Stille ist die beste Medizin

Stille – allein das Wort löst Sehnsüchte aus. Wir halten inne, die Sinne werden wach und wir können die zauberhaften kleinen Momente des Alltags wieder genießen. Kankyo Tannier ist eine französische Zen-Nonne – jung, lebendig, authentisch. Ohne Zwang und Dogma erzählt sie leichtfüßig und charmant, wie die Stille ihren Alltag erst lebenswert macht. Sei es, wenn sie die wortlose Sprache ihres Pferdes Efstur studiert. Oder sei es in der therapeutischen Arbeit mit Menschen, in der sie immer wieder erfährt, dass Stille eine große Heilkraft besitzt. Wie nebenbei gibt sie uns dabei viele kleine Tricks an die Hand, wie wir die Stille in unser Leben einladen können. Mit 21-Tage-Stille-Kur, um heilsame Einfachheit und tiefe Freude zu erfahren.

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IINHALTSVERZEICHNIS
Einführung
TEIL I
Was ist das: Stille?
Die Meister der Stille

Die Tiere – Könige der Stille
Lala, die Katze und der gegenwärtige Augenblick
TEIL II
Die Stille der Augen
Visuelle Umweltverschmutzung und Vorherrschaft der Bildschirme
Den Blick kontrollieren: Warum und wie?
Den Blick befrieden: Schau-Pausen
Was spielt sich in meinem Kopf ab? Eine Begegnung mit geistigen Bildern
Ein paar nette Spielchen mit Ihrem Gehirn
Die Stille der Worte
Der Mythos von der vollkommenen Stille
Die kleine Stimme im Kopf
Die fröhliche »Nicht-Wissenschaft«
Schweigen lernen
Übungen zur Bezähmung des Geistes und der kleinen Stimme im Kopf
Die Stille des Körpers
Ein Luftballon, eine Schnur und eine traurige Feststellung
Für eine neue Beziehung zum Körper: fühlen lernen
Emotionen sind körperliche Empfindungen
Der stille Körper
Den Alltag zum Ritual machen
TEIL III
Eine Kur der Stille für zu Hause
Die Vorbereitung
Schluss mit den Schuldgefühlen
Sich Grenzen setzen und das Umfeld einweihen
Digitale Abstinenz, geplantes Abtauchen
Stille in unseren Taten – für eine ethische Spiritualität
Die Erde: eine geduldige Mutter
Die Rückkehr zur Einfachheit
Glückliche Genügsamkeit
Vegetarische Ernährung oder die Kunst, seine Freunde nicht aufzuessen
Tipps und Tricks für alle, die weitermachen wollen
Ein paar Übungen, die Sie täglich machen können

1. Die Kraft der Stille
18 Uhr. Inzwischen senkt sich der Abend früh auf die Welt herab und taucht den Wald in ein weiches Halbdunkel. Ein sanfter Wind streicht still und leise durch die Blätter, aus der Ferne erklingen Kirchenglocken. Wenig später antwortet ihnen der Tempel. Die Vögel haben aufgehört zu singen. Ein Rascheln hier, ein Knacksen dort lassen die Anwesenheit wilder Tiere erahnen. Der Abend zieht ruhig seine Bahn, als würde er auf etwas warten: Wer zu lauschen weiß, dem ist der Winter ein Hort der Ruhe. Und genau darum geht es: lernen, wieder hinzuhören. Auf die Stille zu horchen, auf den Raum zwischen den Worten, die Ruhe im Sturm, das Verstreichen der Zeit. Wieder genießen zu lernen: den Geschmack eines
Augenblicks, den Duft einer Mahlzeit, den Schaum der Tage, die Wärme des Feuers. Wieder spüren zu lernen: die Berührung der Fingerspitzen, das pochende Herz, den Raum, der sich öffnet, die Zeit, die plötzlich stehen bleibt … ein anspruchsvolles Programm! Doch wie für jede gute Studie müssen wir zuerst unseren Rahmen festlegen. Natürlich nur, soweit unser
Thema – die Stille – dies zulässt. Denn sie ist schlau, das Biest, und lässt sich nicht so leicht in eine Schublade sperren, und mag sie noch so schön und behaglich ausgepolstert sein. Also, versuchen wir mal, sie zumindest ansatzweise zu zähmen … Dann werden wir ja sehen!

Ein Definitionsversuch
Heute Morgen habe ich versucht, mir den stillsten Ort ins Gedächtnis zu rufen, an den mich das Leben je geführt hat. Mit Sicherheit war das die Sahara in Marokko, wohin ich vor einigen Jahren mit Freunden gereist bin. Ich stand vor Morgengrauen auf, um den Sonnen-aufgang zu betrachten. Kein Wind, kein Laut, nur die roten Rücken der Dünen, so weit das Auge reichte. Seit Anbeginn der Zeit flüchten sich die Eremiten und andere Menschen, die das Absolute suchen, in die Wüste. An jenem Morgen habe ich verstanden, weshalb. Da saß ich nun allein im Sand: Es gab nichts zu tun. Alles war einfach da, so wie es war, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Wozu sich nach allen Seiten krummlegen, um irgendetwas zu beweisen? Wozu illusorischen Erfolgen nachjagen wie dem trügerischen Schweif der Kometen? Sinnlos. Lieber durchatmen und die Ruhe des Augenblicks genießen. Und dann? Dann kamen die anderen und riefen laut: »He! Das ist ja wunderschön! Los, lasst uns ein paar
Selfies machen.« Und schon war der Zauber gebrochen. Instagram speicherte unsere staunenden Gesichter unter #onestzen, und die Wüste seufzte angesichts solcher Torheit.
Ich aber nahm ein paar Sandkörner mit. Wenn sie in meiner Tasche knirschten, klang das für mich wie der Ruf der Wüste: Die Unendlichkeit ist da, stets in Reichweite für all jene, die sie schauen wollen.

Stille ist nicht gleich Abwesenheit von Lärm
Jeder hat diese Erfahrung der Unendlichkeit schon einmal gemacht: auf einem Waldweg, beim Innehalten inmitten einer hektischen Menschenmenge, im Nachtbus nach Hause, im Lauschen auf das Gespräch von Freunden, die zu entfernt von uns sitzen, um sie wirklich zu
verstehen … Die Stille liegt sozusagen auf der Lauer. Zwischen den Worten, zwischen den gewohnten Bildern, zwischen den vertrauten Empfindungen existiert ein paralleles Universum, eine absolute und erquickende Ruhe, als deren Torwächter Achtsamkeit und innere Sammlung aufgestellt sind. Denn Stille hat – das sei hier einmal in aller Deutlichkeit gesagt – nichts, aber auch rein gar nichts mit der Abwesenheit von Getöse zu tun! Sonst wäre es ja wirklich zu einfach. Dann müssten wir uns nur jeden Tag in einen dieser Tanks legen, die uns gegen alle äußerlichen Reize abschotten. Diese Dinger waren in den Siebzigerjahren groß in Mode, und wer es einmal ausprobieren will – in den großen Städten gibt es immer noch solche »Floating Tanks«. Allerdings sind sie für Leute mit Klaustrophobie und kleinem Budget absolut ungeeignet. Auf den folgenden Seiten möchte ich Sie daher in eine sehr viel poetischere und obendrein kostenlose Erfahrung einführen.

Und was ist nun innere Stille?
Der Weg zur Weisheit ist die Entwicklung innerer Stille, die uns erlaubt, auch in angespannten Lebenslagen entspannt zu bleiben – wenn die Welt um uns herum laut ist,
wenn unsere Emotionen uns durcheinanderwirbeln. Die Idee der inneren Stille verdient eine ausführlichere Erklärung. Wir werden uns in den folgenden Kapiteln noch eingehend damit beschäftigen, vor allem mit der Frage, wie sie uns in Alltagssituationen helfen kann. Trotzdem möchte ich Ihnen vorab ein wenig darüber erzählen. Nehmen wir doch als Beispiel den lärmenden Nachbarn. Ein Klassiker und ein wiederkehrendes Thema mit großer Leserschaft in Blogs. Ein Blog auf tumblr zum Beispiel sammelt alle Botschaften, die sich Nachbarn im Treppenhaus an den Kopf werfen (chersvoisins.tumblr.com). Sollten Sie selbst auch einen schandmäuligen Stinkstiefel als Nachbarn haben, dann besteht die Praxis der inneren Stille darin, wieder zur Ruhe zu finden, indem Sie lernen:
• innere Bilder Ihres Nachbarn, wie er versucht, Ihnen das
Leben zu vergällen, vor Ihrem geistigen Auge einfach vorüberziehen zu lassen;
• nicht auf die kleine Stimme in Ihrem Hinterkopf zu reagieren, die Ihnen zuflüstert: »Ich werde ihm schon zeigen, aus welchem Holz ich geschnitzt bin!«;
• die Gefühle von Wut, Demütigung oder Ohnmacht anzuschauen, die sich in solchen Situationen gewöhnlich einstellen, und sie zuzulassen, damit sie sich selbst befrieden.
Sobald Sie diese neue Art des Umgangs mit dem Problem erlernt haben, kann sich ein anderer innerer Rhythmus einstellen, der ruhiger ist und das Leben angenehmer macht. Die Übungen zum Erlernen der inneren Stille zielen zunächst auf die Tore unserer Sinneswahrnehmung ab: die Augen, die Ohren und den Körper. Für jeden dieser drei Bereiche werde ich Ihnen Beispiele geben, die verständlich machen, worauf es ankommt. Und natürlich ein paar kleine Geheimtipps, mit denen Sie live testen können, ob es funktioniert!

Der konkrete Nutzen eines stilleren Lebens
Er ist hoch, wirklich sehr hoch. Erlauben Sie mir, Ihnen hier ein paar Beispiele zu nennen, die teils mit unserem persönlichen Wohlbefinden zu tun haben, teils mit unserem Sozialleben. Und … mit dem Weltfrieden! Still zu sein heißt, im Umgang mit der Umwelt ein anderes
Tempo einzulegen, ein langsameres, gemesseneres. In der Folge der Terroranschläge von 2015, zuerst im Januar auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, dann im November auf das Bataclan sowie auf andere Orte in Paris, war das sich ausbreitende Gefühl der Bedrohung vielleicht mehr Produkt der Dauerbeschallung durch die Medien als der Ereignisse selbst. Wir konnten der Verhaftung der Terroristen in Echtzeit beiwohnen, weil sie auf allen Fernsehkanälen übertragen wurde. Wir konnten »Je suis Charlie« auf unserer Facebook-Seite posten und dort noch das kleinste Fitzelchen Information kommentieren. In den Wochen darauf hatte ich viel zu tun, weil die Menschen nicht mehr schlafen konnten. Alle erzählten mir dasselbe: Sie hatten tagelang vor dem Fernseher gesessen und die Nachrichten verfolgt, um nur ja keine »Neuigkeit « zu verpassen. Die Bilder, die sie aufgesogen hatten, die Botschaften, die gebetsmühlenartig durch die sozialen Medien gingen, hatten sich so tief in ihr Bewusstsein gegraben, dass sie dort eine riesige schwarze Wolke bildeten, die sie daran hinderte, wieder in den Alltagsrhythmus zurückzufinden. Die Situation hätte sich anders dargestellt, hätten diese Menschen sich in »Medien-Stille« geübt: Nachrichten nur hin und wieder anschauen, sich ein paar Tage lang nicht in die sozialen Netzwerke einloggen und Kontakte vermeiden, bei denen über längere Zeit Angst erregende Nachrichten ausgetauscht werden. All diese Dinge sind mentale Überlebensstrategien, die ich Ihnen für den Fall eines Terroranschlages ans Herz legen möchte. Weniger Stress, weniger latente Unruhe und ein weniger ausgeprägtes Gefühl des Bedrohtseins sind die Früchte, die Sie ernten werden. Gleichzeitig wird der Negativität, die sich bei solchen Ereignissen in der ganzen Welt verbreitet, ein Riegel vorgeschoben. Die selbst auferlegte Stille und die Abstinenz von öffentlicher Aufregung ermöglichen uns, einen Schritt zurückzutreten. Dieselbe Regel lässt sich auf Konflikte im Privatleben anwenden, in der Arbeit, in der Familie oder anderswo.
Sich in Stille zu üben heißt auch, erst einmal abzuwarten, bevor man auf eine unangenehme Email reagiert. Erst mal eine Nacht darüber zu schlafen, durchzuatmen:
Lauter sinnvolle Techniken, mit denen Sie selbst einen
Dornbusch zum Blühen bringen!

Tannier, Kankyo
© Manuela Böhme

Kankyo Tannier

Kankyo Tannier ist eine buddhistische Zen-Nonne. Über 15 Jahre lebte sie in einem Kloster im Elsass. Sie selbst nennt sich scherzhaft „Nonne 2.0“, da sie bloggt und Videos über Spiritualität, Meditation, Zen-Buddhismus und Stille produziert. Sie unterrichtet Zen-Meditation (Zazen), gibt Seminare, Retreats und tritt auf Konferenzen als Rednerin auf. Ebenso arbeitet Sie als Hypnose-Therapeutin. Kankyo Tannier spricht deutsch.

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