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Warum wir ticken, wie wir ticken: »Das Geheimnis der Psyche« von Leon Windscheid

Unterhosenmillionär

So durchbricht man die Spirale der Angst und gewinnt bei Günther Jauch
(Textauszug aus: »Das Geheimnis der Psyche«)

Mein Wer wird Millionär?-Abenteuer hat ganz geplant mit meiner Unterhose angefangen und ganz zufällig mit Günther Jauchs Unterhose aufgehört und obendrein ziemlich viel mit meiner Psyche zu tun gehabt. Von all dem hat man im Fernsehen aber nichts gesehen.

Vielleicht haben Sie damals zugeschaut, als ich auf dem Stuhl gelandet bin. Bevor man als Kandidat bei Wer wird Millionär? das erste Mal überhaupt wirklich aktiv wird, hat man nur einen Job. Und zwar strahlend in die Kamera zu gucken, die einem am Nachmittag bei der Studioprobe zugewiesen wurde. Kamera eins oder zwei. Keine so leichte Aufgabe, wenn man aufgeregter ist als jemals zuvor. Während man nämlich sein schönstes Colgate-Grinsen in Millionen deutsche Wohnzimmer halten soll, liest eine verheißungsvolle Erzählerstimme aus dem Off einen kleinen Spruch zum jeweiligen Kandidaten vor. Wer dabei in die falsche Kamera guckt, kommt gleich ziemlich verpeilt rüber. Und natürlich ist die Sorge vor einer öffentlichen Blamage eine der größten Ängste, die man hat, wenn man bei Günther Jauch im Studio sitzt.

So grinste ich also etwas verspannt korrekt in Kamera eins, während die Erzählerstimme vorlas: »Leon Windscheid aus Münster. Der Psychologe hat sich in Unterhosen auf die Sendung vorbereitet.« Irgendwie kamen Jauch und ich dann aber in keiner der drei Folgen, in denen ich Kandidat sein durfte, dazu, über die Unterhose zu sprechen. Schade eigentlich, denn ich weiß, dass mir meine zugegebenermaßen etwas spezielle Psycho-Vorbereitung auf dem Weg zur Million sehr geholfen hat.

Aber beginnen wir am Anfang. In der neunten Klasse sollten Paul, einer meiner engsten Freunde, und ich den versammelten Pubertisten im Rahmen der Unterrichtsreihe »Sex – aber sicher« das Kondom näherbringen. Nichts leichter als das! Während die Mädels Kaugummi kauend jedes Interesse leugneten, um ihre Reife zu betonen, pumpten Paul und ich unter den gellenden Anfeuerungsrufen der noch eher viertel- als halbstarken Jungs ein Billy-Boy-Kondom mit einer Doppelhubzylinderpumpe auf. Unser Biolehrer Dr. Conradt, der Jahre später einer meiner drei Telefonjoker werden sollte, fragte mit verzogenem Gesicht und zugehaltenen Ohren, welchem Zweck diese Übung diene. Meine Erläuterung, dass nur so veranschaulicht werden könne, welches beachtliche Fassungsvermögen ein Präservativ hat, ließ ihn kalt.

Als der riesige Ballon mit einem lauten Knall endlich platzte und die Tafel mit feuchten Latexfetzen gesprenkelt war, waren die Jungs nicht mehr zu halten. Wir stolzen Referenten verbeugten uns und ernteten Applaus und Zugabe-Rufe, während sich Biolehrer Conradt kopfschüttelnd eine Drei minus notierte.

Mit Erfolgserlebnissen dieser Art im Hinterkopf, blieb ich ganz entspannt, als uns unser Dozent beim Thema »Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten« in Psychologie Semester eins Themen für unser erstes Referat an der Uni zuteilte. Eine Viertelstunde Vortrag. »Nichts leichter als das«, dachte ich und stellte am Abend vorher ein paar PowerPoint-Folien zusammen. Üben? Nicht nötig. Wir waren zum freien Vortragen aufgefordert worden. Auf einer Seite in meinem Collegeblock hatte ich also in Stichpunkten die wichtigsten Eckdaten der Studie notiert, die ich vorstellen sollte. Eine witzige Einleitung und das Fazit würde ich mir dann spontan überlegen. So der Plan. Aber alles kam anders.

Am Morgen des Referats beschlich mich am Eingang des grauen Betonklotzes, in dem die Westfälische Wilhelms-Universität ihre Psychologiestudenten unterbringt, zum ersten Mal ein noch eher unbewusstes Gefühl von Beklemmung. Kondome aufpumpen vor Klassenkameraden ist einfach. Dauert drei Minuten, man muss nicht viel sagen und (fast) alle lachen. Dass das kein Vergleich ist zu einem Fachvortrag vor 30 Studenten, die man kaum kennt, wurde mir schlagartig bewusst, als unser Dozent seine kurze Begrüßung schwungvoll mit dem verheißungsvollen Spruch »The stage is yours, Leon Windscheid« beendete.

Mit einem Mal war die Angst voll da. 62 Augen richteten sich erwartungsvoll auf mich. Jetzt spürte ich jede Ader in meinem Körper. Mir wurde heiß. Sehr heiß. Obwohl es schon Ende Oktober war, fühlte ich mich nassgeschwitzt wie in der Sauna. »Bumm, bumm, bumm bumm«, hämmerte es in meinem Kopf, und ich wartete nur darauf, dass mein Hirn wegen Überhitzung den Geist aufgab. Das Schlimmste: Es war weiter gar nichts passiert. Ich saß noch immer auf meinem Platz in Reihe vier.

An den Vortrag selbst habe ich keine Erinnerungen. Irgendwie muss ich das Ganze halb stotternd, halb schweißwischend überstanden haben. Jedenfalls lebe ich noch. Nachher war ich stinksauer auf mich. Woher kam die Angst? Es gab doch gar keinen Grund dafür. Und wieso hatte mich die Angst so aus der Bahn werfen können? Die Antwort zeichnete eine Dozentin ein paar Wochen später in einem anderen Seminar mit einem dicken, schwarzen Edding auf ein Flipchart: eine Windhose aus nur einer Linie. Darüber schrieb sie in großen Lettern: Die Spirale der Angst.

»Die Spirale der Angst«, so erklärte sie, »ist der Feind von Menschen mit Angststörung.« Angststörungen sind sehr verbreitetet. Sie reichen von Phobien vor Spinnen oder Höhe über Zwangsstörungen mit krankhaftem Händewaschen bis hin zu Ängsten vor sozialen Kontakten. Wenn man eine Angststörung aus psychologischer Sicht verstehen möchte, muss man zuerst klären, was Angst überhaupt ist. Auch wenn jeder das unangenehme Gefühl Angst kennt, wissen nur wenige, dass Angst überlebenswichtig ist. Unsere Angstreaktionen sind alt. Mit ›alt‹ meine ich: steinalt. Wenn der Neandertaler einen Bären sah, stieg sein Blutdruck. Er atmete schneller, und das Blut wurde aus Händen und Füßen abgezogen, um in die quer gestreifte Muskulatur zu fließen. Das bereitet den Körper auf Flucht und Kampf vor. Alle furchtlosen Macho-Neandertaler wurden vom Bären gefressen. Die vorbereiteten Angsthasen konnten hingegen fliehen. Psychofakt eins zur Angst ist also, dass sie eine ganz natürliche und durchaus nützliche Reaktion ist.

Natürlich ist es leichter, nicht vom Bären gefressen zu werden, wenn man dem Bären gar nicht erst begegnet. So haben wir heute alle auch ein paar Neandertaler-Schissergene in uns. Und die bewirken, dass wir nicht nur dann Angst kriegen, wenn wirklich ein Grund dafür besteht – wenn der Bär also plötzlich vor uns auftaucht –, sondern sicherheitshalber auch dann schon, wenn es nur sein könnte, dass irgendwo hinter uns ein Bär steht. Rascheln im Busch? Ein komischer Geruch in der Luft? Für nicht lebensmüde Neandertaler muss das gereicht haben, Angst zu bekommen und zu fliehen. Lieber umsonst weglaufen, als einmal vom Bären gefressen zu werden. Psychofakt zwei zur Angst ist, dass wir auch dann Angst bekommen können, wenn gar keine echte Gefahr im Verzug ist. Und genau hierin besteht das Problem.

Menschen, die unter einer Angststörung leiden, machen bei der Bewertung von Situationen »Fehler«. Sie reagieren zu stark. Während ein normaler Kinobesucher im Dunkeln den Film genießt, macht dem Angstpatienten die Dunkelheit richtig zu schaffen. Wohin fliehen, wenn es anfängt zu brennen? Man kann ja kaum den Ausgang sehen. Und diese engen Gänge zwischen den Stuhlreihen – was, wenn eine Panik ausbricht? Dann sterben doch alle.«

Diese Gedanken sind der Anfang der Spirale der Angst. Auch wenn natürlich längst nicht jeder an einer Angststörung leidet, kennt doch jeder von uns die Spirale der Angst. Vielleicht haben Sie sie so, wie ich erlebt, bei einem Vortrag vor Kommilitonen oder Kollegen (»Oh Gott, ich schwitze, und alle können es sehen«), beim Weg zur S-Bahn (»Habe ich den Stecker vom Bügeleisen sicher rausgezogen? «) oder im Keller (»Da sitzt eine riesige schwarze Spinne in der Ecke«).

Der Kerngedanke bei der Spirale der Angst ist, dass sich unsere Angstreaktion aufschaukeln kann. Genau das hatte ich bei meinem Referat in der Uni erlebt. Ein kleines Anzeichen von Angst bringt uns in Habachtstellung. Jetzt sind wir besonders sensibel für alles, was eine Gefahr sein könnte: Ich denke, dass ich schwitze. Das ist peinlich. Alle sehen das. Jetzt steigt mein Angstniveau. Sofort wird mir noch wärmer. Jetzt sehe ich, dass ich unter den Achseln schon zwei Schweißpfannekuchen auf dem Hemd habe. Die Mädels in Reihe drei fangen an zu kichern, oder? Für mein Hirn sind das alles Gefahren. Was tun bei Gefahr? Noch mehr Angst! Ich fange an, mich zu verhaspeln. Mein Vortrag wird in einem Fiasko enden! Es kommt zu einem Aufschaukeln zwischen Reizen aus der Umgebung, die man als Gefahr interpretiert, und unserem Hirn, das uns mit Angst auf die Gefahren vorbereiten möchte – und alles (anscheinend) nur noch schlimmer macht. Sobald man in den Strudel der Spirale gezogen wird, geht es immer weiter nach oben, wie in einem Tornado. Wenn man einem Spinnenphobiker ein Krabbeltier auf den Kopf setzt, schießt die Angstkurve Richtung Himmel. Gefühlt wird diese Kurve nach oben niemals abflachen und die Angst immer schlimmer.

Nachdem unsere Dozentin die Idee hinter der Spirale der Angst erklärt hatte, zückte sie wieder den dicken Edding. Energisch zog sie einen waagerechten Strich durch die gemalte Spirale. Was Psychotherapeuten ihren Angstpatienten klarmachen, ist, dass die Spirale der Angst ein natürliches Ende hat. Irgendwann ist Schluss. Angst flacht ab. Man gewöhnt sich an alles. So unangenehm der Weg dahin auch ist und so unmöglich es einem am Anfang erscheinen mag. In der Therapie lernen Angstpatienten, ein »Angstimmunsystem« gegen die falschen Gefahrensignale aufzubauen. Und das geht am besten, indem sie mit der vermeintlichen Gefahrenquelle konfrontiert werden.

Das nennen wir Psychologen Exposition. Vereinfacht gesagt, wird einem der Auslöser der Angst so lange vorgehalten, bis die Angst von allein abnimmt. Dabei ist klar, dass ein Profi jemandem mit Spinnenphobie niemals unvermittelt eine Vogelspinne auf den Kopf setzen würde. Im Gegenteil. Die Exposition beginnt ganz unten. Genau wie die Spirale der Angst. Vielleicht mit dem Foto einer Biene. Die ist immerhin schon ein Insekt. Schrittchenweise geht es dann weiter bin zum Spinnenfoto. Dann eine ganz kleine Spinne im Käfig und irgendwann vielleicht die Vogelspinne auf dem Kopf. Bei jedem einzelnen Schritt lernt der Patient seine Angst ein wenig besser kennen und beginnt, mit ihr umzugehen. Dadurch nimmt die Angst ab.

Für mich war die gemalte Spirale auf dem Flipchart ein Psycho-Schlüsselmoment. Und zwar aus drei Gründen. Erstens habe ich hier zum ersten Mal richtig verstanden, warum Psychologie den Leuten helfen kann. Zweitens wurde mir klar, dass es vollkommen egal ist, ob man tatsächlich an einer psychischen Störung leidet oder nicht. Die Grundideen vieler psychotherapeutischer Ansätze kann man wunderbar auch dann auf sich selbst anwenden, wenn man seine Psyche in einem bestimmten Bereich besser in den Griff bekommen möchte. Und drittens, weil mir erstens und zweitens zu einer Million Euro verholfen haben.

Nachdem ich nämlich damals im Seminar von der Spirale der Angst gehört hatte, setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest: Man kann seine Ängste überwinden, wenn man nur lange genug trainiert. Sie können sich vorstellen, dass eine Kandidatur bei Wer wird Millionär? auch mit extremer Aufregung zu tun hat.

Bevor ich mich bei Günther Jauch auf den Stuhl setzen würde, so hatte ich es mir fest vorgenommen, würde ich mich auf diese Aufregung vorbereiten. Etwas Adrenalin ist gar nicht schlecht für unser Gehirn. Aber was meinen Sie, warum Kandidaten oft schon bei Fragen unter 500 Euro ihre Joker zücken müssen oder im schlimmsten Fall rausfliegen? Da sitzt man dann zu Hause auf der Couch und denkt: »Mensch, ist der doof !« Aber mit doof hat das (zumindest meistens) gar nichts zu tun. Der wahre Grund dafür, dass jemand auf dem Schlauch steht, ist Aufregung, Verunsicherung oder tatsächlich blanke Angst. Dafür kann Herr Jauch gar nichts. Es ist die besondere Umgebung im Studio und die Situation vor den Kameras. Um mich also entsprechend zu wappnen, bereitete ich mich schon im Vorfeld auf diese Angst vor. Und zwar, gemäß dem Ansatz der Angsttherapie, durch Exposition. Zwar hatte ich keinen Schlüssel zu einem Fernsehstudio und auch keine Kameras oder Scheinwerfer zu Hause. Aber ich hatte einen Stuhl. Einen Schreibtischstuhl mit Armlehnen, so ähnlich wie der bei Wer wird Millionär?. Es war aber noch mehr erforderlich, um die Aufregung auszulösen, mit der ich im Studio fest rechnete.

Und so setzte ich mich vor die Mitbewohner aus der WG meines Bruders auf den Stuhl – in Unterhose. Die Jungs löcherten mich dann mit typischen Wer wird Millionär?-Fragen. Sie können sich vorstellen, dass diese Situation unangenehm und irgendwie peinlich war. Genau das war Ziel der Freikörperübung.

Natürlich gehören zum Millionengewinn Fragen, die zu den eigenen Wissensstärken passen, ein wohlgesonnener Günther Jauch und nicht zuletzt eine ordentliche Portion Glück. Bekommen Sie das alles nicht, könnten Sie den ganzen Tag in Unterhose durch die Stadt laufen, um Ihre Nervosität abzubauen. Es würde nicht helfen. Bei mir kam alles zusammen. Und ich bin mir sicher, dass mir der »Unterhosentrick«, wie ihn die BILD-Zeitung nachher nannte, sehr geholfen hat. Wenn Sie also demnächst bei Günther Jauch sein werden, probieren Sie die Sache mit der Unterhose einfach vorher aus. Der Trick mit der Exposition funktioniert aber nicht nur zur Vorbereitung auf Quizshows. Wenn man eine Rede oder einen Vortrag halten muss und schon vorher Angst hat, rot anzulaufen und vor lauter Aufregung keinen geraden Satz herauszubekommen, sollte man einen Strich durch die Spirale der Angst ziehen, indem man seine Ängste kennenlernt und trainiert, mit ihnen umzugehen. Sie müssen nicht gleich in Unterhose vor anderen üben. Fangen Sie mit Ihrem Spiegelbild an und steigern Sie sich dann langsam. Egal, wie gut das Training läuft, Sie werden sich verbessern.

So verbinde ich meine Million besonders eng mit Psychologie und zwei Unterhosen. Die zweite Unterhose bekam ich nach der Sendung zu sehen. In der Maske hatte ich am Nachmittag eine lange Stange mit unzähligen Jauch-Anzügen an Bügeln gesehen. Die würden zum Großteil nur ein einziges Mal in der Sendung getragen, erklärte mir die freundliche Garderobendame auf Nachfrage. Das fand ich doof. Verschwendung ist nicht mein Ding. Kurzerhand fragte ich den Quizmaster, nach dem Feuerwerk zur gewonnenen Million, ob er mir seinen Anzug nicht schenken wolle, statt ihn wegzuhängen. Er sagte zu.

Gegen alle Regeln der Wer wird Millionär?-Studios in Köln durfte ich dann mit in Günther Jauchs Wer wird Millionär?-Büro. Ein bescheidener Raum mit einem eher popeligen Schreibtisch, Kleiderständer, Schrank und Raufasertapete. Überhaupt nicht besonders. Da zog er sich dann aus, als wäre es das Normalste der Welt, während er mir Hinweise gab, was mich nach dem Millionengewinn alles erwarten würde, und schenkte mir Jackett, Hemd, Krawatte, Gürtel und Hose. Seine Unterhose behielt er an.

© Ariston Verlag

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