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Special zu Christoph Süß »Morgen letzter Tag!«

Eine kurze Auswahl zum nahenden Weltende …

1. Versuch:
Im 2. Jahrhundert n. Chr. sah der Prophet Montanus das nahende Ende, weil der Geist über ihn gekommen war. Das veranlasste später die Kirche, die Besitzverhältnisse am „Geist“ ein für alle Mal zu klären. Ergebnis: Der Heilige Geist gehört nur der Kirche. Propheten von außerhalb der heiligen Mutter Kirche können aus Prinzip nicht vom Geist beseelt sein. Deswegen blieb das Ende wohl auch aus. Die letzte Erwähnung finden die Montanisten im Jahr 714, da verbrennt sich einer der Anhänger der Lehre selbst. Und da ja jeder Mensch eine kleine Welt für sich darstellt, endete sie also doch in diesem Jahr, für den armen Mann im Feuer. Grausig.

2. Versuch:
Der nächste sichere Termin war auf das Jahr 500 angesetzt, da man errechnet hatte, dass die Welt 5500 v. Chr. erschaffen wurde (ein Montag vermutlich). Und da man davon ausging, ihr Haltbarkeitsdatum würde nach 6000 Jahren enden, sollte sie deswegen ordnungsgemäß im Jahr 500 vom Herrn aus dem Weltregal genommen werden. Aber wie bei so vielen Sachen war auch die Welt noch nach Ablauf der Haltbarkeit zu gebrauchen. Anschließend besann man sich und datierte die Erschaffung der Welt auf das Jahr 5200 v. Chr. vor. Also sollte es im Jahr 800 so weit sein. Ergebnis siehe oben.

3. Versuch:
Der Hammer-Termin schlechthin war freilich der 31.12.999, da musste es klappen. Immerhin ist die Zahl 999, wenn man sie auf den Kopf stellt, 666. Und 1000 Jahre sind dann auch vorbei. Also an sich ein klare Sache. Das verkündete auch Papst Silvester II. Also, Papst Silvester verkündete an Silvester, dass das nun das letzte Silvester sein würde. Nach dem Riesenfeuerwerk würde der 1. Januar nicht mehr stattfinden – mangels Welt. Das löste eine europaweite Hysterie aus. Als man dann am 1. Januar aber doch wieder mit Kopfschmerzen erwachte, meinte der Papst klug, die Welt sei aufgrund von seinen Gebeten doch noch mal verschont worden. (Das Silvesterfest bekam seinen Namen allerdings von Papst Silvester I., der am 31.12.335 verstorben war.)

4. Versuch:
Als Nächstes war das Jahr 1000 freilich ein heißer Termin, weil „Millennium“. Das Jahr 1033 aber auch, weil Jesus, wie man ja weiß, 33 Jahre alt geworden war. 1000 Jahre nach dessen Tod müsste doch nun aber wirklich … Nein, wieder nichts.
Im 10. und 11. Jahrhundert häuften sich die Zeichen. Immer wieder sahen Astrologen neue helle Sterne, die wir Ungläubigen heute als explodierende Supernovae deuten würden, oder der Halley'sche Komet kam wieder mal vorbei. Alles klare Zeichen für das Weltende. Und nicht die einzigen. Hartmann Schedel berichtet in seiner berühmten Weltchronik 1493 für den betreffenden Zeitraum von der Geburt eines vierfüßigen Huhns. Außerdem wurde ein Schwein mit menschlichem Gesicht geboren. (Das ist danach allerdings auch noch öfters vorgekommen.) Und ein Junge kam mit Hundeleib zur Welt. (Das gab's hoffentlich danach nie mehr.) Und Blut geregnet hat es auch. Dennoch ließ der Herr die verschiedenen von Experten vorgeschlagenen Termine für das Weltende ungenutzt verstreichen.

5. Versuch:
Die Drei-Zeiten-Lehre von Abt Joachim von Fiore teilt das Dasein in drei Phasen:
1. Die Zeit des Vaters.
2. Die Zeit des Sohnes.
3. Die Zeit des Geistes.
(Wäre schön, wenn die dann demnächst anbrechen würde.) Dieses dritte Zeitalter wird auch das „Dritte Reich“ genannt. Fußend auf dieser Lehre wurde für den Weltuntergang das Jahr 1260 errechnet. Danach wurde dann nachgerechnet.

6. Versuch:
Für das Jahr 1524 hatten die Astrologen wieder eine unheilverkündende Konstellation im Angebot. Martin Luther wollte die „Apokalypse des Johannes“ zwar zunächst gar nicht in seine Bibelübersetzung mit aufnehmen, sondern den irren Text in die Apokryphen verbannen. Dann aber hätte er den Papst schlecht als Antichristen beschimpfen können, denn leider kommt der Begriff wörtlich eben nur im letzten Kapitel des Neuen Testaments vor. Außerdem war sich Luther ebenfalls sicher, dass bis zum Jahr 1600 die Welt untergegangen sein würde. Was aber, wie jeder weiß, kein Grund war, nicht doch noch auf die Schnelle ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Angeblich hatte Luther drei Termine für die Apokalypse vorgeschlagen, um sich dann aber schließlich auf das unverbindliche „bald“ zu reduzieren.

7. Versuch:
Das Jahr 1666 war schließlich rein rechnerisch ein Renner. 666 als die Zahl des Tieres. Und noch 1000 Jahre obendrauf (1000-jähriges Reich!). Da hätte es aber wirklich klappen müssen … Aber, na ja … hatte ja schon an Silvester 999 nicht funktioniert.

8. Versuch:
1814 war wieder ein möglicher Termin, er wurde von der britischen Seherin Joanna Southcott als Weltuntergangstermin festgesetzt. Sie behauptete, mit dem Messias schwanger zu sein. Zehntausende Anhänger waren begeistert. Auch dann noch, als sie im Oktober 1814 plötzlich verstarb, ohne je schwanger gewesen zu sein. Egal. Ein schöner Event. Der Kult um die schein- und unheilschwangere Seherin hielt sich noch fast bis ins 20. Jahrhundert.

9. und 10. Versuch:
Den 21. März 1843 hatten verschiedene Theologen errechnet. War nix. Deswegen sollte es dem Baptistenprediger William Miller zufolge genau ein Jahr später endlich so weit sein. Wieder nix. Miller verschob dann noch mal auf den Oktober desselben Jahres. Und … Auch nix. Egal. Miller wurde Mitbegründer der bis heute in Amerika sehr erfolgreichen Adventbewegung. Einer religiösen Erweckungsbewegung, in der ständig auf die Wiederkunft des Herrn gewartet wird. Advent. Advent. Die Erde brennt.

11. bis 19. Versuch:
1864 erwarten Reverend Irving und seine Anhänger das Ende.
1874: die Zeugen Jehovas.
1881: eine andere britische Wahrsagerin.
1891: der Gründer der Mormonen.
Dann natürlich 1900. Und 1901.
1914: noch mal die Zeugen Jehovas. Wieder kein Ende. Dennoch, für viele Europäer stimmt der Termin irgendwie doch, aber das sollte sich erst noch herausstellen. Im Ersten Weltkrieg geht tatsächlich die „alte Welt“ der Kaiserreiche unter.
1919: wieder mal der Halley'sche Komet.
1925: noch mal die Zeugen Jehovas.

So, und jetzt machen wir dann langsam Schluss. Von da ab wird freilich noch Hunderte Male das Ende verkündet. Die Nazis errichteten ihr „Drittes Reich“, das freilich auch ein „1000-jähriges“ sein sollte, aber „nur“ zwölf schlimme Jahre hielt. Und sie organisierten auch gleich noch den Untergang mit. Der wurde dann später von Bernd Eichinger verfilmt.
Danach gab es noch unzählige Prophezeiungen des Endes. Manchmal verbunden mit sehr unschönen Szenen von Massenselbstmorden der Sektenmitglieder, die lieber tot sind als im Unrecht. Das Jahr 2000, Millennium II., war freilich wieder ein weltweiter Renner, aber nicht mal die Computer gingen aus. Und obwohl auf vielen Silvesterpartys „99 Luftballons“ von Nena gespielt wurde, was als ziemlich eindeutiges Zeichen gedeutet werden kann, war am nächsten Morgen nur wieder sehr vielen Menschen sehr schlecht.
Der nächste heiße Termin ist 2012, weil da der Kalender der Mayas endet und die Welt mutmaßlich gleich mit. Oder die Mayas hatten einfach nicht damit gerechnet, dass irgendjemand irgendwann einmal ihren Kalender zu Ende lesen würde, sonst hätten sie bestimmt einen Vermerk hinterlassen wie „ab hier bitte selber weiterführen, uns war's zu blöd“. Immerhin gehört das Lesen von Kalendern zu den langweiligsten Dingen, die in diesem Universum vorstellbar sind.