultan in allen Spielarten vor und bedienen jedes erdenkliche Bedürfnis: Soapoperas, sexuelle Befreiung, Noir-Krimis usw. Der Mythos scheint wild durch die Gegend zu flattern, um allen Lebensbereichen dienlich zu sein, von Cornflakesschachteln bis hin zu Liebesromanen. Das schnelle Tempo der Technologie beschleunigt seine virale Ausbreitung in unserer Kultur.

Wenn allerdings Polidori auch der Ursprung der Genealogie unserer Kreatur bleibt, so wurde doch der bekannteste Vampir 1897 von Bram Stoker hervorgebracht.

Ein Grund für den großen Erfolg seines "Dracula" wird allgemein in seinem Auftritt zu einer Zeit bedeutender technischer Revolution gesehen. Die Erzählung steckt voller neumodischer Apparate (Telegraf, Schreibmaschine), diverser Kommunikationsformen (Tagebücher, Schiffslogbücher) und bahnbrechender Wissenschaft (Bluttransfusionen) – ein Mischmasch uralter Mythen im Konflikt mit der Welt der Gegenwart.

Heute stehen wir ebenfalls vor dem vielfältigen, ungewissen Anbruch einer neuen Stufe wissenschaftlicher Innovation. Die drahtlose Technologie, die wir in unseren Taschen tragen, war der Stoff der Science Fiction in unserer Jugend. Unsere technische Arroganz spiegelt mehr und mehr die Wells'sche Dystopie der Unzufriedenheit, während sie uns gleichzeitig gestattet, uns jederzeit sicher, erreichbar und verbunden zu fühlen. Wir können praktisch alles und jeden sehen, hören oder anrufen, egal wo wir gerade sind. Für die meisten Menschen bleibt daher der einzig abgeschiedene Ort der im Inneren. "Erkenne dich selbst" – genau das tun wir nicht.

Obwohl wir uns geradezu obsessiv Informationen zunutze machen, sind wir immer noch unserem Schicksal und unseren Alpträumen ausgeliefert. Wir krönen das tödliche Virus auf dieselbe Art, auf die "Dracula" der englischen Öffentlichkeit gestattete, an Monstren zu glauben: durch Wissenschaft. Die Wissenschaft wird zum Aberglauben des modernen Menschen. Sie ermöglicht ihm, wieder Angst und Ehrfurcht zu erleben und an Dinge zu glauben, die er nicht sehen kann.

Und durch die Ehrfurcht gewinnen wir spirituelle Demut zurück. Die gegenwärtige Vampirepidemie erinnert uns einmal mehr daran, dass wir keine echte Gerichtsbarkeit über unsere Körper, unser Klima, ja nicht einmal unsere Seelen selbst haben. Ungeheuer und Monstren werden immer ein mögliches Geheimnis in unser alltägliches "Realityshow"-Leben tragen und dabei auf eine größere spirituelle Welt hindeuten; denn wenn es Dämonen in unserer Mitte gibt, dann können doch sicher auch Engel nicht weit sein. In der Gestalt des Vampirs finden wir Eros und Thanatos in archetypischer Umarmung verschmolzen, durch die Zeit kreisend, unsterblich.

Für immer.

Guillermo del Toro und Chuck Hogan in einem Artikel der New York Times, 30. Juli 2009