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SPECIAL zu David Ellis »In Gottes Namen«

Interview mit David Ellis

Sie sind Anwalt für Verfassungsrecht. Wie kamen Sie zum Schreiben?
David Ellis: Naja, in Wahrheit war ich schon Autor, bevor ich Anwalt war. Als ich ein Junge war, schrieb ich Geschichten. Ich schrieb nur so zum Spaß, hab das später in meinem Leben aber nicht weiterverfolgt. Erst als ich schon als Anwalt arbeitete, wurde mir klar, dass mir Schreiben Spaß machte – ich entdeckte meine kreative Seite wieder –, und ich spürte, dass es an der Zeit war, wieder damit anzufangen. Besser spät als nie!

Und warum ein Thriller über einen Serienmörder?
David Ellis: Paul Riley kommt in allen meinen Geschichten vor. Ich habe ihn einen berühmten Serienmörder überführen lassen und gestaltete ihn nach einem meiner Anwaltskollegen, der John Wayne Gracy strafrechtlich verfolgt hatte: einen Serienkiller aus Chicago und einer der bekanntesten Serienmörder der amerikanischen Geschichte. Ich wusste immer, dass ich eines Tages über diesen Fall schreiben würde.

Wie fangen Sie an, wenn Sie einen neuen Roman in Angriff nehmen? Wie setzen Sie Ihre Plots und wie schreiben Sie?
David Ellis: Ich beginne mit einem Ideenkörnchen, das vielleicht im Handlungsverlauf wichtig werden könnte, in der Regel aber nicht so wichtig ist: Etwa wenn eine Frau ihren Sohn in einem Mordfall verteidigen muss; oder wenn ein Mann etwas aus seiner Vergangenheit verstecken muss, das ihn eingeholt hat; oder wenn ein Ex- Staatsanwalt merkt, dass er möglicherweise den falschen Mann verurteilt hat. Dann spiele ich das Spiel „Was wäre, wenn?“. Ich entwickle verschiedene Szenarien und plötzlich wird aus dem kleinen Körnchen ein Ball und der wird zum Plot.

Was war für Sie beim Schreiben von „In Gottes Namen“ am schwierigsten?
David Ellis: Am schwierigsten fiel es mir, mich in Leo, den Serienmörder, hineinzuversetzen. Ich musste eine Geschichte über einen russischen Einwanderer mit der Vorgeschichte einer Geisteskrankheit schaffen, was komplett auf Recherchearbeit beruhte: Recherche über Russland, Recherche über Geisteskrankheiten. Normalerweise folge ich dem Schriftstellermotto „Schreibe nur, wovon du etwas verstehst.“ Aber in diesem Fall hatte ich von diesen Dingen einfach keine Ahnung.

Ihr Buch heißt im Original „The Eye of the Beholder“, also „Das Auge des Betrachters“, was ja anspielt auf den Ausspruch „Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters“. Was ist Ihre Definition von Wahrheit?
David Ellis: Ich möchte ganz klarmachen, dass es unmöglich ist, Wahrheit zu definieren. Der Zweck jeder Gerichtsverhandlung ist es, die Wahrheit aufzudecken, was aber nicht so stattfinden kann, wie wir das gerne hätten, ganz einfach weil das Rechtssystem jede Menge Fehler hat. Die Geschworenen bringen ihre Vorurteile mit ins Gericht. Anwälte machen Fehler oder sind einfach nicht kompetent. Abgeordnete verabschieden Gesetze, die vielleicht in der Öffentlichkeit gefallen, aber uns im Gerichtssaal der Wahrheit kein bisschen näherbringen. Ich glaube auch, dass die ganze Gesetzgebung, die mit Unzurechnungsfähigkeit zu tun hat, ebenso mit Makeln behaftet ist. Ein Mensch, der sich bewusst ist, dass er ein Verbrechen begeht, kann von den meisten Gerichten nicht für unzurechnungsfähig erklärt werden. Meiner Meinung nach ist das eine fehlerhafte Begründung und ich habe mich in meinem Roman der Figur des Terry Burgos bedient, um das zu zeigen. Terry Burgos wusste, dass er Verbrechen beging, dachte aber, dass er von einem höheren Wesen dazu auserkoren war. Die meisten Menschen würden ihn als geisteskrank oder verrückt bezeichnen, nach dem Gesetz aber ist er es nicht.

Könnte man sagen, dass der Anwalt Paul Riley so etwas wie Ihr Alter Ego ist? Wenn ja, was haben Sie gemeinsam?
David Ellis: In jeder Figur eines Romans steckt ein kleiner Teil des Autors. Paul Riley befindet sich allerdings in einer anderen Lebensphase als ich. Ich bin ein jüngerer Anwalt mit weniger Erfahrung. Paul hat einen beruflichen Höhepunkt erreicht. Er ist ein reicher, gesuchter Anwalt, den das Gesetz langweilt, weil es ihm keine Herausforderung mehr bietet. Paul ist genauso zynisch wie ich und natürlich haben wir denselben Humor, aber ich habe mehr Hoffnung als Paul, und ich glaube mehr an das Gesetz.

Definieren Sie uns Paul Riley. Was sind seine Schwächen, was seine Stärken?
David Ellis: Pauls größte Stärke ist seine Integrität. Obwohl er eine Menge zu verlieren hat, falls er den Falschen überführt, sucht er nach der Antwort, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Er hat auch ein großes Herz – trotz seiner zynischen Weltsicht. Er ist einsam und möchte wieder lieben. Ich glaube, dass Paul ein anständiger, ernsthafter und talentierter Kerl ist.

Im Fall einer Verfilmung von „In Gottes Namen“, wen würden Sie Riley spielen lassen, und wen den „Bad Guy“?
David Ellis: Paul Riley ist nicht besonders glamourös. Da bräuchte es einen Schauspieler, der Klasse hat, aber nicht zu gut, zu hollywoodhaft aussieht. Vielleicht Harrison Ford, obwohl der ein klein wenig zu alt ist. Leo, der Killer, ist ein sehr komplexer und kranker Mensch. Da ist jemand mit sehr intensiver Ausstrahlung gefragt. Vielleicht Robert De Niro. Oder Viggo Mortensen. Oder Ed Harris. Das ist das, was mir da so in den Sinn kommt. Es fällt mir, schwer, mir meine Figuren in Form real existierender Schauspieler vorzustellen.

Was Riley betrifft, so wechseln Sie häufig die Erzählperspektive zwischen der dritten und der ersten Person. Warum?
David Ellis: Alles, was von Riley in der dritten Person erzählt, liegt in der Vergangenheit. Das erzeugt mehr Distanz zu Vergangenem. Ich hatte den Eindruck, dass das die rechte Atmosphäre schaffen würde. Und ich dachte auch, dieser Wechsel würde es den Lesern leichter machen, zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem zu unterscheiden.


„Ich schrieb fast drei Jahre lang, jeden Tag eine Stunde, und dann hatte ich den ersten Entwurf von dem, was später mein erster Roman werden sollte.“
David Ellis darüber, wie er zum Schreiben kam.