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SPECIAL zu Sherwood Anderson »Winesburg, Ohio«

Wieland-Übersetzerpreis 2013

für Eike Schönfeld


Eike Schönfeld mit seiner Kollegin Susanne <br>Höbel, die den Preis überreichte

Am 5. September 2013 erhielt Eike Schönfeld den Christoph-Martin-Wieland-Preis für seine Übersetzung von Sherwood Andersons „Winesburg, Ohio“. Die Laudatio hielt der Münchener Literaturprofessor und Übersetzer Werner von Koppenfels. Hier ein Auszug:

Wenn man sich nur in Auswahl die Verfassernamen zu einigen der unvorstellbar vielen Bücher durch den Kopf und über die Zunge gehen lässt, die Eike Schönfeld in seinem knapp 30-jährigen Berufsleben aus dem Englischen und Amerikanischen übertragen hat, wird etwas von der historischen und stilistischen Spannweite seiner Arbeit deutlich: unter den Älteren neben Fielding Charles Darwin, Oscar Wilde, Joseph Conrad, Max Beerbohm und sogar Beatrix Potter, unter den Neueren Katherine Mansfield, Vladimir Nabokov, J.D. Salinger, Saul Bellow, Susan Sontag, Martin Amis, Jonathan Franzen, Richard Yates, Nicholson Baker, Alan Hollinghurst, Jeffrey Eugenides und andere mehr.

Eike Schönfeld stammt aus Kurt Tucholskys Rheinsberg, wuchs in Schwäbisch Hall auf, hat in Freiburg Anglistik und Germanistik studiert und über Oscar Wilde im Zerrspiegel der Parodie promoviert. Das Studium in England hat er sich, laut Wikipedia, als Barkeeper finanziert − kein schlechtes Training für den späteren Sprachmixer, der für seine verbalen Cocktails ja auch eine ebenso leichte wie sichere Hand braucht. Heute, und seit Langem, lebt Eike Schönfeld wieder im hohen Norden, als „freier“ Übersetzer – aber wie frei ist man in dieser Branche?


Eine Geburtstagstorte für Christoph Martin Wieland, an dessen Geburtstag die Preisverleihung stattfand

Geehrt wird Eike Schönfeld hier für die Übertragung eines modernen Klassikers, der seine ganz speziellen Übersetzungsprobleme birgt. Die berüchtigt depressiven Geschichten aus dem Leben einer Kleinstadt in Ohio, wie sie der Untertitel zu Sherwood Andersons Winesburg, Ohio nennt, erschienen 1919, und man spürt, dass der Schatten des Weltkriegs auf ihnen liegt.

Die zwanzig miteinander vernetzten, von einem denkbar lakonischen Erzähler präsentierten Figurenporträts sind zugleich milieutypisch und, in ihrer unterdrückten, kurz aufbrechenden und rasch wieder versickernden Emotionalität, stark individualisiert. Es sind allesamt Mini-Stories – Anderson ist ein Vater der amerikanischen Kurzgeschichte −, lauter Geschichten der Ausweglosigkeit. Der Erzähler beschwört diese Welt von erotischer Frustration und religiösem Wahn, von sinnleerer Schufterei, Suff und Menschenhass, in kunstvoll dürren Worten, und im elementaren Nebeneinander meist knapper Hauptsätze. Ein farbigerer Wortschatz und eine reicher verästelte Syntax wären hier fehl am Platz, und der Übersetzer hält sich streng an diese Vorgabe. Hier eine kleine Kostprobe, aus dem Kapitel „Einsamkeit“:

Enoch Robinson glückte nie etwas. (Nothing ever turned out for Enoch Robinson). Er konnte recht ordentlich zeichnen, und in seinem Hirn verbargen sich viele seltsame Gedanken, die durch einen Malerpinsel womöglich zum Ausdruck hätten kommen können; doch er blieb immer Kind, was für seine weltliche Entwicklung von Nachteil war (but he was always a child and that was a handicap to his worldly development) ... Das Kind in ihm stolperte ständig über Dinge (The child in him kept bumping against things) ...

Wie man vielleicht an dieser Passage sieht, hat Andersons karger Stil seine eigene Eloquenz, zu der die überraschenden Metaphern wesentlich beitragen: the child in him kept bumping against things. Es sind meist krass körperliche Bilder, passend für einen Ort, dessen Bewohner an unerfüllter Sehnsucht nach Berührung dahindarben und wo verzweifelt ausgesteckte Hände nicht ergriffen werden.

Schönfeld gibt diese Bildschocks eindringlich und konturenscharf wieder, etwa das beunruhigend asymmetrische Augenpaar des Ortsarztes: „Das Lid des linken (Auges) zuckte; es fiel herab und fuhr hoch ... als wäre es eine Fensterjalousie und jemand stünde im Kopf des Doktors und spielte mit der Schnur“; oder eine Seite später, als der Doktor im Gespräch aufgeregt die Finger aneinander reibt: „Je erregter er wurde, desto tiefer wurde das Rot an seinen Fingern. Es war, als wären die Hände in Blut getaucht worden und es wäre getrocknet und verblasst“.
Die Charaktere werden nicht, wie bei Flaubert, aus klinischer Distanz betrachtet und unters psychologische Mikroskop gelegt. Die erzählende Stimme gibt sich zwar unbeteiligt, aber die Geschichten sind allesamt, aus einem Gefühl der Trauer über so viel ungelebtes Leben, elegisch getönt. Einen Schlüssel zu ihrem Verständnis gibt uns der Erzähler selbst, wenn er über eine der ersten Stories sagt, sie sei „köstlich wie die verwachsenen kleinen Äpfel in Winesburgs Obstgärten ... In einer kleinen runden Stelle außen am Apfel hat sich dessen ganze Süße gesammelt. Man läuft über den gefrorenen Boden von Baum zu Baum, pflückt die schrumpeligen, verwachsenen Äpfel und füllt sich damit die Taschen. Nur wenige kennen die Süße der verwachsenen Äpfel“.

Eike Schönfeld hat das Verwachsene und das Süße an diesen nur scheinbar glanzlosen Geschichten liebevoll bewahrt, auf Deutsch wieder sichtbar gemacht und gezeigt, dass Übersetzung eine Form der Nachreife exemplarischer Texte ist – in diesem Fall von der unschrumpeligen Sorte. Dafür haben wir ihm zu danken, und es ist hocherfreulich, dass dieser Dank auch einmal in materieller Form abgestattet wird. Ganz herzlichen Glückwunsch!

Winesburg, Ohio Blick ins Buch

Sherwood Anderson

Winesburg, Ohio

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