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Soname Yangchen im Interview zu »Klang der Wolken«

»Die Begegnung mit dem Dalai Lama half mir, meinen Weg zu finden«

Soname Yangchen
© Urban Zintel
Soname Yangchen – das klingt jetzt komisch, aber: Wie riecht der Dalai Lama?
Soname Yangchen: Ich weiß schon, was Sie meinen. 2004 durfte ich in der Usher Hall in Edinburgh singen, bevor Seine Heiligkeit einen Vortrag hielt. Anschließend bedankte er sich bei den Künstlern, und ich stand ihm direkt gegenüber. Und da nahm ich seinen wunderbaren Duft wahr – es ist ein Wohlgeruch, den alle großen Lamas verströmen. Er hat etwas mit der Klärung der Energien zu tun. Aber das Überwältigende ist die Wärme, die man in seiner Gegenwart spürt. Es fühlt sich fast so an, als würde sich eine weiche Decke über dich legen. Sie macht tausende Menschen zu Familienmitgliedern. Ich habe das mehrfach erlebt, zum Beispiel im Frankfurter Fußballstadion, wo es sonst ja eher weltlich zugeht. Auf einmal, wenn Seine Heiligkeit da ist, wird es zu einem Treibhaus des Wohlwollens, in dem jeder genährt und durchdrungen wird, der das Glück hat, in seiner Nähe zu sein.

Was bedeuteten die Begegnungen mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter für Sie persönlich?
Soname Yangchen: Das erste Mal habe ich ihn 1989 getroffen, kurz nach meiner Flucht aus Tibet. Da hatte ich noch ziemlich unreife und kindische Ansichten. Aber schon damals bemerkte ich das Besondere an Seiner Heiligkeit. Später, in Edinburgh, wo ich für ihn sang, da erlebte ich einen transformativen Moment. Weil ich in seiner Gegenwart plötzlich merkte, wie viel meiner Zeit ich bereits verschwendet hatte – mit belanglosen Beschäftigungen, unsinnigem Klatsch und Tratsch, mit materiellen Dingen. Ich fühlte mich nicht wirklich gut mit mir und ich war wahrlich nicht erfreut, mit meinem »Selbst« auf diese Weise konfrontiert zu werden. Die Begegnung mit dem Dalai Lama half mir tatsächlich, meinen Weg zu finden, meine Sichtweise und mein Handeln zu verändern. Es war der Beginn von etwas Neuem, Kostbarem. Seither verbringe ich viel mehr Zeit mit den wichtigeren Dingen des Lebens. Irgendwie hat mich Seine Heiligkeit aufgeweckt.

Sie sagen, als Ausländerin hätten Sie in Deutschland einen gewissen Tibet-Bonus erfahren, weil hier zu Lande so viele Menschen geradezu Tibet-vernarrt sind ...
Soname Yangchen: Das stimmt. Auch andere Flüchtlinge, die hierher kommen, haben ja eine reiche Kultur und sind etwas ganz Besonderes. Aber wir Tibeter werden, wo immer wir hinkommen, von den Menschen außerordentlich gut behandelt. Ich glaube, das ist so, weil die Welt enormen Respekt davor hat, wie unermüdlich sich seine Heiligkeit für viele gute Sachen einsetzt. Ob wir einfachen Tibeter allerdings durch unsere bloße nationale Zugehörigkeit dieser Flagge der liebevollen Güte gerecht werden, ist eine ganz andere Frage ...

»Klang der Wolken« ist auch ein Plädoyer: für das große Wunder namens Freiheit, das für viele von uns ein (allzu) selbstverständliches Gut ist. Sie haben sehr lange für Ihre eigene Unabhängigkeit gekämpft. Was bedeutet Freiheit für Sie?
Soname Yangchen: Nehmen wir beispielsweise Indien. Das Land ist faktisch eine Demokratie, in der es ein ordentliches Rechtssystem gibt. Freiheit ist aber auch die Abwesenheit von sozialem Druck, von Vorurteilen, von Verbannung. Im Westen geht man einfach seinen Geschäften nach. Hier gibt es – für Frauen wie für Männer – viel weniger gesellschaftliche Hürden zu nehmen. Hier kann man einfach tun, was man möchte, und keiner mischt sich groß ein.

Sie schreiben: »Hier in Europa herrschen Verhältnisse, dass ich immer wieder quietschen könnte vor Freude.« Wissen Sie noch, was Sie anfangs am meisten fasziniert hat?
Soname Yangchen: Oh ja, mein Freund Marc nahm mich mit in einen französischen Supermarkt. Ich liebte es, an den verschiedenen Shampoos und Flaschen zu riechen. Ich hatte jede Menge Spaß mit den Drehtüren – und jenen, die sich automatisch öffneten und schlossen! Ich denke, selbst Sechsjährige hätten meine riesige Freude damals kindisch gefunden ...

In Ihrem neuen Buch geben Sie viele inspirierende Impulse für ein zufriedeneres Leben. Es ist interessant, dass Sie im Grunde erst in Europa, fern von Ihrer kulturellen bzw. spirituellen Wiege, zum Buddhismus gefunden haben. Wie kam das?
Soname Yangchen: Wissen Sie, ich hätte nie gedacht, dass mein erstes Buch ein Erfolg wird. Ich habe es eigentlich nur geschrieben, weil mich so viele Leute, die mich als Sängerin kennengelernt haben, nach meiner Lebensgeschichte fragten. Das Gleiche gilt fürs zweite Buch. Ich bin ja keine Lehrerin, aber wenn es nur zehn Leuten irgendetwas gibt, wäre ich schon glücklich. Dann hätte es seinen Zweck erfüllt. Die Begegnung mit dem Dalai Lama, aber auch ein Netzwerk aus guten Freunden führten mich zu großartigen Lehrern. Was das Lernen im Westen anbelangt: Wir sind hier wirklich gesegnet. Wir springen auf einen Zug, buchen ein Ticket, schalten eine Webcam ein. Was für Möglichkeiten!
In Tibet lebt die Bevölkerung weit übers Land verstreut; viele Straßen und Dörfer sind nicht richtig zugängig. Die meisten Menschen in ländlichen Regionen können sich glücklich schätzen, überhaupt lesen und schreiben zu können beziehungsweise jemals auf einen Lehrer zu treffen, der Texte für sie interpretiert. Alle Schaltjahre kommt da mal ein Lama vorbei. Was für ein Leben! Die Tibeter haben viel Vertrauen und Herzenswärme, sie sind sehr gute Menschen, aber sie haben nicht so viel Zugang zur Lehre wie wir hier im Westen. Trotz allem: Das Meiste über den Buddhismus habe ich von meiner Familie gelernt. Meine Mutter und Großmutter haben mich nachhaltig geprägt. Ich liebe und ehre sie tief in meinem Herzen für alles, was sie mir gegeben haben. Sie waren meine ersten Lehrerinnen.

Was würden Sie sagen: Welche Erkenntnis aus dem Buddhismus ist am wichtigsten in unserer Zeit, in der so viele Menschen vom mehr-Haben, mehr-Wollen, vom Höher-Schneller-Weiter besessen sind – und im Grunde unglücklich, neidisch oder frustriert?
Soname Yangchen: Gerade eben habe ich einen Podcast mit Belehrungen seiner Heiligkeit angehört. Sein Rat ist so viel wertvoller als jeder, den ich geben könnte. Er sprach über die Notwendigkeit von Geduld, Vertrauen und Harmonie. Ich denke auch, es ist viel besser, die Dinge langsamer und geduldiger zu tun – dafür aber mit einem Lächeln im Gesicht oder einer herzlichen Geste. Mir ist das lieber als diese kalte Effizienz, verbunden mit einem in Falten gelegten Gesicht. Wenn du kein Vertrauen hast – so interpretiere ich das zweite Beispiel Seiner Heiligkeit – erscheint dir die Welt fad und banal, öd und leer. Ohne Vertrauen leben wir in einer rein materialistischen Welt ohne Magie. Die singende Seele, der Vogel in deinem Herzen, ist dann leise oder verstummt. Den dritten Punkt, die gesellschaftliche Harmonie, habe ich so verstanden: Was, wenn du Erfolg hast, aber niemanden, mit dem du ihn teilen kannst? Was, wenn du in Wohlstand lebst und eine angesehene Person bist, aber niemand mit dir Mittagessen möchte, weil du selbstsüchtig bist? Welchen Wert hat dann dein Erfolg, führt er dich etwa zum Glück? Wenn wir in Harmonie mit unseren Mitmenschen leben, dann unterstützen wir einander in guten wie in schlechten Zeiten.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Klang der Wolken

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