VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü
 Simone Neumann »Des Teufels Sanduhr«

SPECIAL zu Simone Neumann »Des Teufels Sanduhr«

Die Liebe in Zeiten des Krieges

Rezension von Ulrike Künnecke

Für Anna Pippel beginnt der Dreißigjährige Krieg in einem Kellerloch. Dort hockt die Magd, inmitten von Ungeziefer und Unrat, und wartet darauf, dass die mordenden und brandschatzenden Soldaten ihr westfälisches Dorf wieder verlassen. Als Anna sich schließlich hervorwagt, bietet sich ihr ein schreckliches Bild: Die Bewohner des Hofes, auf dem sie arbeitet, wurden grausam massakriert, das ganze Dorf ist verwüstet.

Ein grausiger Fund
Doch für Anna kommt es noch schlimmer. Als die junge Frau kopflos das Weite sucht und panisch in den nahe gelegenen Wald rennt, findet sie dort ihre einzige Schwester Mine – mit durchschnittener Kehle an einem Baum hängend. Kein menschliches Wesen weit und breit, nur ein kleiner winselnder Hund ist der Ermordeten an die Füße gebunden. Nun gibt es nichts mehr, was Anna noch hält, niemanden, an den die Mittellose sich wenden kann – ihre Eltern sind schon vor Jahren verstorben, ihr Mann Friedrich ist vor langer Zeit verschwunden.

Eine neue Heimat
Es folgen Tage des verzweifelten Herumirrens im Wald für Anna, die nicht nur hungert, sondern sich auch noch von unheimlichen Geräuschen und huschenden Schatten verfolgt fühlt. Als schließlich am Horizont, einem nicht endenden Bandwurm gleichend, das riesige Wallensteinsche Heer auftaucht, sieht Anna ihre Chance gekommen. Auf die reitenden Soldaten, deren Familien und Gesinde in langer Reihe vorüber gezogen sind, folgen die Händler, die Huren und das restliche Gesindel. Ganz zum Schluss, im Schutze der Dunkelheit, schließt sich Anna diesem Zug an und arbeitet fortan für die resolute Lumpensammlerin Liese Kroll.

Unheimliche Morde
Anna hat sich nun auf die Seite derjenigen begeben, die vom Krieg leben. Zwar bietet das Leben im Tross ihr ein wenig Geborgenheit, doch auch hier lauern Gefahren. Denn entlang des Truppenzuges geschehen eine Reihe von unheimlichen Morden, die nichts mit dem Krieg zu tun haben. Immer trifft es Frauen, die grausam zugerichtet; aufgehängt und mit durchschnittener Kehle aufgefunden werden. Und immer findet sich irgendein junger Hundewelpe, der den Opfern an den Fuß gebunden ist. Ein irrsinniger Ritualmörder scheint unterwegs zu sein – und dies immer ganz in der Nähe von Anna Pippel und der Lumpenliese.

Tod und Teufel
Im Tross wird vermutet, dass bei den Morden der Teufel persönlich am Werk sei. Und immer lauter wird auch das Getuschel, dass hier eine Hexe ihre Finger im Spiel habe. Die Zeichen mehren sich, dass gerade Liese Kroll diese Hexe sein könnte. Als ihre Gehilfin muss Anna erneut um ihr Leben fürchten. Doch die ständige Gefahr hat Anna auch stark gemacht. Die einstmals schüchterne Bauernmagd weiß sich inzwischen zu behaupten – so auch eines Tages, als sie im Wald einem fremden Reiter in die Hände fällt.

Der schöne Fremde
„Der Fremde zog Anna hinter sich her. Er war in den bayrischen Bergen groß geworden und trotz seines edel anmutenden Äußeren ein Kind der Natur, das sich nach wie vor sehr gut in der Wildnis zurechtfand … Anna war nicht arglos, was diesen Mann betraf. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass er etwas im Schilde führte, und noch war sie unentschlossen, wie sie reagieren würde, wenn er sich ihr in eindeutiger Absicht näherte ... Nichts würde sie sich so schnell wieder gefallen lassen, außer, sie wollte es. Und da war sie sich noch nicht ganz sicher, denn eigentlich – und für diesen Gedanken schämte sie sich – fand sie diesen Mann, der sie da durch den Wald zog, durchaus anziehend.“

Spannender Krimi, pralle Historie
Der Weg der Anna Pippel durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges ist lang, entbehrungsreich und voller Abenteuer. Sie wird der Hexerei beschuldigt und ist lange Zeit als Vogelfreie auf der Flucht durch die von marodierenden Truppen und verheerenden Seuchen völlig ausgebrannten Lande. Doch Anna hat ein Ziel: Sie möchte die bayrische Heimat des schönen Fremden erreichen. Und sie möchte endlich diesen irren Mörder zur Strecke bringen. Die westfälische Bauernmagd auf ihrer Odyssee zu begleiten, das hat Autorin Simone Neumann in ihrem historischen Roman zu einem lebensprallen und dabei hochspannenden Vergnügen gemacht. Fast friert man selbst, in all den zugigen Behausungen, riecht den stinkenden Unrat, und freut sich dann um so mehr – so kenntnisreich und glänzend unterhalten –, ganz gemütlich und warm im Sessel zu sitzen und zu lesen.

Ulrike Künnecke
(Literaturtest)
Berlin, Juni 2009