VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü

SPECIAL zu Sergej Minajew »Seelenkalt«

Sergej Minajew über seinen russischen Skandalbestseller

"Vielleicht lasse ich ein Piktogramm anfertigen mit meinem
Foto, so dass die Kritiker wissen, wohin sie spucken müssen ..."


© Sergej Minajew privat

Der Originaltitel Ihres Romans, Dukhless, ist ein russisch-englisches Sprachspiel – eine Kombination aus dem russischen Wort „dukh“, das so viel bedeutet wie Geist, und der englischen Endung „less“ – also ohne Geist, geistlos. Erklären Sie bitte, worauf Sie anspielen?
Sergej Minajew: Dukh – das bedeutet Geist, Seele. Ich habe einen Roman über Leute geschrieben, die keinen Geist und keine Seele haben, kein Gefühl dafür, ihrem Leben eine Richtung zu geben. Sie leben ohne Zielsetzung, sinnlos. Es ist die Art von Leuten, deren wesentlicher Charakterzug es ist, dass ihnen alles egal ist. Es ist ein Roman über die Leute aus dem Suede-Song Trash:
"Vielleicht, vielleicht sind es die Kleider, die wir tragen, die geschmacklosen Armbänder und die Tönung in unserem Haar, vielleicht ist es unsere Verrücktheit, oder vielleicht, vielleicht sind es unsere Nirgendwo-Städte, unsere Nirgendwo-Orte und unsere Zellophan-Geräusche, vielleicht ist es unser Unverbundensein.

Gewidmet haben Sie Ihr Buch den „verlorenen Mittdreißigern“, die – so schreiben Sie, „so knallig ins Leben gestartet sind und es so grandios verspielt haben". Erklären Sie bitte dieses Zitat.
Sergej Minajew: Die Generation von 1970 bis 1976 – Leute meines Alters, fanden sich zwischen zwei Zeitaltern. Ein demokratischer Staat ersetzte das sowjetische Imperium. Wir waren halb sowjetisch, halb russisch. Wir haben russischen Wodka zu den Klängen von Morrissey und Depeche Mode getrunken. Wir haben endlos über Politik, unsere Zukunft und die Geburt des neuen Systems diskutiert. Die meisten von uns haben sich verloren in diesen Diskussionen, den Kokain-Linien und den Toiletten in Nachtclubs und Szene-Bars.

Sie sind erfolgreicher Geschäftsmann und Publizist und gehören selbst zu dieser Generation und zu dieser Gesellschaftsschicht. Sehen Sie sich auch als verloren an?
Sergej Minajew: Ja, natürlich. Obwohl ich so international orientiert bin, lebe ich in Russland, und ein Teil von mir gehört zur Vergangenheit. Der andere Teil zur Zukunft, die sich nicht so entwickelt wie geplant. Es ist so, als wäre ich in Moskau, Paris und Berlin zu Hause, aber ich trage die Last meiner Probleme mit mir, egal wohin ich gehe. Manchmal glaube ich, ich laufe vor mir selbst weg.

Sie beschreiben einen von Oberflächlichkeit und sinnloser Verschwendung geprägten Lebensstil. Kann man sich dem denn entziehen – wenn man Teil dieser Gesellschaft ist?
Sergej Minajew: Jede einzelne Person bedeutet viel mehr als die Kleidung, die sie trägt oder das Auto, das sie fährt. Aber wenn du Teil dieser Gesellschaft bist, befolgst du einen bestimmten Dresscode. Es ist wie bei der Armee, nur dass die Uniform sehr teuer ist. Es sind die Soldaten des Glamours ...

Einmal landet Ihr Protagonist, angewidert vom gesellschaftlichen Treiben des russischen Jet-Sets, in einem Diskussionskreis linker Intellektueller. Findet er dort, wonach er sucht?
Sergej Minajew: Überhaupt nicht. Er sucht nach beseelten, geistvollen Revolutionären, aber alles, was er findet, sind Betrunkene, die bereit sind, von ultra-links zu ultra-rechts zu wechseln, für den richtigen (rechten oder eben linken) Preis. Oder sie spielen die Che Guevaras – und ihre Eltern bezahlen das Spiel. Der Held landet an einem Platz, der dem, vor dem er weggelaufen ist, sehr ähnlich ist, es ist dasselbe Vakuum, nur die Drinks sind billiger.

Wo gehen Sie hin, wenn Sie auf der Suche nach „dukh“ sind?
Sergej Minajew: Ich lese Bücher, höre gute Musik und atme einfach.

Was unterscheidet die Generation der jungen Russen eigentlich von ihren Altersgenossen in anderen europäischen Ländern? Warum scheint es nur hier diese übersteigerte Form des sinnentleerten Jet-Set-Lebens zu geben?
Sergej Minajew: Es ist das leichtverdiente Geld, das viele von uns seit 2000 hatten, andere stürzten sich in Schulden. Es ist das Spiel um den sozialen Status und ein Leben, im dem nur das Heute zählt – und das Morgen nicht existiert. Hast – und alles wird gemessen an den Schulden auf deiner Kreditkarte. Leben als eine 24-Stunden-7-Tage-die-Woche-Party, die nie endet.

Als westliche Leser lernen wir ein Leben kennen, das uns bislang vollkommen unbekannt war. Wie reagieren denn die russischen Leser und Leserinnen auf Ihr Buch? Werden Sie gehasst oder geliebt – dafür, dass Sie ihnen den Spiegel vorhalten?
Sergej Minajew: Es gab fast keine neutralen Reaktionen. Das Buch wurde geliebt oder gehasst. Sie haben es geliebt wegen der Wahrheit, die es enthält – und aus demselben Grund gehasst. Es war das erste Experiment eines „russischen Spiegels“, in dem der Leser Züge von sich selbst finden würde, aber es war angenehmer, sich vorzustellen dass es ein Buch über einen Freund ist, aber nicht über einen selbst. Die Kritiker haben versucht, mich zu zerlegen und behaupteten, es sei eine phantasielose, abscheuliche groteske Satire über Russland. Als die Zahl der verkauften Exemplare 700.000 erreichte, nannte jeder es ein Epos. Ich versuche immer noch herauszufinden, was das bedeutet. Vielleicht lasse ich ein Piktogramm anfertigen mit meinem Foto, so dass die Kritiker wissen, wohin sie spucken müssen.

Für die New York Times kommentieren Sie regelmäßig die wirtschaftliche Lage in Russland. Wie hat sich denn die Finanzkrise auf das Leben des Jet Set ausgewirkt – fließt der Champagner seitdem spärlicher?
Sergej Minajew: Es ist viel stiller geworden. Es gibt weniger Parties, weniger Anlässe, „High-Society“-Artikel in Magazinen zu veröffentlichen. Die Champagner-Blasen werden weniger. Es sieht wie ein Massen-Kater aus, aber es ist niemand da, der Aspirin holt. Jeder denkt – so wie im Finale von Ellis‘ Glamorama: „Meine Zukunft ist da hinten, irgendwo hinter diesem Gebirge.“

Mai 2009

Seelenkalt Blick ins Buch

Sergej Minajew

Seelenkalt

€ 9,99 [D] inkl. MwSt. | CHF 12,00* (* empf. VK-Preis)

Oder mit einem Klick bestellen bei

Weiter im Katalog: Zur Buchinfo