Serienauftakt mit menschlicher Lügendetektorin

Weltweit begeistert Michael Robotham Leser mit seinen Thrillern um den Psychotherapeuten Joe O’Loughlin.
Für das ZDF wurden seine Bücher verfilmt. Jetzt folgt eine neue Thriller-Serie: Der australische Autor führt zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten mit tragischen Lebensgeschichten ein.


Cyrus Haven und Evie Cormac stehen im Mittelpunkt Ihres neuen Thrillers. Wer sind die beiden?

Cyrus Haven ist ein brillanter forensischer Psychologe. Evie Cormac ist ein Teenager, die in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche aufwächst. Cyrus soll als Berater fungieren, als es darum geht, ob Evie entlassen werden kann. Als er sie kennenlernt, entdeckt er ein Mädchen, das anders ist als alle, die er bisher getroffen hat: faszinierend und gefährlich zugleich – sie weiß, wenn jemand lügt, und Lügen spielen in Schweige still eine wichtige Rolle.

Gibt es Vorbilder für Evie?

Die Idee eines menschlichen Lügendetektors, eines Truth-Wizards hat mich seit vielen Jahren fasziniert: Seit ich ein Buch von Paul Ekman gelesen habe, einem US-amerikanischen Psychologen. Er ist weltweit führend darin, Lügen zu erkennen, indem er Mikro-Expressionen liest: Gesichtsausdrücke, die nur den Bruchteil einer Sekunde andauern. Normalerweise haben die besten Truth-Wizards jahrelang in Gerichten oder Gefängnissen gearbeitet. Manchmal kommt aber auch jemand aus dem Nichts und kann sagen, wenn jemand lügt. Jemand wie Evie Cormac.

Welchen Hintergrund hat sie?

Das weiß niemand. Sechs Jahre zuvor wurde sie entdeckt, damals war sie noch ein Kind: Am Tatort eines furchtbaren Verbrechens hatte sie sich in einem geheimen Zimmer versteckt, war halb verhungert, schmutzig und weigerte sich, ihren Namen, ihr Alter, ihre Herkunft preiszugeben. Sie tauchte in keiner Vermisstendatei auf, und auch DNA-Untersuchungen konnten ihre Identität nicht klären. Sie erhielt einen neuen Namen und kam in die psychiatrische Anstalt, nachdem alle Versuche gescheitert waren, sie in einer Pflegefamilie unterzubringen. Jetzt ist sie vermutlich 17 und will vor Gericht erreichen, dass sie in die Selbstständigkeit entlassen wird.

Sie scheint Sie besonders zu faszinieren.

Das ist tatsächlich so, und sie ist die beste Romanfigur, über die ich jemals geschrieben habe. In den Worten von Cyrus Haven: Evie ist selbstzerstörerisch, hasst sich, ist anti-sozial und resistent gegen Kritik, und sie ist die selbstbewussteste, unerschrockenste, zuversichtlichste Person, die er jemals getroffen hat. Evie ist beschädigt durch ihre Vergangenheit, aber auch unglaublich stark und widerstandsfähig.

Sie ist ein neuer Charakter. Cyrus Haven ist dagegen schon einmal in einem Ihrer Bücher aufgetreten: in dem Einzelband Die Rivalin. Warum haben Sie ihn als einen der beiden neuen Protagonisten ausgewählt?

Er ist der einzige Überlebende eines Familienmassakers, bei dem seine Eltern und seine Schwestern ums Leben kamen. Ich dachte darüber nach, welche Auswirkung eine solche Tragödie auf ihn als Erwachsenen haben würde – ich habe mich gefragt, ob ihn das stärker oder verwundbarer gemacht hat. Ob er dadurch einen tieferen Einblick in kriminelles Verhalten hat. Ob er immer noch nach Antworten zu einem Verbrechen sucht, das er nicht verhindern konnte.

Schweige still spielt in Großbritannien und erzählt von Cyrus und Evie, von ihren Lebensgeschichten. Zudem sind sie in einen aktuellen Fall involviert: Eine junge Eiskunstläuferin wurde ermordet. Es ist ein sehr komplexer Thriller – was ist für Sie zentral?

Schweige still ist insbesondere die Geschichte von zwei Mädchen. Die eine, Evie, ist eine zwanghafte Lügnerin, die weiß, wenn andere lügen. Die andere ist ein Eiskunstlauf-Star, der von olympischem Gold träumt. Auf einem abgelegenen Weg in Nottingham wird sie vergewaltigt und ermordet – und dann geht der Medienrummel los. Ich habe viele Jahre als Journalist gearbeitet und mich dafür interessiert, wie Medien mit bestimmten Verbrechen umgehen, insbesondere die Art, wie sie über Verbrechen berichten, in die Kinder, Teenager oder Frauen aus der Mittelschicht involviert sind.

Was ist in diesen Fällen besonders?

Vermisste weiße Frauen zum Beispiel erregen sehr viel mehr öffentliches Interesse als der gewaltsame Tod von schwarzen Prostituierten oder von Landstreichern. Ich untersuche diese Medienphänomene in Schweige still näher, indem ich über ein Teenager-Opfer schreibe, das zu einer Art Rotkäppchen-Figur stilisiert wird: auf einem abgelegenen Weg vom bösen Wolf geschnappt. Tatsächlich aber hatte der junge Eiskunstlauf-Star Geheimnisse, tatsächlich war ihre Geschichte eine andere als die, die sich alle nach ihrem Tod zusammenreimen. Darum geht es mir vor allem in dem neuen Buch: um Lügen und Geheimnisse.

Vor Evie und Cyrus haben Sie in elf Thrillern den Psychotherapeuten Joe O‘Loughlin gemeinsam mit Vincent Ruiz ermitteln lassen. Diese Reihe ist weltweit sehr erfolgreich. Warum haben Sie jetzt mit einer neuen begonnen?

Als ich über Joe O’Loughlin vor 15 Jahren zum ersten Mal schrieb, plante ich keine Serie. Ich rechnete auch nicht damit, dass Joe so viele Leser faszinieren würde. Damals war ich mir dessen nicht bewusst, ich installierte aber ein Haltbarkeitsdatum für ihn, als ich ihn mit einer beginnenden Parkinson-Erkrankung belastete. Ich wollte die tragische Ironie untersuchen, dass jemand mit einem brillanten Geist in einem zitternden Körper gefangen ist. Seitdem habe ich Joe in realer Zeit altern lassen, seine Krankheit ist fortgeschritten. Nach 15 Jahren ist eine Grenze für das erreicht, was er physisch kann. Deshalb habe ich eine neue Serie entwickelt.

Kann man dennoch darauf hoffen, dass es mit Joe O’Loughlin und Vincent Ruiz weitergehen wird?

Ich weiß es noch nicht. Erst einmal erhalten sie eine wohlverdiente Pause. Vielleicht kommen sie irgendwann zurück, vielleicht treten sie auch in der neuen Serie auf.

Cyrus Haven und Joe O’Loughlin arbeiten beide im Bereich der Psychologie –

Aber sie sind sehr unterschiedlich. Joe stammt aus privilegierten Verhältnissen, besuchte Privatschulen, folgte einer langen Familientradition, als er einen medizinischen Beruf ergriff. Er hat ein perfektes Leben, das im ersten Band der Serie, in Adrenalin, dramatisch in Frage gestellt wird. Cyrus hat einen anderen Hintergrund: Nachdem seine Eltern und seine Schwestern ermordet wurden, wuchs er bei den Großeltern auf und wurde forensischer Psychologe, um zu verstehen, was mit seiner Familie passiert ist. Und um mit der Schuld fertigzuwerden, dass er überlebt hat, während die anderen starben.

Was interessiert Sie an Ermittlern mit psychologischem Hintergrund?

Es fasziniert mich, wie Menschen sich verhalten. Wenn es um Verbrechen geht, wird manches besonders deutlich, und dem kann man mit Hilfe von Psychologen sehr gut nachgehen. Mit jedem Verbrechen ergeben sich wichtige Fragen, die gestellt werden müssen: Wann, wie, wo, wer? Die wichtigste Frage aber ist: Warum? Und: Was geht durch den Kopf eines Menschen, der tötet? Was geht durch den Kopf des Opfers in seinen letzten Momenten? Welche Bedeutung hat das Verbrechen für die Familie, für die Menschen im Umfeld?

Schweige still ist der Auftakt einer neuen Serie, der Psychologe Cyrus Haven wird Sie in den nächsten Bänden begleiten. Wie wird es mit ihm und Evie Cormac weitergehen?

Im nächsten Band werde ich mehr über Evies Vergangenheit enthüllen: darüber, wie sie in den geheimen Raum in dem Haus kam, in dem ein Mann zu Tode gefoltert wurde, warum sie dort war, was sie mit ihm verband.

© Goldmann Verlag
Interview: Sabine Schmidt

Der erste Fall für den Psychologen Cyrus Haven – Auftakt einer grandiosen neuen Serie.

Seine Kindheit birgt ein schweres Trauma, sein Leben hat er dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet: Der Psychologe Cyrus Haven berät die Polizei bei der Aufklärung von Gewaltverbrechen. Während er einen brutalen Mordfall untersucht, lernt Cyrus Evie Cormac kennen. Evie, die als Kind aus den Fängen eines Entführers gerettet wurde, ist zu einer hochintelligenten, aber unberechenbaren jungen Frau herangewachsen. Und verfügt über ein untrügliches Gespür dafür, wenn jemand lügt. Als Cyrus‘ Ermittlungen sich zuspitzen, bringt sie damit nicht nur sich selbst in tödliche Gefahr …

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»Welche ist es?«, frage ich und beuge mich näher zum Observationsfenster.
»Die Blonde mit dem weiten Pullover, die ein wenig abseits
sitzt.«
»Und du erzählst mir nicht, warum ich hier bin?«
»Ich möchte deine Entscheidung nicht beeinflussen.«
»Was entscheide ich denn?«
»Beobachte sie einfach.«
Ich betrachte erneut die gemischte Gruppe von Teenagern.
Die meisten tragen Jeans und Oberteile mit langen Ärmeln, um sämtliche selbst zugefügten Verletzungen zu verbergen. Einige ritzen oder kratzen sich, andere fügen sich Verbrennungen zu, sind bulimisch, magersüchtig, zwangsgestört oder hyperaktiv, zählen zu den Pyromanen, Soziopathen oder Narzissten. Einige missbrauchen Drogen oder Nahrungsmittel. Andere schlucken Fremdkörper, rennen vorsätzlich gegen Wände oder gehen absurde Risiken ein.
Evie Cormac hat die Knie an den Körper gezogen, beinahe so als würde sie dein Boden nicht trauen. Sie ist hübsch mit einem Schmolhnund; sie könnte achtzehn oder vierzehn sein. Noch nicht ganz Frau, aber auch kein Mädchen, das sich von seiner Kindheit verabschiedet, stattdessen hat sie etwas Altersloses und Unveränderliches, als hätte sie das Schlimmste schon gesehen und überlebt. Ihre braunen Augen werden von künstlich dichten Wimpern und einem fransigen blondierten Bob gerahmt. Sie hält die langen Ärmel ihres Pullovers in den geballten Fäusten, reckt den Hals und entblößt ein Muster aus roten Flecken unterhalb ihres Kiefers, Knutschflecken vielleicht oder Fingerabdrücke.
Adam Guthrie steht neben mir und betrachtet Evie wie den jüngsten Neuzugang im Twycross Zoo.
»Warum ist sie hier?«, frage ich.
»Aktuell wegen schwerer Körperverletzung. Sie hat jemandem mit einem halben Ziegelstein den Kiefer gebrochen.«
»Aktuell?«
»Es war nicht ihre erste Straftat.«
»Wie viele?«
»Noch nicht der Rede wert.«
Er versucht, witzig zu sein, oder stellt sich absichtlich dumm. Wir sind in Langford Hall, einer geschlossenen Einrichtung für Minderjährige, wo Guthrie als Sozialpädagoge arbeitet. Er trägt weite Jeans, Armeestiefel und einen Rugby­Pullover und gibt sich alle Mühe, auszusehen wie »einer von ihnen«; jemand, der die Kriminalität und die Konflikte der Jugend versteht, und nicht wie ein kleiner unterbezahlter öffentlicher Angestellter mit Frau, zwei Kindern und einer Hypothek. Wir haben zusammen studiert und im selben College gewohnt. Ich würde ihn nicht als Freund bezeichnen, eher als flüchtigen Bekannten, obwohl ich vor ein paar Jahren bei seiner Hochzeit war und mit einer der Brautjungfern geschlafen habe. Ich wusste nicht, dass es Guthries jüngste Schwester war. Hätte es einen Unterschied gemacht? Ich weiß es nicht. Er hat es mir nicht übel genommen.
»Bist du bereit?«
Ich nicke.
Wir betreten den Raum, nehmen zwei Stühle und setzen uns in den Kreis von Teenagern, die uns mit einer Mischung aus Argwohn und Langeweile ansehen.

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