Steimles Welt - Buch zur geleichnamigen TV-Serie mit Uwe Steimle

»Steimles Welt« Das Buch zur TV-Serie (MDR) mit Uwe Steimle

Der Anfang

Als ich dem MDR vorschlug, eine Sendung zu produzieren, in der es darum geht, dass sich ein »Reiseführer« Geschichten aus der Region von ganz normalen Menschen und ihrem Alltag erzählen lässt, stand nur ein einziger Reiseführer auf meiner Vorschlagsliste: Uwe Steimle.
Ich hatte da so ein Bauchgefühl, und das sagte mir, der oder keiner. Natürlich kannte ich Uwe als Schauspieler aus dem »Polizeiruf 110«, als Kabarettist, in seiner Figur Günther Zieschong und als bester Erich Honecker-Imitator. Aber privat waren wir uns noch nie begegnet. Doch irgendwie hatte ich den Verdacht, dass Uwe und ich gut zusammenpassen und er genau der Richtige für das ist, was ich vorhatte. Zum Glück hat sich das in der Zwischenzeit mehr als bestätigt. Denn bei einer Sendung wie »Steimles Welt« muss das Miteinander stimmen. Sonst wird das nischt!

Als ich mich dann das erste Mal aufmachte, Uwe zu besuchen, hatte ich ein ganz schönes Muffensausen.
Vorsichtshalber nahm ich selbstgebackenen Kuchen mit, denn dass er ein Backwaren-Gourmet ist, wusste ich aus seinem ersten Buch. Ich fuhr also nach Dresden und suchte schon im Auto nach den richtigen Sätzen und Formulierungen, die mir den Zugang zu meinem zukünftigen Hauptdarsteller möglichst einfach machen sollten. Dass am Ende ein einziges kleines, sächsisches Wort den Steimle-Sesam öffnete, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
Uwe empfing mich an der Wohnungstür, musterte mich und bat mich herein. Wir setzten uns in seine Küche und er fragte mich – das ist übrigens eine fast ritualisierte Handlung, wenn man sein Gast ist –, ob ich einen richtig guten Kaffee mit ihm trinken möchte. Ich bejahte die Frage mit einem einfach »Nu«. Dann nahm er die Kaffeemühle zwischen seine Beine und mahlte in aller Ruhe die guten Bohnen. Der Kaffee schmeckte köstlich und wir kamen ins Plaudern über unsere Reiseroute, Inhalte und über das, was »Steimles Weltkulturerbe« ausmachen soll. Mitten im Gespräch hielt er plötzlich inne und sagte: »Ich dachte vorhin schon, Du willst Dich an mich ranwanzen. Aber Dein ›Nu‹ hat mir verraten, Du bist tatsächlich ä echter Dresdner.« In diesem Moment war meine anfängliche Unsicherheit endgültig verflogen, und so öffnete mir dieses kleine, wunderschöne Dresdner »Nu« die Pforte zu »Steimles Welt«.

Ich muss gestehen, wenn ich mit Uwe unterwegs bin, spreche ich mehr Sächsisch als an allen anderen Tagen des Jahres. Da lasse ich meine Heimatsprache so richtig nausloofen und mir fallen plötzlich wieder Worte ein, die ich schon fast aus meinem Sprachgebrauch gestrichen hatte. Denn auch und besonders Uwes Pflege des sächsischen Dialektes macht ihn für mich und unsere Sendung so wertvoll. Er braucht sich bei unseren Zuschauern eben nicht ranwanzen. Die Sprache öffnet ihm nicht nur die Türen, sondern auch die Herzen. Das klingt zwar abgedroschen, stimmt aber. Ganz oft erleben wir es, dass die von uns besuchten Menschen nach dem Dreh sagen, dass sie sich gewundert hätten, wie »normal« sie bei uns reden können. Ganz ohne Getue und Gemache. Das ist eine der Stärken von »Steimles Welt«, wenn nicht sogar ihr, neudeutsch gesagt, Alleinstellungsmerkmal.

Ganz im Lutherschen Sinne schauen wir nämlich dem Volk aufs Maul. Viele ZuschauerInnen haben uns nach der Ausstrahlung von »Steimles Welt« geschrieben und eben dieses unverkrampfte, alltägliche Erzählen als wohltuend empfunden. Das freut uns sehr. Denn in einer Mediengesellschaft, in der viel zu viel inszeniert und uns ständig etwas vorgegaukelt wird, hebt man sich eben schon ab, wenn man »ganz normal« redet und damit auch Heimat und Regionalität erlebbar macht. Auf diese Weise erfüllen wir mit »Steimles Welt«, fast ä bissl wie nebenbei, sogar die »Hauptaufgabe« unseres öffentlich-rechtlichen Arbeitgebers, des MDR. Ooch scheen! Und Danke dafür, dass miors machen dürfen.

Michael Seidel