SPECIAL zu Simon Kernick

Fürchte jede Sekunde ...

London an einem ganz gewöhnlichen Tag. Geschäftiges Treiben, Touristen flanieren durch die Straßen. Plötzlich zerreißen Detonationen die Luft. Mehrere Bombenanschläge erschüttern die Metropole, Panik bricht aus. Aber dies ist erst der Anfang. Eine Bande Schwerbewaffneter stürmt das Luxushotel Stanhope, verschanzt sich im Gebäude und stellt ein folgenschweres Ultimatum: Fünf Stunden hat die britische Regierung, um die Forderungen der Verbrecher zu erfüllen – danach werden die ersten Geiseln sterben.
Die junge Einsatzleiterin Arley Dale wird zum Stanhope geschickt, um den Gegenschlag zu leiten. Arley ist auf das Schlimmste gefasst, denn die Vorgehensweise der Verbrecher lässt ahnen, dass es sich um Profis handelt, die keine Gnade kennen. Doch auch im belagerten Hotel verschärft sich die Lage immer mehr: Zwischen den Verbrechern entstehen gefährliche Spannungen, und als zwei von ihnen getötet werden, wird den Geiselnehmern klar, dass ein unbekannter Gegner auf sie lauert.
Unterdessen beginnt für Arley ein Albtraum. Ein Fremder sagt ihr am Telefon, dass er ihre Familie entführt hat. Sollte sie weiter gegen die Geiselnehmer vorgehen, werden ihre Angehörigen sterben. Arley sieht sich vor die schwierigste Entscheidung ihres Lebens gestellt – und der Countdown läuft ...

„Rasende Spannung, großartige Figuren und eine bis ins Letzte durchdachte Handlung. ‚Das Ultimatum‘ ist unglaublich.“ (The Times)


Simon Kernick: Eine Lektion in Furcht

Simon Kernick war 16, als er eine schreckliche Erfahrung machen musste

»Schreiben Sie über das, was Sie kennen«, lautet eine bekannte Regel für angehende Autoren. Wenn man allerdings Kriminalromane schreiben will, tut man sich da häufig schwer. Schließlich haben die meisten Menschen das Glück, nie ein Gewaltverbrechen miterleben zu müssen. Auch ich schaffte es erst bei meinem fünften Thriller, diese Regel zu befolgen. Darin sollte es um einen ganz normalen Mann gehen, der ein ganz normales Leben führt; bis er sich plötzlich, von einem Moment auf den anderen und völlig schuldlos in einer Situation befindet, aus der es keinen Ausweg gibt.

Die Erfahrung, die zu dieser Geschichte führte, machte ich im Alter von sechzehn Jahren.

Es war ein warmer Sommerabend. Ich war mit zwei Freunden per Anhalter unterwegs, als drei Typen anhielten und uns mitnahmen. Auf der Rückbank des zweitürigen Escort war es ziemlich eng, aber bis zur nächsten Stadt war es nicht weit, und wir führten auch eine nette Unterhaltung.

Bis das Auto auf einem verlassenen Straßenstück neben einem Fluss anhielt. Und da geschah es. Einfach so. Der Mann auf dem Beifahrersitz sagte ganz gelassen folgende sechs Worte: »Okay, Jungs. Raus mit der Kohle.«

Ich fragte mich noch, ob ich richtig gehört hatte, da drehte sich der Fahrer um und schlug mir zweimal ins Gesicht. Härter, als ich jemals davor oder danach geschlagen wurde. Erstaunlicherweise verspürte ich keinen Schmerz. Ich stand unter Schock.

Dann hagelten weitere Schläge aus allen Richtungen auf uns ein. Wir drängten uns hilflos in einer Ecke des Wagens zusammen und ließen uns windelweich prügeln. Der Wagen fuhr wieder los, und der Mann auf dem Beifahrersitz befahl uns noch einmal mit dieser ruhigen, sanften Stimme, die Taschen auszuleeren. Der Fahrer dagegen fluchte laut und beugte sich ab und zu nach hinten, um einen weiteren Schlag auszuteilen.

Wir gehorchten – doch als Jugendliche besaßen wir so gut wie nichts. Wir konnten unseren Angreifern gerade mal etwas Wechselgeld und ein paar Zigaretten anbieten. Das reichte ihnen natürlich nicht.

Sie wollten, dass wir uns auszogen.

Selbst heute noch stehen mir die Haare zu Berge, wenn ich mich daran erinnere. Ich wollte vernünftig mit ihnen reden, ich flehte sie an – vergeblich. Während wir durch die stillen, nächtlichen Straßen meines Heimatorts fuhren – dem Ort, an dem ich aufgewachsen war und der mir jetzt so völlig fremd vorkam – zogen wir uns langsam unter den aufmerksamen Blicken dieser Männer aus.

»Alles«, sagte der Mann auf dem Beifahrersitz, als wir nur noch Unterhosen anhatten.

Inzwischen hatten wir die Stadt hinter uns gelassen. Der Fahrer bog von der Hauptverkehrsstraße in einen kleinen Waldweg ab.

An diese langsame Fahrt durch die Dunkelheit erinnere ich mich noch genau; die Sekunden schleppten sich scheinbar endlos dahin, und ich spürte eine alles umfassende, lähmende Angst, während ich darauf wartete, was als nächstes passieren würde.

Das war das Schlimmste: zu warten. Die Ungewissheit.

Dann hielten wir an.
»Raus, raus, raus!«, rief der Fahrer, und sie trieben uns nackt aus dem Wagen. Danach mussten wir uns in einer Reihe aufstellen.

»Machen wir sie alle«, sagte der Beifahrer. Ich weiß noch genau, dass seine nüchterne Stimme viel furchteinflößender war als die lauten Flüche seines Komplizen. »Wo ist die Schrotflinte?«

»Ich hol sie«, sagte der Fahrer, ging zum Auto zurück und griff unter den Sitz.

Das war’s, dachte ich. Jetzt ist es aus. Mein Leben zog an mir vorbei, und dann dachte ich an alles, was ich gerne noch erlebt hätte, an die Orte, die ich gerne noch besucht hätte, und an meine Freundin, die jetzt wohl nie erfahren würde, wie sehr ich sie mochte …

Als sich der Fahrer ins Auto beugte, rannte einer meiner Freunde los und verschwand im Wald. Ich lief ebenfalls los, doch der Fahrer hatte mich in Sekunden eingeholt und zerrte mich im Schwitzkasten zum Auto zurück.

Ich bereitete mich auf das Unvermeidliche vor, doch der Schuss fiel nie. Ich habe noch nicht einmal die Waffe gesehen. Einer von uns war entkommen und würde die Verbrecher vielleicht identifizieren können. Dieses Risiko wollten sie nicht eingehen, also ließen sie uns nach ein paar weiteren Schlägen laufen. Wir rannten in die Nacht, ohne uns nur einmal umzusehen. Drei Sechzehnjährige, die gerade erfahren hatten, was dem Unvorsichtigen in dieser grausamen Welt alles passieren kann.

Wenn ich heute daran zurückdenke, kommt es mir seltsam vor, wie unspektakulär die Folgen dieses Vorfalls waren. Die Täter waren schnell gefasst. Die Polizei wusste, um wen es sich handelte, sobald wir die ganze Geschichte erzählt hatten. Die Kerle waren den Behörden bekannt, zwei von ihnen waren bereits wegen bewaffneten Raubüberfalls aktenkundig.

Allerdings gab es ein Problem: wir hatten keine Beweise. Alle drei bestritten, an dem Vorfall beteiligt gewesen zu sein, und die Polizei konnte das Auto nirgendwo auftreiben. Also stand unser Wort gegen ihres, was letzten Endes nicht einmal für eine Anklage, geschweige denn für eine Gerichtsverhandlung reichte. Sie wurden freigelassen. Damit mussten wir leben.

Daher weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn sich dein Leben von einem Augenblick auf den nächsten verändert und dir plötzlich klar wird, dass du es mit Leuten aus deinen schlimmsten Alpträumen zu tun hast. Eine Erfahrung, die ich hoffentlich niemals wiederholen muss.

Was die Figuren in meinem Buch betrifft, liegen die Dinge natürlich anders. Sie haben Pech – denn sie müssen das alles jetzt an meiner Stelle durchstehen.

Das Ultimatum

€ 9,99 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 14,50* (* empf. VK-Preis)
Bestellen Sie mit einem Klick:
Weiter im Katalog: Zur Buchinfo
Weitere Ausgaben: eBook (epub)