SPECIAL zu Sobo Swobodnik und seinen Plotek-Romanen

Verhaftung und Verhör des Sobo Swobodnik

Ein Kneipendrama

Ort und Zeit: Kneipe. Gegenwart.

Robert Hültner: Hab die neue Plotek-Geschichte gelesen, in einem Rutsch. Aber gibs auf, Sobo. Du bist entlarvt. Leugnen ist zwecklos.
Sobo Swobodnik: Spielst du jetzt den Literatur-Kommissar oder was? Wieso entlarvt? Und was soll ich nicht leugnen?
Hültner: Tu nicht so scheinheilig. Du dehnst die Krimi-Konventionen dermaßen, manchmal bis zur Parodie, dass nur ein Schluss bleibt: Die klassische Rezeptur geht dir komplett am Arsch vorbei. Dass auf den Plotek-Romanen das Krimi-Etikett klebt, ist zwar nicht unbedingt verkehrt. Aber Dich interessiert dabei noch was anderes.
Swobodnik: Was heißt da „nicht unbedingt verkehrt“? Wenn in einer Geschichte auf den ersten Seiten ein Verbrechen passiert, ein paar hundert Seiten lang ermittelt und am Ende der Fall gelöst wird, dann ist das ein Krimi! In Kille Kille King gibt es sogar mehrere Verbrechen, eine Handvoll Tote, zwei – wenn auch wider Willen – Ermittler und sogar zwei Täter. Und der Leser kann miträtseln. Also, ist doch alles drin, was in einem Krimi drin sein soll?
Hültner: Jaja. Erinnert mich verdammt an das bekannte Handbuch Wasserkochen leicht gemacht.
Swobodnik: Bedeutendes Werk. Sagt Plotek. Und der kennt sich aus.
Hültner: Völlig seiner Meinung. Aber will da einer ausweichen?
Swobodnik: Ja, wieso?
(Pause)
Swobodnik: Red schon. Ist ja nicht so, dass es mich nicht interessiert.
Hültner: Na gut, bei so viel Ekstase: Was Du da auflistest, ist bestenfalls das Skelett. Das aber, um mehr als ein Haufen taubes Gebein zu sein, jeweils Fleisch braucht. Dass das Gerüst in den Plotek-Geschichten vorhanden ist, ist keine Frage. Auch jede Menge gutes, pralles Fleisch. Aber auch noch etwas anderes. Nämlich eine Handlung, bei der man sich immer wieder fragt: Was um Himmels willen machen die Leut da schon wieder? Vor allem: Warum? Ums kurz zu machen: Zur Konvention einer gepflegten Krimi-Story gehört, dass sowohl Motive als auch draus folgende Handlungen halbwegs plausibel sind. Mit dem ‚Gepflegten’ habens Plotek und sein Freund Vinzi aber eher nicht. Und als Leser machts einen fast beschwipst, wie die Geschichte von einer Überraschung zur anderen, von einer unerwarteten Wendung in die nächste wirbelt.
Swobodnik: Wenn er am Ende nicht kotzt, ists doch in Ordnung, oder? – Aber gäbs dafür auch Beispiele?
Hültner: Mehr als genug. Da sumpft unser Plotek anfangs am Tresen vor sich hin. Sein Masterplan ist, wie wir ja seit längerem wissen, das mindestens bis zum Jüngsten Gericht zu tun. Wenns ginge, noch länger. Plötzlich taucht ein zwielichtiger Schnösel auf und bequasselt ihn, seine abgewrackte Ferienbleibe an der Ostsee zu bewohnen. Was Plotek dann auch umgehend tut. Da fragt man sich doch erst mal: Warum geht Plotek, der bei genauer Betrachtung in seinen persönlichen Beziehungen ja verdammt heikel ist, auf das Angebot des Schwätzers ein? Und wieso lässt dieser jemanden in seine Lotterbude, von der – wie sich später rausstellt – man bloß eine lose Wandverkleidung abnehmen muss, um auf Beweise zu stoßen, die ihn für längere Zeit in den Knast bringen können? Was verspricht er sich davon? Oder hat er sie einfach nicht mehr alle beisammen?
Swobodnik: Ach. Wer hat das schon?
Hültner: Anderes Beispiel: Da taucht eine attraktive Schwangere auf, die nicht bloß auf Ploteks Hormonhaushalt erstaunliche Auswirkungen hat, sondern auch beim Leser – nennen wirs mal: leicht angeschrägte – Fantasien entzündet. Während man nun aber drauf geiert, dass wenigstens der gebeutelte Plotek von seiner Irritation irgendwann erlöst wird, darf die Gute später nur noch ein paar Mal ihre prallen Formen durch die Geschichte schwenken, um schließlich als weitgehend verzichtbare Nebenfigur entsorgt zu werden. Auch da fragt man sich: Hat man was Wichtiges überlesen? Und gleichzeitig keimt ein Verdacht auf: Bastelt der Swobodnik sich da nicht einfach was zusammen, was ihn dorthin katapultieren soll, wo er eigentlich hinmöchte?
Swobodnik: Auf jeden Fall nicht dahin, wo manch einer gerade herkommt. Wo Lieschen Müller ihren kalkulierten Nullachtfuffzehn-Brei köchelt. Vielmehr dahin, wo das Blunzengröstl zurück in die Blutwurst –
Hültner: Wuaargh! So was esst ihr auf der Alb?
Swobodnik: Na schön, dann Butter bei die Fische: Der Blick in die absurde, mitunter skurrile Banalität der zwischenmenschlichen Unzulänglichkeit wird bei den Plotek-Geschichten noch viel absurder, skurriler, banaler und unzulänglicher in Szene gesetzt. Wen... Sag, was gibts da eigentlich zu grinsen?
Hültner: Nichts, nichts. Red ruhig weiter.
Swobodnik: ... Wen wunderts, dass da ein verzerrtes Bild einer verzerrten Welt herauskommt? Aber ergibt nicht minus mal minus plus? Oder schief mal schief gerade? Oder anders herum: In einer Welt, und nicht nur der kriminalistischen, in der fehlende Vernunft und Moral alltagstauglich glänzen, führen Umstände zu Zuständen und zu einem kriminalistischen Programm jenseits der Logik, in der verzichtbare schwangere Nebenfiguren unverzichtbar werden. So sehr, dass sie im Folgeroman sogar wieder auftauchen... Was es da zu grinsen gibt, hab ich dich gefragt!
Hültner: Habs halt gern, wenn mir einer das Reden abnimmt. Und erst recht meine Argumente. Swobodnik: – ? – Also alter Ermittlertrick, um an ein Geständnis zu kommen?
Hültner: Hat doch wieder prima funktioniert, oder?
Swobodnik: Gemeinheit.
Hültner: Hab dir doch gesagt, dass Leugnen zwecklos ist. Sobo – Krimis sind für dich die Plattform, auf der du ne Art Free Jazz spielst. Mit Worten, Bildern, emotionalen und dramatischen Konstellationen jonglierst und Kontrapunkte und Synkopen da setzt, wo man es am wenigsten erwartet. Erinnert mich übrigens ein bisschen an die Storys von Boris Vian, der allerdings noch radikaler und ausschließlich am Sound interessiert war. Hierzulande ist so was riskant und eher selten, eine ferne Verwandtschaft scheints höchstens noch zu Steinfest, Slupetzky und, manchmal, zu Haas zu geben. Wo du dich aber von den bisher Genannten absetzt, ist, dass dein Wort-Jazz eine markante Blues-Note hat. Zwischen der demonstrativen Lakonie blinken nämlich immer wieder zum Heulen schöne, poetische Miniaturen auf, in die sich plötzlich Rimbaud- oder Celan-Zitate einfügen, als wären sie nur für deine Geschichten verfasst worden. Und wenn du an einer Stelle wieder Aberwitz auf Aberwitz häufst, reißt du unvermittelt aus und malst, fast altmodisch pinselfein, das Bild eines alten, melancholischen Katers aus. Als Metapher für eben jenen Blues, der möglicherweise die einzig adäquate Emotion ist, mit der ein halbwegs sensibler Mensch auf den Zustand der Gesellschaft reagieren müsste. Und spätestens da wird einem klar, dass die Plotek-Geschichten mehr sind als spielfreudige Dekonstruktion. Weil nicht bloß ein bestimmter Sound zu hören ist, sondern die unverwechselbare Haltung des Autors. – Aber jetzt: Beweiserhebung und Plädoyers sind abgeschlossen. Du hast das letzte Wort.
Swobodnik: Das lass ich lieber Plotek sagen: Prost.

Kille Kille King

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