Steimles Welt - Buch zur geleichnamigen TV-Serie mit Uwe Steimle

»Steimles Welt« Das Buch zur TV-Serie (MDR) mit Uwe Steimle

Der Dresdner Steimle

Ich komme aus Dresden, genau wie Uwe. Wir sind der gleiche Jahrgang und im gleichen Sternzeichen geboren – wir sind beide Zwillinge. Das verbindet uns. Aber auch unsere Ost-Erinnerungs-Synapsen reagieren ähnlich. Wir haben früher die gleichen Filme gesehen, die gleiche Musik gehört, hatten ein ähnliches soziales Umfeld. Kurz und gut, wir verbrachten beide unsere Kindheit im Tal der Ahnungslosen. Das prägt. Hat aber beim gemeinsamen Arbeiten extrem viele Vorteile. Wir verstehen uns in vielen Situationen blind.
Wenn Uwe beim Dreh sagt: Ich mache das Fenster jetzt so auf wie die Babuschka im russischen Märchenfilm, dann weiß ich sofort, was passiert. Die Fensterflügel öffnen sich nach außen, Uwe verschränkt seine Arme, lehnt sich auf das Fensterbrett und schaut hinaus. Da braucht es keinerlei Erklärung mehr. Da reicht ein Blick. Das steckt in uns drin wie die Elle von Meister Nadelöhr und der Indianerköpper von Gojko Mitic.

Dennoch gibt es zwischen uns einen gewaltigen Unterschied. Ich habe schon im Alter von 16 Jahren meiner Heimatstadt den Rücken gekehrt. Wollte hinaus in die Welt, jedenfalls soweit mich die DDR ließ. Heute lebe ich in meinem kleinen Dorf Ringsleben in Oberhavel in Brandenburg, weit entfernt von Dresden – und trotzdem fühle ich mich dort pudelwohl.
So etwas kann ich mir bei Uwe im Leben nicht vorstellen. Ich kenne kaum einen Menschen, der seine Heimatstadt so sehr liebt wie er. Uwe ist durch und durch Dresdner. Ich sag mal so: Erst kommt der Dresdner Stollen, dann die Dresdner Eierschecke und dann kommt schon der Dresdner Steimle.
Uwe ist vernarrt in seine Stadt und er liebt sie mit all seinen Ecken und Kanten. Und wenn er das jetzt liest, wird er mir bei unserem nächsten Treffen die Hammelbeene lang ziehen und sagen: »Bei uns gibt’s keene Ecken und Kanten. Bei uns is alles rund. Guck dir ma den Bogen am Georgentor an oder unser Wahrzeichen, den Zwinger! Alles wunderschön!«

Wann immer man mit Uwe unterwegs ist, kann es passieren, dass er plötzlich große Sehnsucht nach seinem Zuhause bekommt. So geschehen in Burg in Sachsen-Anhalt. Ich saß nach einem langen Drehtag mit Keffi, unserem Kameramann, und Thomas, unserem Tontechniker, bei einem Absacker auf der Sonnenterasse eines völlig ausgestorbenen Hotels. Man kann schon sagen, es war tiefste Pampa. Da kam Uwe und man hatte schon von Ferne den Eindruck, dass irgendetwas passiert sein musste.

Er hatte nur kurz mit der Heimat telefoniert. Dieses kurze Telefonat aber reichte schon aus, in ihm ein derartiges Heimweh zu produzieren, die Pampa tat natürlich ihr übriges, dass er sich zu uns setzte und uns umgehend mit einem Schwall von Sätzen überzog. Diese klangen dann etwa so: »Alles, was mior hier drehn, is für änn Dräsdner gar nischt!« Oder: »Warum drehn mior überhaupt wo anders als in Dräsdn, bei uns gibt’s doch ooch alles, was die hier ni ham!« Ruhe. Pause. Stille.
Ich versuchte ihn zu beruhigen und wies ihn Kraft meines Kaltgetränkes darauf hin, dass es zum Beispiel in Tangermünde, Sachsen-Anhalt, auch sehr schön ist. Was ihn in diesem Augenblick aber überhaupt nicht interessierte. Am liebsten wäre er sofort nach Hause gefahren. Nur nach Hause, in sein Dresden.

Nun führte uns aber unser Dreh am nächsten Tag weiter durch Sachsen-Anhalt. Und wie es der Zufall so wollte, bezogen wir am Abend ein wirklich schönes Hotel, direkt in Tangermünde. Uwe machte nach dem Essen noch einen kleinen Stadtspaziergang durch die alte Hansestadt. Danach kam er ganz aufgeregt zu mir und erzählte voller Begeisterung, fast so, als wäre er der erste Mensch, der diese Stadt betreten hat, wie schön doch Tangermünde sei. Nicht ohne zu erwähnen, oder besser gesagt einzufordern, dass wir am morgigen Tag unbedingt noch das Stadttor und die wunderschönen Backsteinhäuser und die Elbe und, nicht zu vergessen, die Stadtmauer drehen müssten. Und zwar ganz unabhängig davon, ob das unser Zeitplan zulässt oder nicht. Denn: »Tangermünde is wirklich ä Traum! Falls Du's noch ni weeßt! Ich möchte morgen bitte die ganze Stadt zum Weltkulturerbe ernennen.«

So isser, dor Uwe. Uwe ist nicht Mainstream. Er hasst das Mittelmaß. Genau wie ich. Denn Mittelmaß gibt es in unserer Gesellschaft und eben auch in unserer Fernsehbranche zur Genüge. Uwe ist jemand mit Haltung. Und wer Haltung hat, polarisiert eben auch. Dass das nicht jedem gefällt, liegt in der Sache. Aber genau das finde ich gut. Und deshalb arbeite ich sehr gern mit ihm zusammen, auch wenn es für uns beide manchmal etwas aufregend ist.

Michael Seidel