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"Good As Gone" - 11 Fragen an die Autorin Amy Gentry

1. In Good as Gone wird die junge Julie aus dem Haus ihrer Eltern entführt. Nach acht Jahren taucht plötzlich eine erwachsene Frau auf und behauptet, die verschwundene Tochter zu sein. Niemand ist sich allerdings wirklich sicher, ob ihre Geschichte wahr ist. Wie sind Sie auf dieses spezielle Thema gekommen?



Die erste Inspiration zu dieser Geschichte bekam ich 2003 durch die Entführung von Elizabeth Smart, bei der – während die Familie nebenan schlief – ein junges Mädchen aus ihrem eigenen Schlafzimmer gekidnappt und neun Monate lang gefangen gehalten wurde, bis man sie schließlich fand. Besonders die mediale Berichterstattung um den Fall hat mein Interesse geweckt: man schien sich hauptsächlich darauf zu konzentrieren, was für eine unschuldige und hübsche Frau Elizabeth war – das „perfekte Opfer“ eines abscheulichen Verbrechens. Ich begann, mir ein Szenario vorzustellen, in dem eine Frau, die von außen wie ein „perfektes Opfer“ aussieht, in Wirklichkeit noch viel mehr unter der Oberfläche verbirgt. Ich las zu der Zeit sehr viel Henry James und war fasziniert von der Idee einer Frau, deren Tochter nach solch einem Martyrium nach Hause zurückkehrt, und die feststellen muss, dass sie sich über die Identität ihrer eigenen Tochter unsicher ist. Das kam mir fast genauso furchteinflößend vor wie das ursprüngliche Entführungstrauma.

2. Was waren Ihre Ziele und Vorhaben in diesem Buch?



Ich wollte das Mutter-Tochter-Verhältnis erforschen, das ebenso sehr auf Angst wie auf Liebe aufgebaut ist – Angst, dass der Tochter etwas Schlimmes zustoßen oder sie eines Tages zu einer Fremden werden könnte. Auch wollte ich einen genaueren Blick auf den Mythos des „perfekten Opfers“ werfen, der verlangt, dass Vergewaltigungsopfer sich auf eine bestimmte Weise verhalten und aussehen, oder andernfalls riskieren, unser Mitgefühl zu verlieren. Ich wollte untersuchen, was Traumata mit der Selbstwahrnehmung einer Person anstellen können, und wie wir als Gesellschaft das interpretieren.

3. Die Geschichte von Julie und ihrer Mutter spielt in Houston, Ihrer Heimatstadt. Was hat es für Sie bedeutet, so einen bekannten, ja sogar persönlichen Ort zu wählen?



Ich habe versucht, das Buch in einigen anderen Städten spielen zu lassen, aber es hat einfach nicht funktioniert. Ich habe mich lange gegen Houston gewehrt, weil es meine Heimatstadt ist und mir das zu einfach vorkam. Aber etwa auf halbem Weg durch das Buch ist mir klar geworden, dass Houston die perfekte Stadt für eine Geschichte über zerrissene Identitäten ist. Houston ist für seine minimalen Baugesetze bekannt, was zu spannenden Gegensätzen führt. Es hat ein trügerisch homogenes Stadtbild, wo sich so gut wie alles hinter der nächsten Ecke verstecken könnte – oder sogar in unmittelbarer Sichtweite. Ich erinnere mich noch, die meiste Zeit in Autos auf Freeways verbracht zu haben, während ich dort aufwuchs. Autofahren ist dort ein sehr wichtiges Zeichen für Unabhängigkeit, zugleich aber auch ein Privileg. Die größte Klassenteilung in einer Stadt mit schlecht ausgebauten öffentlichen Verkehrsmitteln besteht in der Frage, wer ein Auto hat, und wer nicht; wenn man in einem Auto sitzt hat man einen gewissermaßen gehobenen, isolierten Platz, von dem aus man seine Umgebung beobachten kann, ohne mit ihr interagieren zu müssen. Außerdem ist es ein großartiger Ort, um eine unangenehme Unterhaltung mit jemandem zu führen – man sitzt die ganze Zeit Seite an Seite nebeneinander, sieht sich aber nicht an. Sobald ich also meine Entscheidung gefällt hatte, wusste ich, wo bestimmte Teile des Buches stattfinden würden, wie die Wiedervereinigungsszene der Schwestern, und sogar der Höhepunkt der Handlung, der bei einem Wahrzeichen stattfindet, das, wie auch alles andere in Houston, mit Geld aus Ölgeschäften und Shopping in Kontext steht. (Und ich musste mir keine Sorgen mehr machen, dass es zu „einfach“ wäre; zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass nichts am Romanschreiben einfach ist!)

4. Was war der schwierigste Teil beim Schreiben dieses Buches und was hat Ihnen am meisten gefallen?



Nachdem ich mich als Hintergrundstruktur der Erzählung für Abschnitte aus Julies Perspektive entschieden hatte, fand ich es außerordentlich knifflig, diese verständlich und überzeugend mit dem Rest zu verknüpfen; was gleichzeitig aber auch befriedigend war, wie das Lösen eines Rätsels. Der wahrscheinlich schwierigste Teil war die Recherchearbeit zu Kindesentführungen und deren Effekt auf Familien, die extrem aufwühlend für mich war. Einer der angenehmsten Aspekte war vielleicht, Annas Sichtweise anzunehmen, die meiner eigenen sehr ähnlich ist, aber ein bisschen gemeiner, ein bisschen härter, und ein ganzes Stück wütender. Ich habe das als sehr befreiend empfunden.

5. Die Charaktere in Good as Gone sind alle angetrieben von unterschiedlichsten Motiven, verschiedensten Gefühlen, und gehen mit der Situation jeweils auf ihre ganz eigene Weise um. Haben Sie eine Lieblingsfigur? Falls ja, wer ist es, und warum?



Ich mag verschiedene Charaktere zu unterschiedlichen Zeitpunkten am liebsten, aber Jane liebe ich immer. Sie ist so eine Göre und selbstzerstörerisch, gleichzeitig aber auch diejenige, die am klarsten sieht, eine richtige Cassandra. In mancher Hinsicht hat sie nach Julies Entführung das Schlimmste der Familiensituation abbekommen; sie war zutiefst traumatisiert, aber ihre Eltern waren zu beschäftigt, mit ihrem eigenen Trauma zurechtzukommen, um sich richtig um sie zu kümmern. Letztlich konnte ich nicht mehr Kapitel für ihre Perspektive einräumen, weil das zu viel verraten hätte, aber ich wünschte, ihre Stimme hätte mehr Raum bekommen können. Eine andere Figur, die ich liebe, ist der Privatdetektiv Alex Mercado – ihm würde ich gerne eines Tages ein eigenes Spin-Off schreiben; und vielleicht werde ich das auch.

6. Wie konstruieren Sie Charaktere? Gibt es Ähnlichkeiten zu Ihnen oder Personen, die Sie kennen?



Sie sind alle ein bisschen ich, ein bisschen Familie und Freunde, ein bisschen Vorstellung. Julie war am schwierigsten zu konstruieren, weil sie nicht durchschaut werden will. Ihre Figur ist eine Lügnerin, und ich hatte manchmal das Gefühl, dass sie sogar mich belog, deswegen musste ich mit ihr ganz zurück zum Anfang gehen und beinahe ihre ganze Lebensgeschichte schreiben bis ich verstanden habe, wer sie zum heutigen Zeitpunkt ist. Im Gegensatz dazu ging Anna ganz leicht von der Hand, obwohl ich nie eine Mutter war. Ihre Art die Welt zu sehen habe ich von Beginn an verstanden.

7. Sie haben Ihre Karriere als Schriftstellerin mit Buchrezensionen, Kulturkritik und einer Mode-Kolumne begonnen. Wie sind Sie dazu gekommen, plötzlich einen Thriller zu schreiben, der einem die Haare zu Berge stehen lässt?



Als mir 2003 die Idee zu Good as Gone kam, hatte ich keine Ahnung, dass es ein Thriller werden würde. Ich las zu der Zeit nicht viel aus dem Genre und hätte gesagt, dass meine Lieblingsautoren Henry James und Dostojewski wären. Aber als ich schließlich vor ein paar Jahren anfing, das Buch zu schreiben, hatte ich viel von Patricia Highsmith und Ruth Rendell gelesen, und verstand, dass die Grundpfeiler eines Thrillers keine anderen als die eines Henry James Romans sind – im Kern handeln sie von existentiellen Bedrohungen, besonders von der Unmöglichkeit, die Menschen vollständig zu kennen (oder von ihnen gekannt zu werden), von denen dein Leben abhängt. Mehr noch: als ich über die Belange von Frauen schrieb und als Freiwillige in einem Frauenhaus arbeitete, wurde mir zusätzlich klar, dass das Genre des Thrillers sich sehr gut für die Schilderung der Erfahrungen von Frauen in dieser Welt eignet. Frauen sind von klein auf das Ziel von Anfeindungen, Bedrohungen und Misshandlungen, was ihnen eine Art gerechtfertigte Paranoia anerzieht, die perfekt mit dem Noir Genre harmoniert. Als ich schlussendlich herausgefunden hatte, dass Good as Gone ein Thriller war, habe ich es gerne so angenommen.

8. Wenn Sie Ihrem jüngeren schriftstellerischen Selbst etwas sagen könnten, was wäre das?



Ich würde ihr sagen, dass Romane zu schreiben eine konkrete Karriereoption ist, dass man es schaffen kann. Ich denke nicht, dass ich das geglaubt habe, als ich 23 war. Ich war in dem Alter kurz davor, einen Roman fertigzuschreiben, habe mich aber stattdessen selbst sabotiert, und es hat ein ganzes Jahrzehnt gedauert, bis ich es noch einmal ernsthaft versucht habe.

9. Was lesen Sie in Ihrer Freizeit?



Ich lese viele weibliche Schriftstellerinnen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - Molly Keane, Barbara Pym – “Spinster Lit”-Geschichten, in denen Frauen nach dem Ersten Weltkrieg versuchen, die häusliche Domäne ohne ausreichend Männer zu bestreiten. Das beste Beispiel dieses Genres, das ich erst kürzlich gelesen habe, ist Lolly Willowes von Sylvia Townsend Warner (1926). Ich liebe auch Schilderungen von Schizophrenie aus erster Hand. Es gibt einige Fantasy- und Horrorautoren, Kelly Link, Shirley Jackson, Helen Oyeyemi, zu denen ich immer und immer wieder zurückkehre.

10. Wer sind Ihre Lieblingsautoren, von denen Sie das Gefühl haben, dass sie Einfluss auf Ihre Arbeit hatten?



Patricia Highsmith, Henry James, Ruth Rendell, und Rendell's Alter-Ego Barbara Vine stehen alle an der Spitze meiner Liste, ebenso wie die Schriftsteller, die ich oben erwähnt habe. Dieses Jahr haben mich die Bücher von Tessa Hadley (The Past), Han Kang (The Vegetarian), und Marie NDiaye (Ladivine) inspiriert, über spezielle Aspekte meines eigenen Schreibens nachzudenken, mit denen ich experimentieren könnte.

11. Welche Frage wurde Ihnen in Interviews noch nie gestellt, die Sie aber gerne beantworten würden?



Die Figur der Julie muss durch das Buch hinweg so viele verschiedene Arten von Gewalt und Ausbeutung erdulden. Warum war es Ihnen so wichtig, einen einzelnen Charakter so viele düstere Szenarios durchleben zu lassen?

Ich habe die Szenen nicht eingebaut, um den Leser zu schockieren oder aufzuwühlen. Vielmehr ist das in Julies Geschichte eingeflossen, was ich aus meiner Freiwilligenarbeit mit Überlebenden häuslicher und sexueller Gewalt, von Einzelberichten, und von meiner eigenen Recherche weiß. Die Opfer von Traumata haben eine Tendenz, erneut traumatisiert zu werden, zum einen aufgrund struktureller Faktoren, zum anderen, weil sie immer noch mit den Nachwirkungen des Traumas zu kämpfen haben. Besonders wichtig war mir, dass Julies Überlebenswille sie manchmal zu „schlechten“ Entscheidungen getrieben hat. Ich wollte, dass die Leser mit ihr mitfühlen, ohne ihr Handeln zu romantisieren. In erster Linie wollte ich, dass Julie ihre Selbstbestimmtheit beibehält. Einige Eltern junger Mädchen haben auf das Buch (und das durchaus verständlicherweise) mit dem Schwur reagiert, besser auf ihre Töchter aufzupassen. Mein Appell wäre: Versuchen wir besser, uns auf die strukturellen Faktoren zu konzentrieren, durch die Frauen Gewalt preisgegeben sind, statt uns selbst und unseren jungen Frauen die Last aufzubürden, wachsamer zu sein.

Good as Gone Blick ins Buch

Amy Gentry

Good as Gone

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