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Special zu »Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken«

Der „Riechpapst“ (DasErste.de) Hanns Hatt im Interview:

Sie gehören zu den führenden Riechforschern weltweit. Was ist das für ein Mensch, den die Begeisterung für sein Fachgebiet niemals losgelassen hat? Ein Mensch mit einer besonders feinen Nase?

Nein, ich war eigentlich nie ein besonders guter „Riecher“. Ich denke, meine Mutter hatte mit 90 noch ein besseres Riechvermögen als ich. Aber die Übung macht es eben. Ich habe mich immer mit dem Riechen beschäftigt und lasse mich in meinem Alltag ganz bewusst von meiner Nase leiten. Wenn ich ein Zimmer betrete, nehme ich zuerst den Geruch war. Wenn im Zug jemand an mir vorbeiläuft, sehe ich nicht nur seine Kleidung an, sondern nehme zusätzlich wahr, wie er riecht. Aber das hat mit Veranlagung oder Ähnlichem nichts zu tun, und automatisch passiert das auch bei mir nicht, sondern ich musste lernen, aktiv meine Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Wir müssen Gerüche also immer wieder bewusst wahrnehmen. Wobei bei mir das inzwischen schneller passiert als bei weniger trainierten Riechern.

Sie sagen es selbst: Riechen passiert oft ganz unbewusst. Man nimmt Gerüche häufig gar nicht wahr. Ist also der Geruchssinn zu Recht immer nur als „zweitrangiger“ Sinn betrachtet worden? Ganz unscheinbar neben den aufdringlicheren Schwestern „Hören“ und „Sehen“?

Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Patienten, die ihren Geruchssinn völlig verloren haben, andere Sinne für ihre Riechfähigkeit eintauschen würden. Uns ist gar nicht bewusst, wie viel Leid daraus entstehen kann. Ausprobieren können wir das auf Dauer ja nicht, die Augen können wir schließen, die Ohren zuhalten, aber riechen müssen wir immer und überall.
Wer nicht mehr riechen kann, bei dem schmeckt alles nach nichts wie Styropor. Keinen Schweinebraten, keine Orange, keine aromatische Suppe, keinen wunderbaren Wein kann er mehr wahrnehmen. Darunter leiden nicht nur Genussmenschen.
Außerdem geht so auch ein wichtiger Teil unserer Persönlichkeit, unsere „Erdung“ verloren. Wir verbinden so viele Erinnerungen mit Gerüchen – ohne dass wir uns dessen tatsächlich bewusst wären. Doch wer einmal aus der Ferne wieder nach Hause gekommen ist und den vertrauten Geruch der Heimat wahrgenommen hat, der kann vielleicht erahnen, was es bedeutet, die Vergangenheit auf diese Art und Weise zu „verlieren“.
Und zuletzt läuft auch ein so großer Teil der menschlichen Kommunikation über Gerüche. Düfte beeinflussen unser Triebleben viel gravierender als Hören und Sehen. Mit dem Geruchssinn geht eine essentiell wichtige Dimension unseres Gefühlslebens verloren – und kann nur unzureichend durch andere Sinnesreize ersetzt werden.

Welche Entdeckung hat Sie bei Ihren jahrelangen Forschungen zum Riechen und Schmecken am meisten fasziniert?

Natürlich ist es immer sensationell, etwas zu sehen, etwas zu entdecken, das noch niemand zuvor wahrgenommen hat. Ich hatte das Glück, das mir dies in meinem Forscherleben mehrmals passiert ist – und natürlich waren es immer sehr erhebende Momente. Einer der wichtigsten war aber sicherlich, als es uns gelang, den ersten Riechrezeptor überhaupt zu entschlüsseln. Die Nobelpreisträger (Richard Axel und Linda B. Buck von 2004) hatten aufgrund der Lage der von ihnen entdeckten Rezeptoren (in der Nase! Und das in sehr großer Zahl!) vermutet, dass es sich dabei um die lange gesuchten Riechrezeptoren handelt. Wir im Bochumer Labor konnten aber als Erste nachweisen, dass diese Rezeptoren tatsächlich riechen können.
Mindestens ebenso erhebend war es, als wir zeigen konnten, dass es diese Riechrezeptor nicht nur in der Nase, sondern im ganzen Körper gibt. Den ersten davon fanden wir in menschlichen Spermien, den inzwischen berühmten Maiglöckchenrezeptor

All diese Ergebnisse wurden weltweit immer wieder besprochen, diskutiert und sorgen für Begeisterung. Wer sich mit Riechen und Schmecken beschäftigt, der landet immer bei Ihnen. Wie sehen Ihre Pläne für zukünftige Untersuchungen aus?

Ich werde in den nächsten Jahren alles daran setzen, herauszufinden, in welchen anderen Organen im Körper es sonst noch solche Riechrezeptoren gibt und vor allem natürlich auch welche Funktionen diese Rezeptoren dort übernehmen. Wie „riechen“ diese Zellen, wie werden sie aktiviert? Was passiert dann im Körper? Wir müssen uns bewusst machen, dass Düfte nicht allein über die Nase in den Körper gelangen können. Wir können Sie einatmen, wir können sie beim Essen über Magen und Darm aufnehmen oder wir können sie über die Haut einmassieren und von dort in den Blutkreislauf bringen. Düfte können dann in unserem Körper verteilt werden und positive als auch negative Folgen haben. So könnten sie unsere Herzfrequenz verändern oder das Wachstum von Krebszellen hemmen. Hier liegt noch ein faszinierendes Forschungsfeld vor uns.

Und wie sieht die Zukunft des Riechens aus? Nicht nur für die Forschung ist dieser Bereich in den letzten Jahren immer interessanter geworden. Firmen entdecken das Duftmarketing für sich. Wo wir gehen und stehen, werden wir mit Gerüchen beduftet und so zum Kauf verführt. Eine Neuheit?

So überraschend kam das eigentlich nicht. Es ist ziemlich offensichtlich, dass die optischen Impulse im Marketingbereich schon weitgehend ausgereizt sind. Bunte Bilder, Lichter, Flashs – das kennen wir schon und das überrascht uns nicht mehr. Auch auf der akustischen Ebene ist kaum noch Neues zu erwarten. Daher ist es folgerichtig, dass man jetzt andere Sinnes-„Kanäle“ nutzt. Dabei ist auch das kein wirkliches Novum: Der Geruch eines Produkts ist immer typisch. Frisches Brot hat schon seit jeher seinen ganz besonderen Geruch, auch Neuwagen oder neue Möbel verströmten immer einen ganz eigenen Duft. Neu ist nur, dass diese Gerüche viel gezielter eingesetzt werden. Und auch für ganz verschiedene Zwecke. Es ist heute ganz normal, einer Automarke nicht nur ein spezielles Icon als Markenzeichen zu verpassen, sondern die Zugehörigkeit zu dieser Marke durch einen Marken-typischen Duft noch hervorzuheben. Ähnliche Strategien benutzen wir selbst auch, wenn wir ein bestimmtes Parfum über viele Jahre tragen. Daran kann man auch uns wiedererkennen.

Hat also die Welt die Bedeutung von Düften inzwischen erkannt?

Noch längst gehen wir nicht mit „offener Nase“ – wie ich immer fordere – durch die Welt. Natürlich ist viel passiert in den letzten Jahren. Im TV, im Radio, in den Printmedien wird über die neuesten Entdeckungen berichtet. Aber das ist nur der erste Schritt. Das Thema muss fest in den Köpfen der Menschen verankert werden. Wir singen mit unseren Kindern, wir lesen oder malen mit ihnen, aber ihnen richtig riechen beizubringen, darauf ist noch niemand gekommen. Doch erst das Bewusstsein über das Riechen, die Fähigkeit, Gerüche wahrzunehmen und zu verstehen, wie diese uns beeinflussen können, machen es uns möglich, uns, unser Denken und Handeln, unsere Gefühle besser zu verstehen. Wir betreten einen Raum, alles ist sauber, ordentlich, modern eingerichtet, aber dennoch fühlen wir uns unwohl – weshalb? Ist es der Geruch? Erinnert er uns an etwas, das uns Unbehagen bereitet? Oder machen die Duftmoleküle in der Luft uns vielleicht sogar krank? Das Wissen darüber, wie Düfte uns beeinflussen, eröffnet uns hier eine Möglichkeit der Selbstbetrachtung und der Selbsterfahrung, die für ein bewusstes Leben unerlässlich ist.
Und das ist auch der Grund, weshalb ich immer wieder Vorträge halte und zu diesem Zweck durch ganz Deutschland reise: Ich möchte die Menschen darauf aufmerksam machen. Ihnen sagen: Es liegt eine ganz neue, unsichtbare (Duft-)Welt in der Luft, die ihr mit jedem Atemzug aufnehmt und unbedingt kennenlernen müsst! Ihr werdet begeistert sein!

Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken Blick ins Buch

Hanns Hatt, Regine Dee

Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken

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