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Special zu Dr. med. Gunter Frank »Schlechte Medizin«

Fünf Fragen an Dr. med. Gunter Frank zu seinem Buch „Schlechte Medizin“

1. Herr Frank, Sie sind seit 20 Jahren niedergelassener Arzt mit eigener Praxis. Was ist so schlecht an unserer Medizin?

Ich bin immer häufiger gezwungen, bei meinen Patienten Therapien und diagnostische Verfahren einzusetzen, von denen ich genau weiß, dass sie falsch sind. Beispielsweise sind die Irrtümer bei der Behandlung von Bluthochdruck oder Altersdiabetes längst durch Studien belegt, trotzdem werden sie nach wie vor in den Leitlinien der Fachgesellschaften propagiert. Das Hauptproblem ist, dass die Lehrmeinung tatsächlich in sehr vielen Fällen nicht dem Stand der Wissenschaft entspricht. Verweigere ich jedoch als Hausarzt und Allgemeinmediziner die Verschreibung solcher Medikamente oder Überweisungen, mache ich mich angreifbar, obwohl ich für den Patienten das Richtige tue.

2. Über das Beziehungsgeflecht zwischen Ärzten und Pharmazie ist doch schon viel berichtet worden. Wo sehen Sie das Problem?

Das Problem ist nicht die „böse Pharmaindustrie“, die im Rahmen einer Marktwirtschaft so agiert, wie sie agieren muss, um maximalen Umsatz zu machen. Es ist leider weitaus schlimmer. Ich zeige in dem Buch, dass unsere wissenschaftlichen Funktionsträger in der Medizin oft völlig anderen Maximen gehorchen als dem Patientenwohl. Es geht natürlich um Macht und Geld. Inzwischen ist unsere medizinische Wissenschaft in weiten Teilen zu einer wirklichkeitsfremden Ideologie geworden, die Gegenargumente und Kritik bewusst abblockt und ausgrenzt. Wenn medizinische Professoren das machen würden, wofür sie bezahlt werden, nämlich objektiv und sachlich über den Stand der Wissenschaft zu informieren, statt Industrieinteressen als Lehrmeinung auszugeben, könnten wir weit mehr für die Patienten tun.

3 .Alle sprechen vom mündigen Patienten, Sie sagen, die Patienten werden systematisch desinformiert. Was läuft da falsch?

Tatsächlich wirkt Desinformation auf zwei Ebenen fatal. Zum einen senkt man – fachlich unzulässig – bestimmte Normwerte etwa bei Cholesterin, Gewicht, Blutdruck oder Blutzucker. Eigentlich gesunde Menschen werden buchstäblich für krank erklärt und damit in Angst und Sorge versetzt. Es passt ins Bild, dass heute die meisten Beschwerden, wegen derer die Menschen heute zum Hausarzt gehen, nicht mehr durch organische Erkrankungen erklärbar sind, sondern in der seelischen Belastung ihre Ursache haben. Wenn die Medizin selbst diese Ängste schürt, obwohl ihr erster Grundsatz lautet: primum nihil nocere – zuallererst nicht schaden, dann läuft etwas absolut falsch. Ich kann diesen Grundsatz in vielen Gebieten der Medizin nicht mehr finden.
Das zweite ist, dass wissenschaftliche Ergebnisse oft absichtlich falsch dargestellt werden, so dass es uns vernünftig vorkommt, einer bestimmten Therapie zuzustimmen. Für die Patienten macht man keinen Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko. Also: Kauft man 1 Los für die Glücksspirale, hat man verschwindend geringe Gewinnchancen. Kauft man 2 Lose, bleiben die Chancen immer noch verschwindend gering, aber das relative Risiko zu gewinnen, hat sich verdoppelt. Auf diese Art und Weise werden Behandlungen verkauft, bis hin zu Chemotherapien. Den Patienten wird vorsätzlich verschwiegen, dass die absoluten Zahlen verschwindend geringe Verbesserungen bedeuten. Was der Patient mitbekommt, sind jedoch die massiven Nebenwirkungen solcher Therapien, die dann einen ohnehin fragwürdigen Nutzen weiter in Frage stellen. Gerade bei Krebspatienten eine unhaltbare Situation.

4. An wen richtet sich Ihr Buch?
Ich habe das Buch für meine Patienten geschrieben. Und zwar nicht, damit sie das Vertrauen in gute Medizin verlieren. Sie müssen jedoch die Spielregeln kennen, sonst stehen sie der gnadenlosen Geschäftemacherei mit der Angst wehrlos gegenüber. Das Verstehen der Zusammenhänge schützt, beispielsweise werden meine Leser in der Lage sein, ihren Ärzten künftig die richtigen Fragen zu stellen und abzuschätzen, ob sie gut beraten werden. Ich habe mir die Kritik nicht leicht gemacht, aber ich kann nicht länger schweigen. Wir sind an dem Punkt, wo wir diskutieren müssen, inwieweit wir inzwischen unter dem Deckmantel der Prävention Zwangssysteme aufbauen, die ganz anderes im Sinn haben als unsere Gesundheit. Da entsteht eine Gesundheitsdiktatur, die uns manipuliert und umwirbt, um uns als Abnehmer von Gesundheitsprodukten zu gewinnen. Und sei es um den Preis seelischer und körperlicher Schäden.

5. Wie können wir uns gegen schlechte Medizin wehren? Was muss passieren?
Ich mache in meinem Buch konkrete Vorschläge, welche Rahmenbedingungen wir für gute Medizin schaffen müssen. Vor allem brauchen wir wieder eine medizinische Wissenschaft, die diesen Namen verdient. Bis dahin möchte das Buch Patienten und Ärzte stärken, damit sie nach eingehender Prüfung der Situation den Mut haben, bestimmte diagnostische Verfahren und Therapien eben im Zweifelsfall nicht durchzuführen. Das ist in vielen Fällen deutlich gesünder.