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Special zu Sylvain Tesson »In den Wäldern Sibiriens«

„MIR HAT GAR NICHTS GEFEHLT – WEDER MENSCHEN NOCH BESITZ.“
Ein Gespräch mit Sylvain Tesson



Herr Tesson, Sie sind viel gereist, unter anderem mit dem Rad einmal um die Welt. Was treibt Sie dazu, immer wieder aufzubrechen?

Ich weiß es nicht so genau. Die Reisen ähneln Fluchten: Man entkommt dem Verdruss, der Langeweile, der Hässlichkeit des Alltags. Ich habe oft Fernweh und große Lust, die Welt zu sehen. Es mag banal sein, aber in jedem von uns steckt doch diese Neugier: auf den Schrank sehen wollen, wenn man klein ist, oder hinter den nächsten Hügel, wenn man auf dem Land lebt, oder auf die andere Seite des Autobahnrings, des Périphérique, wenn man in der Pariser Innenstadt wohnt.

Wie kamen Sie auf Sibirien – und darauf, sechs Monate in einer Hütte am Ufer des Baikalsees zu verbringen?

Ich kannte den See von früheren Reisen und habe mich in ihn verliebt. Ich wollte gewissermaßen in diese Landschaft eintauchen. Damals glaubte ich, dass Stillstand, Ruhe und Einsamkeit mir etwas bringen würden, das ich in der Kilometerjagd – egal ob per Pferd, zu Fuß, mit dem Rad oder Kanu – nicht mehr finden konnte. Es ist ein Kindheitstraum von mir, in einer Hütte zu leben, zu tun, worauf ich Lust habe, Herr meiner Zeit zu sein – und dabei stets den Gesetzen einer erbarmungslosen Natur unterworfen. Ich mag den Waldtyp oberhalb des 55. nördlichen Breitengrads, die kalten Winter und die sehr kurzen Sommer, das Wasser, die Berge und die wilden Tiere …

… dann sind Sie in Russland also gut aufgehoben?

Russland fasziniert mich schon immer. Es ist, als wäre das mein Land – und dabei voller Abenteuer für mich. Alles dort ist so riesig, so maßlos, die Leute sind großzügig, aber auch extravagant und kommen mit Extremen gut zurecht. Sie genießen das Leben in vollen Zügen und entwickeln zugleich eine tiefe Spiritualität und eine große Liebe zur Natur. Wenn man anschließend nach Europa zurückkehrt, hat man den Eindruck, in ein Altenheim zu kommen. Alle sind krank, schüchtern, vorausschauend und berechnend, alle versichern sich gegen alles und haben Angst vor allem.

Hatten Sie tatsächlich Angst vor der „Dürftigkeit“ Ihres Innenlebens, wie Sie im Eintrag vom 14. Februar schreiben?

Diese Frage hat mich beschäftigt, weil ich – wie die meisten Städter – nie länger als eine Woche alleine gewesen bin. Ich wusste nicht, ob ich mich selbst aushalten würde. Die Einsamkeit ist ja eine andauernde Selbstreflexion. Nun, die Antwort lautet: Ja! Es ging sogar besser als erhofft. Ich habe diese sechs Monate geliebt. Und jetzt weiß ich, dass das ein mögliches Leben ist, eine Zuflucht, wenn mein Alltag allzu unerträglich werden sollte.

Wie sah ein typischer Tag am Ufer des Baikalsees aus?

Ich habe mich an einen bestimmten Tagesrhythmus gehalten. Mit der Zeit musste ich mir diese Tageseinteilung nicht mehr „vornehmen“ – sie wurde eine Art Vergnügen, ein Bedürfnis: Am Vormittag las und schrieb ich, am Nachmittag war ich im Wald unterwegs. Dazwischen habe ich mich ganz praktischen Tätigkeiten gewidmet: Holz hacken, Fische angeln. Diese Disziplin erinnert an die Figur des Robinson Crusoe auf der Insel in Daniel Defoes Roman: Er zwingt sich, jeden Abend mit Blick auf den Ozean zu speisen – gut angezogen, an einer weißen Tischdecke bei Kerzenschein. Denn er wusste: Ohne Disziplin würde er bald in Untätigkeit und Faulheit abdriften – und damit in Depression.

Was hat Ihnen in der Zeit am meisten gefehlt?

Mir hat gar nichts gefehlt! Ich habe 55°C in Indien erlebt und -50°C in Russland, richtigen Durst in Tibet, aber in dieser Hütte hat mir nichts gefehlt – weder Menschen noch Besitz! Es war das Gegenteil von dem, was ich von meinen anderen Reisen kenne: Wenn man sich fortbewegt, sieht man jeden Tag etwas anderes – eine ständige Ablenkung. In der Hütte aber entstand die Freude gerade durch Wiederholung: Wenn man eine sehr begrenzte Anzahl von Dingen besitzt, dann widmet man ihnen viel größere Aufmerksamkeit. Am Ende wartet man regelrecht auf das Eintreten kleiner Rituale, die den Alltag ausmachen: dass sich die Meisen am gewohnten Platz vor dem Fenster niederlassen … Es war der wahre Luxus, denn alles war schön, und mir fehlte nichts.

In den Wäldern Sibiriens Blick ins Buch

Sylvain Tesson

In den Wäldern Sibiriens

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