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SPECIAL zu Steve Toltz »Vatermord und andere Familienvergnügen«

STEVE TOLTZ ÜBER DIE ENTSTEHUNG SEINES BUCHES

Wie aus 500 Wörtern über 500 Seiten wurden

Eines Tages wurde mir plötzlich klar, dass mir nicht mehr so viel Zeit für all die Dinge blieb, die ich gern tun würde. Ich war gerade Anfang zwanzig, hatte die Universität abgeschlossen und unverhältnismäßig lange – wenn man mal davon ausgeht, dass ich ungefähr achtzig Jahre alt werde – an ein und demselben Ort in Australien gelebt. Also verbrachte ich die darauffolgenden Jahre damit, zwischen Sydney und Kanada, Neuseeland, Spanien, Frankreich und den USA hin und her zu pendeln. Manchmal arbeitete ich als freier Journalist, meistens aber hielt ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser: als Produktionsassistent, Statist, Telefonverkäufer, Kameramann, Telefonist bei einem Radiosender; ich habe in einem Büro gearbeitet, als Privatdetektiv, Englischlehrer und Sicherheitsbediensteter. In diesem Jahrzehnt – es erschien mir unendlich – schrieb ich Kurzgeschichten, Zeitungsartikel, Songs, Gedichte, erste Kapitel unvollendeter Romane, mehrere Drehbücher und ein Hörspiel. Zum Glück existiert heute keiner dieser Texte mehr.

Eine nie abgeschickte Kurzgeschichte

Um das Jahr 2000 herum erhielt ich einen Auftrag von einer Londoner Zeitung. Sie wollten eine Kurzgeschichte von mir, 500 Wörter durfte sie lang sein. Ich schrieb sie, schickte sie aber nie ab. Wann genau aus dieser Kurzgeschichte der Roman A Fraction of the Whole, zu Deutsch Vatermord und andere Familienvergnügen, entstand, ist schwer zu sagen, denn alles wurde so oft umformuliert, dass letztendlich kein Wort auf dem anderen geblieben ist. Ich kann mich noch erinnern, dass ich den Anfang und den Schluss des Romans schon recht früh fertig hatte; aber dass ich dann gut fünf Jahre brauchen würde, um das zu schreiben, was dazwischen passierte, damit hatte ich nicht gerechnet.

Eine Vater-Sohn-Geschichte

Vatermord und andere Familienvergnügen ist eine Vater-Sohn-Geschichte. Die Idee dazu kam mir, weil mich damals zwei Fragen beschäftigten, erstens: Wie fühlen sich die Kinder von Menschen, denen die Medien das Leben zur Hölle machen? Und zweitens: Auf welche Weise rebelliert ein Kind, dessen Eltern selbst Rebellen waren? Und schon war ich mitten in der Geschichte – die übrigens keine autobiografischen Bezüge hat – und gespannt darauf, wie Martin Dean, der Vater im Roman, das Dilemma der Erziehung seines Sohnes Jasper lösen würde: Wie bringt man sein Kind dazu, eine eigenständige Persönlichkeit herauszubilden? Versucht man, diejenigen Charakterzüge, auf die man am meisten stolz ist, weiterzuvererben, obwohl sie einem nur Stress beschert haben? Waspassiert, wenn man nicht will, dass das eigene Kind immer nur der Herde hinterhertrottet, man sich aber bewusst ist, dass Außenseitertum unglücklich macht? Martin Dean quält sich mit all diesen Fragen, auf die es keine Antworten gibt.

Aberwitzig und teuflisch gut

Das klingt nun so, als wäre Vatermord und andere Familienvergnügen ein ernster und schwerer Roman, tatsächlich aber ist er durch und durch witzig – worüber ich mich heute noch wundere, schließlich habe ich mich mit so gewichtigen Fragen dem Roman angenähert. Auch wundere ich mich heute noch über die Tatsache, dass ich fünf Jahre lang jeden Tag davon überzeugt war, nur noch drei Monate Zeit zum Schreiben zu haben. Das war es, was mich angetrieben hat, was mich mein ganzes Leben antreibt.
Aus dem Englischen von Britta Claus