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SPECIAL zu Tanja Heitmann

"Eine Schachtel Durchhaltepralinen"

Tanja Heitmann über das Schreiben

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? War es ein lang gehegter Wunsch oder sind Sie eher zufällig dazu gekommen?
Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, sage ich nach wie vor: Literaturagentin. Obwohl ich die Hälfte meiner Zeit mittlerweile mit Schreiben verbringe, kommt es mir nämlich immer noch seltsam vor, selbst Autorin zu sein.
Für mich stand schon als Jugendliche fest, dass ich Menschen beim Schreiben unterstützen wollte. Keine Freundin mit selbstgeschriebenen Gedichten war vor meiner Unterstützung sicher, während des Literaturstudiums sah ich mich in einem Verlag und bin dann zu guter Letzt in einer Agentur angekommen. Hier habe ich gemeinsam mit unseren Autoren viel über das Schreiben gelernt, u.a. auch dass es mehr gibt als den Uni-Kanon. Das war sehr wichtig für mich, weil ich stets ein großer Fan von fantastischer Literatur gewesen bin und diese Vorliebe nun in den Vordergrund schieben konnte. Vermutlich kam mir auch der Zeitgeist entgegen, dem „Herrn der Ringe“ und „Harry Potter“ sei dank. Als sich dann mein Adam dazu eingeladen fühlte, mir die Geschichte von „Morgenrot“zuzuflüstern, hat er quasi offene Türen eingerannt. Dabei ist die Schreiblust, die er bei mir ausgelöst hat, bis heute nicht versiegt, sondern eher schlimmer geworden. Es ist einfach wunderbar, in andere Welten einzutauchen – ob nun beim Lesen oder beim Schreiben.

In welcher Atmosphäre können Sie am besten Schreiben?
Keine Musik, keine tolle Fensteraussicht und das verführerische Telefon wird ausgeschaltet. Am besten schreibe ich nämlich, wenn da nichts ist, das mich ablenkt – leider. Dabei würde ich einiges dafür geben, eine von diesen Autorinnen zu sein, die überall schreiben können. Dann würde ich im Büro schreiben und hätte Kollegen um mich herum, mit denen ich ab und an einen Plausch halten könnte. Stattdessen gibt es nur mich und mein Labtop, das ist eine einsame Angelegenheit. Glücklicherweise wohnt dem Schreiben an sich eine tiefe Befriedigung inne, wodurch die Schattenseiten des Autoren-Dasein ausgeglichen werden.

Wo würden Sie sich selbst als Autorin auf dem großen Gebiet der Fantasy verorten?
Die Romane, die ich unter meinem Name schreibe, gehören zur „Urban Fantasy“, die alles umfasst, was unsere Realität mit dem Fantastischen zusammenstoßen lässt. Die Bezeichnung „Mystery“ finde ich auch nicht schlecht, besonders für die Leser, die nach wie vor bei dem Wort Fantasy zurückschrecken (und das nach so vielen großartigen Büchern in den letzten Jahren - schade). Es gibt da auch jede Menge Subgruppierungen, die klar machen, ob ein Roman düster oder romantisch ist. Klar, kann man machen. Mir persönlich wird es dadurch für meine Geschichten zu schematisch. Die Romantik ist mir wichtig, aber am intensivsten werkle ich an meinem fantastischen Konzept. Ohne Spannung geht nichts, außerdem macht es mir Spaß, in einigen Abschnitten ausschließlich realistisch zu schreiben, indem ich z.B. ein normales Abendessen im Familiekreis beschreibe. Bei „Nachtglanz“ gibt es nun sogar eine historische Ebene.

Schreiben Autorinnen in diesem Genre anders als Autoren?
Wenn ich mir die „Arkadien“-Reihe von Kai Meyer oder „Heaven“ von Christoph Marzi ansehe, denke ich das eigentlich nicht. Es ist allerdings auffällig, dass sich sehr viel mehr Damen als Herren auf diesem Feld tummeln. Mit der Zeit – und vermutlich auch mit dem Erfolg dieses Genres – könnte sich das durchaus ändern.

Welche Autoren und Bücher inspirieren Sie?
O je, wo anfangen? Allein in den letzte Jahren hat es generell in der Fantasy so viele wunderbare Romane gegeben, dass unser Bücherregal zusammengebrochen ist (hatte etwas von einem mittleren Erdbeben, mir ist fast das Herz stehen geblieben). Alte Liebe rostet nicht, sagt man, darum hole ich immer wieder gern meine Stephen King-Romane heraus. Was er schreibt und wie er schreibt – dadurch habe ich viel über das Erzählen gelernt. Dann zweifelsohne John R. R. Tolkien mit seiner epischen Breite. Die Hingabe, mit der eine ganze Welt geschaffen hat, beeindruckt mich nach wie vor. Und sicherlich wirkt Michael Ende, den ich in meiner Kindheit verschlungen habe, immer noch nach. Außerdem bin ich absolut fasziniert vom fantastischen Jugendbuch dieser Tage – z.B. Maggie Stiefvater, um nur eine Vertreterin zu nennen.

Was glauben Sie, warum Vampirromane derzeit so erfolgreich sind?
Eigentlich könnte man auch fragen: wann sind sie nicht erfolgreich gewesen? Denn eigentlich hat es ja immer nur kurze Unterbrechungen gegeben. Da waren die Vampire immer, wenn auch in ganz unterschiedlichen Kostümen. Das reichte ja vom trashigen Vampir aus dem B-Movie bis zum Splatterwesen der Horrorliteratur. Die romantische Seite des Vampirs ist ja auch schon in dem Klassiker „Dracula“ angelegt, hat bei Anne Rice Auftrieb erhalten und ihren Höhepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung durch „Twilight“, die „House of Night“-Reihe und die „Vampire Diaries“ (die es übrigens von allen dreien am längsten gibt) erhalten. Sieht ganz danach aus, als würden sich die Vampire heutzutage mit Vorliebe im Jugendbuch tummeln, aber dann gibt es da ja auch noch genau die andere Seite: der Vampir als love interest im Liebesroman. Das kann sexy und mit ordentlich Aktion einhergehen wie bei J. R. Ward oder eher amüsant wie bei Lynsay Sands. – Wenn ich mir das so anschaue, gehören meine Vampirbücher weder in die eine, noch in die andere Ecke. Da habe ich ja noch einmal Glück gehabt, dass mein Adam trotzdem seinen Platz gefunden hat.

Was fasziniert Sie persönlich so an Vampiren?
Für mich bringt kaum eine andere Figur des Schattenkabinetts der Literatur eine solche Zerrissenheit mit wie der Vampir: immer noch Mensch, und doch ein Nachtwesen, das nach Blut giert. So glaubt mein Adam nach seiner Verwandlung zuerst, er sei geisteskrank, weil jemand anders bei ihm Einzug gehalten hat und ihm diesen dunklen Trieb aufzwingt. Genau das macht den Vampir so spannend, denn er kann vieles sein. Genau das zeichnet auch Adam aus: er kann eiskalt sein, seine Liebste in den Kofferraum sperren, weil sie ihm im Weg steht, oder seine Verliebtheit hinter einer undurchdringlichen Maske verstecken, obwohl er sich damit mehr als alle anderen verletzt. Er kann ohne schlechtes Gewissen, sogar mit Freude, morden, aber er kann sich nach einer Opferung auch umdrehen und tiefe Selbstverachtung empfinden. Es ist dieses faszinierende Spannungsverhältnis aus einem archaischen Blutrausch und dem Ich, das sich später fragt, wie das alles nur passieren konnte. Beim Werwolf ist die dunkle Seite eine Bestie, beim Vampir ist sie vielschichtiger und dadurch auch reizvoller.

Sie arbeiten auch als Literaturagentin. Welcher nächste große Trend wird die Vampire ablösen?
Wenn man Trends tatsächlich im Vorhinein benennen könnte, würde die Verlage nur noch Bestseller herausbringen. Leider ist nichts unberechenbarer und manchmal auch nichts überbewerteter. Oftmals kommt ein neuer Trend aus einer vollkommen unvermuteten Ecke, denn viele Autoren lassen sich je oft weniger von populären Themenvorgaben leiten, sondern mehr von ihrer Erzähllust ... und die beschreitet halt oftmals neue Wege. Wenn es nach mir geht, dann hält der „Steam Punk“ endlich Einzug, oder es geht in die Richtung, die die „Tribute von Panem“ vorgegeben haben. Lassen wir uns überraschen.

Sie sind Agentin, Autorin und Mutter. Wie organisieren Sie sich? Und wie sieht ein normaler Tag im Leben von Tanja Heitmann aus?
Eigentlich wie immer: Ich habe stets etwas Geschriebenes vor der Nase, außer am Nachmittag, da bin ich ganz Justus' Mama. Eigentlich kann das alles gern für immer so weiter gehen, nur eine Sache stört mich: Es fehlt die Zeit zum privaten Lesen. Dazu brauche ich einen freien Kopf und den habe ich gerade leider selten, weil da unentwegt neue Ideen herumschwirren.

Wie gehen Sie mit Kritik bzw. Verrissen um?
Während des Schreibens oder Überarbeitens ist konstruktive Kritik ist für Autoren generell wichtig. Zum einen damit sie ihr Handwerk stetig verbessern können (auf diesem Gebiet tobt sich meist das Lektorat aus): Sind die Dialoge zu lang? Adjektivflut oder zu viele Bandwurmsätze? Hier sind Tipps und Anregungen jederzeit willkommen. Auch inhaltlich ist es gut, sich hinterfragen zu lassen. Hat man es wirklich geschafft, eine Idee rüberzubringen? Ist die Kehrtwende bei einer Figur nachvollziehbar oder wirkt sie herbeigezaubert? Willige Testleser, denen man ein Loch in den Bauch fragen darf, sind hier ein echtes Geschenk!
Doch wie geht man mit Kritik um, nachdem der Roman in den Buchläden steht, das Baby also längst in trocknen Tüchern ist? Tja, dass muss letztendlich jeder Autor mit sich selbst ausmachen. Ich halte mich dabei an meinen eigenen Ratschlag: Presse liest man, Leserbriefe natürlich auch, ansonsten ist Zurückhaltung angesagt. Natürlich stellt das Internet eine große Versuchung da, doch was dort geschrieben wird, hilft Autoren nicht wirklich weiter. Das sind Meinungen und keine konstruktive Kritik, darüber hinaus auch noch anonym, sprich, man hat keine Chance nachzufragen. Eine Geschichte ist wie ein eigenes Kind: Man liebt sie und sieht deshalb manchmal ihre kleinen Macken und die ungewaschenen Hände nicht. Da ist es gut und wichtig, dass einen jemand anstupst und darauf hinweist. Das klappt jedoch nur, wenn man den Anstupser kennt und ihm vertraut.

Machen Sie gerne Lesungen?
Schreiben bedeutet: Stunde um Stunde auf die Tastatur einzuhämmern, wobei einem nur die Teetasse Gesellschaft leistet ... und zum Ende des Romans hin oftmals auch eine Schachtel mit Durchhaltepralinen. Es handelt sich also um eine einsame Angelegenheit. Da sind Lesungen eine willkommene Abwechselung. Es macht Spaß, vorzulesen und dabei zu beobachten, wie sich die Zuhörer in die Geschichte fallenlassen. Das mag ich sehr, diese spezielle Stimmung. Als säßen plötzlich alle in der Höhle ums Feuer herum und lauschen der Märchentante. Richtig toll wird es dann, wenn es anschließend zur Plauderei kommt, spannende Fragen gestellt oder Meinung geäußert werden. Das setzt sich häufig bis ins Signieren fort, und macht Autorinnen glücklich.

Die Fragen haben gestellt:
Julia Bauer & Julia Winkel