Elisabeth Herrmann

Schatten der Toten

Judith Kepler kennt den Tod wie wenige andere – denn sie ist Tatortreinigerin. Gerade beginnt sie, über ihr weiteres Leben nachzudenken: Ihr Chef will, dass sie die Firma übernimmt, und ihre Beziehung zu einem Waisenmädchen entwickelt sich auf unerwartete Weise. Doch dann stirbt Eva Kellermann, eine frühere Stasi-Spionin. Ihr letztes Geheimnis setzt eine tödliche Jagd in Gang, auf einen der größten Verbrecher dieser Zeit: Bastide Larcan. Er ist Judiths Vater – der so viel Leid verursachte und sich nie dafür verantworten musste. Seine Spur führt nach Odessa, und Judith muss sich entscheiden: für ihr Leben oder für eine Reise in die Vergangenheit, in der die Schatten der Toten sie erwarten …

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Der Anruf kam spät. So spät, dass Bastide Larcan zusammenzuckte, als dass Handy vibrierte. Die Schüssel mit den Flusskrebsen war fast leer. Er wischte sich hastig die Finger an der Papierserviette ab und sah sich unauffällig um. Der schmucklose, gekachelte Raum war gut besetzt an diesem Abend, sogar
die Telefonzelle wurde benutzt. Nebenan spielten angetrunkene Seeleute Tischfußball, die Luft war geschwängert von Rauch und Sehnsucht. Der Seamen’s Club im Herzen des Handelshafens war das Wohnzimmer der Matrosen, die Insel der Schiffbrüchigen, der Ankerplatz der Heimatlosen. Die frontsy, die hier strandeten, fremde Segler, sie hatten nicht genug Zeit, um über die Potemkinsche Treppe hinauf in die
Stadt zu steigen oder gleich hinter dem Tor zu den lockenden Lichtern und den Kellerbars mit den mehr oder weniger schönen Frauen. Oder nicht genug Geld. Oder keine Papiere.Oder es fehlte einfach an allem zusammen. Die meisten saßen über ihre Smartphones gebeugt, das Wodkaglas in der einen und die elf Zoll Familie in der anderen Hand.
»Ja?«
Brüllende Dieselmotoren. Knatternder Wind. Heisere Rufe. Todesangst.
»Scheiße! Scheiße!«
Poltern. Knarren. Ein Brecher musste das Schiff erwischt haben. Einige Sekunden lang hörte Larcan nichts anderes als die beängstigenden Geräusche von Gefahr. Lebensgefahr.
»Was ist los?«, fragte er leise. Im Aufstehen warf er ein paar Gryfni-Scheine auf den Tisch und griff zu seinem Glas. Der junge Mann hinter dem Tresen nickte ihm zu. Sie kannten sich. Obwohl sie bisher keine drei Worte miteinander gewechselt hatten. Worte galten hier nichts.
»Habt ihr sie?«
»Ja! Ja! Aber sie sind hinter uns her! Scheiße! Verhurte Jungfrau Maria! Ich bring dich um!«
»Moment.«
Larcan verließ den Club. Niemand achtete auf ihn. Nur der Luftzug beim Öffnen der Tür ließ einige Köpfe nach oben rucken. Er war anders. Keiner von ihnen. Vielleicht dachten sie an einen Captain oder Owner oder, was am nächsten lag, einen bisinesmen. Keiner von ihnen und trotzdem Teil dieser Zufallsgemeinschaft, die sich jeden Abend neu zusammenfand. Ihr Interesse verschwand zeitgleich mit dem Schließen der Tür.
Der Sturm hatte vor einer guten halben Stunde das Festland erreicht. Er pfiff über die Container und jaulte um die hohläugigen Fassaden der alten Speicher und trieb diesen Schneeregen vor sich her, der sofort wie mit tausend Nadeln durch jeden noch so schmalen Spalt der Kleidung stach.
Die Lampen schaukelten an ihren hohen Masten und ließen Larcans Schatten wie betrunken schwanken.
»Ganz ruhig. Es läuft wie geplant.«
»Du verfickter Hurensohn! Nichts läuft! Die haben die Security erhöht! Vlad hat’s erwischt. Das hast du gewusst, du …«
Es folgte eine Kanonade von Schimpfwörtern und Flüchen, die selbst Larcan nicht geläufig waren. Russisch und Ukrainisch unterschieden sich eben doch. Er suchte Schutz vor den peitschenden Regenschauern um die Ecke im alten Haupteingang des Clubs, der schon lange nicht mehr genutzt wurde.
»Es bleibt wie geplant. Wir treffen uns um Mitternacht in Fontanka.«
Fontanka war ein kleiner Ort an der Schwarzmeerküste, keine dreißig Kilometer nordöstlich die Küstenstraße entlang. Dort hatte Larcan von Ljubko, einem mürrischen Kleinbauern, eine Wellblechhütte gemietet, zum Fischen, wie er behauptet hatte, und noch etwas draufgelegt, als der Mann die elegante Kleidung seines seltsamen Mieters beäugt und schließlich begehrlich auf dessen Armbanduhr geschielt hatte. Seitdem schaute Larcan mindestens zwei Dutzend Mal am Tag instinktiv auf den hellen Streifen an seinem Handgelenk. Aber er brauchte keine Uhr, er brauchte ein Versteck. Letzte Woche hatte er noch eine beachtliche Auswahl an Angelzubehör dort deponiert, das er billig auf dem Markt der tausend
Wunder erstanden hatte. Das Interessante an der Hütte war nicht nur die Lage – weit genug von der Küste entfernt, um nicht in den Verdacht einer Urlaubsdatsche zu geraten (dies hätte wiederum Einbrecher neugierig gemacht) –, es war der Keller. Larcan vermutete, dass er weniger zur Vorratshaltung denn zur Unterbringung von Partisanen gedacht gewesen war. Es gab sogar einen Wasseranschluss. Die Matratze und das Bett hatte er bei Nacht angekarrt. Davon musste niemand
etwas mitbekommen. Alles war bereit. Tag und Stunde waren gekommen. Der Anruf hätte das Startsignal zu Larcans Aufbruch in eine bessere Zukunft sein sollen. Doch der Mann am anderen Ende der Verbindung schien nicht mehr viel von diesem Plan zu halten.
»Hörst du mir nicht zu, du Vollidiot?« Das Knattern des Windes und sein Atem klangen wie Maschinengewehrfeuer.
»Die haben uns auf dem Radar! Vlad blutet wie ein Schwein. Wir müssen an Land! Sofort!«
»Was ist mit …?«
»Arschloch! Nichts ist, kapiert? Du kriegst sie nicht, wenn du mir nicht sofort sagst, wo wir anlegen können. Ich werf sie ins Meer, kapiert? Und dich dazu, wenn ich dich erwische, du Hurensohn! In Einzelteilen! Das hast du gewusst!«
»Maksym, bleib ruhig. Wo genau bist du?«
»Auf dem Wasser, du Arsch! Auf diesem gottverdammten Kahn! Und die haben Zodiacs! Ich piss auf deine Mutter, wenn du mir nicht sofort sagst, wo wir an Land gehen! Ich kill sie! Ich kill euch alle!«
Sie mussten den Plan ändern, aber im Gegensatz zu Maksym hatte Larcan vierzig Jahre Improvisation hinter sich. In Bruchteilen von Sekunden kombinierten seine Synapsen jede verbliebene Möglichkeit und rasteten bei der naheliegendsten ein.
»Der Leuchtturm. In zehn Minuten. Macht die Lichter aus.«
»Und was sag ich der Kontrolle?«
»Du hast ein Fischerboot. Da draußen ist Sturm. Das reicht.«
»Wenn du uns nicht reinholst, ich fick dich und deine …«
Larcan versuchte, durch die Regenschleier den Weg hinunter zum alten Hafen zu erkennen, doch die Sicht war miserabel. Er beendete die Verbindung, schlug den Mantelkragen hoch und machte sich auf den Weg.
Zu seiner Rechten erhob sich hinter Kränen, Containern und Verwaltungsgebäuden die natürliche Zollmauer: eine Steilwand, unterbrochen nur von der Zufahrtsstraße und der Potemkinschen Treppe, die durch Eisensteins Film in die Geschichte eingegangen war. Darunter, tief in der Erde, die Katakomben.
Ein unterirdisches Netz von Schmugglerwegen und Partisanenverstecken, über zweitausend Kilometer lang und Schauplatz verstörender Legenden. Jede Generation erfand sie neu, gemeinsam hatten sie alle die Schreckensvision eines Labyrinths ohne Ausgang, in dem man als Ortsfremder verloren war. Und dass es Wege vom Hafen in die Stadt gab, von denen nur noch wenige wussten …

Elisabeth Herrmann
© Dominik Butzmann

Elisabeth Herrmann

Elisabeth Herrmann wurde 1959 in Marburg/Lahn geboren. Sie machte Abitur auf dem Frankfurter Abendgymnasium und arbeitete nach ihrem Studium als Fernsehjournalistin beim RBB, bevor sie mit ihrem Roman "Das Kindermädchen" ihren Durchbruch erlebte. Fast alle ihre Bücher wurden oder werden derzeit verfilmt: Die Reihe um den Berliner Anwalt Vernau sehr erfolgreich mit Jan Josef Liefers vom ZDF. Elisabeth Herrmann erhielt den Radio-Bremen-Krimipreis und den Deutschen Krimipreis. Sie lebt mit ihrer Tochter in Berlin.

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5 Fragen an Elisabeth Herrmann

Liebe Frau Herrmann, am 11. März erscheint bei Goldmann Ihr neuer Thriller „Schatten der Toten“ mit Tatortreinigerin Judith Kepler als Hauptfigur, die Ihre Leser bereits aus „Stimme der Toten“ kennen. Judith Kepler hat schon Einiges durchgemacht in ihrem Leben. Womit konfrontieren Sie sie in „Schatten der Toten“?

Sie sucht den Mann, der ihr ganzes Leben aus den Fugen gerissen hat – ihren Vater. Dass der kein "normaler" Mann ist, sondern ein international gesuchter Schwerverbrecher, macht die Sache nicht leichter. Eigentlich will sie endlich ihren Seelenfrieden und eine Antwort auf die Frage: Warum? Sie folgt ihm bis nach Odessa, wo sich für sie die Weichen ihres Lebens ganz neu stellen werden ...

Seit fast zehn Jahren ist die Figur Judith Kepler Teil Ihrer schriftstellerischen Arbeit: Wie ist Ihr Verhältnis zu Judith? Hat sie Sie auch schon mal „überrascht“?

Oh ja! Immer wieder! Sie ist eine so taffe, starke Frau, und ist gleichzeitig durch die furchtbaren Erlebnisse ihrer Kindheit sehr verletzlich geworden. Dass sie so mutig und furchtlos ihre Vergangenheit aufklären will, bringt sie in außergewöhnliche, lebensgefährliche Situationen. Wie sie dann handelt, ist für mich jedes Mal wieder eine Überraschung.

Die deutsch-deutsche Vergangenheit ist seit Ihrem Roman „Das Kindermädchen“ eines Ihrer zentralen Themen. Wie recherchieren Sie? Wie verknüpfen Sie eine fiktive Story mit dem realen Hintergrund?

Das Thema muss mir unter die Haut gehen. Bei Judith ist es die Frage, gleichzeitig aus einer Familie der Stasi-Täter und -Opfer zu kommen. Ein immenser Spannungsbogen, eine Gratwanderung. Vieles berührt mich auch aus eigenem Erleben: Bei "Schatten der Toten" geht das zurück bis zu dem Moment vor zwanzig Jahren, in dem ich meine eigene Stasi-Akte gelesen habe und herausfand, wer mich damals als West-Berliner Journalistin bespitzelt hat.

Sie steigen in jedem Ihrer Romane auch in internationale Settings und sehr spezielle Themen, z.B. Spionage oder Waffenhandel, ein – wer sind Ihre „Informanten“?

Menschen, die direkt damit zu tun haben :)))

Last und Lust des Lebens als Thrillerautorin …?

Die quälende Frage: Ist es spannend genug? Packt die Leser meine Geschichte? Ich werde oft gefragt, ob ich von meinen Thrillern träume – nein, das tue ich glücklicherweise nicht. Es ist ja Fiktion, ich denke mir alles aus. Und mein sehnlichster Wunsch dabei ist, dass die Leser meine Figuren und Geschichten genauso lieben wie ich.

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