Judith Reinhard: Judith und das liebe Vieh

Judith Reinhard: Judith und das liebe Vieh

Gras ist zum Fressen da ...

»Das schöne satte Gras«, sagte er schließlich und ich folgte seinem Blick über mein Land, »gutes Futter für Tiere«, setzte er nach und nickte dabei mit dem Kopf, als wolle er sagen: Judith, schau doch mal, das ist gutes Land, und gutes Land kann ein Moorbauer nie genug haben.


Solche Männer wie Otto kannten hier jeden Winkel, vermutlich sogar jeden Baum. Das Gras stand wadenhoch, es war frisch und ein wenig feucht. Wasserperlen benetzten Blätter und Halme, bei genauerem Hinsehen entdeckte ich Klee, Löwenzahn und bunte Blüten unbekannter Kräuter und Blumen. Manche Halme waren deutlich höher als andere. Es sah appetitlich aus, wie auf den Werbefotos für moderne Salate mit blühender Kresse.

Was hatte er gesagt? Gutes Futter für Tiere? Damit mochte er recht haben. Dieses Gras konnte Tiere nähren. Tiere konnten darauf grasen. Es war sicher nicht nur dafür da, mir einen Abendspaziergang nach einem anstrengenden Arbeitstag zu ermöglichen, mich mit Düften zu verwöhnen und ein Gefühl von Freiheit zu schenken, sondern es ließ sich daraus etwas machen. Ich könnte daraus etwas machen, schoss es mir durch den Kopf, etwas Sinnvolles.

Ich musste Bauer Lührs angeschaut haben, als habe er etwas Großartiges von sich gegeben. Er lächelte und nickte ein weiteres Mal. »Ja«, sagte ich rasch, »hier wächst richtig gutes Gras.«
[..] Gutes Gras und weidende Tiere erschienen mir plötzlich um ein Vielfaches sinnvoller als kurzlebige Mode und ihre profitorientierte Vermarktung. Ich habe Weiden und diese Weiden sind Futter! Mich beglückte diese Vorstellung geradezu. Über Jahre hatte ich den Großteil des Landes Pächtern überlassen, den Rest dem Lauf der Natur, das Hofgebäude an ein junges Paar vermietet und keine Zukunftspläne für die Wümmewiesen geschmiedet. Dieses Land ist eine ferne Vergangenheit für mich, aber doch keine Zukunft – hatte ich immer gedacht. Mein aufreibender Job ließ mir ohnehin keine Zeit für Träumereien und Veränderungen, und Weidebewirtschaftung passte definitiv nicht in meine Welt. Man hatte mir zwar schon einige Male geraten, meine Weiden gelegentlich mähen zu lassen, weil sie sonst verkrauteten, aber ich hatte wenig Lust mich damit zu befassen und liebte die Wiesen, so wie sie waren.
»Vielen Dank«, sagte ich zu Otto Lührs, der mich nun musternd anschaute. Da konnte ich hundertmal im Moor geboren sein und die Kindheit hier verbracht haben. Jetzt stand ich doch wie eine Fremde in ungewöhnlicher Kleidung auf sattem Grün. Meine kurzen dunklen Haare waren streng nach hinten gekämmt, keine einzige Strähne tanzte aus der Reihe, das Make-up zwar dezent, aber dennoch sichtbar, meine Hände gepflegt, die Bluse mit Stehkragen makellos und die Hose weit entfernt von Freizeit- oder gar Arbeitskleidung. Für einen kurzen Moment sah ich mich mit seinen Augen und spürte, ich gehöre hier schon lange nicht mehr dazu. Ich bin keine von ihnen, ich bin kein Wümme-Mädchen mehr. Es kam mir so vor, als könne ich seine Gedanken lesen: Die Judith hat sich verändert. Die Leute sagen, dass sie viel auf Reisen ist, oft in Amerika.

»Was wird denn nun aus dem Hof?«, wollte Otto wissen und schaute zum Haus und der Scheune.

Judith und das liebe Vieh

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