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Sylvia Lott im Interview zu ihrem Buch »Die Inselgärtnerin«

Wussten Sie, dass Sylvia Lott ihren Kommilitonen zu Testzwecken vorgelesen hat?

Lott, Sylvia
© Daniel Culmann

Würden Sie uns ein wenig über sich erzählen – Ihre Hobbies, Lebenssituation, Ihren Traum vom Glück, was Sie ärgert, welche Gabe Sie gerne besäßen …?
Ich liebe Screwball-Comedies der 30er und 40er Jahre, freue mich über ein unerwartetes Lächeln in der Menge und würde gern selbst noch viel häufiger ein Lächeln in Umlauf setzen, wäre gern äußerlich so musikalisch wie ich mich innerlich fühle, ich möchte Klavierspielen und tanzen können – Salsa und Bossa Nova, Wiener Walzer, Bollywood-Choreografien und Free Style. Ich wünsche mir Leserinnen mit Herz, Verstand und Esprit, die mir zugetan sind. Mein Glück wäre perfekt, wenn es (abgesehen von der Abschaffung des Elends und dem Beginn des ewigen Weltfriedens) gelänge, vor dem entspannten lustvollen Schreiben von Bestsellern jeden Morgen mit meinem Liebsten im Meer zu schwimmen.

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Durch die Volksschule, wie die meisten Menschen.
Nein, im Ernst: Ich hab immer gerne Aufsätze geschrieben und erinnere mich, dass ich ungefähr in der dritten Klasse einmal elf Seiten über die Reise eines Regentropfens fantasiert habe, und nur aufhörte zu schreiben, weil es zur Pause klingelte. Dann kamen Tagebuch, Schülerzeitung (»Der Trompeter« des Gymnasiums Westerstede, der übrigens genau zu jener Zeit die Ostfriesen-Witze erfand!), Lokalzeitung (»Der Ammerländer«), Volontariat Regionalzeitung (»Nordwest-Zeitung«, Oldenburg) und während des Studiums erste Kurzromane für eine Illustrierte.*
Gleich nach der Phase, in der ich Weltmeisterin im Eiskunstlauf oder wahlweise im Rollschuhlaufen werden wollte, war mir klar, dass ich später Bücher schreiben würde – das fand ich ganz normal und selbstverständlich. Aber ich dachte auch, dass ich wohl vorher noch einiges erleben und ein bisschen was vom Leben begreifen müsste. Deshalb wollte ich zum Üben erstmal Journalistin werden; das mit dem Schreiben hab ich ungefähr ab neun oder zehn Jahren gewusst.

* Das war meist »Der abgeschlossene Roman der Woche« für die »Neue Revue«, dafür gab es nämlich so viel Geld wie für einen Monat Urlaubsvertretung in der Lokalredaktion (ich sag nur: Schützenfeste, Schützenfeste, Schützenfeste!). Diese leicht erotisch eingefärbten Liebesgeschichten hab ich oft, bevor ich sie an die Redaktion schickte, zur Freude meiner Kommilitonen zu Testzwecken vorgelesen – wir saßen auf dem Rasen des Campus der Uni Münster im Kreis und hatten ziemlich viel Spaß. Vordergründig belächelten meine Studiengenossen natürlich solche Liebesgeschichten, aber oft kamen sie hinterher einzeln zu mir und erzählten mir eigene Erlebnisse, die mich dann zu weiteren Kurzromanen inspirierten.

Was inspiriert Sie/Wie finden Sie Ihre Themen?
Schwer zu sagen, manchmal dauert es Sekunden, manchmal Monate, bis das Grundgerüst steht. Mal fliegt es mich an, mal muss ich es mir hart erarbeiten.

Für Die Inselgärtnerin kamen mehrere Dinge zusammen. Der Roman handelt von der gerade unglücklich entliebten norddeutschen Landschaftsarchitektin Sonja, die ein Strandhäuschen in Florida erbt und den Plan fasst, dort auf der fiktiven Insel Dolphin Island ebenso schöne wie umweltfreundliche Dünengärten anzulegen. Dabei lernt sie liebenswerte und skurrile Menschen kennen, stößt aber auch auf geheime Widersacher. Schwieriger als erwartet wird die Umsetzung ihrer Pläne zudem, weil sich die Liebe einfach nicht an Planvorgaben hält.
Die Idee, dass es Spaß machen könnte, Dünen- oder Strandgärten anzulegen, kam mir bei einem Besuch im Park der Gärten am Zwischenahner Meer (Leser/innen von »Die Rose von Darjeeling« kennen ihn bereits). Dort existiert ein kleiner Mustergarten, »Fishermen’s Friends« genannt, mit einem halb versenkten Ruderboot und vielen Minzepflanzen im Muschelsand. Dieser Anblick hat mich sofort inspiriert. Erst im Laufe der Recherchen wurde mir klar, wie sinnvoll naturnahes Gärtnern mit heimischen Pflanzen überall auf der Welt für den Umweltschutz ist. Und wie aktuell dieses Thema angesichts des Klimawandels gerade in Florida ist, machte dann der Hurrikan Irma im September 2017 überdeutlich.
Dass ich Florida als Schauplatz gewählt habe, hat eine weiter zurückreichende, persönliche Geschichte. Seit Kindertagen ist Florida für mich ein Synonym für Sonne, Spaß und leichtes Leben. Ich bin mit Florida Boy und Flipper groß geworden, unsere amerikanischen Verwandten schickten Postkarten aus dem Floridaurlaub, die sie in botanischen Gärten mit einem Papagei zeigten.
Außerdem hab ich in Florida angefangen, meinen großen Traum zu verwirklichen. Vor zwanzig Jahren, als ich noch hauptberuflich freie Journalistin war, bin ich an einem deprimierenden Novembertag mit dem Laptop aus Hamburg nach Florida geflüchtet. Nicht nur, weil ich sonnenhungrig war, sondern auch, weil ich dachte, wenn ich jetzt nicht endlich mit dem Romanschreiben anfange, dann wird das nie was!
Nach Tagen ziellosen Herumfahrens lernte ich in Indian Shores am Golf von Mexiko eine alleinstehende Dame kennen. In ihrem »Hintergarten« mit Meerblick stand eine heruntergekommene Strandhütte, dort mietete ich mich für vier Wochen ein und begann, meinen ersten Roman zu schreiben.

Haben Sie eine Lieblingsszene?
Natürlich das Überraschungsfeuerwerk zum Finale! Richtig gefreut habe ich mich auch das Schreiben der Szenen, in denen Sonja (aus der im Laufe des Romans »Sunny« wird) ihren Untermieter Sam – er ist ein Philosoph in der Krise – auf den Hemingway-Lookalike-Contest in Key West vorbereitet. Diese Dialoge haben viel Spaß gemacht und sich wie von allein geschrieben!
Schön finde ich auch die Szene, in der Sunnys erster Auftraggeber, der attraktive Manager Nick, in einer sternklaren Nacht mit der Inselgärtnerin die Meditationshütte seines Strandgartens einweiht. Überhaupt mag ich alle Stellen, wo meine Heldin spürt, dass ihr das Leben wieder Freude bereitet, zum Beispiel wie sie mit ihren neuen Freunden im Kulturzentrum zum alten Temptations-Hit »My Girl« die Sechzigerjahre-Choreografie tanzt. Geweint hab ich beim Schreiben aber auch, am meisten bei ihrer letzten Begegnung mit ihrem Ehemann Michael.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Am liebsten würde ich unterscheiden wie bei der Oscar-Verleihung: beste weibliche Hauptrolle, beste männliche Nebenrolle etc.
Ich finde Tante Sandy großartig, eine mutige und moderne Frau, die bis zuletzt ihr Geheimnis bewahrt hat. Den liebenswerten, chaotischen Sam würde ich zu gern selbst einmal treffen. Oder die trotz ihrer Krankheit immer noch schlagfertige Etta. Natürlich ist mir die Heldin Sonja/Sunny ans Herz gewachsen, besonders durch die Art, wie sie sich trotz aller Rückschläge aus ihrem Tief herausarbeitet, wie sie kämpft und sich wieder für das Leben und die Liebe öffnet.
Der Oscar für die beste Romanmusik würde übrigens an die Motown-Hits der sechziger Jahre gehen. Eine Playlist mit den fünfzehn schönsten Songs steht hinten im Roman. Auf meiner Website werde ich sie außerdem verlinken mit den historischen YouTube-Musik-Videos von den Temptations, Diana Ross & den Supremes, Jackson Five, Marvin Gaye etc. – falls mal Jemand Lust bekommen sollte, die Choreografien nachzutanzen. Was ich sehr empfehlen kann, es hilft schlagartig gute Laune zu bekommen!

Gibt es bestimmte geographische Orte, zu denen Sie oder Ihr Buch einen besonderen Bezug haben?
Zu den Schauplatzen Die Inselgärtnerin: Ausgangspunkt ist Bad Zwischenahn im Ammerland. Meine Heldin bricht dann auf nach Florida, die Geschichte spielt am Golf von Mexiko im Lee County auf der fiktiven Insel »Dolphin Island«. Auch wenn Dolphin Island fiktiv ist, inspiriert wurde sie von Sanibel Island, so wie die kleinere Nachbarinsel Juno Island von der echten Insel Captiva inspiriert wurde. Real sind aber die Atmosphäre, das Lebensgefühl und Orte aus dem weiteren Umkreis wie Fort Myers, Clearwater, Matlacha oder Key West.
Ich lebe in Hamburg, bin in Ostfriesland geboren und im Ammerland (Oldenburger Land) aufgewachsen. Das Ammerland ist berühmt für seine Baumschulen und Gärtnereien, unter anderem auch für den »Park der Gärten« am Ufer des Zwischenahner Meeres.

An welchem Buch arbeiten Sie gerade?
Es gibt wieder zwei Zeitstränge, es geht um Verbindungen zwischen Frauen unterschiedlicher Generationen und spielt an einem Sehnsuchtsort... Aber mehr möchte ich jetzt noch nicht verraten.

Was/Welche Szene daraus war bisher am schwierigsten zu schreiben?
Die größte Herausforderung ist es für mich immer, das (historische) Setting aufzubauen, die fremde Umgebung im Roman so schildern, dass es nicht zu faktenlastig, sondern sofort auch atmosphärisch spürbar wird.

Was lesen Sie selber gerne?
Momentan lese ich gerne Biografisches über außergewöhnliche Frauen (international) und die Autobiografien ganz normaler Frauen (regional). Ansonsten »fresse« ich Recherchematerial, Historisches, Quellen, Tagebücher etc. zu dem Thema, mit dem ich mich gerade für einen neuen Roman beschäftige. Natürlich versuche ich außerdem, mich über die Bestseller auf dem Laufenden zu halten. Romane, die Liebe und Zeitgeschichte kombinieren, mag ich gern. Generationenromane oder Witziges ziehe ich Krimis und Thrillern vor. Wenn historische Romane gut recherchiert und nicht völlig humorfrei sind, mag ich sie auch.
Zu meinem Wochenendritual gehört es, ausgiebig die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« zu lesen.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?
Bücher sind in bestimmten Lebensphasen Lieblingsbücher geworden, weil man gerade reif für sie war. In verschiedenen Phasen sehr beeindruckt haben mich: Hanni und Nanni, E. T. A. Hoffmann: Kater Murr, Gottfried Keller: Der grüne Heinrich, Heinrich von Kleist: Das Erdbeben von Chili, die Tagebücher von Paula Modersohn-Becker, Marilyn French: Frauen; Gabriel García Márquez: Die Liebe in den Zeiten der Cholera; Johannes Bobrowski: Litauische Claviere; Serge Kahili King: Der Stadtschamane. Ich mag auch John Irving sehr. Mariana Leky hab ich zuletzt für mich entdeckt – eine wunderbare Autorin! Im Urlaub fresse ich Romane, die zum Reiseziel passen. Aber wenn ich nur einen Titel nennen dürfte: dann Kater Murr von E. T. A. Hoffmann.

Wer sind Ihre liebsten Romanhelden/-heldinnen?
Seufz, etwas peinlich, aber wahr: Rhett Butler und Scarlett O’Hara.

Möchten Sie uns 3 Bücher für die einsame Insel empfehlen?
Ein Tagebuch mit leeren Seiten, das Survival-Handbuch von Rüdiger Nehberg und wahrscheinlich doch die Bibel.

Was ist für Sie die größte Versuchung?
Vom Backen noch etwas warmer, knuspriger Ostfriesischer Rosinenstuten mit frischer Butter, bitte zum Ostfriesentee mit Kandis. Natürlich nach wie vor der Cheese Cake New York Style. Und im Sommer besonders der Nationalkuchen Floridas: ein gut gekühltes Stück Key Lime Pie.

Was ist für Sie die optimale Entspannung?
Schwimmen im Meer oder in einem natürlichen Gewässer

Haben Sie ein Lebensmotto?
Eines? Bedienen Sie sich: Es geht gerade erst richtig los. Ich will doch dazu lernen. Wer nie auf die Schnauze gefallen ist, war in seinem Leben nicht mutig genug. Wenn nichts mehr geht – guck mal, ob Humor hilft.

Gibt es eine Person, die Sie persönlich fasziniert?
Das wechselt, allerdings ich neige grundsätzlich nicht so zur Heldenverehrung.

Welche menschliche Leistung des letzten Jahrhunderts bewundern Sie am meisten?
Jede, für die Jemand persönliche Nachteile in Kauf genommen hat, um seiner Inneren Stimme zu folgen und/oder laut zu sagen, dass eine verbreitete »Wahrheit« nicht wirklich die Wahrheit und/oder dass Unrecht Unrecht ist. Noch mehr jede Leistung, mit der ein Mensch wirklich etwas riskiert hat, um anderen zu helfen.

Welche Organisation oder welches Projekt würden Sie gerne unterstützen – oder tun dies bereits?
Aktion Deutschland hilft (Bündnis deutscher Hilfsorganisationen), Hospitz-Bewegung, Deutsche Alzheimer-Stiftung

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen?
Ein Running Gag: Seit Jahren baue ich heimlich in jedes Buch irgendwo einen Hinweis auf die Ostfriesische Fehnroute (eine Radstrecke) ein – quasi im »Such die Maus«-Stil von Sepp Arnemann, mit dessen Witz-Zeichnungen ich aufgewachsen bin. Auch diesmal wieder.
Auf einem Auge bin ich weitsichtig, auf dem anderen kurzsichtig.

Die Inselgärtnerin Blick ins Buch

Sylvia Lott

Die Inselgärtnerin

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