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SPECIAL zu Sina Beerwald

Buchtrailer mit Hörprobe aus »Hypnose«

Traue niemandem

Ein eiskalter Mord im Freundeskreis. Die Journalistin Inka Mayer hat Zweifel am Geständnis ihrer Freundin Annabel. Inka hegt den Verdacht, dass Annabel das Opfer eines Klinikleiters ist, der unter Hypnose Experimente an ahnungslosen Patienten durchführt – und bei dem sie beide in Behandlung sind. Oder ist Hypnose so harmlos, wie er sie glauben machen will? Irgendwer hat es auch auf die Journalistin abgesehen. Ein Spiel um freien Willen, Wirklichkeit und Paranoia beginnt. Ein Spiel auf Leben und Tod.

Interview mit Sina Beerwald

Beerwald, Sina
© Sina Beerwald

Frau Beerwald, Sie haben mit Hypnose einen äußerst spannenden Roman um ein Thema geschrieben, das Menschen seit jeher fasziniert und im Moment in den Medien immer wieder aufgegriffen wird. Was hat Sie an dem Thema gereizt?
Sina Beerwald: Unter Hypnose gewährt eine Person Zugang zu ihrem Unterbewusstsein, dem am tiefsten verborgenen Teil unserer Seele. Das erfordert ein großes Vertrauen in den Hypnotiseur. Was wäre wenn dieser Hypnotherapeut seine Macht missbraucht? Was, wenn er die Patientin zu seinem Werkzeug macht?

Es geht in Ihrem Roman um ein tödliches Spiel zwischen freiem Willen und Zwang unter Hypnose. Können Menschen unter Hypnose wirklich gezwungen werden, etwas gegen ihren Willen zu tun? Oder sogar, wie in Ihrem Roman, töten?
Sina Beerwald: Experimente dazu gab es im 19. Jahrhundert in der Salpêtrière in Paris, eine europaweit bedeutende psychiatrische Anstalt, wo auch Freud, Charcot und de la Tourette gewirkt haben. Bei diesen Experimenten folgte eine Frau unter Hypnose dem Hypnotiseur, einen ihr völlig fremden Mann zu erstechen. Ein Glück für den ärztlichen Assistenten, dass es ein Gummidolch war. Eine zweite Frau streute auf hypnotischen Befehl hin bereitwillig Arsen ins Essen ihres Opfers. Hätte es sich nicht um Zucker gehandelt, wäre dieses Experiment tödlich ausgegangen. Diese Experimente werden von der heutigen Fachwelt nicht einmütig akzeptiert. Man zweifelt die Versuchsbedingungen an und bleibt bei dem Grundsatz, dass der freie Wille eines Menschen auch unter Hypnose nicht beeinflussbar ist. Das bedeutet, nur ein Mensch, der auch im Nicht-Trancezustand zu einem Mord fähig wäre, würde unter Hypnose töten.

Wie Sie Hypnosesitzungen beschreiben, da hat man das Gefühl, mit dabeizusein. Woher nehmen Sie die Authentizität? Haben Sie sich auch selbst schon einmal in Hypnose versetzen lassen?
Sina Beerwald: Ja. Ich habe mich selbst mehrmals in Hypnose versetzen lassen. Das war sehr aufregend. Aber keine Sorge, ich bin nicht mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gekommen. Glaube ich. Denke ich. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht mehr. Diese posthypnotischen Amnesien sind beunruhigend.

Es geht in Ihrem Roman auch um die positiven Wirkungen der Hypnose, Hypnose als Therapieform. Was sind Ihrer Meinung der Vorteil und die Gefahren der Hypnose gegenüber anderen Therapieformen?
Sina Beerwald: Es gibt neben zahlreichen Hypnotherapeuten auch vier anerkannte Kliniken für Hypnotherapie in Deutschland. Dort werden Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen, die als austherapiert gelten, erfolgreich behandelt. Hypnose ist die Urform der Psychotherapie. Durch Showhypnosen leider in einen zweifelhaften Ruf geraten. Keine Therapieform ist frei von „unerwünschten Nebenwirkungen“ und ein seriöser Hypnotherapeut weist den Patienten natürlich auf die Gefahren der Hypnose hin. Diese können von zeitweiliger Fahruntüchtigkeit nach der Hypnose über leichte Desorientiertheit bis allerdings auch hin zu Traumatisierungen durch unerfahrene Therapeuten reichen, die ihr eigenes Können und ihre Grenzen überschätzen. Eine absolute Kontraindikation wären zum Beispiel eine akute Psychose oder eine Borderline-Störung, da der Trance-Zustand hier kaum steuerbar ist und eine Rückführung unter Umständen stark erschwert ist.

Im Freundeskreis Ihrer Protagonistin Inka Mayer geschieht ein eiskalter Mord. Inkas Freundin ist geständig und trotzdem glaubt Inka an die Unschuld ihrer Freundin. Inka begibt sich selbst in höchste Gefahr, um die wirklichen Tatumstände herauszufinden. Ist es ein Zeichen wahrer Freundschaft, so zu einem Menschen zu halten?
Sina Beerwald: Inka ist Journalistin. Die Wahrheit herauszufinden ist plötzlich nicht mehr nur ihr Job, es trifft sie auch privat. Inka kennt ihre Freundin Annabel schon aus Kindertagen, auch wenn sie sich lange aus den Augen verloren haben. Für ihre Freundin ist Inka bereit, durch die Hölle zu gehen, weil sie glaubt, dass Annabel ein falsches Geständnis abgelegt hat. Oder ist es tatsächlich möglich, dass Inka sich derart in ihrer Freundin getäuscht hat?

Wenn Sie Inka in drei Sätzen beschreiben sollten, was sind die drei Sätze?
Sina Beerwald: Inka ist eine unbeirrbare, zähe und manchmal impulsive Journalistin. Privat muss sie einen schweren Schicksalsschlag verkraften, da ihr Baby unter der Geburt verstorben ist. Und während sie glaubt, ihr Leben in den Griff zu bekommen, treibt jemand ein perfides Spiel mit ihr und sie muss ihre ganze Kraft aufwenden, diesem Strudel aus Angst und Paranoia zu entkommen.

Inka wird in ein tödliches Spiel verwickelt, in dem sie manchmal selbst nicht mehr weiß, wo die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Vorstellung und Realität verlaufen und wem sie trauen kann. Das ist unglaublich spannend. Wem, denken Sie, kann man im Leben letztendlich trauen? Nur sich selbst?
Sina Beerwald: Manche unter uns müssen erleben, dass Menschen, die man zu kennen glaubte, plötzlich ein ganz anderes Gesicht zeigen. Wie viele Gesichter hat man eigentlich selbst? Was wäre, wenn man nicht einmal mehr sich selbst trauen kann? Von anderen Menschen getäuscht zu werden ist schrecklich, sich selbst nicht mehr über den Weg trauen zu können ist eine unvorstellbare psychische Folter.

Sie haben bisher erfolgreiche historische Romane geschrieben, warum nun der Wechsel ins Thrillerfach? Was reizte Sie?
Sina Beerwald: Eine Welt zu beschreiben, in der nichts so ist, wie es scheint, und dem Leser die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben.

Von außen betrachtet scheinen die beiden Genres sehr unterschiedlich zu sein. Gibt es Verbindungen zwischen dem Schreiben von historischen Romanen und dem von Thrillern?
Sina Beerwald: Ganz gleich, ob historischer Roman oder Thriller, beim Schreiben lebe ich immer in einer zweiten Welt, ich leide und fiebere mit meinen Protagonisten mit, und am Ende bin ich froh, diese so real erschienenen Ereignisse als Romanwelt zwischen zwei Buchdeckel gebannt zu wissen.

Wird ein Wiedersehen mit Inka geben?
Sina Beerwald: Ja. Ich habe das Gefühl, sie will mir noch einiges aus ihrem Leben erzählen.