SPECIAL zu Simon Scarrow

»Eine Auszeit vom Hier und Jetzt«

Im Gespräch mit Simon Scarrow

Simon Scarrow
© Sam W. Corrison
Was haben Sie vor Ihrer Zeit als Romanautor gemacht?
Simon Scarrow: Nach meinem Studium hatte ich keine Ahnung, was ich tun sollte. Da mir das Schreiben aber immer schon großen Spaß gemacht hatte, setzte ich mir in den Kopf, Schriftsteller zu werden. Um einen Roman zu schreiben, braucht man dummerweise viel Zeit und Muße. Meine Eltern lebten damals auf den Bahamas, und so zog ich zu ihnen und widmete mich ein Jahr lang ganz meinem ersten Roman. Irgendwann jedoch wurde es ihnen zu bunt, und sie schickten mich zurück nach England, wo ich mir gefälligst einen richtigen Job suchen sollte. Damals herrschte gerade eine Rezession, und selbst für Akademiker war es nicht leicht, einen Job zu finden – noch dazu, wenn sie wie ich keinerlei Erfahrung mit Vorstellungsgesprächen und ähnlichem hatten. Es dauerte fast sechs Monate, bis ich eine Arbeitsstelle ergattern konnte. Während dieser Zeit arbeitete ich weiter an meinem großen Werk – die Angst vor der Arbeitslosigkeit erwies sich dabei als große Motivation. Als mein Vater erfuhr, dass ich beim Finanzamt angefangen hatte, hätte er fast einen Herzanfall bekommen. Für ihn war das schlimmer, als wenn seine Tochter eine Prostituierte geworden wäre. Zwei Jahre lang musste ich mich mit Steuergesetzen und Buchführung herumschlagen, bevor ich entschied, dass ich im Bildungswesen besser aufgehoben war. Ich kehrte an meine alte Uni zurück, die University of East Anglia. Dort studierte ich Geschichte. Mein Spezialgebiet war die Darstellung des Vietnamkriegs in der Populärkultur. Nach vier Jahren hatte ich nicht nur einen weiteren Abschluss gemacht, sondern auch einen Roman und mehrere Kurzgeschichten geschrieben. Ich hing noch eine Zusatzausbildung zum Lehramt an und schaffte es so, fast acht turbulente Jahre meines Lebens zu studieren. Schließlich wurde ich Lehrer für Englisch und Geschichte. Meine ersten Schüler waren sehr interessiert und liebenswert. Der Höhepunkt des Schuljahrs war ein Ausflug zum Hadrianswall, wo ich ihnen lang und breit über die römische Zivilisation erzählte. Doch nach einiger Zeit hatte ich keine Lust mehr, ihnen den ungeliebten Shakespeare einzutrichtern und ging an eine Fachhochschule, um Medienwissenschaften zu lehren. Dadurch hatte ich auch mehr Freizeit, in der ich zwei Theaterstücke und den ersten Roman um Macro und Cato schrieb – obwohl ich Institutsleiter war. Meine Studenten habe ich jedenfalls nicht vernachlässigt. Während meiner Zeit an der Hochschule ist nur ein einziger Student durchgefallen. Die Prüfungsleistungen lagen 20% über dem nationalen Durchschnitt.

Haben Sie vor Ihrer ersten Veröffentlichung viel geschrieben?
Simon Scarrow: Oh ja! Drei Romane, zwei Theaterstücke, mehrere Kurzgeschichten und sogar Gedichte. Den ersten Roman habe ich nur geschrieben, um mir zu beweisen, dass ich es kann. Es ging um die Abenteuer einer Familie auf den Bahamas nach einem Atomschlag. Während ich darauf wartete, dass sich ein Verleger für dieses Meisterwerk interessierte, fing ich mit meinem zweiten Buch an. Es war eine Thrillerkomödie um drei Studenten, die ins Drogengeschäft einsteigen und sich dann mit professionellen Dealern herumschlagen müssen. Ein ziemlich wichtiger Agent hatte sogar kurzzeitig Interesse – bis er verkündete, dass er zu viel zu tun hätte, um sich weiter um meinen Kram zu kümmern. Trotzdem, das hat mich ermutigt, ein drittes Buch zu schreiben. Es war ein Detektivroman, der auf den Bahamas spielte – ursprünglich sollte es der Auftakt zu einer Serie werden. Wieder stieß ich auf das Interesse eines Verlegers, aber letztendlich wurde doch nichts daraus, und ich konzentrierte mich wieder aufs Theater. Mein erstes Stück handelte von zwei Schülern, die ihren Rektor entführen, um durch das Lösegeld ihre Verluste an der Börse wettzumachen. Leider stirbt der Rektor ziemlich früh, und das Stück – eigentlich ist es eine Farce – dreht sich um den Versuch, die Leiche loszuwerden, bevor die Polizei was mitkriegt. Eine professionelle Theatergruppe hatte starkes Interesse daran, das Stück auf die Bühne zu bringen – leider ging sie vorher pleite. Nach einem weiteren Fehlschlag kehrte ich dann dem Theater endgültig den Rücken und fing mit der Arbeit an einem historischen Roman an, der mir schon seit Jahren im Kopf herumspukte.

Woher hatten Sie die Idee für diesen Roman?
Simon Scarrow: Schon seit frühester Kindheit bin ich von den Hornblower-Romanen von C.S. Forester fasziniert, und glücklicherweise haben sich ja auch noch viele andere gute Schriftsteller an historischen Romanen versucht. Da mir ihre Heldenfiguren so gut gefielen, wollte ich meine eigenen historischen Charaktere erschaffen. Dummerweise ist die napoleonische Ära inzwischen ziemlich übervölkert. Wie es die einzelnen Hauptfiguren der Romane schaffen, sich nicht ständig über den Weg zu laufen, ist mir ein Rätsel. Damals waren die Romane, die im römischen Reich spielen, fast ausschließlich Detektivgeschichten. Über die Soldaten, die in den Legionen Dienst taten, hatte noch niemand geschrieben. Das war sozusagen jungfräuliches Gebiet – und dass ich der erste war, der so etwas versucht hat, macht mich schon ein bisschen stolz.

Wie sind Sie auf Ihre Helden Macro und Cato gekommen?
Simon Scarrow: Ich musste ja davon ausgehen, dass sich nicht jeder Leser mit der römischen Geschichte und dem Alltag in einer Legion auskennt. Um alles schlüssig erklären zu können, entschied ich mich für einen Helden, der gerade rekrutiert wurde und alles von der Pike auf lernen muss. Und der Leser folgt ihm einfach dabei. Cato ist eigentlich ein Gelehrter, der immer über sich, die Welt und philosophische Probleme nachdenkt. Durch ihn sieht der Leser alles aus einem relativ weiten Blickwinkel. Außerdem hat er ein zwiespältiges Verhältnis zur Armee – das ging mir ganz ähnlich. Während meiner Studienzeit spielte ich mit dem Gedanken, mich zu verpflichten, und ging kurzzeitig auf die Offiziersschule. Die Unteroffiziere waren ein ziemlich rustikaler Haufen. Ihr Repertoire an Schimpfwörtern und Beleidigungen war unglaublich, doch gleichzeitig waren sie mit Leib und Seele bei der Sache. Diese Männer waren Vorbild für Centurio Macro.

Mussten Sie viel recherchieren?
Simon Scarrow: Natürlich. Manche Details waren mir bereits bekannt, da ich während meiner Schulzeit einige hervorragende Lateinlehrer hatte. An einen erinnere ich mich ganz besonders gut – Gordon Rodway, ein Bär von einem Mann, der mit einer wundervollen Stimme packende Beschreibungen vom Leben und Sterben zu römischer Zeit abliefern konnte – und das immer hinter einer dicken Rauchwolke aus seiner Pfeife. Dann war da noch Reg Nash, ein Rugbyfan mit sehr trockenem Humor. Sein Unterricht in lateinischer Grammatik war die Hölle, seine Begeisterung für die antike Welt dagegen äußerst ansteckend. Regs Hartnäckigkeit ist dafür verantwortlich, dass ich mit der Bestnote in Latein abschloss. Diese Männer sorgten dafür, dass meine Begeisterung für die Antike auch nach der Schule nicht nachließ. Ich schaffte mir eine große Bibliothek zum Thema an und besuchte viele römische Ruinen in ganz Europa. Als ich dann mit dem Roman anfing, konzentrierte ich mich in erster Linie auf die römische Militärgeschichte. Inzwischen kann man die damaligen Waffen und Kriegsgeräte ziemlich gut rekonstruieren. Besonders Peter Connolly war mir hierbei eine große Hilfe, genau wie die Logistikanalysen des leider schon verstorbenen John Peddie.

Was ist das Besondere an Ihren Romanen?
Simon Scarrow: Viele Leser und auch Kritiker haben mir bestätigt, dass meine Figuren sehr lebensecht und sympathisch sind. Wenn Sie dann in Gefahr geraten – was ja nicht selten vorkommt – fiebern die Leser automatisch mit. Außerdem bemühe ich mich, die Schauplätze realistisch und greifbar darzustellen, damit man richtig in die antike Welt eintauchen kann. Die Mischung aus Intrigen und Kampfszenen trägt auch dazu bei, dass die Romane spannend und temporeich zu lesen sind.

Wie viele Bücher werden denn noch folgen?
Simon Scarrow: Das römische Reich reichte von Britannien bis zur Nordküste Afrikas, von Arabien und dem mittleren Osten zur Türkei, vom schwarzen Meer die Donau hinauf bis zur Nordsee. Für Cato und Macro gibt es also noch genug Abenteuer zu erleben. Interessant wäre es, Cato den Boudicca-Aufstand in Britannien miterleben zu lassen. Rom im Vierkaiserjahr (69 n.Chr.) ist ebenfalls eine gute Kulisse, genau wie die brutale Belagerung Jerusalems und die tragische Belagerung der Festung Masada.

Wie sieht ein typischer Schriftstellertag aus?
Simon Scarrow: Im Moment versuche ich, etwa 5000 Worte pro Woche zu schreiben, um im Zeitplan zu bleiben. Ich habe zwei kleine Kinder, daher finden meine schriftstellerischen Aktivitäten zum Großteil spätabends statt. Ich schreibe üblicherweise zwischen 22 Uhr und 2 Uhr nachts. Da ist es schön ruhig und ich bin ungestört. Die erste halbe Stunde ist eine Qual, aber danach bin ich so richtig drin in der Arbeit. Manchmal bringe ich dann bis zu 1000 Worte die Stunde aufs Papier.

Wie lange braucht man, um einen Roman zu schreiben?
Simon Scarrow: Die Recherche dauert etwa drei bis vier Monate. Ich muss mich richtig in die römische Kultur wühlen, jedem noch so kleinen Detail Beachtung schenken. Wenn ich mal mit dem Schreiben angefangen habe, dauert es üblicherweise weitere drei bis fünf Monate. Dann folgt ein weiterer Monat, in dem ich das Buch überarbeite, bis meine Lektorin Marion zufrieden damit ist. Sie hat die außergewöhnliche Gabe, sofort zu erkennen, wenn irgendetwas in die falsche Richtung läuft oder was noch ausbaufähig ist. Üblicherweise bin ich mit ihren Vorschlägen immer einverstanden.

Wie haben Sie für Ihr erstes Buch einen Verleger gefunden?
Simon Scarrow: Nun, wie wohl alle hoffnungsvollen Schriftsteller: Ich schrieb die ersten drei Kapitel, kaufte mir ein Verlagsverzeichnis und schickte diese Kapitel samt einem netten Anschreiben an Gott und die Welt. Das brachte überhaupt nichts – um in der Buchbranche Fuß zu fassen, braucht man einfach einen Agenten. Also fing ich noch einmal an, das Material herumzuschicken. Diesmal an Agenten, in alphabetischer Reihenfolge. Als ich bei D angelangt war, schrieb mir Wendy Suffield von Merric Davidson und bat um den Rest des Manuskripts. Peinlicherweise gab es diesen Rest noch gar nicht, aber ich versprach ihr, das Buch sofort zu schicken, sobald ich es fertiggeschrieben hatte. Glücklicherweise war Wendy sehr geduldig und vom Ergebnis auch sehr angetan. Allerdings verlangte sie, dass ich das Buch um ein Viertel kürzen sollte. Ich musste mich sozusagen selbst lektorieren, das war eine sehr lehrreiche Erfahrung für mich. Danach bot sie den Roman
verschiedenen Verlagen an, und irgendwann fand ich mich mit meinem Verleger in einem feinen Londoner Restaurant zum Geschäftsessen wieder.

Warum spielen Ihre Romane ausgerechnet im alten Rom?
Simon Scarrow: Schon seit meiner Schulzeit interessiere ich mich brennend für die Antike. Ich finde es sehr faszinierend, wie es den Römern gelungen ist, ein solches Riesenreich über so eine lange Zeit hinweg aufrechtzuerhalten. Selbst jetzt noch werden wir von ihrer Zivilisation beeinflusst. Und damit meine ich nicht nur die Ruinen, die sie hinterlassen haben. Es gibt so viele Geschichten, Berichte und Briefe, die auch heute noch eine gewisse Aktualität besitzen. Daher ist ihre Welt einerseits irgendwie vertraut, andererseits aber auch ganz fremd.

Welche Autoren bewundern Sie am meisten?
Simon Scarrow: Mein Lieblingsgenre ist der historische Roman – diese Leidenschaft fing mit Der Adler der neunten Legion von Rosemary Sutcliff an, das ich damals in der Schulbücherei entdeckte. Seitdem lese ich alle historischen Romane, die ich in die Finger kriegen kann. Mich wundert, dass die Kritiker und Literaten diesem Genre nicht mehr Aufmerksamkeit schenken. An C.S. Forester kommt jedoch keiner ran – Patrick O’Brian schreibt zwar unterhaltsamer und detailreicher, aber ihm fehlt die menschliche Komponente, die Forester auszeichnet. Auch Bernard Cornwells Romane gefallen mir sehr. Er schreibt immer packend – seine Kampfszenen sind grandios. Lindsay Davis gelingt es mit ihrer Serie um den Ermittler Falco, das alte Rom richtig lebendig zu machen. Am beeindruckendsten überhaupt schreibt jedoch J.G. Ballard. Die Atmosphäre, die er heraufbeschwört, ist unvergleichlich.

Warum schreiben Sie historische Romane?
Simon Scarrow: Es ist doch toll, wenn sich die Leser mal eine Auszeit vom Hier und Jetzt nehmen können. Dafür sind historische Romane ideal. Bücher, die in der Gegenwart spielen, müssen oft auf James-Bond-artige Fantasien und Spekulationen zurückgreifen, wenn sie unterhalten wollen. Im historischen Roman dagegen ist es wichtig, die Details so realistisch wie möglich zu beschreiben, damit der Leser auch wirklich das Gefühl hat, eine Zeitreise zu unternehmen. Da historische Romane in der Vergangenheit angesiedelt sind, denken wir unbewusst, dass alles, was darin beschrieben wird, auch irgendwann tatsächlich passiert ist. Neuerdings gibt es glücklicherweise die Tendenz, die Charaktere etwas zeitgemäßer zu präsentieren. Mir geht es immer darum, Identifikationsfiguren zu schaffen, allerdings bin ich auch ein großer Fan von Historienepen und versuche nach Möglichkeit, alles so lebensecht wie möglich rüberzubringen. Natürlich lese ich auch viele Geschichtsbücher. Es ist jedoch unglaublich frustrierend, etwas erzählen zu wollen, wenn man sich an die Fakten und die wissenschaftlichen Methoden halten muss. Der Roman ist hier eindeutig im Vorteil: Die Lücken, die uns die Geschichte hinterlassen hat, kann man durch seine eigene Kreativität auffüllen. Daher ist die Welt des historischen Romans auch so lebendig und greifbar. Leider hat der historische Roman im Verlagswesen keinen hohen Stellenwert. Andere Genres erscheinen vielen Verlegern als lukrativer. Außerdem sind immer noch viele Kritiker der Meinung, dass die historische Belletristik nur aus kitschigen Liebesromanen besteht. Das ist bei mir nicht der Fall, und ich bemühe mich, diesem Klischee entgegenzuwirken.

Die Antike als Schauplatz historischer Romane wird ja immer beliebter. Wie erklären Sie sich das?
Simon Scarrow: Das ist möglicherweise nur ein vorübergehendes Phänomen. Vielleicht hat die extreme Dekadenz des alten Roms gewisse Parallelen zu unserer Überflussgesellschaft. Außerdem gibt es immer eine morbide Faszination für die Orgien und Gräueltaten, die damals stattfanden. Schon der Schriftsteller Sueton berichtete in allen Einzelheiten über die perversen Exzesse von Kaisern wie Caligula oder Tiberius. Daraus lassen sich natürlich prima Romane, Fernsehserien und Kinofilme machen.

Wie erfolgreich sind Ihre Bücher?
Simon Scarrow: Ich kann nicht klagen. Sie wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und landen regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Ich gehe gerne auf Lesungen, um mich mit meinen Lesern zu unterhalten. Es gibt nichts schöneres, als anderen Fans historischer Literatur eine Freude zu machen. Außerdem finden meine Romane inzwischen zahlreiche Nachahmer – da kann ich mir kein schöneres Kompliment vorstellen.

Blutsbrüder

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