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Special zu Jim Thompson

ASHES TO ASHES

Jim Thompson
© Sharon Thompson Reed

Als Jim Thompson am 7. April 1977 nach einer Reihe von Herzattacken verstarb und seine Asche kurz danach über dem Pazifischen Ozean verteilt wurde, war in Amerika keines seiner Büchern mehr erhältlich. Sein Werk schien vergessen zu sein, gestorben wie der Autor selbst. Doch als der amerikanische Verlag Black Lizard in den 80er-Jahren mit der Wiederveröffentlichung von Thompsons Büchern begann, erlebte dieser außergewöhnliche Schriftsteller eine Renaissance, die bis heute anhält – so wie er es angeblich kurz vor seinem Tode, kaum mehr des Sprechens fähig, prophezeit hatte.

Jim Thompson war gnadenlos: gnadenlos in der Offenlegung psychischer Defekte (oftmals seiner eigenen), gnadenlos in der Durchkreuzung gängiger Genremuster, gnadenlos in seiner Auffassung von künstlerischer Freiheit, gnadenlos in seinem Zigaretten- und Alkoholkonsum. Großautoren wie Stephen King, Joe R. Lansdale oder James Ellroy verehren ihn, Neo-Noir-Schriftsteller à la Daniel Woodrell oder Donald Ray Pollock sind ohne Thompson fast nicht denkbar. Kaum ein anderer Autor hat die psychischen Abgründe des Menschen auf derart verblüffende Weise mit den Mitteln der Pulp-Literatur verarbeitet.

Zentral für Thompsons Selbstverständnis ist sicher eine berühmte Szene aus seinem Roman In die finstere Nacht (erstmals 1953 veröffentlicht): Der Killer Charlie Bigger, Held des Romans, nimmt an einer Stelle einen offensichtlich verwirrten Anhalter mit, einen runtergekommenen Pulp-Schriftsteller, der Bigger auf seine Farm einlädt, wo er nach eigenen Angaben unter anderem Vaginas züchtet. In dieser halluzinatorischen Sequenz verweist Thompson metaphorisch auf sein eigenes schriftstellerisches Kernmaterial: die mannigfaltigen psychischen Deformierungen des Menschen. Dabei sind die Probleme, die Thompsons verdammte Helden umtreiben, schmerzhaft real: Krankheit und körperliche Missbildung (wie in In die finstere Nacht), Geldnot (in allen Romanen), Rassismus (damals ein absolutes Tabuthema, das Thompson in seinem letzten Roman Blind vor Wut, der in Amerika mit Empörung wahrgenommen wurde, höchst provokant verarbeitet), Alkoholsucht und Entfremdung. In seinem Roman Die Verdammten,  der wie alle Thompson-Veröffentlichungen bei Heyne Hardcore erstmals in deutscher Übersetzung erscheint, erzählt er vom jungen Tom Lord, einem Mann aus gutem Hause, der von einer Karriere als Mediziner träumt, aber durch finanzielle Probleme dazu gezwungen wird, als Deputy Sheriff in einer Kleinstadt zu arbeiten (Thompsons Vater war Sheriff in Oklahoma). Um sein Leben im Zeichen einfacher, von der Ölindustrie ausgebeuteter und durch Aggressionen gelenkter Menschen zu ertragen, versteckt er seine wahre Persönlichkeit unter der Maske des gewalttätigen, frauenverachtenden Gesetzeshüters. Die einzige Frau, zu der er eine Beziehung hat, ist die Prostituierte Joyce, deren Zuneigung er mit Erniedrigung und Verachtung erwidert. Doch entscheidend für Thompson ist einmal mehr eben nicht, wie feige, korrupt, gewalttätig oder verkommen der Mensch ist, sondern dass die Helden trotz all ihrer Probleme versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Am Ende von Die Verdammten scheint ein wenn auch ungewisser Hoffnungsfunken die finstere Welt Thompsons kurz zu erhellen. Egal, ob seine Figuren scheitern (meist) oder es schließlich doch noch schaffen (selten), ob sie überleben oder sterben – dass sie überhaupt handeln, sich nicht geschlagen geben und allen Widerständen zum Trotz weitermachen, so wie Thompson selbst, der bis zu seinem entwürdigenden Tod geschrieben hat: Dies ist die zutiefst menschliche, die tröstende Botschaft eines der düstersten Autoren der modernen Literaturgeschichte. Rest in Peace, Jim!

Tim Müller