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Special zu "Ich mach euch fertig!". Praxisbuch Gewaltpräventation

Sind Kinder und Jugendliche heute wirklich gewalttätiger als früher?

Diese Frage treibt Eltern, LehrerInnen, Strafbehörden und die so genannte öffentliche Meinung immer wieder um; wie wir wissen, seit Jahrtausenden! Das Für und Wider in diesem Meinungsstreit wird mit Analysen, Forschungsberichten und Ratgebern ausgetragen. Und die Schuldzuweisungen sind wohlfeil: Mehr Ordnung und Achtung (vgl. dazu die Philippika von Martin Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift. List-Verlag, Berlin, 3. Aufl. 2006, vgl. die Rezension), bis hin zum Aufruf nach einer „Pädagogik der Autonomie“ (Paulo Freire, Pädagogik der Autonomie, Waxmann-Verlag, Münster 2008, vgl. die Rezension). Der Begriff der Prävention als Mittel der Vor-Sorge gilt dabei als die eine Schiene bei der Bewältigung von Gewalttaten von Jugendlichen; der der Nach-Sicht als entwicklungspsychologisches Aggregat bei der Einschätzung von alltäglichen und besonderen Gewaltausbrüchen. Non-, Fehl- und Überreaktionen werden dabei zu den Messlatten, wie Erwachsene, ob als Eltern, Lehrkräfte, ErzieherInnen, Nachbar oder Hörensager, auf tatsächliche und vermeintliche Jugendgewalt reagieren. Hinschauen (und damit sich bemühen, Gründe und Zusammenhänge zu erkennen), Wegsehen (Was geht mich das an?“) oder Resignieren („Da kann man nichts machen!“), das sind die Möglichkeiten, der Gewalt von Kindern und Jugendlichen zu begegnen.


Der Kriminalhauptkommissar Jörg Schmitt-Kilian hat eine didaktische Ader; er ist in der Lage, Zustände und Probleme, etwa im Zusammenhang von Drogenkonsum […] so darzustellen, dass eine pädagogische Antwort möglich wird. Sein Analyseinstrument ist nicht das Ausrufezeichen des ordre mufti, sondern das Fragezeichen des Suchenden. Er deklariert deshalb auch sein neues Buch nicht als „Ratgeber“, sondern als „Praxisbuch“. „Patentrezepte“ sind ihm zuwider, und Nachdenkenswertes wird nicht zum „Rat-Schlag“ stilisiert.


Es sind die gut ausgewählten Fallbeispiele, die in den insgesamt fünf Kapiteln des Buches diskutiert werden. Die Leser können den Eindruck gewinnen: Der Mann weiß, wovon er spricht!
Das erste Kapitel trägt die Überschrift: „Denn wir wissen nicht, was sie tun“. Es geht ums Hinschauen und Auseinandersetzen mit Provokationen und Gewalttätigkeiten. Für die Praktiker ist das Nach-Denken hilfreich; kriecht doch allzu oft und tief verwurzelt die Angst der Erwachsenen mit, im Erziehungsprozess einer notwendigen Auseinandersetzung auszuweichen, als sich ihr zu stellen. Die Furcht zu versagen, sich zu blamieren oder als „Weich-Ei“ zu gelten, macht ErzieherInnen eher zu Verdränger und Flüchtende, denn zu Konsequenten. Im zweiten Kapitel geht es um die Alternative „Informieren statt schweigen“, was bedeutet, dass Erziehungsfragen nicht allein im stillen, friedlichen Kämmerlein ausgetragen werden können, sondern in der Kommunikation mit anderen Menschen: Elterngruppen, Lehrerfortbildung. Weil Gewalt nicht eindimensional betrachtet werden kann, sondern vielfältige Ursachen hat, bedarf es eben des genauen Hinschauens. Das dritte Kapitel fordert auf, zu „verstehen statt (zu) verdrängen“. Denn es sind die fehlenden Hemmschwellen, die gewaltbereite Jugendliche zeigen. Aber sie fallen eben nicht vom Himmel, sondern sind gesellschaftsgemacht. Mit dem „Immer-schneller-immer-höher-immer-mehr“ Denken und der überzogenen Konsum- und Sofort-Mentalität setzen wir Erwachsene die Maßstäbe, die unsere Kinder und Jugendlichen als selbstverständlich ansehen. Nur mit dieser Einsicht kann es gelingen, dass wir, wie es im vierten Kapitel heißt: „Hinschauen statt wegsehen“, und zu „handeln statt (zu) resignieren“, was im fünften Kapitel thematisiert wird. Da kommt wieder das altbekannte und bewährte Prinzip zur Geltung, das Kant mit dem kategorischen Imperativ benannt hat: „Möchtest du, dass dich jemand so behandelt?“.


Dass es Erkenntnisse und Methoden gibt, um gewalttätiges Verhalten von Kindern und Jugendlichen bewusst zu machen, und Präventionen, es zu verhindern, zeigt der Autor in einer Reihe von Kompetenzen auf; etwa dem Anti-Aggressivitäts-Training und dem LebensKompetenzTraining, die bereits im frühen Erziehungs- und Bildungsprozess, in der Familie, im Kindergarten, in der Schule und Berufsausbildung, eingeübt werden sollten. Für die Praxis sind die im Anhang aufgeführten Informationen, wie etwa die Begriffserklärung für die Jugendsprache, Schülerfragebogen, Elterninfo und Informationen über verschiedene Projekte zur Thematik, hilfreich und nützlich; ebenso die Hinweise über Materialien, Quellen und Kontaktstellen.


Um den Erziehern Mut zu machen zu erziehen, bedarf es gut lesbarer und überzeugender Hinweise, und Überzeugungskraft. Jörg Schmitt-Kilian leistet dies mit seinem Praxisbuch Gewaltprävention. Dabei macht er nicht den Versuch, den Themenbereich allzu theoretisch anzupacken. So lassen sich seine praktischen Informationen und Argumentationen lesen als Anregungen, weiter zu denken und fundiert zu handeln; am besten nicht allein, sondern im Diskurs mit Gleichgesinnten, Betroffenen und Beteiligten. Das Buch sollten Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Eltern und Erwachsenenbildner in die Hand nehmen!

Von Jos Schnurer
Rezension in www.socialnet.de,

Ich mach euch fertig! Blick ins Buch

Jörg Schmitt-Kilian

Ich mach euch fertig!

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