Wie ich meine Wurzeln fand und der Kaffee mein Leben veränderte

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Als Sara Nuru mit 19 Jahren als erste dunkelhäutige Kandidatin die Castingshow »Germany's Next Topmodel« gewinnt, steht sie plötzlich im Scheinwerferlicht, es folgen Jobangebote und Reisen um die Welt. Sara ist dankbar für die Chancen und den Erfolg, doch nach einigen Jahren beginnt die Tochter äthiopischer Einwanderer ihren Weg zu hinterfragen. Die Suche nach ihren Wurzeln führt sie immer wieder nach Äthiopien, wo sie als Botschafterin für »Menschen für Menschen« tätig ist. Durch die Gespräche mit den vielen starken Frauen dort findet auch Sara den Mut, ihren eigenen Weg zu gehen und sich von den Erwartungen anderer zu befreien. Schließlich gründet sie mit ihrer Schwester Sali ein Social Business, nuruCoffee, und einen Verein, nuruWomen. Mit Mikrokrediten ermöglichen sie äthiopischen Frauen ein selbstbestimmtes Leben, eröffnen im Land ihrer Familie neue Perspektiven und können so etwas von dem zurückgeben, das ihre Eltern ihnen in der neuen Heimat Deutschland ermöglicht haben.

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Die Seifenblase, in der wir leben

Seit ich denken kann, fühle ich mich meiner Schwester Sali
besonders verbunden. Wir haben schon als kleine Mädchen ein Zimmer geteilt. Jetzt leben wir wieder unter einem Dach, in einer Wohnung in Berlin. Wir sind gemeinsam durch die Welt gereist und haben einander nach nicht bestandenen Prüfungen getröstet. Sali war stolz auf mich, als ich Germany’s Next Topmodel
gewonnen habe, und hat mich verstanden, als ich das Modeln
satthatte. Wir waren füreinander da, wenn Beziehungen in die Brüche gingen. Haben miteinander gelacht, wenn der
Herzschmerz vergessen war. Wir sind in Tel Aviv die
Strandpromenade entlangspaziert, haben in New York die Nacht durchgefeiert und in Erding am Esstisch unserer Eltern verhandelt, wer das letzte Stück Kuchen essen darf. Sali reicht ein Blick, um zu erkennen, wenn es mir nicht gut geht, und wenn ich eine wichtige Entscheidung treffen muss, dann ist sie die Erste, die ich anrufe. Und seit Kurzem sind wir auch noch Geschäftspartnerinnen und importieren mit unserer Firma nuruCoffee gemeinsam Kaffee aus Äthiopien.
Und doch gibt es etwas, das ich mit Sali nicht teilen kann. Seit fast zehn Jahren komme ich als Botschafterin für Menschen für
Menschen (MfM) in das Heimatland unserer Eltern. Ich besuche Dörfer, besichtige Schulen in marodem Zustand und rede mit Landwirten. Mein Bewusstsein über die Lage in Äthiopien und die Sorgen der Menschen dort macht es mir möglich, in Deutschland glaubwürdig für die Arbeit von Menschen für
Menschen zu werben, Fundraising zu betreiben und die
Organisation nach außen zu vertreten. Seit ich das erste Mal mit der Stiftung in Äthiopien war und gesehen habe, wie die
Menschen dort leben, mit welchen Widrigkeiten sie aufwachsen und wie es ihnen doch gelingt, mit Stolz und Hoffnung durchs
Leben zu gehen, fühle ich mich meinen Eltern in einer Tiefe
verbunden, die ich nie mit Sali und mei-nen Geschwistern teilen konnte.
Wie erklärt man jemandem, der noch nie in das Landesinnere
gefahren ist und gesehen hat, wie die Menschen in Äthiopien
abseits der großen Metropole Addis Abeba leben, dieses Land?
Afrika, mit all seinen Widersprüchen, ein Kontinent, der von Armut gezeichnet ist, aber auch von stolzen Kulturen und einem
Reichtum an Leben, den viele nicht sehen können, nie zu sehen bekommen, weil man im mer wieder zurückkommen muss, um zu begreifen, dass kleine Veränderungen so unendlich groß sein
können. Die Schönheit Äthiopiens erschließt sich nicht sofort, zu weit weg ist das Leben hier von dem, das wir kennen. Viele sehen nur das Elend und Leid, sind erschüttert von der Armut und
Entbehrung und bekommen keinen Zugang zu dem, was das
Leben in Äthiopien eben auch prägt: die Wärme der Menschen, der Duft des Kaffees, der ständig in der Luft liegt, die
Gastfreundschaft, mit der man in die Häuser eingeladen wird. Die Dankbarkeit für die kleinen Dinge: eine funktionierende Dusche, eine warme Mahlzeit, ein neuer Brunnen im Dorf.
Es ist 2017, vor acht Jahren habe ich die Sendung Germany’s Next Topmodel für mich entschieden. Seit einigen Monaten arbeiten Sali und ich gemeinsam an der Verwirklichung eines
Lebenstraums: Wir wollen mit den Erlösen unserer Firma
nuruCoffee Mikrokredite für Frauen in diesem Land finanzieren. Aber wie das genau funktionieren könnte, ist uns noch nicht klar. Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Reise, und wenn wir
ehrlich sind, begeben wir uns mit dem, was wir da gerade tun, oft auf Glatteis und verlassen fast täglich unsere Komfortzone, aber wir wissen genau, dass es das Richtige ist und dass wir es tun
müssen. In uns reift der Beschluss, gemeinsam in das
Landesinnere zu reisen, dahin, wo die Kredite besonders dringend benötigt werden. Also trete ich an Menschen für Menschen heran und frage, ob es möglich wäre, mit Frauen ins Gespräch zu
kommen, die schon Mikrokredite bekommen haben. Ich bin
überglücklich, als aus der Münchner Zentrale eine positive
Antwort kommt.
In den Wochen vor unserer Abreise planen meine Kollegen von der Stiftung und ich akribisch unsere Route. Zu meiner
Überraschung lässt mich Sali einfach machen. Sie ist die Ältere, und es ist ein ziemlicher Rollentausch, dass ich dieses Mal sie an die Hand nehme. Sonst war Sali meist diejenige, die sich um alles gekümmert hat. Für unsere Reise nach Äthiopien packt Sali ihre
eigene Bettwäsche in den Koffer, dazu einen regelrechten
Medikamentenschrank inklusive Desinfektionsspray. Sie hat sich schon Monate vorher impfen lassen, gegen so ziemlich alles. Ich nehme für diese Reise noch nicht einmal die Malarone-Tabletten gegen Malaria, denn mittlerweile finde ich deren Nebenwirkungen schlimmer als die geringe Chance, mich anzustecken. Am Abend vor der Abreise schmeiße ich meistens nur ein paar Sachen in den Koffer: Flip-Flops, bequeme Hosen, einen Kapuzenpullover, meine Kamera, mein Tagebuch. Irgendwann steht Sali im Türrahmen
unseres Wohnzimmers und fragt mich mit todernstem Blick:
»Haben wir eigentlich genug Mückenspray?« Ich bin fertig mit
Packen, liege auf der Couch und surfe auf meinem Laptop im
Internet. Als ich sie so sehe, mit diesem fragenden
Gesichtsausdruck, bricht es aus mir heraus. Ich kann nicht anders, als lauthals zu lachen. Die Frage ist typisch Sali. Als sie mich lachen sieht, verdreht sie die Augen, schüttelt theatralisch den Kopf und muss selbst über die Situation lachen.
In der Nacht vor dem Abflug machen wir kein Auge zu.
Irgendwann klopfe ich an Salis Tür und lege mich zu ihr ins Bett. Wir re den darüber, wie verrückt es ist, dass wir endlich unseren Traum verwirklichen. »Seit Jahren sitzen wir im Wohnzimmer und reden da von, wie toll es wäre, Frauen in
Äthiopien zu unterstützen, irgendetwas Eigenes zu starten«, sage ich. »Ich weiß, und jetzt ist es endlich so weit«, antwortet Sali. Wir erinnern uns an unsere erste und einzige gemeinsame Reise nach Äthiopien, als Teenager, mit unseren Eltern. Ich war 14, Sali war 18, und für mich war es der erste Besuch in der Heimat meiner
Eltern. Sali, die als Säugling das Land verlassen hatte, konnte sich nicht erinnern. Damals war es für uns einfach nur Urlaub,
vielleicht ein bisschen der Versuch, den eigenen Wurzeln
nachzuspüren. Jetzt knüpfen wir an diese lange vergessene
Tradition an, aber dieses Mal geht es um so viel mehr.
Es ist ein schönes Gefühl, mich am nächsten Morgen nicht wie sonst an der Wohnungstür von Sali zu verabschieden, sondern mit ihr ins Taxi zu steigen. Auf der Fahrt denke ich an meine erste
richtige Äthiopienreise zurück. Ich war 19, als ich das erste Mal mit Menschen für Menschen ins Landesinnere reiste und sah, wie die Mehrzahl der Menschen im Heimatland meiner Eltern lebt. Diese Reise sollte mein Leben verändern. Ich sah, mit wie wenig die
Leute dort auskommen müssen und wie aufrecht sie trotzdem durch ihr Leben gehen. Mit welcher Wärme sie Gästen begegnen. Seitdem haben die jährlichen beruflichen Reisen in die Heimat meiner Eltern Priorität für mich. Sie sind Fixpunkte, auf die ich mich freue. Denn nichts erdet mich so sehr, bringt mich wieder in Einklang mit dem wahren Leben, mit den Dingen, die zählen, nichts verschafft mir so schnell ein Bewusstsein für das
Wesentliche. Ich freue mich, dass Sali all das nun ebenfalls
durchleben wird. Manchmal wünschte ich, ich könnte
selber noch einmal an diesen Punkt zurück. Ich bin gespannt, was diese Erfahrung wohl mit ihr macht.
Im Flugzeug sinken wir in unsere Sitze, machen ein Selfie und
schicken es an unsere Eltern und unserer älteren Schwester Susann. Wir sind voller Vorfreude. Als wir das letzte Mal
gemeinsam in Äthiopien waren, waren wir noch Teenager. Und
irgendwie fühlt es sich auch für mich jetzt so aufregend an wie
damals, obwohl ich seitdem so oft alleine nach Äthiopien geflogen bin. Weil wir auf einmal in eigener Sache unterwegs sind: als
Unternehmerinnen, die mit ihrer neu gegründeten Firma Gutes tun wollen. Wir freuen uns auf alles, was wir auf dieser Reise
erleben, auf die Geschichten, die uns die Frauen erzählen werden, die mit so viel weniger zufrieden sein müssen als Frauen wie wir, die das Glück haben, im Westen, in einer Industrienation geboren zu sein.

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Das Buchentdecker-Gewinnspiel!

Für alle Buchentdecker und Neuanmelder des Buchentdecker-Service:
Jetzt reinlesen und mit etwas Glück ein Meet & Greet mit Sara Nuru am 23.11.2019 in München (Achtung: Die Anreise ist nicht inkludiert, der Veranstaltungsort wird dem Gewinner bekanntgegeben) gewinnen.

Einsendeschluss ist der 15.11.2019

Und so geht’s:

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Viel Vergnügen mit unserem Buchentdecker-Service wünscht
Ihr Team von randomhouse.de

Sara Nuru
© Robert Rieger

Sara Nuru

Sara Nuru wurde am 1989 in Bayern geboren und gewann 2009 bei Germany’s Next Topmodel den 1. Platz. Heute ist Sara ein erfolgreiches Model, als Vortragsrednerin deutschlandweit unterwegs und seit Jahren Botschafterin für Menschen für Menschen. 2017 gründete sie mit ihrer Schwester Sali das Food-Start-up nuruCoffee sowie ihren eigenen Verein nuruWomen, mit dem sie in Äthiopien – der Heimat ihrer Eltern und dem Ursprungsland des Kaffees – Frauen bei der Existenzgründung unterstützt.
Co-Autorin Sarah Borufka wurde 1983 in Fürth geboren. Studium der Filmwissenschaften in New Orleans, danach Arbeit in New York und Prag. Seit 2012 lebt sie in Berlin, wo sie als freie Journalistin und Autorin arbeitet.

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