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Interview mit Tanja Heitmann

Wussten Sie schon, dass Tanja Heitmann den Anblick des Meeres über alles liebt, aber selbst nicht hineingeht?

Interview mit Tanja Heitmann

Eine kurze Biografie:
Ich bin ein waschechtes Nordkind, das es nicht einmal während des Germanistik- und Politikstudiums in andere Gefilde verschlagen hat. Mein berufliches Leben ist zweigeteilt: Neben meinem Autorendasein bin ich auch als Literaturagentin tätig.

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Ich kam auf eine denkbar überraschende Weise zum Schreiben: Während einer Autofahrt übers flache Land kam mir ganz plötzlich eine Figur namens Adam in den Sinn, die mir so plastisch vor Augen stand, dass ich mich dazu entschloss, ihre Geschichte aufzuschreiben – daraus entstand mein Debutroman Morgenrot. Dabei habe ich mich nie als Schreibende, sondern immer nur als Lesende gesehen.

Wie finden Sie Ihre Themen?
Es geht nichts über einen Spaziergang am Meer oder eben Autofahrten übers flache Land. Meine Muse – oder wer immer Autoren ihre Ideen einflüstert – braucht Weite und Ruhe. Obwohl ... manchmal braucht sie auch nicht mehr als eine Alltagssituation, bevorzugt eine in der man gerade keinen Stift zur Hand hat.

Welche Szene war bei Ihrem aktuellen Buch am schwierigsten zu schreiben?
In dem Roman Das Haus am Fluss gibt es zwei Zeitebenen, und Mina, die Heldin aus dem letzten Jahrhundert, macht einen Wandel von einem zu allen Untaten entschlossenen jungen Temperamentbündel zu einer reifen und mutig für ihre Liebe eintretenden Frau durch. Diese Entwicklung in ihrer Tiefe nachzuzeichnen, war eine echte Herausforderung.

Haben Sie eine Lieblingsszene?
Das erste Bild, das ich von dem Roman hatte, findet sich in der Szene wieder, wenn Marie, deren Geschichte in der Gegenwart spielt, plötzlich dem Schäfer Asmus gegenübersteht, der auf der Suche nach einem gestohlenen Schaf ist. Das sich überraschenderweise in Maries Garten befindet. Jedes Mal, wenn ich daran denke, muss ich schmunzeln – nicht nur wegen der peinliche Lage, in die Marie gerät, sondern auch weil es ein besonders herziger Geburtsmoment für einen Roman ist. Erstaunlich, wie viel Inspiration in einem Schafsdiebstahl liegt.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Die Frage darf man doch auch keiner Mutter von mehreren Kindern stellen! Ich habe sie alle gern und würde niemals zugeben, dass ich das eine vielleicht ein bisschen mehr liebe.

Gibt es bestimmte geographische Orte, zu denen Sie oder Ihr Buch einen besonderen Bezug haben?
Ganz eindeutig die Nordsee, vor allem die Ostfriesischen Inseln und die Küste Schleswig-Holsteins, wo auch unser Reetdachhaus aus 1740 steht. Außerdem habe ich familienbedingt einen Hang in Richtung Osten.

Was lesen Sie selber gerne?
Als Vielleserin ist mein Interesse breit aufgefächert, außerdem lasse ich mich auch gern auf Neues und Unerwartetes ein.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?
Das ist wie mit der Frage nach der Lieblingsfigur aus den eigenen Romanen: Es ist einfach unmöglich, einem Autoren oder einer Autorin den Vorzug zu geben, wo man sie doch alle liebt.

Wer sind Ihre liebsten Romanhelden/-heldinnen?
Solche, von denen man es am wenigsten erwartet – ich habe eine Schwäche für Nebenfiguren, meist die mit der Brille auf der Nase, die ein schlimmes Ende finden.

Möchten Sie uns 3 Bücher für die einsame Insel empfehlen?
Gesammelte Gedichte von Robert Gernhard, damit man immer was zu lachen hat. Die Mumins von Tove Jansson zum Jungbleiben. Und Der Sommer ohne Männer von Siri Hustvedt als Überlebensanleitung.

Was ist für Sie die größte Versuchung?
Als Mutter eines äußerst lebendigen Sohns, der gern mit den Hühnern aufsteht: Ausschlafen.

Verraten Sie uns Ihr Lieblingsrezept?
Solange Wein dazu passt, macht man nichts verkehrt!

Was ist für Sie die optimale Entspannung?
Spaziergänge – ob nun am Meer, durch Felder oder in einer Stadt. Ich laufe gern und lasse mich dabei ganz von meiner Umgebung in Beschlag nehmen. Eine schöne Alternative ist der Strandkorb in unserem Garten, in dem man es selbst an windigen Tagen gut aushält.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Wie wäre es mit einem Zitat von Jean Paul, das mich schon lange begleitet? „Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne.“

Gibt es eine Person, die Sie persönlich fasziniert?
Mich faszinieren Menschen, die unleugbar große Künstler sind, aber sich ihr Leben lang die Frage stell(t)en, wer sie sind und was sie tun, wie etwa Romy Schneider oder Leonard Cohen.

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen
1. Dass ich selbst vom Tatort nur die Hälfte sehe, weil ich ständig ängstlich die Augen zukneife. Bilder sind eben etwas ganz anderes als Worte.
2. Dass ich mich mit jedem Roman mehr vor dem Schreiben der Danksagung fürchte, da es auch nach über 10 Romanen die gleichen Menschen sind, die mir zur Seite stehen und dafür ein herzliches Dankeschön verdienen, welches jedoch originell verpackt sein will.
3. Dass ich den Anblick des Meeres liebe, aber höchstens den großen Zeh reinstecke.
4. Dass ich, wenn ich einen befriedigenden Schreibtag hinter mir habe, am liebsten Wirtschafts- und Wissenschaftsteile der Zeitung lese, aber so gut wie nie einen Roman.
5. Dass ich Romane, die ich liebe, selten ganz auslese ... Der Abschied wäre zu schwer.