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Stuart Archer Cohen »Der siebzehnte Engel«

SPECIAL zu Stuart Archer Cohen »Der siebzehnte Engel«

Tango, Tod und Korruption

Rezension von Karl Hafner

Comisario Miguel Fortunato hat in seiner langen Dienstzeit bei der Polizei von Buenos Aires schon alles erlebt, aber dies dürfte doch sein unangenehmster Auftrag sein: Er soll eine eigentlich geschlossene Akte wieder aus den Archiven holen und den Fall neu aufrollen. Der Amerikaner Roger Waterbury, ein mäßig erfolgreicher Romanautor, ist damals gestorben. Anfangs hieß es, es wäre Selbstmord, später dann eine Abrechnung unter Drogen-Dealern - auch wenn der Tote Polizei-Handschellen trug, als man ihn fand und mit einem Schuss in die Schläfe exekutiert wurde.

Es sind immer Selbstmorde oder Bandenkriege, wenn die Ermittlungen zum Erliegen kommen sollen, wenn die Polizei kein Interesse daran hat, dass es ein großes Presse-Tamtam gibt. Fortunato weiß das in diesem Fall besonders genau. Denn er selbst hat Roger Waterbury getötet. Eigentlich wäre alles gut, niemand interessiert sich mehr für den Fall, doch die amerikanische Regierung schickt eine Menschenrechtsaktivistin namens Athena Fowler, die sich die ganze Angelegenheit noch einmal anschauen soll. Ausgerechnet mit ihr soll Fortunato zusammenarbeiten. Eine Tatort-Begehung, ein paar Beschwichtigungen müssten reichen - so stellt es sich zumindest Fortunatos Chef vor.

Man muss ein Schwein sein
Stuart Archer Cohens spannender Thriller „Der siebzehnte Engel“ packt den Leser schon nach wenigen Seiten. Die groben Umrisse der Tat sind sofort offensichtlich. Die Polizei ist darin verwickelt und will die Angelegenheit vertuschen. Das Dossier des Falls enthält, wenn es denn genau gelesen wird, eindeutige Hinweise darauf. Natürlich kommt Fortunato schnell in Erklärungsnot, aber Erklärungen gibt es dann doch für alles - irgendwie.

Der Comisario versucht Athena Fowler in die falsche Richtung zu bugsieren, ihr nur soviel „Wahrheit“ zu offenbaren, dass sie zufrieden, aber ohne Kenntnisse der wirklichen Tatumstände, das Land bald wieder verlässt. Athena findet Fortunato sofort sympathisch. Er strahlt eine Milde und Glaubwürdigkeit aus, die ihn automatisch für die Rolle des guten, verständnisvollen Bullen prädestiniert.

Auch als Leser fühlt man sich sofort mit dem Kommissar verbunden. Stuart Archer Cohens Hauptfigur ist in gewisser Weise der krimi-typische Vertreter eines dienstmüden, ausgebrannten Ermittlers, der gelernt hat, dass Welt und Moral nicht schwarz oder weiß, sondern meist dunkelgrau sind. Und dennoch gelingt es Stuart Archer Cohen, seine Hauptfigur weitestgehend aus den Klischeefallen des Genres herauszuhalten.

Hilfst du mir, dann helfe ich dir
Fortunato ist trotz allem kein Zyniker. Er hat sich einfach arrangiert mit seinem Leben als erfolgreicher Polizist. Man würde eben keine Karriere machen, wenn man sich nicht an die gültigen Spielregeln des Polizeiwesens in Buenos Aires hielte, und dazu gehören eben manchmal auch Erpressung und Korruption, Entführungen und Schutzgelderpressungen. So läuft das eben. Fortunato hat keine schlaflosen Nächte mehr deswegen, sondern eine Menge Geld im Schlafzimmerschrank.

Korruption ist das Schmieröl in Cohens Buenos Aires. Jeder besticht und bedroht jeden. Korruption ist hier nicht mehr als ein Kavaliersdelikt und zieht sich durch alle gesellschaftlichen Kreise. Es scheint kaum schwieriger, das passende Urteil eines Richters zu kaufen als sexuelle Dienstleistungen einer Prostituierten. Es kostet halt mehr. Buenos Aires ist zum Spielfeld großer Konzerne, vor allem aus den Vereinigten Staaten, geworden. Man nimmt sich, was man kriegen kann und was Gewinn verspricht. Den Rest lässt man verrotten. Nur am Rande, aber desto nachdrücklicher, konfrontiert der Autor seine Figuren mit den Auswirkungen radikal befreiter Märkte. Es gibt nur wenige Gewinner in diesem Kosmos, die meisten Menschen schlagen sich irgendwie durch in der Gewissheit, dass sie zwar gescheitert, aber immerhin noch am Leben sind.

Einer muss immer dran glauben
Bald schon muss Fortunato einsehen, dass es nicht damit getan ist, Athena mit ein paar falschen Hinweisen und ein paar gekauften Zeugenaussagen abzuspeisen. Also beginnt er, sich mit den Hintergründen des Falls zu beschäftigen.

Der Comisario hatte damals nur den Auftrag, Waterbury ein wenig einzuschüchtern. Eigentlich eine übliche Methode: Man entführt das Opfer, wirft es auf den Rücksitz eines Wagens und fährt mit ihm durch die Gegend, bis dessen Angst groß genug ist. Dann lässt man das Opfer irgendwo laufen. Im Falle von Roger Waterbury ist die Angelegenheit aus dem Ruder gelaufen: Einer von Fortunatos Begleitern hat eine Pistole gezogen und angefangen zu schießen. Was anfangs wie ein Unfall unter Kokain-Einfluss aussah, wird Fortunato nun immer suspekter. Vielleicht war der Tod des Opfers ja bereits vorher geplant worden, und man hatte ihn nur als nützlichen Idioten auserwählt?

Die ersten Hinweise führen in die Finanzwelt von Buenos Aires. Irgendwelche hohen Tiere könnten ein Interesse an Waterburys Tod gehabt haben. Fortunato und Athena müssen sich durch ein enges Beziehungsnetz schlagen, mit Freunden von Freunden, angeblichen Freunden und deren Bekannten Kontakt aufnehmen und versuchen, irgendwie den Durchblick zu bewahren. Das Ganze sollte möglichst diskret ablaufen, die Presse wartet nur auf Skandale, und bald schon fühlen sich wichtige Menschen der Stadt massiv gestört in ihren ach so „privaten“ Angelegenheiten, die doch das Wohl und Weh vieler Stadtbewohner bestimmen.

Blut und Tränen
Dank seines fesselnden Erzähltempos ist „Der siebzehnte Engel“ eines der Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Bald findet man sich als Leser, ähnlich wie der Kommissar, in einem komplizierten Konstrukt aus Abhängigkeiten und Vermutungen. Es ist eine komplizierte Welt, die der Autor in seinem Buch beschreibt und in der auch Athena immer wieder ihre ethischen Ideale mit der Realität in Einklang bringen muss. Immer wieder steht sie vor allem in Bezug auf den Comisario vor der Frage: Glaube ich besser meinen Überzeugungen oder meinen Sympathien?

Eine besondere Färbung erhält das Buch durch den Schauplatz seines Geschehens. Stuart Archer Cohen beschreibt sein Buenos Aires als düstere, verwunschene Stadt, in der zahlreiche, anderswo bereits gescheiterte Glückssuchende in den rauchigen Kaschemmen der Hafengegend dubiosen Geschäften nachgehen oder launige Diskussionen über Kunst führen - immer in der Gewissheit, dass sich an ihrem Leben nichts mehr großartig ändern wird.

Über allem klingt der Tango, der echte, der alte, wie Comisario Fortunato stets betont. Die Melancholie des Tangos ist auch das Symbol für Fortunatos Fatalismus, für seine Wehmut und seine Hoffnungen, die ihm helfen, sich von seinen schäbigen Handreichungen, seinen moralischen Verfehlungen im jahrzehntelangen Polizeidienst loszusagen. Denn der Comisario kann seine Hände nicht mehr in Unschuld waschen. Er wäscht sie in Blut …

Ein hinreißender, intelligenter und stilistisch brillanter Kriminalroman von großer atmosphärischer Dichte! Bleibt zu hoffen, dass Stuart Archer Cohen diesem Genre die Treue hält.

Karl Hafner
München, Februar 2007