John Niven

SPECIAL zu John Niven

DAS LEBEN UND DAS SCHREIBEN

John Niven mal wieder, der Meister des guten schlechten Humors, der Mann, der den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft legt wie kein Zweiter. Und dabei glänzend unterhält. Der seinen Updike studiert hat und den man nie unterschätzen sollte. Er ist blitzgescheit, schlagfertig und ein messerscharfer Analyst. Daneben hat er eben auch ein Faible für die Abgründe der menschlichen Existenz. Eine auf den ersten Blick ziemlich abgrundtief schlechte Existenz steht im Zentrum seines neuen großen Romans Straight White Male: Kenneth Marr galt als DER literarische Überflieger, der jüngste Autor, der es je auf die Shortlist des Booker Prize geschafft hat. Heute schreibt oder poliert er in Hollywood Drehbücher, verdient damit ein Schweinegeld, gibt mittlerweile für seinen ruinösen Lebensstil jedoch noch mehr aus. Er ist ein Zyniker vor dem Herrn, sexgetrieben und kreativ ausgebrannt. Nun muss er um seine Existenz fürchten, weshalb ihm ein hochdotierter Literaturpreis in seiner britischen Heimat sehr gelegen kommt. Doch als Gegenleistung muss er an der dortigen Universität creative writing unterrichten, was so ziemlich das Letzte ist, wonach ihm der Sinn steht. Straight White Male bietet Niven ausreichend Gelegenheit, sich in der ihm eigenen Art über die Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten des Literatur- und Filmgeschäfts, auszulassen. Er kennt beide Szenen aus erster Hand, und er hat nicht nur schöne Dinge zu berichten. Für uns hat er seine 10 (fiktiven) Lieblingsschriftsteller zusammengetragen, die in der Literatur eine Rolle spielen. Für uns gehört Kenneth Marr natürlich jetzt schon definitiv auf diese Liste.

DIE 10 BESTEN SCHRIFTSTELLER IN ROMANEN AUSGEWÄHLT VON JOHN NIVEN

1. Richard Tull

»Information« von Martin Amis

Der gescheiterte Schriftsteller Richard bespricht für einen Hungerlohn literarische Biographien für eine erfolglose Zeitschrift namens The Little Magazine. Wenn er nicht gerade 1000-Wort-Artikel über Bücher wie Robert Southey: Gentleman Poet schreibt, verzweifelt er an seinem jüngsten Roman. Einem Roman, den, wie alle seine anderen Werke, niemand lesen wird. Sein letztes Buch, ein augenzwinkerndes postmodernes Machwerk, war so schlecht, dass alle, die die Lektüre versuchen, körperliche Schmerzen erleiden. Was seine Fähigkeiten als Schriftsteller betrifft, so ist sich Richard nur über eines gewiss: dass er besser ist als …

2. Gwyn Barry

Richard Tulls Widersacher in »Information«

Gwyn und Richard sind alte Freunde, Schriftstellerkollegen und wohnen beide im Westen Londons. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon, denn alles, was Gwyn anfasst, verwandelt sich zu Gold. Sein zweiter Roman, ein utopisches Märchen, das Richard als »naiv und mit wichtigtuerischen Strichpunkten überfrachtet, humor- und handlungsbefreit und voller abgedroschener Bilder« beschreibt, wird ein Überraschungsbestseller. Der hochgelobte Gwyn zieht in ein herrschaftliches Anwesen am Holland Park. Da ist es nur logisch, dass Richard das Schreiben aufgibt und sein ganzes Leben nur noch darauf ausrichtet, Gwyn zu ruinieren.

3. Paul Sheldon

»Sie« von Stephen King

Der Schriftsteller Sheldon wird von seinem »größten Fan« gefangen genommen. Inzwischen stellt man sich ihn ja automatisch wie James Caan vor, der ihn in der Verfilmung gespielt hat. Doch es gibt ein paar kleine Unterschiede zur Filmfassung, die das Buch durchaus lesenswert machen. Nicht zuletzt die Tatsache, dass Annie Wilkes’ »hobbeln« nicht wie im Film darin besteht, seine Fußknöchel mit einem Vorschlaghammer zu zertrümmern. Nein, sie sägt ihm einen Fuß ab und kauterisiert den Stumpf mit einem Propanbrenner. Ein gutes Beispiel für das, was in der Literatur, aber nicht auf der Leinwand oder dem Bildschirm so alles möglich ist.

4. Jack Torrance

»Shining« von Stephen King

Noch ein King-Roman, der sich um einen Schriftsteller dreht – und der nur dann ganz verständlich wird, wenn man Kings Memoiren Das Leben und das Schreiben kennt. Torrance ist ein trockener Alkoholiker, der seine Schreibblockade überwinden und sich vom Alkohol fernhalten will. King war in einer ganz ähnlichen Situation. Ende der Siebziger konsumierte er täglich einen Kasten Bier und ein paar Gramm Kokain – und wollte nicht damit aufhören, weil er Angst hatte, die Hochform zu verlieren, die ihn in nur drei Jahren Carrie, Brennen muss Salem und Shining hatte schreiben lassen. Und wie wir alle wissen: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen …

5. Bret Easton Ellis

»Lunar Park« von Bret Easton Ellis

Ein Roman, der sich als Autobiografie ausgibt, in der Ellis einen Filmstar geheiratet hat, in einen Vorort gezogen ist, versucht, mit dem Trinken aufzuhören, an seinem neuen Roman schreibt und seine Rolle als Dozent eines Schreibkurses und Stiefvater auszufüllen versucht (das kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder – Ellis wurde stark von Stephen King beeinflusst). Doch alles geht den Bach runter, als Ellis‘ Vergangenheit ihn – im wortwörtlichen Sinn – heimsucht. Die letzten beiden Seiten zeigen Ellis auf der Höhe seiner Kunst – sie gehören zum Schönsten, was er je geschrieben hat.

6. Saul Karoo

»Abspann« von Steve Tesich

Saul ist ein geschiedener Drehbuchautor und hochbezahlter Script Doctor (wie meine eigene Schöpfung Kennedy Marr) – das heißt, er verbessert Drehbücher, die noch nicht richtig rund sind. Außerdem versucht er, eine Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen. Neben vielen anderen Dingen – eine Meditation über den mittleren Lebensabschnitt, die Kunst des Drehbuchschreibens und die Familie – ist dieser zu Unrecht kaum bekannte Roman eine der besten Hollywood-Satiren überhaupt (und Tesich weiß, wovon er redet – er gewann 1979 den Oscar für das Drehbuch zu Vier irre Typen). Leider wurde das Buch erst posthum im Jahre 1998 veröffentlicht. Der Autor selbst erlitt 53jährig einen tödlichen Herzanfall, kurz nachdem er den Roman beendet hatte.

7. Helen Burns

»Hungry, the Stars and Everything« von Emma Jane Unsworth

Helen Burns ist Restaurantkritikerin, die ein geheimnisumwittertes neues Lokal testen soll. Während eines langen, einsamen Mahls wirft sie jeder köstliche Gang in einen Proust-ähnlichen Erinnerungsstrudel, in den Kaninchenbau ihrer Vergangenheit. Eine einfache, direkte Erzählmethode, die es Unsworth ermöglicht, das weit schwierigere Thema von Helens vergangenen Liebschaften und ihrer Familiengeschichte aufzudröseln. Mit Anfang dreißig versucht sie, herauszufinden, wo sie herkommt und wo die Reise hingeht. Ein brillantes Debüt.

8. Charles Kinbote

»Fahles Feuer« von Vladimir Nabokov

Dieser Roman, einer von Nabokovs »schwierigsten«, besteht im Prinzip aus einem 999 Zeilen langen, epischen Gedicht des gefeierten Poeten John Shade. Das Gedicht ist allerdings mit einer Vielzahl von Kommentaren seines Schülers (und des Erzählers des Romans) Charles Kinbote versehen. Kinbote, den der Leser bald verdächtigt, Shade ermordet zu haben, ist wohl der unzuverlässigste aller unzuverlässigen Erzähler und erweist sich nach und nach als großspurig, egoistisch und völlig wahnsinnig. Dieses Buch las ich zum ersten Mal auf der Universität, und ich war der festen Überzeugung, dass ich verrückt werden würde, wenn ich es erst einmal verstanden hätte. Jetzt lese ich es fast jedes Jahr aufs Neue.

9. TS Garp

»Garp und wie er die Welt sah« von John Irving

Ich war siebzehn und in meinem letzten Schuljahr, als ich dieses Buch entdeckte. Es war, soweit ich mich erinnere, der erste literarische Roman, den ich freiwillig las. Garp ist Schriftsteller, und ich war fasziniert von seinem Alltag an der Schreibmaschine und seiner Kochkunst – man denke an die Szene, in der er grüne Paprikaschoten über der offenen Herdflamme röstet. Mir gefiel sehr, dass er Telefonbücher sammelte, falls er einmal Namen für seine Figuren brauchte – eine Methode, die ich übernahm und bis heute einsetze. Wenn jemandem das Verdienst zukommt, mich zum Schriftsteller gemacht zu haben, dann Garp.

10. Moses Herzog

»Herzog« von Saul Bellow

Schriftsteller, Akademiker, betrogener und dann geschiedener Ehemann – Moses schreibt ständig Briefe, die er niemals abschickt, um seine Gedanken in der Mitte seines Lebens zu ordnen. In vielerlei Hinsicht ist Herzog der ultimative Midlife-Crisis-Roman. Ich habe ihn zum ersten Mal in meinen Zwanzigern gelesen, und obwohl er mich damals beeindruckte, hatte ich noch keine Ahnung, wie wichtig er für mich werden würde, als ich die vierzig erreichte. Ein großartiges Beispiel dafür, dass auch Bücher sich verändern. Sie wachsen mit uns, warten geduldig auf dem Regal und gewinnen dabei ständig an Kraft.