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Special zu Thea Dorn "Die Unglückseligen"

Warum legen Sie gerade jetzt einen Roman vor, in dem Sie sich erzählerisch gleichzeitig auf viele Jahrhunderte Geistesgeschichte beziehen, aber auch auf rund 250 Jahre Naturwissenschaften?



Ich bin überzeugt, dass wir als Menschheit an einem Scheideweg stehen. Der technische Fortschritt, der vor rund 1,75 Millionen Jahren mit ersten Werkzeugen und bei uns in Europa vor rund 400.000 Jahren damit begonnen hat, dass der Homo erectus wusste, wie er das Feuer zähmen und sich nutzbar machen kann, hat sich in den letzten Jahrzehnten so rasant beschleunigt, dass heute Dinge möglich sind, die noch meine Mutter sich nicht hätte träumen lassen: Gentests, die mir detailliert Auskunft über meine Erbanlagen geben; schwanger werden mit Mitte sechzig, geklonte Lebewesen, künstliche Befruchtung usw. Was spricht dagegen, dass in naher Zukunft Dinge möglich sein werden, die wir heute noch als reine Science-Fiction abtun? Wussten Sie beispielsweise, dass Google vor wenigen Jahren ein Biotechnologieunternehmen namens »Calico« gegründet hat, mit dem Ziel, die menschlichen Alterungsprozesse und damit letztlich den Tod abzuschaffen? Dort arbeiten angesehene Biowissenschaftler aus aller Welt. Das ist kein Juxverein. Die meinen es ernst. Sollte der Sieg über die Sterblichkeit tatsächlich gelingen, wäre dies eine Revolution, die alles umwälzt, was Menschsein bislang bedeutet.
Die Lage scheint mir also dramatisch zu sein – und in dieser dramatischen Lage hielt ich es für richtig, auf die großen, alten Mythen zurückzugreifen: Faust – Prometheus. Denn diese beiden Figuren waren und sind es, die sinnbildlich für jenen Weg stehen, den die menschliche Zivilisation unerbittlich verfolgt: die Revolte gegen Gott; der unbedingte Wille zur Grenzüberschreitung; die Utopie, selbst eine Welt erschaffen zu können, in der das Schicksal ausgedient hat.
Meine eigene, wenn Sie so wollen »politische« Haltung zu diesen Fragen ist äußerst ambivalent: Einerseits stimme ich Johanna, der Molekularbiologin in meinem Roman zu, wenn sie den Tod für einen Skandal, für die ultimative Demütigung des stolzen, freien Individuums hält. Andererseits hat Ritter, der romantische Naturforscher und Pfarrerssohn, vollkommen recht, wenn er ihr entgegenhält, dass die Erde einer sinnlos vegetierenden, oberflächlichen, gefühlsentleerten Hölle gleichen wird, sollte es der Wissenschaft tatsächlich gelingen, die Sterblichkeit abzuschaffen. Deshalb konnte ich über dieses exis- tenziell verwirrende Thema keinen Essay schreiben, in dem ich eine klare Position beziehen müsste – stattdessen musste ich es literarisch erkunden, denn nur in einem Roman habe ich die Möglichkeit, in verschiedene Rollen abwechselnd zu schlüpfen.

Was war die größte Herausforderung bei der Recherche – und beim Schreiben?



Soll ich Ihnen den Unterschied zwischen Desoxyribonukleinsäure und komplementärer Desoxyribonukleinsäure erklären? (Lacht.) Keine Sorge, wahrscheinlich würde ich scheitern. Die naturwissen- schaftliche Recherche war, milde ausgedrückt, krass. Biologie und Chemie hatte ich in der Schule als allererste Fächer abgewählt. Aber zum Glück habe ich zwei hinreißend hilfsbereite Molekularbiologen und einen Kollegen, der auch Physiker ist, gefunden, die mir all meine Fragen mit wahrer Engelsgeduld beantwortet haben.
Die zweite gewaltige Rechercheschlacht war natürlich Ritters Biografie. Für die ersten 33 Jahre konnte ich auf das zurückgreifen, was seine echte Lebensgeschichte hergibt. Aber alles, was ihm ab dem Jahr 1810 widerfährt, musste ich erfinden. Auch das hieß: lesen, lesen, lesen. Schließlich habe ich es mir in diesem Roman zum Prinzip gemacht, dass alles – außer dem zentralen Plot – den Tatsachen entspricht. Johann Christoph Blumhardt zum Beispiel hat als protestantischer Pfarrer in Württemberg tatsächlich Exorzismus betrieben – und zwar in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Vollkommen verrückt. Bevor ich mich überhaupt ans Schreiben gewagt hatte, wollte aber erst einmal der Faust-Mythos in all seinen Facetten und Ausarbeitungen recherchiert sein, ebenso die Biografie des Teufels. Sagen wir so: Ich war die letzten vier Jahre ganz gut beschäftigt.
Ohne die Vorarbeit, die ich mit den Recherchen für mein letztes Buch, »Die deutsche Seele«, geleistet hatte, hätte ich das Ganze niemals stemmen können. Aus jener Zeit stammt nicht nur meine Kenntnis des romantischen Deutschland, das ja gleichzeitig das
»Goethe-Deutschland« ist, sondern auch meine tiefe Liebe zu jener blitzwachen, geiststarken, funkelnden Epoche.


Das Einzigartige an Ihrem Roman ist neben der unglaublichen Geschichte, ihrem Reichtum an Motiven und Anspielungen, die Sprache – sowohl Johann Wilhelm Ritter, aber besonders den Teufel, haben Sie mit einem ganz besonderen Stil ausgestattet. Warum? Haben Sie keine Angst, dass Ihnen der heutige, rasche Leser nicht folgen mag?



Wer sich mit dem Teufel einlässt, sollte vor dem heutigen Leser keine Angst mehr haben – oder doch? (Lacht.) Wie auch immer: Bei meinen zahlreichen Lesungen aus der eben erwähnten »Deutschen Seele« habe ich die Erfahrung gemacht, dass es beim Publikum, bei den Veranstaltern, bei den Buchhändlern eine große Sehnsucht nach Texten gibt, die aus dem immer flacher werdenden Sound der Gegenwart ausbrechen. Natürlich kann ich eine Figur sagen lassen: »Jetzt reden Sie denselben Mist wie die Typen, mit denen Sie auf dem Podium gehockt haben!«
Aber der Satz: »Jetzt tönen Sie wie die Schalksnarren, mit denen Sie auf der Tribüne gesessen«, hat eine andere Musikalität.
Außerdem: Ritter ist 1776 geboren, noch dazu in Schlesien – was für die eine oder andere sprachliche Eigenheit gut ist. Von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ist er kreuz und quer in der Welt umhergeirrt, die letzten 70 Jahre schließlich hat er in den USA verbracht. Es wäre literarisch grundverkehrt, wenn ich ihn dasselbe Deutsch wie die 1970 in der Bundesrepublik geborene Johanna Mawet sprechen ließe. Und ich liebe die Komik, die entsteht, wenn Johanna sagt: »Na ja, toll ist die Wohnung hier nicht.« Und Ritter sich fragt, warum um alles in der Welt eine Wohnung »toll« sein soll. Schließlich kennt er das Wort bloß in der alten Bedeutung von »verrückt«, »wahnsinnig«.
Am schwierigsten war es aber, den richtigen Ton für den Teufel zu finden. Nach langen Experimenten habe ich begriffen, dass es eine Sprechweise sein muss, die einerseits extrem kraftvoll ist und vor Zynismus strotzen kann, andererseits aber auch das Erstarrte, Antiquierte dieser Figur offenbart. Deshalb lasse ich meinen Teufel jetzt in einem versteckten Versmaß reden. Nur wenn er versucht, sich durch direkte Ansprache beim »verehrten Leser« einzuschleimen, strengt er sich an, mehr oder weniger Normaldeutsch zu sprechen.
Sie sehen: Der Teufel weiß ganz genau, wie’s um den »heutigen« Leser bestellt ist! Mir hingegen ging es in meinem Roman darum, alle Möglichkeiten der deutschen Sprache auszuschöpfen – ihre verschwindende Schönheit noch einmal zum Klingen zu bringen, bevor wir uns dem- nächst alle bloß noch mit dem globalen Kauderwelsch von »lol« bis »cul« verständigen.
Ja – alles in allem wollte ich meine Figuren wohl auch ein Fest der deutschen Sprache feiern lassen.

Die Unglückseligen Blick ins Buch

Thea Dorn

Die Unglückseligen

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