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Kathy Reichs, Thriller, Autor

SPECIAL zu den Büchern von Kathy Reichs

Buchempfehlung zu »Knochenjagd«

In »Knochenjagd«, dem jüngsten Roman von Kathy Reichs, den Blessing vor wenigen Tagen veröffentlich hat, bleibt die Bestsellerautorin ihrer Heldin Tempe Brennan und ihrem Thema Forensik einmal mehr treu – und wahrscheinlich lieben ihre Fans sie genau dafür. Parallel zum Buch veröffentlichte Random House Audio die Hörbuchfassung, gelesen von Simone Thomalla. 15 Bände umfasst die Reihe mit den Fällen Tempe Brennans mittlerweile – doch von Langeweile oder Routine keine Spur, die sympathische und eigensinnige Heldin sorgt nach wie vor für spannende Unterhaltung.

Ihr neuer Fall konfrontiert die forensische Anthropologin Tempe Brennan mit einem albtraumhaften Szenario: In einer verlassenen Wohnung in Montreal findet sich, eingewickelt in ein Handtuch und versteckt unter einem Waschbecken, die Leiche eines Neugeborenen. Schlimmer noch: Neben diesem tauchen noch zwei weitere tote Babys auf. Die fieberhafte Suche nach der spurlos verschwundenen Mutter beginnt. Ist sie eine herzlose Mörderin, getrieben von ihren Dämonen? Auf der Flucht vor ihrem Zuhälter? Geriet sie zwischen die Fronten eines Drogenkriegs? Ihre Spur führt Tempe Brennan und ihren Kollegen Andrew Ryan tief in die kanadische Einöde – und in das Revier eines eiskalten Killers, der einen abgründigen, grausamen Plan verfolgt ...

Kathy Reichs, geboren in Chicago, lebt in Charlotte und Montreal. Sie ist Professorin für Soziologie und Anthropologie und unter anderem als forensische Anthropologin für gerichtsmedizinische Institute in Quebec und North Carolina tätig. Jeder ihrer Romane erreichte Spitzenplätze auf allen internationalen und deutschen Bestsellerlisten. Ihre Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt. Tempe Brennans Fälle laufen als erfolgreiche Fernsehserie »Bones – Die Knochenjägerin«.

Mit freundlicher Genehmigung von BeNet Gütersloh (3. Dezember 2012)

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»Fahr zur Hölle« – Buchempfehlung

Fahr zur Hölle Blick ins Buch
Das Cover zeigt die bei Heyne erschienene Taschenbuchausgabe.

Mitte September 2011 kam die US-Autorin Kathy Reichs erstmals nach langer Zeit wieder auf Lesereise nach Deutschland – und hatte für ihre Fans natürlich auch ihren neuen Roman »Flash and Bones« im Gepäck. Die deutsche Fassung, »Fahr zur Hölle«, ist wie schon die vorhergegangenen 13 Tempe-Brennan-Romane bei Blessing erschienen. Erstverkaufstag war, passend zum Start der Lesereise, der 12. September.

In Charlotte, Tempe Brennans Heimatstadt, ist die Hölle los. 200.000 Motorsport-Fans sind auf dem Weg zum Charlotte Motor Speedway und dem großen NASCAR-Rennwochenende. Da werden auf einer Müllhalde nahe der Strecke in einem Teerfass menschliche Überreste gefunden. Das Mitglied eines NASCAR-Teams wendet sich an die Forensikerin Brennan und erzählt ihr, dass seine Schwester Cindi vor zwölf Jahren verschwunden ist – zusammen mit ihrem damaligen Highschool-Freund Cale Lovett. Lovett hatte Verbindungen zu einer rechtsextremen Gruppe namens Patriot Posse. Könnte die Leiche Cindis sein? Oder Cales? Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens interessierte sich das FBI für die beiden. Doch die Suche wurde früh eingestellt. Sollte da etwas vertuscht werden? Wollte das Paar mit der paramilitärischen Gruppe in den Untergrund gehen? Oder hat Cale Cindi auf dem Gewissen? Tempe Brennan arbeitet fieberhaft daran, den Fall schnell aufzuklären. Doch gerade sie weiß: Das Böse holt dich immer ein.

Kathy Reichs, geboren in Chicago, lebt in Charlotte und Montreal. Sie ist Professorin für Soziologie und Anthropologie und unter anderem als forensische Anthropologin für gerichtsmedizinische Institute in Quebec und North Carolina tätig. Jeder ihrer Romane erreichte Spitzenplätze auf allen internationalen und deutschen Bestsellerlisten. Ihre Bücher wurden mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt, und die Fälle von Tempe Brennan laufen als höchst erfolgreiche Fernsehserie „Bones – Die Knochenjägerin“.

Mit freundlicher Genehmigung von BeNet Gütersloh (München, 21.10.2011)


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Dem Teufel auf der Spur

Rezension von Bianca Reineke

Es ist so elend wenig, was von uns Menschen bleibt, wenn wir sterben. Wie nichtig ist der Körper und wie unendlich vergänglich alles, was uns ausmacht. Hat die Seele erstmal aufgehört zu existieren, bleibt nichts als eine leere Hülle zurück, die - im besten Fall - dem Verstorbenen noch ähnelt, bevor sie gänzlich zu Staub zerfällt.

Im Falle eines Mordes ist dieser Körper der letzte und oft einzige Zeuge der Tat, für die Pathologen ein wichtiges Objekt intensiver Untersuchungen auf der Suche nach Spuren, die schließlich zur Ergreifung des Täters führen können.

Die Stunde der forensischen Anthropologen
Doch was passiert, wenn ein Opfer erst Jahre nach seiner Ermordung aufgefunden wird? Was, wenn der Mörder die Leiche verstümmelt, vergraben oder verbrannt hat? Wenn nur noch Fragmente und Knochen übrig sind? - Dann schlägt die Stunde der forensischen Anthropologen. Sie sind es, die aus den menschlichen Überresten mehr herauslesen als Zahlen, Fakten und Daten. Sie liefern mit ihrer Arbeit die Voraussetzungen dafür, dass nach oft jahrelanger quälender Ungewissheit endlich der Gerechtigkeit Genüge getan werden kann. Denn erst nach zahllosen Stunden, die diese Wissenschaftler mit Messungen und Siebtechniken verbringen, wird aus Knochenfunden und Gewebefetzen wieder ein Schicksal.

Die erfolgreiche US-amerikanische Autorin Kathy Reichs (Jahrgang 1950) ist forensische Anthropologin und arbeitet seit vielen Jahren weltweit bei Opferidentifizierungen nach schweren Katastrophen mit. Um ihren komplizierten und belastenden Beruf einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, schrieb sie 1994 den Roman „Tote lügen nicht“, der auf Anhieb viele begeisterte Leser fand.

Den Toten eine Stimme geben
In nun mittlerweile elf Büchern schickt Kathy Reichs ihr Alter Ego Temperance „Tempe“ Brennan, die genau wie ihre Schöpferin abwechselnd in den gerichtsmedizinischen Instituten von Charlotte, North Carolina und Montreal in Kanada arbeitet und zusätzlich Anthropologie an der Universität von Charlotte lehrt, in die Welt, um den vielen Opfern von Gewaltverbrechen eine Stimme zu geben. Denn erst durch Tempes Arbeit gewinnen die Toten ihre ureigene Geschichte zurück, können die letzten schmerzhaften Stunden ihres Lebens rekonstruiert und hoffentlich aufgrund der neuen Fakten auch ihr Mörder gefunden werden.

Doch was wären die spannendsten Untersuchungen in Tempes „Stinker“, ihrem High Tech Arbeitsplatz im Institut, ohne menschliche Beziehungen, private Verwicklungen und komplizierte Familiengeflechte? Tempe Brennans Leben ist voll davon, sie ist geschiedene Mutter einer erwachsenen Tochter, trockene Alkoholikerin und begegnet ihrer Umgebung oftmals mit schockierender Offenheit und schroffer Ehrlichkeit, wenn ihr etwas nahe geht. So legt sie sich gerne auch mal mit Vorgesetzten an und riskiert dabei auch im neuesten Buch der außergewöhnlichen Reihe „Der Tod kommt wie gerufen“ ihren Job.

Hühnerknochen und ein menschlicher Schädel
Als Tempe zu einem verlassenen Haus in North Carolina gerufen wird, ahnt sie noch nicht, welche Abgründe sich ihr offenbaren werden. In einem Keller im Örtchen Charlotte werden, neben einem Kessel voller Erde und Wachsresten, relativ frische Hühnerüberreste sowie Teile eines menschlichen Schädels gefunden.

Tempe stürzt sich mit Feuereifer in die Untersuchungen und findet schnell heraus, dass der Kopf einer jungen Frau gehört hat, die vor nicht allzu langer Zeit verstorben sein muss. Als Details der Funde an die Öffentlichkeit gelangen und eine aufdringliche Reporterin das Stichwort „Voodoo-Zauber“ in die Presse bringt, beschwört sie damit eine wahre Hexenjagd herauf und verunsichert die Bevölkerung. Tempe ist außer sich vor Wut und hält ihren Zorn gegenüber der Journalistin und einem selbsternannten Mann Gottes, der nach seiner Karriere als Wanderprediger nun politische Ambitionen hat, nicht zurück und tritt einflussreichen Personen damit empfindlich auf die Füße.

Eine kopflose Leiche und ein religiöser Fanatiker
Nur Tage später wird eine kopflose Leiche aus dem Fluss gezogen, auf deren Oberkörper mysteriöse und satanistische Zeichen eingeritzt sind. Schnell sickern die Informationen nach außen, und die ganze Stadt droht in Hysterie und panischer Angst vor Teufelsanbetern zu versinken - allen voran der ehemalige Prediger Boyce Lingo, der die Morde für seinen Wahlkampf genüsslich ausschlachtet.

Das Polizeiduo Slidell und Rinaldi ermittelt fieberhaft im Umfeld der beiden grausamen Funde, und mithilfe von Tempes forensischen Analysen stoßen die drei bald schon auf eine heiße Spur. Dabei dringen sie tief in die unbekannte Welt uralter und neuer, wieder entdeckter Religionen ein, die auf den ersten Blick Furcht einflößend erscheinen, deren Inhalte aber von Liebe, Sehnsucht und Hoffnung sprechen.

Tempe, die seit ihrer kurzen, aber intensiven Affäre mit Inspector Andrew Ryan in Kanada noch immer unglücklicher Single ist und zudem gerade miterleben muss, wie ihr Ex-Ehemann Pete eine junge, aufgetakelte Blondine ehelichen will, informiert sich gründlich über die vielen Spielarten der Götteranbetung und kommt dabei dem Täter gefährlich nahe.

Obskure Rituale und ein Martini zur falschen Zeit
Auf ihrem Weg der Ermittlungen treffen Slidell, Rinaldi und Tempe auf die kuriosesten Gestalten, lernen obskure und skurrile Rituale kennen und können schließlich die Identität der jungen Frau aus dem Keller feststellen. Doch die Lösung der Fälle liegt noch in weiter Ferne, und ein skrupelloser Mörder wütet weiter, ohne dass seine Taten einen religiösen Hintergrund erkennen lassen würden. Und so muss erst ein Cop sein Leben und Tempe endgültig ihre Fassung verlieren, bevor sich aus dem Dickicht der Ermittlungen eine verblüffende Lösung heraus kristallisieren kann.

Kathy Reichs erspart ihrer Heldin in „Der Tod kommt wie gerufen“ wirklich nichts. Als Mutter einer Tochter ist Tempe Brennan besonders tief getroffen, als sie den Schädel der jungen Frau untersuchen muss und auch die weiteren Geschehnisse erinnern sie schmerzlich an ihre eigene Geschichte und ihre ureigenen Ängste.

Und auch in Herzensangelegenheiten macht es ihr ihre Schöpferin nicht leicht. Da tritt eine alte Flamme aus Schulzeiten genau dann wieder in Tempes Leben als der Ex-Geliebte reumütig aus Kanada zurückkehrt und damit Tempes Gemütszustand endgültig verwirrt. Als sich dann im falschen Moment ein großer Martini in Tempes greifbarer Nähe befindet, steht ihr fragiler Lebensentwurf auf der Kippe …

Menschliche Wärme in der Kühle der Forensik
Wie diese außergewöhnliche Frau alle Schwierigkeiten meistert, die sich ihr in den Weg stellen und dabei noch Zeit und Energie für die Arbeit findet, die ihr so am Herzen liegt, ist in „Der Tod kommt wie gerufen“ wunderbar nachzulesen.

Eingebettet in einen faszinierenden und hoch spannenden Plot voller falscher Spuren, schillernd bunter Charaktere und lebendig gezeichneter Protagonisten schildert Kathy Reichs den Seelenzustand eines Menschen, der, getrieben von Gier, Hochmut und Arroganz vor nichts zurückschreckt, alles Mitgefühl verliert und schließlich zum grausamen und eiskaltem Mörder wird. Aber auch die Abgründe der „ganz normalen“ Mitbürger deckt die Autorin gnadenlos auf und zeigt, welche erschreckenden Neigungen und Wünsche, sich hinter der Maske der Normalität verbergen können.

Inmitten der kalten Brutalität und des nackten Wahnsinns nimmt sich die Person der Tempe Brennan aus wie ein Licht in dunkler Nacht. Unermüdlich und mit fast unerschöpflicher Energie und Akribie widmet sie sich den Untersuchungen und unterstützt damit tatkräftig die Ermittlungsarbeit der Polizei. Dass sie sich darüber hinaus auch noch persönlich in die Suche nach dem Mörder einmischt und die Nachforschungen vorantreibt, macht diesen Thriller zu etwas ganz Besonderem.

Denn hier kämpft eine Frau mit allen Mitteln um Gerechtigkeit – Gerechtigkeit für diejenigen, die ihre Stimme nicht mehr erheben können: die Vergessenen, die Verstümmelten, die unbekannten Toten. Ein außergewöhnlich sensibles Buch, das trotz der kalten und nüchternen Wahrheiten der Forensik eine immense menschliche Wärme entfaltet.

Bianca Reineke
Cuxhaven, September 2008


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»Ich kenne den Tod. Jetzt lauert er auf mich.«

Trailer zu »Der Tod kommt wie gerufen«

Ein verlassenes Haus in Charlotte, North Carolina, ein grausiger Einsatz für Forensikerin Tempe Brennan: Neben Kupferkesseln, einem toten Huhn und seltsamen Artefakten liegt der abgetrennte Kopf eines Mädchens. Blitzartig geht ein Gerücht um: Ritualmord! Ein bibelfester Politiker auf Stimmenfang verdächtigt okkulte Kreise und ruft nach Vergeltung. Noch während Tempe den Tatort untersucht, bahnt sich in Charlotte eine gnadenlose Hexenjagd an.

Kathy Reichs über »Knochen zu Asche« (engl. »Bones to Ashes«)

Rätselhafte Knochenbefunde

Rezension von Andrea Thumm

Hals über Kopf Blick ins Buch

Etwas Abwechslung von der Alltagsroutine in der sterilen Gerichtsmedizin hatte sich die forensische Anthropologin Temperance Brennan, genannt Tempe, erhofft, als sie die Leitung des archäologischen Ausgrabungsseminars auf einer beliebten Ferieninsel in South Carolina übernommen hatte. "Alte Knochen sind eine Informationsquelle über ausgestorbene Populationen. Wie die Menschen lebten, wie sie starben, was sie aßen, an welchen Krankheiten sie litten." Tempe ist für einen verhinderten Kollegen eingesprungen und steht kurz vor dem Abschluss ihrer Forschungen, die sie mit 20 Studenten auf Dewees Island vornimmt, einer Barriere-Insel nördlich von Charleston.

Da legt ein Student mitten in dem Gräberfeld von sechzehn Toten indianischer Herkunft aus präkolumbischer Zeit überraschend eine nur halbverweste Leiche frei. Am Schädel hängen noch "Büschel heller, bleicher Haare", das Skelett ist in Kleidung eingewickelt. Im Gegensatz zu den Indianern, deren Knochen bündelweise bestattet worden waren, liegen hier die Knochen anatomisch korrekt beieinander. Dieser Mensch wurde nachträglich beigesetzt und nur oberflächlich verscharrt.

Anwältin der Toten
Tempe verfasst einen Bericht und schickt ihn ins Büro des staatlichen Archäologen: Die Expertin empfiehlt, bis zur abschließenden Beurteilung der Funde von einer Bebauung dieses Teils der Insel abzusehen. Damit bringt sie den skrupellosen Bauunternehmer Richard L. "Dickie" Dupree gegen sich auf. Dieser wollte genau an diesem Strandabschnitt luxuriöse Feriendomizile errichten. Erregt spricht Dupree diffuse Drohungen gegenüber Tempe aus.

Unbeeindruckt davon informiert die Gerichtsmedizinerin die Leichenbeschauerin des Charleston County, Emma Rousseau, eine langjährige Freundin. Emma wirkt seltsam angegriffen. Darum geht Tempe auch bereitwillig auf ihre Bitte ein, die nähere Untersuchung der Leiche zu übernehmen. "Meiner Ansicht nach ist ein anonymer Tod die tiefste Beleidigung der menschlichen Würde … Ich kann die Toten zwar nicht mehr ins Leben zurückholen, aber ich kann Opfern ihre Namen wiedergeben und den Hinterbliebenen helfen, in ihrer Trauer zu einem Abschluss zu kommen", beschreibt die Mittvierzigerin die Motivation ihrer Arbeit.

Verwirrende Spuren
Aufgrund der Ausformung der Knochen, der vorhandenen Insekteneinschlüsse und eines Röntgenbildes der Zähne kommt die forensische Anthropologin zu folgendem Ergebnis: Bei dem Toten handelt es sich um einen weißen Mann, der zwischen 35 und 50 Jahre alt und 1,77 bis 1,86 Meter groß war. Der Zeitpunkt seines Todes liegt maximal sieben Jahre zurück. Merkwürdige Einkerbungen an manchen Wirbelknochen im Brust- und Lendenbereich geben ihr Rätsel auf.

Für die Dauer der Ausgrabungen hat die Forscherin auf dem Festland im geräumigen Ferienstrandhaus einer weiteren Freundin Quartier bezogen. Als hätte Tempe nicht schon genug um die Ohren, kündigt ihr Ex-Ehemann Janis "Pete" Peterson seinen Besuch an und stürzt sie damit in emotionale Verwirrung. "Unzählige Male hatten meine Finger über diese Haut gestrichen. Ich kannte jede Pore, jeden Muskel, jeden Knochen. Jede Ausrede, die diese Lippen fabriziert hatten." Bereits seit vielen Jahren wegen Petes wiederkehrender Untreue von ihm getrennt lebend, hat sie es emotional nicht geschafft, unter diese Beziehung einen Schlussstrich zu ziehen.

Alte Liebe neu entdeckt
Pete ist Anwalt und stellt im Auftrag eines Mandanten in Charleston Nachforschungen über den durchs Fernsehen bekannten Prediger Reverend Aubrey Herron an. Dessen evangelische Freikirche, die "Gottes Gnadenkirche", betreibt freie medizinische Ambulanzen für Bedürftige. In einer solchen hatte die Tochter von Petes Auftraggeber gearbeitet. Ein paar Monate bevor sie von einem auf den anderen Tag verschwunden war, hatte sie ihrem Vater gegenüber den Verdacht geäußert, dass in der Ambulanz Spendengelder veruntreut würden. Auch von dem zunächst beauftragten Privatdetektiv, einem ehemaligen Polizisten, fehlt jede Spur, und Reverend Herron lässt sich immer wieder verleugnen.

Das Gefühlschaos ist komplett, als zudem Tempes Lebensgefährte beim Ferienhaus auftaucht. Der kanadische Detective Andrew Ryan ist seit Jahren mit ihr liiert. Gemeinsam haben sie schon viele Mordfälle gelöst. Ryan findet Tempe in Petes Armen liegend vor und reagiert entsprechend eifersüchtig. Nicht ohne Berechtigung, denn Pete zieht alle Register, um seine Ex-Frau zu umgarnen. Der Detective wirft Tempe vor, sie habe sich ihm all die Jahre nicht wirklich geöffnet und anvertraut und ihre Beziehung sei dadurch immer oberflächlich geblieben.

Lebensgefährliche Nachforschungen
Tempe erfährt zu ihrer großen Bestürzung von Emma, dass die Freundin schwer krebskrank ist. Sie hat kaum Gelegenheit, ihre Gefühle zu sortieren, da überschlagen sich die Ereignisse. In einem Waldstück auf dem Festland wird eine weitere, von Tieren zerfledderte Leiche entdeckt. Da sie an einem Strick um den Hals von einem Ast herabhängt, sieht es zunächst nach Selbstmord aus. Die Anthropologin entdeckt jedoch einen für Erhängen untypischen einseitigen Halswirbelbruch sowie dieselben eigenartigen Knocheneinkerbungen wie an der ersten Leiche. Anhand der Fingerabdrücke kann die Leiche zweifelsfrei identifiziert werden - es ist der verschwundene Privatdetektiv.

In dessen Hinterlassenschaft entdeckt Tempe Fotos und Zeitungsartikel, die erneut die kirchliche Ambulanz ins Blickfeld rücken. Das Gebäude und die Einrichtung wirken heruntergekommen, das Personal - ein vorbestrafter Pfleger und eine wenig gesprächige Empfangsdame - äußerst feindselig. Merkwürdigerweise ist der verantwortliche Teilzeitarzt Doktor Lester Marshall wie aus dem Ei gepellt. Doch der zuständige Sheriff und seine Mitarbeiter zeigen sich wenig interessiert, die Vorgänge in der Ambulanz zu überprüfen. Und plötzlich fühlt sich auch Tempe ihres Lebens nicht mehr sicher: ein Unbekannter wirft ihr nachts eine Bierflasche an den Kopf. Als schließlich noch Pete angeschossen wird, scheint klar: Jemand will um jeden Preis verhindern, dass beide weitere Nachforschungen anstellen.

Begabte Autorin und anerkannte Knochenexpertin
In ihrem neunten Thriller, "Hals über Kopf", lässt die beliebte Bestsellerautorin Kathy Reichs ihre Serienheldin Tempe Brennan erneut einen Ausflug in ihr ursprüngliches Betätigungsfeld unternehmen: die Archäologie, eine wissenschaftliche Disziplin, in der Reichs promoviert hat. Die 1950 in Chicago geborene Autorin und Professorin für Soziologie und Anthropologie lehrt heute an der Universität von North Carolina in Charlotte und beim FBI in Quantico Spurenerkennung und -sammlung. Außerdem arbeitet sie seit über 20 Jahren erfolgreich als forensische Anthropologin in den USA und in Kanada.

Die Spezialistin für menschliche und tierische Knochenkunde kann anhand des Zustands von Knochen Geschlecht, Alter und Rasse bestimmen, ebenso Todeszeitpunkt und Todesursache. Doch die Identifizierung bleibt laut Kathy Reichs immer Gemeinschaftswerk. "Ein Pathologe untersucht die Organe und das Hirn, ein Entomologe die Insekten, ein Odontologe Zähne und zahnärztliche Unterlagen, ein Molekularbiologe die DNS, ein Ballistikexperte die Geschosse und Patronenhülsen, und ein forensischer Anthropologe beugt sich über die Knochen. Die Mitarbeit vieler Einzelner ist nötig, um unzählige Puzzleteile so zusammenzufügen, dass sich ein komplettes Bild ergibt."

Gelungener Mix aus Fakten und Fiktion
Ihre berufliche Erfahrung aus der gerichtsmedizinischen Untersuchung zahlreicher (Mord-)Fälle lässt Kathy Reichs in ihre Romane einfließen. Die Details sowie die persönlichen Hintergründe ihrer Hauptfigur sind jedoch reine Fiktion, so die Autorin. "In Hals über Kopf" greift Reichs auf Erfahrungen zu Beginn ihrer Berufstätigkeit zurück, als sie bei Ausgrabungen prähistorischer Begräbnisstätten mitwirkte. Die Erkenntnisse zu den Schnittspuren und Wirbelbrüchen beziehen sich auf einen realen wissenschaftlichen Beitrag eines Kollegen. Nüchtern, aber schonungslos beschreibt sie die Methoden zur Identifizierung der Leichen, wie hier die Rekonstruktion von Fingerabdrücken. Da Reichs neben ihrer Tätigkeit als Autorin weiterhin als forensische Anthropologin arbeitet, sind ihre Kriminalromane authentisch und realitätsnah geblieben.

Für ihr Romandebüt "Tote lügen nicht" wurde Kathy Reichs 1997 mit dem begehrten Crime Writers of Canada's Arthur Ellis Award ausgezeichnet. Alle ihre Bücher erklommen in Windeseile die internationalen Bestsellerlisten und wurden in 30 Sprachen übersetzt. Auch "Hals über Kopf" hat es in Deutschland in die Top Ten der Spiegel-Bestseller geschafft. Doch die Autorin kann sich noch über einen weiteren Erfolg freuen: Im Oktober 2006 ist im deutschen Fernsehen "Bones - Die Knochenjägerin" angelaufen. Bei dieser von ihr mitproduzierten TV-Serie unterstützt Reichs als wissenschaftliche Beraterin die Drehbuchautoren. Bones, so Tempes Spitzname in der Serie, ist 10 Jahre jünger als in Reichs Romanen und arbeitet in einem multiethnischen Expertenteam als Gerichtsmedizinerin am Jefferson Institute in Washington. So betrachtet die Autorin die Serie auch als Vorgeschichte ihrer Romanheldin.

Intelligente und humorvolle Unterhaltung
Erneut hat Kathy Reichs - die "Queen der Obduktionsliteratur" (STERN) - eine intelligente und packende Mischung aus Wissenschaftsthriller und romantischer Liebesgeschichte vorgelegt, in der es vor Erotik knistert. Detailliert, aber sachlich-nüchtern präsentiert sie faszinierende medizinische wie forensische Untersuchungsmethoden und bleibt dabei für den interessierten Laien verständlich. In bewährter Manier lässt die Autorin ihre Heldin in regelmäßigen Abständen die Ermittlungsergebnisse zusammenfassen und sorgt so dafür, dass der Leser trotz der komplexen Handlung nicht den Faden verliert. Die anschauliche Darstellung der unterschiedlichen Schauplätze sowie der Natur in South Carolina bildet einen atmosphärischen Hintergrund.

Die lebendige Schilderung von Tempes gespanntem Verhältnis zu Ex-Mann und Geliebten weist Reichs einmal mehr als präzise und feinfühlige Beobachterin menschlicher Verhaltensweisen aus. Tiefer als bisher eröffnet die Autorin Einblick in die zerrissene Gefühlswelt ihrer Hauptfigur. Ausgestattet mit Launen und Schwächen wirkt Tempe äußerst glaubwürdig. "Hals über Kopf" - routiniert erzählter und fesselnder Lesegenuss, gewürzt mit einer kräftigen Prise Humor und Sprachwitz.

Andrea Thumm

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Podcast »Aktenzeichen Mord«

Günter Keil empfiehlt

Kathy Reichs: »Hals über Kopf«
Was wie ein harmloser Exkurs auf eine idyllische Ferieninsel beginnt, endet für die forensische Anthropologin Tempe Brennan in einem Albtraum. Archäologische Grabungen im Sand von Dewees Island, South Carolina, fördern nicht nur bestattete Ureinwohner zutage, sondern auch eine Leiche, die erst vor wenigen Jahren verscharrt worden ist. Damit nicht genug. In einem Sumpfgebiet auf dem Festland werden Überreste eines vermeintlichen Selbstmörders entdeckt. Eigenartige Einkerbungen an den Halswirbeln des Toten sagen Tempe, dass eine makabre Verbindung zwischen den beiden Fällen bestehen muss ...

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»Diese Degenerierten verpesten die Welt«

Rezension von Carsten Hansen

Brisante Themen - intelligent und berührend präsentiert
Kathy Reichs Romane umspannen ein breites Themenspektrum: vom Serienmord und sexueller Perversion ("Tote lügen nicht" und "Totenmontag"), über Sekten ("Knochenarbeit"), Bandenkriege konkurrierender Motorrad-Gangs ("Lasst Knochen sprechen"), mysteriöse Flugzeugabstürze, düstere Machenschaften hochstehender Politiker und Geheimorganisationen ("Durch Mark und Bein"), bis hin zu international Aufsehen erregenden Themen wie Militär-Massaker in Guatemala, Handel mit embryonalen Stammzellen ("Knochenlese") und weltweiten Netzwerken aus Drogenhandel, Wilderei sowie Schmuggel mit artgeschützten Wildtieren und Tierorganen ("Mit Haut und Haar"). Die Autorin packt aktuelle Themen an, die ihr unter den Nägeln brennen, und möchte zum Nachdenken anregen.

Grundlage für ihre Charaktere bilden Facetten von Menschen, denen sie in der Realität begegnet ist. Diese lässt sie in ihre Figuren einfließen und schmückt sie weiter aus. Humoristische Passagen, in denen Tempe über sich und ihre Mitmenschen reflektiert, wechseln mit nüchternem, teilweise telegrammartigen Sprachstil, wenn Reichs Hauptfigur Untersuchungen und Ermittlungen nachgeht. So kommentiert Tempe in "Mit Haut und Haar" ihre Suche nach den einzelnen Teilen eines zersplitterten Schädels mit den knappen Worten: "Zähne. Augenhöhlenknochen. Ein Stück Unterkiefer. Jedes Fragment überzogen mit dem schuppigen schwarzen Belag." Diese Sprache schafft Distanz zu dem geschilderten Grauen, auch wenn wir quasi neben der Anthropologin stehen und uns über ihre Funde beugen.

Akribische Detailarbeit
So gewissenhaft wie Kathy Reichs ihre Leichen untersucht, so genau recherchiert sie Details in ihren Romanen. Wissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie beispielsweise die Blutspritzer-Analyse - in "Lasst Knochen sprechen" - beschreibt die Autorin präzise, dennoch unterhaltsam und für den Laien verständlich. Auch Krankheiten wie die Autoimmunerkrankung Sarkoidose sowie eine männliche Gen-Anomalie, das sogenannte Klinefelter-Syndrom, schildert sie anschaulich in "Mit Haut und Haar". Erklärt sie in "Totenmontag", wie sich das Alter und Herkunft von Knochen mittels der Radiokarbonanalyse bzw. der Strontium-Isotopen-Analyse bestimmen lassen, so geht sie in "Totgeglaubte leben länger" differenziert auf die unterschiedlichen Methoden ein, aus zeitgenössischen und alten Knochen DNS herauszufiltern und die Ergebnisse auszuwerten.

Wenn sie sich selbst nicht auskennt, fragt Kathy Reichs Kollegen, die ihr bereitwillig Auskunft geben. So erkundigte sie sich bei einem Ballistiker, mit welcher Waffe man Bären tötet, und bei der Montrealer Polizei, wie diese Telefondaten beschafft und auswertet. Zur Überprüfung technischer Details in ihren Romanen, beispielsweise dazu, wie ein bestimmter Flugzeugtyp konstruiert ist, holte sie sich ebenso fachlichen Rat. Kathy Reichs, die bisher ihre eigenen forensischen Fälle in ihren Romanen verarbeitete, hat sich in "Totgeglaubte leben länger" auf die ausführlichen Nachforschungen ihres Kollegen und biblischen Archäologen Dr. James Tabor zu Masada und den historischen Fakten über die Jesus-Familie gestützt. Die Handlung bezieht offene Fragen und Ungereimtheiten bei archäologischen Funden in Israel sowie Aussagen aus dem Neuen Testament mit ein, die eine alternative Sicht auf das Leben Jesu ermöglichen. Sogar in Wissenschaftlerkreisen hat sie sich als Romanautorin Anerkennung erworben.e. Gleichzeitig will Brennans Ex-Liebhaber, der Polizist Andrew Ryan, die Morde an einigen Mädchen aufklären, deren Umstände frappierende Ähnlichkeiten aufweisen. Während die Suche nach Évangéline für Tempe immer mehr zu einer fixen Idee wird, versucht sie gleichzeitig, Ryans Ermittlungen mit den Mitteln ihrer Wissenschaft voranzubringen. Schließlich gelingt es ihr, mit Hilfe ihrer Schwester, der extrovertierten und "Männer fressenden" Harry, Évangélines Schwester Obéline ausfindig zu machen. Diese erzählt ihnen, dass Évangéline tot sei - und liefert gleichzeitig ungewollt Indizien, die das Gegenteil vermuten lassen. Eine Weile scheint die Lösung dieses Rätsels in immer weitere Ferne zu rücken - bis Tempe das Geheimnis des markierten Schädels löst. Und sie muss erkennen: Die Schicksale Évangélines und der toten Mädchen sind auf furchtbare Weise miteinander verknüpft.

Ermittler an ihren Grenzen
Die Ermittlungen führen die Beteiligten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit - physisch wie psychisch. Zu allem Überfluss ist Tempe auch noch unsicher, ob ihre wieder aufgenommene Liaison mit Ryan eine Zukunft hat oder nicht. Ryan wiederum sorgt sich um seine drogensüchtige und straffällige Tochter, während er an der Suche nach den verschwundenen Mädchen beinahe verzweifelt. Und schließlich droht selbst der erfahrene Spezialist für "cold cases", Hippolyte Gallant ("Hippo"), das Handtuch zu werfen, als es so aussieht, als könne man den Verdächtigen nicht festnageln, den man zunächst für die Folterungen, Vergewaltigungen und Ermordungen der jungen Mädchen verantwortlich macht. Die Hartnäckigkeit und Professionalität, mit der das Trio - ergänzt durch Tempes exzentrische Schwester - den Fall letztlich aufklärt, ist schlicht beeindruckend.

Hier liegen - neben dem sehr einfühlsamen ersten Kapitel - die Stärken dieses Brennan-Romans. Leser, denen sich der Charme von Autopsieberichten und bakteriologischen Exkursen nicht erschließt, kommen vor allem dort auf ihre Kosten, wo es um das Zusammenspiel der Ermittler geht. Die Szene etwa, in der sich die Beamten durch das abstoßende Videomaterial eines ermordeten Fotografen quälen, dürfte nicht nur den Protagonisten, sondern auch dem Leser lange in Erinnerung bleiben. Man fühlt - erschrocken über sich selbst - mit Tempe, wenn sie sagt: "Diese Degenerierten verpesten die Welt." Während Hippo pausenlos Magentabletten schluckt, behält bei der aufreibenden Suche nach dem Täter einzig Ryan die Fassung. Er überzeugt Tempe, weiter mit ihm zu forschen. In einem dramatischen Showdown gelingt es ihm, das Versprechen zu halten, das er Tempe in "drei der schlimmsten Stunden meines Lebens" gegeben hat: "Wir kriegen ihn."

Carsten Hansen
(Literaturtest)
Berlin, Juli 2007

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Gefährliche Spurensuche im Gelobten Land

Rezension von Andrea Thumm

In ihrem achten Roman "Totgeglaubte leben länger" schickt die international beliebte Krimi-Autorin Kathy Reichs ihre Serienheldin, die forensische Anthropologin Temprance "Tempe" Brennan, aus ihrem vertrauten Umfeld ins weit entfernte Israel. Wie ihre Schöpferin lehrt Tempe Anthropologie an der Universität von North Carolina und untersucht Todesfälle in der Gerichtsmedizin von North Carolina und Quebec. In einem besonders belüfteten Autopsieraum, von den Angestellten sehr sprechend "Stinker" genannt, versucht sie, anhand menschlicher Überreste herauszufinden, ob die betreffende Person durch Unfall, ein Verbrechen, Selbstmord oder einen natürlichen Tod aus dem Leben geschieden ist. Sie ermittelt den Todeszeitpunkt und identifiziert die Toten. "Neben den Skelettierten bekomme ich die Verbrannten, die Mumifizierten, die Verstümmelten und die Verfaulten. Meine Aufgabe ist es, die Identität zu rekonstruieren, die der Tod ausgelöscht hat", so Tempe trocken.

Der neueste Fall, den die Spezialistin für Knochenkunde auf den Tisch bekommt, sieht zunächst wie eine Routineaufgabe aus. Der 56-jährige jüdisch-orthodoxe Importeur Avram Ferris wird tot in der Abstellkammer seines Geschäftsgebäudes in Montreal aufgefunden. Aufgrund einer Schussverletzung am Kopf und der Waffe vor Ort vermutet die Polizei, dass er Selbstmord begangen hat. Seine Frau und die Mutter des Verstorbenen zweifeln dies an und sind völlig verstört. Tempe kann sich gut in die Hinterbliebenen einfühlen. "Mahlzeiten, die man nie mehr gemeinsam einnehmen wird. Gespräche, die nie geführt werden." Sie selbst hat neben der Trennung von ihrem Ehemann Pete weitere Verlusterfahrungen verarbeiten müssen. Ihr Bruder Kevin starb mit drei Jahren an Leukämie, ihre Großmutter hat sie mit über 90 Jahren verloren. "Jedes Mal war die Trauer wie ein lebendiges Wesen, das in meinen Körper eindrang und sich tief im Mark und in den Nervenenden einnistete."

Ein Skelett aus der Frühzeit
Gerade hat Tempe der Witwe und Mutter von Ferris ihr Beileid ausgesprochen, da hält sie im Gang des gerichtsmedizinischen Instituts ein unbekannter Mann auf. Er stellt sich als Mr. Kessler und Geschäftspartner des Toten vor und überreicht Tempe einen Umschlag, in dem eine Schwarzweiß-Aufnahme steckt. Sie zeigt ein vollständig erhaltenes Skelett in einer Felslandschaft und ist auf das Jahr 1963 datiert. Mit dem Hinweis, dass das Foto in Israel aufgenommen wurde und der Grund für den Tod des Importeurs sei, ist der Mann auch schon wieder verschwunden. Da die Aufnahme von einer Ausgrabungsstätte zu stammen scheint, ruft Tempe einen ehemaligen Kollegen und Freund an, den biblischen Archäologen Jacob "Jake" Drum. Dieser ordnet das Skelett als einen bisher unveröffentlichten Fund aus Masada ein. Die Festungsanlage Masada, eine berühmte archäologische Ausgrabungsstätte in Israel, hatten vor fast 2000 Jahren jüdische Freiheitskämpfer bis zuletzt gegen die römischen Besatzer verteidigt.

Die Untersuchung von Ferris' Leichnam gestaltet sich schwierig. Er ist durch extreme Hitzeeinwirkung bereits stark verwest, und Katzen haben am Kopf des Toten ihre Spuren hinterlassen. Außerdem wohnen Vertreter der jüdisch-orthodoxen Gemeinde, der Ferris angehörte, der Autopsie bei. Sie bestehen aus religiösen Gründen darauf, dass Tempe keine Gewebeproben entnimmt. Schließlich gelingt ihr in mühevoller Kleinarbeit die Rekonstruktion des Schädels und des Einschusswinkels. Die Anthropologin kommt zu dem Schluss, dass der Importeur mit zwei gezielten Schüssen in den Hinterkopf hingerichtet wurde. Doch von wem? Und wo ist das Skelett abgeblieben, das sich in seinem Besitz befunden hatte? Hat Ferris, der rituelle jüdische Gegenständen kaufte und verkaufte, womöglich illegalen Handel mit archäologischen Funden getrieben?


Ein überraschender Fund im Kloster
Bei ihren Nachforschungen erhält die Gerichtsmedizinerin Unterstützung durch ihren Geliebten Andrew Ryan, einen gut aussehenden Lieutenant-Détective am Montrealer Morddezernat, der den Fall betreut. "Einssechsundachtzig. Sandblonde Haare. Wikingerblaue Augen", umreißt sie knapp sein Erscheinungsbild. Seine Ausstrahlung kommentiert Tempe selbstironisch: "Es gibt einige unveränderliche Naturgesetze. Immer wenn ich Andrew Ryan treffe, sehe ich so übel aus, dass es schlimmer nicht mehr geht. Andrew Ryan sieht aus wie frisch von einem Plakat für einen Abenteuerfilm. Immer." Das hält die beiden jedoch nicht davon ab, immer wieder heiße Liebesnächte miteinander zu verbringen. Gemeinsam finden Tempe und Ryan heraus, dass Kessler eigentlich Hershel Kaplan heißt, ein in Kanada bestens bekannter Wirtschaftskrimineller. Er hat sich zwischenzeitlich nach Israel abgesetzt.

Ein Hinweis der Mutter des Importeurs führt Tempe in ein Zisterzienser-Kloster in Quebec, wo Abt Sylvain Morissonneau, ein Freund des Toten, das Skelett über 30 Jahre in der Krypta verborgen hatte. Kurze Zeit später verstirbt der vital wirkende Abt - an Herzversagen, so die offizielle Auskunft. Ist jemand hinter den Knochen her, von denen zumindest Ferris geglaubt hatte, dass sie von Jesus stammten? Tempe, welcher der Abt das Skelett mitgegeben hatte, ist ziemlich unbehaglich zumute. Nachdem sie ihren Fund auf das erste Jahrhundert datiert hat, meldet sie ihn pflichtgemäß der israelischen Altertumsbehörde. Da ruft Jake aus Israel an. Er deutet eine spektakuläre Entdeckung an und fordert Tempe auf, das Skelett persönlich zu ihm zu bringen. Sie soll jedoch niemanden darüber informieren. Was führt er im Schilde? Ryan beschließt, Tempe nach Israel zu begleiten, da er von einem israelischen Kollegen um Unterstützung bei den Ermittlungen im Fall Kaplan gebeten wurde. Dieser sitzt mittlerweile wegen des Diebstahls einer Halskette in Haft.

Heiß umkämpftes Familiengrab
Während Ryan Kaplan vernimmt, führt Jake Tempe zu einer Grabstätte im Kidrontal nahe Jerusalem, die er für "das Familiengrab Jesu" hält. Er geht davon aus, dass ein erst vor wenigen Jahren aufgetauchter Gebeinkasten mit der Inschrift "Jakobus, Sohn des Joseph, Bruder des Jesus" aus diesem Grab stammt und das von Tempe mitgebrachte Skelett besagter Jakobus ist. Da macht Tempe in einer bisher verborgenen Kammer einen weiteren Skelettfund, der in ein wertvolles Leichentuch eingehüllt ist … Handelt es sich hierbei nun um die sterblichen Überreste Jesu Christi? Sollte dies zutreffen, hätte Jesus Geschwister gehabt, den Kreuzestod noch Jahrzehnte überlebt und wäre erst im hohen Alter in Masada gestorben. Diese Erkenntnis würde sowohl die christlichen Vorstellungen vom Leben und Sterben Jesu Christi als auch jüdische Einschätzungen von Masada als Symbol jüdischen Selbstbehauptungswillens gravierend erschüttern. Fasziniert von ihrer Entdeckung, merkt Tempe nicht, dass sie in Lebensgefahr schwebt. Denn die "Knochenpolizei" der Hevrat Kadisha ist auf sie aufmerksam geworden. Diese ultra-orthodoxe Gruppierung tritt als unerbittliche Hüterin der Totenruhe auf, die nach jüdischem Gesetz um keinen Preis gestört werden darf …

Faszinierende Mischung aus Fakten und Fiktion
Kathy Reichs, die 1997 für ihren Romanerstling mit dem begehrten Arthur Ellis Award ausgezeichnet wurde, verarbeitet meist viele ihrer eigenen beruflichen Erfahrungen in ihren Romanen. In ihrem Bibel-Thriller "Totgeglaubte leben länger" bezieht sie sich jedoch auf die ausführlichen Nachforschungen ihres Kollegen und biblischen Archäologen Dr. James Tabor zu Masada und den historischen Fakten über die Jesus-Familie. Dabei integriert die Autorin Fakten wie die Unterschlagung von Funden bei archäologischen Ausgrabungen in Masada in den 60er Jahren sowie das Auftauchen eines Gebeinsarges im Jahr 2002 mit der Inschrift "Jakobus, Sohn des Joseph, Bruder des Jesus", dessen Echtheit jedoch umstritten ist. Auch greift sie Aussagen aus dem Neuen Testament auf, welche die Möglichkeit eröffnen, das Leben von Jesus und seiner Familie anders als bisher zu interpretieren. Reichs bringt auf respektvolle Art und Weise dem Leser jüdische Begrabungsriten und Glaubensvorstellungen nahe, scheut sich aber auch nicht, fundamentalistische Auswüchse anzuprangern.

Detailliert, aber nüchtern lässt die Autorin ihre Hauptfigur die Untersuchungsvorgänge in der Gerichtsmedizin beschreiben. Der Leser blickt ihr dabei über die Schulter. Wie in ihren bisherigen Kriminalromanen hat es sich Kathy Reichs zur Aufgabe gemacht, moderne Untersuchungsmethoden der Pathologie allgemeinverständlich zu erklären. In "Totgeglaubte leben länger" beschreibt sie nun ausführlich die verschiedenen Vorgehensweisen, wie aus zeitgenössischen, aber auch alten Knochen die DNS gewonnen und das Ergebnis interpretiert werden kann. Mit dem Schreiben über Todesfälle aus alter Zeit kehrt Reichs zu ihren eigenen Wurzeln zurück: Ihre Doktorarbeit und ihre frühe Forschung befasste sich mit frühzeitlichen Skeletten.

Kathy Reichs, deren Tempe-Brennan-Romane Fans aus aller Welt begeistert verschlingen, schlägt mit ihrem prickelnden Thriller "Totgeglaubte leben länger" auf intelligente Weise den Bogen von einem aktuellen Mordfall in die frühchristliche Vergangenheit. Dabei mischt die Autorin, deren Sprache von Sachlichkeit und trockenem Humor geprägt ist, raffiniert reale Fakten und Erfundenes. Geschickt spielt sie mit menschlichen Vorurteilen und legt immer wieder falsche Fährten. Ihre Hauptfigur schildert Reichs als gefühlvolle und engagierte, aber auch eigenwillige Person, die sich durch ihren Eigensinn häufig gefährlichen Situationen aussetzt. Auch in ihrem neuesten Roman fügt Kathy Reichs die einzelnen Handlungsstränge gekonnt zu einem komplexen und schillernden Puzzle zusammen. Vergnügliche und fesselnde Stunden für Augen oder Ohren - denn "Totgeglaubte leben länger" gibt es als Buch und als Hörbuch.

Andrea Thumm
München, Januar 2006


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Stumme Zeugen

Rezension von Bianca Reineke

Und wieder sammelt die forensische Anthropologin Tempe Brennan Knochen in einen Eimer, nimmt sie mit in den "Stinker", ihren hoch technisierten und doch mit dem Geruch des Todes behafteten Arbeitsplatz in der Gerichtsmedizin und macht sich ans Werk. Sie steht vor der schwierigen Aufgabe, aus der kargen Ausbeute an menschlichen Überresten, Schicksale und Lebensgeschichten heraus zu lesen und so den Toten eine Stimme zu geben. Wenn Leichen gefunden werden, bei denen die Pathologen dankend abwinken, weil nur noch Knochen übrig sind, dann haben "Spezialisten in Knochenkunde" wie Temperance Brennan, genannt Tempe, ihren Auftritt.

Tempe Brennan alias Kathy Reichs
Die Autorin Kathy Reichs ist selbst forensische Anthropologin und Tempes Alter Ego. Beide Damen arbeiten an den gerichtsmedizinischen Instituten von Charlotte, North Carolina und Montreal in Kanada und lehren zusätzlich Anthropologie an der Universität von Charlotte. Mit "Totenmontag" legt Kathy Reichs den siebten und lang ersehnten Band ihrer weltweit erfolgreichen Reihe um Tempe Brennan vor.

Kathy Reichs, die ihr Privatleben unter Verschluss hält, feiert dieses Jahr ihren 55sten Geburtstag, ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie begann ihre schriftstellerische Karriere erst 1994, um ihre ungewöhnliche Arbeit einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Gleich mit ihrem ersten Roman "Tote lügen nicht" landete Kathy Reichs, die als Expertin häufig vor Gericht auftritt, einen Sensationserfolg und preisgekrönten Bestseller. Dass sie ihr umfangreiches Wissen gut mitteilen und auch für Laien verständlich machen kann, liegt vielleicht daran, dass sie als Dozentin für den FBI-Nachwuchs tätig ist und den angehenden Ermittlern Nachhilfe im Spurenlesen erteilt. Kathy Reichs' Arbeit ist emotional stark belastend, aber auch - wie sie findet - sehr befriedigend. Für sie steht immer der Mensch im Vordergrund, auch wenn ihre streng an naturwissenschaftlichen Grundsätzen orientierte Arbeit emotionale Regungen kaum zulässt.

Kathy Reichs hat nach dem 11. September die Trümmer des World Trade Center mit untersucht, sie hat nach dem Genozid in Ruanda geholfen, offene Fragen zu klären, und auch bei der Öffnung eines Massengrabes in Guatemala konnte sie durch ihre Fachkenntnisse der UN mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Schreiben als Therapie
Das Schreiben der Romane um eine forensische Anthropologin ist für die Autorin Therapie. Indem sie Tempes Arbeit an ihre eigenen Erlebnisse anlehnt und mit viel Phantasie zu spannenden Plots ausschmückt, beginnt sie, den Schrecken und das Grauen, das hinter jedem einzelnen Fall lauert, abzulegen.

Doch Kathy Reichs besteht darauf, dass sie sich von ihrer Heldin unterscheidet: Tempe sei viel mutiger und dreister. Ihr Elan sei es, der sie immer weiter treibt, manchmal über die Grenzen des Gesetzes hinaus und doch immer auf der Suche nach Gerechtigkeit für die Toten. Und diesen Elan, dieses Engagement und die tiefe Liebe zu den Menschen, manchmal mehr zu den Toten als zu den Lebendigen, spürt der Leser bei der Lektüre der Bücher.

Auch Tempe Brennans Leben ist nicht immer gradlinig verlaufen, auch sie hat schmerzhafte Einschnitte erfahren und musste erst mühsam wieder lernen, Vertrauen zu fassen. Sie weiß, dass es Schicksale gibt, die nicht offensichtlich sind, dass sich hinter einer vermeintlich perfekten Fassade Traurigkeit und Verrat verbergen können. Ihr Ehemann Pete hat sie nach langer Ehe betrogen, so dass Tempe die Konsequenzen zog und die Scheidung einreichte. Trotz der Liebe zur einzigen Tochter Katy, die mittlerweile studiert, und trotz des Berufs, der ihr so viel bedeutet, wurde Tempe zur Alkoholikerin. Doch das ist schon lange vorbei. Nur manchmal, wenn die Knochen auf ihrem Obduktionstisch ein schreckliches Schicksal erzählen, verlangt es sie nach einem harten Drink, der helfen könnte, alles leichter zu ertragen.

Schicksale auf dem Obduktionstisch
Statt auf Johnny Walker oder andere flüssige Helfer setzt Tempe Brennan jetzt lieber auf Sarkasmus und zynischen, schwarzen Humor. Kathy Reichs serviert hier herrliche Momente voller Ironie, die gepaart mit der kühlen Sachlichkeit, in der Tempe ihre Arbeit beschreibt, für die nötige Distanz sorgt, die der Leser und Tempe dringend benötigen.

Mit ihrer Art stößt Tempe viele ihrer Kollegen vor den Kopf. Hartnäckig und spitzzüngig setzt die Wissenschaftlerin stets ihren Willen durch, häufig auf Kosten ihrer Beliebtheit. Dabei ist es nur das Mitgefühl, das sie umtreibt. Für sie sind die erbärmlichen Fragmente menschlicher Existenz mehr als nur Forschungsmaterial, mit einer Nummer versehen und fein säuberlich auf einem Tisch aufgereiht. Für Tempe Brennan sind es Menschen. Menschen, die gelebt haben, liebten und geliebt wurden. Menschen von pulsierender Lebendigkeit. Und die forensische Anthropologin weiß, dass es in aller Regel unschuldige Opfer eines Verbrechens sind, deren Überreste sie gerichtsmedizinisch zu untersuchen hat. Opfer, denen nicht einmal die Würde einer Beerdigung zuteil wurde, deren Angehörige an der grausamen Ungewissheit zu verzweifeln drohten und nun nicht einmal einen Ort haben, an dem sie trauern können.

Tempe arbeitet professionell, gründlich und sorgfältig. Und doch schnürt es ihr bisweilen die Kehle zu, wenn ihr Blick über die menschlichen Überreste auf dem sterilen Obduktionstisch streift. Viel zu oft muss sie feststellen, dass die Opfer Frauen sind, gedemütigte Frauen, wie sie selbst, deren Schicksal in Tod und Verderben geendet hatte. Tempe will diesen Menschen Würde und Respekt zurückgeben, die anonymen Opfer mit einem Namen und einer Geschichte ausstatten. Und wenn sie aufbraust, weil Kollegen anders denken und daraufhin von ihr vorschnell verurteilt oder angegriffen werden, dann besitzt sie auch die Größe, diese Schwäche einzugestehen, und sich für ihre falsche Meinung zu entschuldigen. Tempe Brennan ist nicht perfekt, aber eine Perfektionistin, und dieser Gegensatz macht sie wunderbar menschlich und ungeheuer sympathisch.

Knochenfunde in Montreal

In "Totenmontag" legt sich Tempe gleich zu Beginn mit ihrem Kollegen Detective Luc Claudel an und feilt lange an dieser Feindschaft. Im bitterkalten kanadischen Winter werden unter einer Montrealer Pizzeria Teile von drei Skeletten gefunden. Doch die Bestimmung des Alters der menschlichen Überreste ist schwer und die mit Arbeit überlasteten Ermittler stufen den Fall daher als unwichtig ein. Nur Tempe, die bei der Ausgrabung dabei ist, verspürt von Beginn an den brennenden Wunsch, die Geschichte dieser Skelette zu erfahren. Sie verbeißt sich regelrecht in diesen Fall und analysiert wie besessen, untersucht die Knochen stundenlang in ihrer Freizeit, investiert ihr eigenes Geld und vor allen Dingen viel Herzblut. Sie riskiert dabei sogar die neue und sehr zerbrechliche Beziehung zu Lieutenant Detective Andrew Ryan, weil sie ihn oftmals völlig überarbeitet und genervt abweist.

Trotz ihrer Bemühungen kann auch Tempe anfangs keinerlei Angaben zum Alter der Knochenfunde oder zu Spuren von Gewalteinwirkung machen, und da es keine Kleidungsstücke oder Fasern gibt, die eine Datierung ermöglichen würden, soll der Fall zu den Akten gelegt werden. Doch Tempe lässt sich nicht beirren. Sie will wissen, wer da in einem Keller lieblos verscharrt wurde, welche jungen Mädchen - denn dass es Frauenleichen sind, konnte sie bereits durch ihre Untersuchungen feststellen - Opfer eines brutalen Mörders wurden. Denn irgendwie ist sie sicher, dass es sich um Mord handelt. Und tatsächlich gelingt es ihr, den Leiter der Gerichtsmedizin, Pierre LaManche, davon zu überzeugen, dass sich eine Ermittlung lohnt.

Falsche Spuren und ein großer Fehler
So beobachtet man mit Spannung, wie Tempe sich mit dem Segen der Chefetage in ihre Arbeit vergräbt und Stück für Stück Licht ins Dunkel bringt. Schon bald kann sie aufgrund der allerneuesten Hightech-Methoden neue Ergebnisse präsentieren, die selbst für den medizinischen Laie interessant und spannend sind. Da Tempe ihre Arbeit stets sachlich, trocken und kurz kommentiert, gewinnt der Leser einen guten Einblick in die forensische Anthropologie und verspürt schon bald den Wunsch, mehr über diese Wissenschaft zu erfahren.

Und tatsächlich behält Tempe Recht. Ihre Analysen ergeben, dass der Fall hochaktuell ist und der Zeitpunkt des Todes der jungen Mädchen keinesfalls lange zurückliegt. Im Gegenteil. Sollte der Mörder immer noch auf freiem Fuß sein, dann besteht die Gefahr, dass ihm noch weitere junge Frauen zum Opfer fallen. Die Zeit wird knapp. Doch die Ermittlungen der Polizei ziehen sich endlos in die Länge, und deshalb beginnt Tempe, auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei verschlägt es sie in die schäbigen Vororte Montreals, wo sie auf die Ausgestoßenen der Gesellschaft und eine heiße Spur stößt, dabei aber sich selbst und andere in höchste Lebensgefahr bringt. Denn die Täter sind eiskalt, gerissen und mit allen Wassern gewaschen. Tempe, die bald tief betroffen ist, als sie auf weitere Opfer stößt, verkennt anfangs die Wahrheit und begeht in ihrer impulsiven Art einen großen Fehler. Ihr flammender Gerechtigkeitssinn bringt sie in große Gefahr, so dass sie beinahe selbst auf dem Obduktionstisch der Kollegen in der Gerichtsmedizin landet…

Ein Hitzkopf auf Verbrecherjagd
Tempe Brennan ist eine moderne Frau: intelligent, stark und unabhängig. Doch auch sie ist verletzlich und unsicher. Dass der Fall in "Totenmontag" sie so sehr beschäftigt, obwohl sie schon weit Schlimmeres erlebt hat, ist typisch für sie. Frauen als Opfer sind so alltäglich, dass sich niemand mehr Gedanken darüber macht, niemand außer Tempe. Vielleicht liegt der Grund für ihr leidenschaftliches Engagement in ihrer eigenen Geschichte. Tempe fällt es schwer, anderen Menschen zu vertrauen und leidet unter Bindungsängsten. Sie misstraut sogar Anne, ihrer ältesten und besten Freundin, die zu Besuch kommt, um bei ihr Hilfe und Unterstützung während einer Ehekrise zu finden.

Doch dann wird bei Tempe eingebrochen, und Anne ist plötzlich spurlos verschwunden. Eine alte Dame, die Informationen über die ermordeten Mädchen geben wollte, wird ermordet. Die Ereignisse überschlagen sich und steuern auf einen dramatischen Höhepunkt zu, in dem persönliche Probleme zu Nebensächlichkeiten verblassen.

Ganz plötzlich verwandelt sich "Totenmontag" in die rasante Achterbahnfahrt einer gefährlichen Mördersuche, voller Tempo, Hochspannung und überraschender Wendungen. Das Ende ist faszinierend und erschreckend zugleich und lässt selbst hart gesottene Krimifans kurzfristig sprachlos zurück. Die Motive der Täter sind niederträchtig und grausam, in ihrer Hinterhältigkeit und Brutalität mehr als erschreckend real. Jeder von uns hat über ähnliche Fälle gelesen und kann doch das Ausmaß solcher Verbrechen nur schwer begreifen.

Was bleibt
In ihrer Hitzköpfigkeit und Unvollkommenheit ist Tempe Brennan so umwerfend sympathisch gezeichnet, dass nicht nur der Leser ihr alles verzeiht. Auch ihre Kollegen bei der Polizei müssen schließlich einsehen, dass die Lösung des Falles nur Tempes Hartnäckigkeit zu verdanken ist. Und wenn inmitten der aufreibenden Mordermittlung oder während der nüchternen Untersuchungen in der Gerichtsmedizin Momente voller spitzer Ironie aufblitzen, dann ist Tempe Brennan zur Hochform aufgefahren und der Roman entfaltet endgültig seine ungeheure Brillanz.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die namenlosen Opfer, die Überreste menschlichen Lebens, lieblos entsorgt wie Abfall, verscharrt und vergessen. Es ist der Arbeit der wunderbaren Tempe Brennan zu verdanken und vor allem ihrer Erfinderin, der Autorin Kathy Reichs, wenn ihre Leser hinter den Kurzmeldungen über ominöse Todesfälle, die ihn tagtäglich überfluten, jenseits aller Sensationsgier noch das Ausmaß menschlicher Tragödien zu erahnen vermag. "Totenmontag" ist mehr als ein spannender Kriminalroman. Das Buch rüttelt auf und bewegt, Kathy Reichs liefert damit ihr Meisterstück ab.

Bianca Reineke
Oxford, März 2005


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Geistreiche Bestseller-Autorin und international gefragte forensische Anthropologin

Ein Porträt von Andrea Thumm

"Neben den Skelettierten bekomme ich die Verbrannten, die Mumifizierten, die Verstümmelten und die Verfaulten. Meine Aufgabe ist es, die Identität zu rekonstruieren, die der Tod ausgelöscht hat", umreißt die forensische Anthropologin Temprance "Tempe" Brennan nüchtern ihren Arbeitsalltag. In ihrem achten Roman "Totgeglaubte leben länger" lässt die international gefeierte Bestseller-Autorin Kathy Reichs ihre Heldin die Todesumstände des jüdisch-orthodoxen Importeurs Avram Ferris aus Montreal untersuchen. Die Polizei tippt auf Selbstmord, seine Angehörigen weisen diese Vermutung jedoch vehement zurück.

Die Amerikanerin Tempe übt denselben Job aus wie ihre Schöpferin Kathy Reichs. Die forensische Anthropologin verarbeitet in ihren Thrillern umfangreiche berufliche Erfahrungen und gibt einen realitätsnahen Einblick in ihre faszinierende Arbeit: "Die Ideen für meine Geschichten hole ich mir aus meinem Alltag, doch dann kommt die Phantasie dazu."

Forensische Anthropologen sind Spezialisten in menschlicher und tierischer Knochenkunde. Mithilfe ihrer fundierten Kenntnisse über Tod und Zerfall bestimmen sie für Polizei und Gerichte Geschlecht, Alter und Rasse der Toten und stellen die Todesursache - Mord, Selbstmord oder natürlicher Tod - sowie den Todeszeitpunkt fest. Ihre Arbeit beginnt, wenn Pathologen mit ihrem Latein am Ende sind.

Tempes Welt
Reichs Hauptfigur Tempe ist Mitte vierzig und verbringt ihre freie Zeit mit ihrer erwachsenen Tochter Katy, die Englisch und Psychologie studiert, oder ihrer flippigen Schwester Harry. Von Katys Vater und Ex-Ehemann Pete lebt Tempe seit Jahren getrennt. Neben weiteren Verehrern umwirbt sie der attraktive kanadische Lieutenant-Detective des Montrealer Morddezernats Andrew Ryan, den Tempe merkwürdigerweise nur Ryan nennt. Er hat eine dunkle Vergangenheit und den Ruf eines "Schwerenöters". Sie kennt ihn nun seit fast zehn Jahren und wird angesichts seiner "wikingerblauen Augen" immer wieder schwach. Regelmäßige Mitbewohner ihres Haushalts sind ein launischer Kater mit dem sprechenden Namen Birdie und der aus dem Rotlichtmilieu stammende, geschwätzige Papagei Charlie. Hin und wieder beteiligt sich auch Gasthund Boyd, das 35 kg schwere Energiebündel von Pete, an Tempes Ermittlungen.

Die Anthropologin ist ein Workaholic und hat im wahrsten Sinne des Wortes einen Knochenjob, der sie häufig bis spät in die Nacht auf den Beinen hält. "Der Wecker am Donnerstagmorgen war so willkommen wie eine Bindehautentzündung. Und fast so schmerzhaft." Tempe lehrt - wie Kathy Reichs - Anthropologie an der Universität von North Carolina und arbeitet abwechselnd für die gerichtsmedizinischen Institute von North Carolina und Quebec. Tempes Arbeitsausrüstung besteht aus Plastikanzug, Schutzbrille und Maske. Ihre Hilfsmittel sind Fotoapparat, Röntgenaufnahmen und weitere Untersuchungsmethoden zur Altersbestimmung von Knochen. Die Funde verpackt Tempe vor Ort in Kartons, Plastiktüten und -gefäße und beschriftet sie. Danach folgt die Untersuchung, meist in einem extra belüfteten Autopsieraum, bezeichnenderweise nur "Stinker" genannt.

Illegaler Knochenhandel?
Hierher wird auch Avram Ferris' Leichnam gebracht. Als Tempe gerade der Witwe des Importeurs und seiner Mutter ihre Anteilnahme bekundet hat, steckt ihr ein Unbekannter, der sich "Mr. Kessler" nennt, auf dem Gang einen Umschlag zu, dessen Inhalt Aufschluss über Ferris' Ableben geben werde. Er enthält ein Schwarzweiß-Foto aus dem Jahr 1963, das ein vollständig erhaltenes Skelett in einer Felslandschaft zeigt. Tempe nimmt Kontakt zu ihrem ehemaligen Kollegen und Freund, dem biblischen Archäologen Jacob "Jake" Drum auf. Dieser gibt ihr einen wertvollen Hinweis: Die Aufnahme stellt einen bisher unveröffentlichten Ausgrabungsfund aus Masada dar. Die berühmte archäologische Grabstätte in Israel galt vor fast 2000 Jahren als uneinnehmbare Festung, die jüdische Freiheitskämpfer bis zuletzt gegen die römischen Besatzer verteidigt haben sollen. War der Importeur womöglich in illegalen Handel mit archäologischen Funden verwickelt?

Mit Hilfe von Ferris' Mutter und Ryans Recherchen findet Tempe das verschwundene Skelett in einem Zisterzienser-Kloster in Quebec, wo es über 30 Jahre versteckt gehalten wurde. Wem mögen die Knochen gehört haben, deren Alter sich auf das erste Jahrhundert nach Christi Geburt datieren lässt? Tempe informiert die israelische Altertumsbehörde über ihren Fund. Da meldet sich Jake aus Israel. Er deutet eine sensationelle Entdeckung an und fordert Tempe auf, das Skelett persönlich zu ihm zu bringen, aber niemanden darüber zu informieren. Ryan, der von seinen israelischen Kollegen um Amtshilfe im Fall "Kessler" gebeten wird, beschließt gemeinsam mit Tempe nach Israel zu fliegen. Was Tempe, Jake und Ryan bei der dortigen Untersuchung einer Grabstätte herausfinden, könnte gemeinsam mit dem unterschlagenen Skelett die bisherige jüdische Überzeugung von Masada als Symbol jüdischen Selbstbehauptungswillens und die christlichen Vorstellungen vom Leben und Sterben Jesu Christi grundlegend in Frage stellen ...

Forensik als "Therapie"
In den Fällen, die sie bearbeitet, engagiert sich Tempe häufig emotional. Unerschrocken stellt sie auch eigenmächtige Recherchen an. Der Spiegel beurteilt Tempe so: "Kathy Reichs hat mit ihrer Heldin Tempe Brennan eine sympathische und eigensinnige Figur geschaffen." Dabei scheut die energische Anthropologin sogar nicht davor zurück, ihre berufliche Zukunft zu riskieren und sich - zum Beispiel in "Durch Mark und Bein" - mit den Mächtigen anzulegen. Die Autorin selbst würde nicht so weit gehen: "Tempe macht Sachen, die ich nie machen würde. Sie hat mehr Elan als ich. Sie geht bei der Arbeit viel weiter und spricht mit Zeugen oder sucht allein nach Leichen." Hinsichtlich des Humors und auch zuweilen der Scharfzüngigkeit haben Freunde Kathy Reichs allerdings eine starke Ähnlichkeit mit ihrer Figur bescheinigt.

Wie kommt eine forensische Anthropologin eigentlich dazu, Romane zu verfassen? Kathy Reichs begann 1994 mit dem Schreiben, weil sie einem breiteren Publikum Einblick in die Welt der forensischen Wissenschaft und der modernen Verbrechensaufklärung geben wollte. Doch Schreiben hat für die Autorin auch eine therapeutische Funktion: Sie verarbeitet damit ihre Gefühle, welche die tägliche Konfrontation mit den Opfern von Gewalt in ihr auslösen. Bei ihrem ersten Roman ging Kathy Reichs sehr diszipliniert und systematisch vor. Sie setzte sich regelmäßig dreimal die Woche um sechs Uhr morgens an den Schreibtisch und schrieb vor ihrer regulären Arbeit in der Gerichtsmedizin und auch am Wochenende weiter. Für jedes Kapitel hatte sie zuvor eine genaue Struktur erarbeitet. Ihr Debütroman "Tote lügen nicht" erschien 1996 in den USA unter dem Titel "Déjà dead" und machte die 47-jährige mit einem Schlag berühmt. 1997 wurde sie mit dem Arthur Ellis Award ausgezeichnet, der Erstlingsromane von Kriminalbuchautoren prämiert. Der überwältigende Erfolg hat sie sehr überrascht.

Brisante Themen - intelligent und berührend präsentiert
Kathy Reichs Romane umspannen ein breites Themenspektrum: vom Serienmord und sexueller Perversion ("Tote lügen nicht" und "Totenmontag"), über Sekten ("Knochenarbeit"), Bandenkriege konkurrierender Motorrad-Gangs ("Lasst Knochen sprechen"), mysteriöse Flugzeugabstürze, düstere Machenschaften hochstehender Politiker und Geheimorganisationen ("Durch Mark und Bein"), bis hin zu international Aufsehen erregenden Themen wie Militär-Massaker in Guatemala, Handel mit embryonalen Stammzellen ("Knochenlese") und weltweiten Netzwerken aus Drogenhandel, Wilderei sowie Schmuggel mit artgeschützten Wildtieren und Tierorganen ("Mit Haut und Haar"). Die Autorin packt aktuelle Themen an, die ihr unter den Nägeln brennen, und möchte zum Nachdenken anregen.

Grundlage für ihre Charaktere bilden Facetten von Menschen, denen sie in der Realität begegnet ist. Diese lässt sie in ihre Figuren einfließen und schmückt sie weiter aus. Humoristische Passagen, in denen Tempe über sich und ihre Mitmenschen reflektiert, wechseln mit nüchternem, teilweise telegrammartigen Sprachstil, wenn Reichs Hauptfigur Untersuchungen und Ermittlungen nachgeht. So kommentiert Tempe in "Mit Haut und Haar" ihre Suche nach den einzelnen Teilen eines zersplitterten Schädels mit den knappen Worten: "Zähne. Augenhöhlenknochen. Ein Stück Unterkiefer. Jedes Fragment überzogen mit dem schuppigen schwarzen Belag." Diese Sprache schafft Distanz zu dem geschilderten Grauen, auch wenn wir quasi neben der Anthropologin stehen und uns über ihre Funde beugen.

Akribische Detailarbeit
So gewissenhaft wie Kathy Reichs ihre Leichen untersucht, so genau recherchiert sie Details in ihren Romanen. Wissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie beispielsweise die Blutspritzer-Analyse - in "Lasst Knochen sprechen" - beschreibt die Autorin präzise, dennoch unterhaltsam und für den Laien verständlich. Auch Krankheiten wie die Autoimmunerkrankung Sarkoidose sowie eine männliche Gen-Anomalie, das sogenannte Klinefelter-Syndrom, schildert sie anschaulich in "Mit Haut und Haar". Erklärt sie in "Totenmontag", wie sich das Alter und Herkunft von Knochen mittels der Radiokarbonanalyse bzw. der Strontium-Isotopen-Analyse bestimmen lassen, so geht sie in "Totgeglaubte leben länger" differenziert auf die unterschiedlichen Methoden ein, aus zeitgenössischen und alten Knochen DNS herauszufiltern und die Ergebnisse auszuwerten.

Wenn sie sich selbst nicht auskennt, fragt Kathy Reichs Kollegen, die ihr bereitwillig Auskunft geben. So erkundigte sie sich bei einem Ballistiker, mit welcher Waffe man Bären tötet, und bei der Montrealer Polizei, wie diese Telefondaten beschafft und auswertet. Zur Überprüfung technischer Details in ihren Romanen, beispielsweise dazu, wie ein bestimmter Flugzeugtyp konstruiert ist, holte sie sich ebenso fachlichen Rat. Kathy Reichs, die bisher ihre eigenen forensischen Fälle in ihren Romanen verarbeitete, hat sich in "Totgeglaubte leben länger" auf die ausführlichen Nachforschungen ihres Kollegen und biblischen Archäologen Dr. James Tabor zu Masada und den historischen Fakten über die Jesus-Familie gestützt. Die Handlung bezieht offene Fragen und Ungereimtheiten bei archäologischen Funden in Israel sowie Aussagen aus dem Neuen Testament mit ein, die eine alternative Sicht auf das Leben Jesu ermöglichen. Sogar in Wissenschaftlerkreisen hat sie sich als Romanautorin Anerkennung erworben.

Hochbegabtes Multitalent auf internationalem Parkett
Kathy Reichs studierte Anthropologie und Soziologie, promovierte und schloss mit Auszeichnung ab. Als Professorin lehrte sie Anthropologie an der Universität von North Carolina in Charlotte, bis sie sich 2001 des Schreibens wegen für vier Jahre beurlauben ließ. Kathy Reichs arbeitet seit gut 20 Jahren als forensische Anthropologin an den gerichtsmedizinischen Instituten in Charlotte (North Carolina, USA) und Montreal (Quebec, Kanada) und pendelt zwischen diesen beiden Städten hin und her. Kathy Reichs möchte durch ihre Arbeit aus den Fällen wieder Menschen machen und ihnen als Individuen nachträglich ein wenig Würde zurückgeben. Trotz der täglichen emotionalen Belastung macht sie ihre Arbeit unermüdlich weiter mit dem Argument: "Für viele Hinterbliebene ist es wichtig zu wissen, wie, wo und warum so etwas passiert ist, egal ob Mord, Unfall oder Suizid."

Die international gefragte Wissenschaftlerin ist eine von nur 50 an Gerichten zugelassenen forensischen Anthropologen in den USA - und eine von drei (!) in Kanada - und tritt häufig als Expertenzeugin bei Kriminalfällen auf. Beim FBI in Quantico, Virginia, lehrt sie die Beamten Spurenerkennung und, wie man erste forensische Untersuchungen vor Ort vornimmt. Als Gutachterin für die Vereinten Nationen befasste sie sich mit der Identifizierung von Leichen an verschiedenen Kriegsschauplätzen. In Ruanda untersuchte sie 27 Gräber und half bei der Identifikation der Leichen. Bei ihrem Einsatz an einem Massengrab in Guatemala aus der Zeit der Militärdiktatur von 1982 wurde eine Kollegin ermordet. Beide Ereignisse flossen in ihren Roman "Knochenlese" ein.

Kathys Welt
Kathy Reichs gehört zudem zur staatlichen Katastrophen-Einsatztruppe. Hier arbeiten Ermittlungsbeamte, Anthropologen, Pathologen, Datenexperten, Geologen und Ballistiker, beispielsweise bei Flugzeug- und Zugunglücken, in Teams zusammen. In dieser Eigenschaft kam die Anthropologin auch am Ground Zero in New York zum Einsatz. Die dortigen Bergungsarbeiten haben sie trotz ihrer langjährigen Berufserfahrung sehr erschüttert. Im Nachwort zu ihrem Roman "Durch Mark und Bein", den sie kurz vor dem Terroranschlag des 11. September 2001 abschloss, schreibt Reichs: "Die Wirklichkeit jenes Tages übertraf alles, was ich mir als Romanschriftstellerin hätte ausdenken können." Ihre Arbeit schärft Kathy Reichs das Bewusstsein dafür, wie zerbrechlich das Leben ist.

Anders als ihre Figur Tempe wurde Kathy Reichs bereits 1950 in Chicago geboren und wuchs mit drei Schwestern auf. Ihr Vater war Geschäftsführer, ihre Mutter Musikerin im städtischen Symphonie-Orchester. Schon als Kind untersuchte sie im Keller des Elternhauses tote Mäuse und experimentierte mit Chemikalien. Mit 19 Jahren heiratete sie den Untersuchungsrichter Paul Reichs und bekam mit ihm drei Kinder. Sie besitzt ebenfalls einen Kater namens Birdie und einen Hund namens Boyd. Ihr Privatleben muss sie vor den Gewaltverbrechern schützen, zu deren Überführung sie beigetragen hat. Der latenten Bedrohung, die ihr Beruf mit sich bringt, begegnet Reichs mit trotzigen Humor: "Das eigentlich Gefährliche an meinem Beruf sind Mikroorganismen im Labor, und gegen die helfen Handschuhe und Mundschutz."

Prickelnder Nervenkitzel
Die beliebte Autorin kann bereits auf zahlreiche Hörfunk- und Fernsehauftritte weltweit zurückblicken. 2001 berichtete ein Dokumentarfilm über ihre beiden "Leben": als forensische Anthropologin und als Romanautorin. Auch auf einigen internationalen Festivals war sie bisher vertreten, u.a. beim Literaturfest in Köln. In den letzten Jahren hat Kathy Reichs Lesereisen durch Kanada, die USA, England, Schottland und Australien unternommen. Kathy Reichs trifft mit ihren Thrillern den Nerv der Zeit. Im September 2005 startete der US-Fernsehsender Fox eine Fernsehserie mit dem Titel "Bones" [dt. Titel "Bones - Die Knochenjägerin"], an der Kathy Reichs als Produzentin, Autorin und Beraterin beteiligt ist. Die Serie greift die Hauptfigur und einige Motive aus ihren Romanen auf.

Wie bereits in ihren sieben vorangegangenen international erfolgreichen Romanen "Tote lügen nicht", "Knochenarbeit", "Lasst Knochen sprechen", "Durch Mark und Bein", "Knochenlese", "Mit Haut und Haar" und "Totenmontag", die teilweise auch als Hörbücher erschienen sind, gelingt es Kathy Reichs in ihrem neuesten Werk "Totgeglaubte leben länger" einmal mehr, durch Fachkompetenz und Sprachwitz zu fesseln. Damit der Leser den Überblick behält, rekapituliert die Hauptfigur Tempe in regelmäßigen Abständen den Ermittlungsstand. Mit immer wieder überraschenden Wendungen sorgt die "Queen der Obduktionsliteratur" - so das Urteil des Stern - dafür, dass die Spannung bis zur letzten Seite erhalten bleibt. Emotionaler Sprengstoff und prickelnder Nervenkitzel garantiert - für Neueinsteiger und eingefleischte Tempe-Brennan-Fans!

Andrea Thumm
München, November 2005


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Video-Interview mit Kathy Reichs (Teil 1 bis 6)