Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Roman

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Taschenbuch
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Ein Dorf in Brandenburg wird zu einer Hochburg von Neonazis.

Mimi und Oliver sind Nachbarskinder in einer kleinen Stadt an der Havel. Sie spielen Fußball miteinander, leisten den Pionierschwur und berauschen sich auf Familienfesten heimlich mit den Schnapskirschen der Eltern. Mit dem Mauerfall zerbricht auch ihre Freundschaft. Mimi sieht sich als der letzte Pionier – Timur ohne Trupp. Oliver wird unter dem Kampfnamen Hitler zu einem der Anführer marodierender Jugendbanden. In Windeseile bringen seine Leute Straßen und Plätze unter ihre Kontrolle. Dann eskaliert die Situation vollends …


Originaltitel: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
Originalverlag: Verbrecher Verlag
Taschenbuch, Broschur, 240 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-71786-6
Erschienen am  11. November 2019
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Wie wir wurden, wer wir sind. Wer Deutschland verstehen will muss Präkels lesen.

Von: Koreander.net

09.12.2019

Für viele sind die 90er Jahre vor allem mit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft in Italien verbunden, mit Elektropop, der Einführung des Privatfernsehens, MTV und Akte X. Wer etwas politischer war, verbindet noch den Golfkrieg und den Bürgerkriegen in Jugoslawien mit den 90ern. Die traurige Galavariante der 90er ist dann der Tod von Lady Diana. Was viele aber nicht mehr so ohne weiteres erinnern, ist Rostock Lichtenhagen, Hoyerswerda oder Greifswald. Die rechtsextreme Gewalt der 90er Jahre spielt im kollektiven Gedächtnis kaum noch eine Rolle, dabei waren es die schwersten Ausschreitungen und Pogrome seit dem Zweiten Weltkrieg. Manja Präkels autobiografischer Roman nimmt sich dieser gesellschaftlichen Amnesie an. Wer verstehen möchte, wie es zum gegenwärtigen Rechtspopulismus, zur Faschisierung weiter Gesellschaftsschichten kommt, der muss „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ lesen! Gewaltkultur und Chauvinismus Mimi, Präkels Alter Ego, wächst in einem Dorf in Brandenburg auf und erlebt als Heranwachsende die letzten Jahre der DDR, den Mauerfall und das Wiedervereinigte Deutschland. Dabei lebt Mimi in einer naiv-infantilen ideologielosen Kindheit. Ganz wie Stephan Wackwitz einst formulierte: „Jedes Kind hat das Recht auf eine geschichtslose Kindheit“. So lebt auch Mimi ohne großes Nachdenken in den Tag hinein und nimmt als Gegeben, was eben Gegeben ist. Sie macht, was man halt so macht. Sie strengt sich an ein gutes Kind zu sein, ein guter Pionier. Sie spielt mit den Nachbarskindern und probiert sich in kindlichen Revolten beim Schnapskirschen essen. Alles ist mehr oder weniger eine normale Kindheit. Bis von einem Tag auf den anderen plötzlich alles anders ist. Der antifaschistische Staat ist Geschichte. Und während Mimi pars-pro-toto ihre Biografie mühsam neu ordnen muss, greifen andere zu schnelleren Lösungen. Der Nachbarsjunge Oliver schließt sich den rebellierenden Neonazis an – Kampfname Hitler. Und es gibt viele Olivers. In den 90ern bildeten rechte Skinheads, Neonazis und andere Rechtsextremisten Teil eine eigene Jugendkultur. Angefeuert durch das Wiedervereinigte große Deutschland, den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft und den Fahnen schwingenden und ‚Deutschland, Deutschland‘ grölenden Massen, dominierten Rechtsradikale im Westen und noch mehr im Osten das Straßenbild. Gewaltkultur und nationaler Chauvinismus reichten sich die Hand. Und mitten drin Mimi und ihre linke oder eher alternative Subkultur. Was eskalieren muss, das eskaliert. Das weiße Band Zwischen Hanekes Film Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte und Präkels Roman gibt es mehrere Parallelen. Der deutsche Osten, die ländlichen Regionen, die Kinder und Jugendlichen in einer sich verändernden Welt und der erwachende Faschismus. Kein Film hat die be- und erdrückende ländliche, verklärte Idylle des frühen 20. Jahrhunderts so verdeutlicht wie „Das weiße Band“. Und Präkels Buch schafft eine ähnliche Atmosphäre. Eine dichte, literarisch wertvolle Beschreibung des erdrückenden Lebens der Wendejahre mit ihren Entbehrungen und der ideologischen Lücke. „Ideologie ist eine verabsolutierte Idee. Überall, wo es Unterdrückung, Demütigung, Unglück und Leid gibt, ist der Boden bereitet für jede Art von Ideologie. Deshalb ist ‚Das weiße Band‘ auch nicht als Film über den deutschen Faschismus zu verstehen. Es geht um ein gesellschaftliches Klima, das den Radikalismus ermöglicht. Das ist die Grundidee.“ Michael Haneke Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß, zeichnet ebenso dieses düstere Bild eines Gesellschaftlichen Klimas der Radikalisierung. Der Roman ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Wer Manja Präkels Geschichte lediglich als Wenderoman liest, verkennt den Wert fundamental. Der Roman vermag weitaus mehr über die gegenwärtige Radikalisierung der Wutbürger erklären, als es noch so viele Talkshows jemals erreichen können. Man kann den heutigen Rassismus nicht ohne die rechtsradikale Wende in den 1990er Jahren verstehen. Die damaligen Teenager und Twens sind die heutigen Vierziger und Fünfziger, die unzufriedene Mittelschicht, die sich wieder dem Rechtsextremismus zuwenden. Die Midlife Crisis der Rechten wird zum Krisentest der deutschen Demokratie. Früher stand zwischen Störkraft und den Onkelz noch eine Kuschelrock CD. Heute stehen da Sarrazin, Pirinçci und Palmer.

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Persönliches Buch über das Ende der DDR, den Übergang in die BRD und das Erstarken der rechten Szene

Von: schnäppchenjägerin

16.11.2019

Mimi Schulz wächst in einer kleinen brandenburgischen Stadt an der Havel in der DDR auf. Die Mutter ist Lehrerin und überzeugte Sozialistin, der Vater ist Verkaufsstellenleiter, allerdings arbeitsunfähig an Diabetes erkrankt. Er verbringt seine Freizeit überwiegend desillusioniert in der örtlichen Kneipe. Mimis Oma, der sie sehr nahe steht, ist ein Fan von "Gorbi". Als Kind hat Mimi viele Freunde, darunter auch der Nachbarsjunge Oliver. Sie ist Pionierin und nimmt an den zahlreichen staatlich organisierten Freizeitveranstaltungen, Jugendlagern und -fahrten teil. Ende der 1980er erfolgt die Wende und Mimi entwickelt sich zunehmend zu einer Einzelgängerin und stillen Beobachterin. Schnell ist sie mit ihren pink gefärbten Haaren als "Zecke" verschrien und muss miterleben, wie aus Freunden Neonazis, mit ihren Worten "Gorillas" werden, und ehemalige Freunde grundlos überfallen, verprügeln, töten. Mimi fällt in ein tiefes Loch, zieht nach Berlin, kann sich aber nicht zum Studium aufraffen. Erst als sie befürchtet, dass ihr jüngerer Bruder von Oliver, der sich selbst "Hitler" nennt, beeinflusst und in die rechte Szene abdriften könnte, kehrt sie in ihre Heimatstadt zurück und engagiert sich in der linksliberalen Szene. Ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben, in einem Ort, der vom braunen Mon durchsetzt ist? Manja Präkels beschreibt sehr eindrücklich den Zeitraum 1988 bis Anfang der 2000er, das Ende der DDR, die Wende und den steinigen Neuanfang in der BRD. Die Autorin legt in dem autobiografisch angehauchten Roman ihre Eindrücke der Kindheit und Jugend dar, was die Erzählung noch beklemmender und erschreckender erscheinen lässt. Da ist zunächst das Ende der DDR, eine Ära, die von Zusammenhalt und Gemeinschaft geprägt war und die durch einen engen Rahmen Schule, Freizeit und Beruf festgelegt und für Halt gesorgt hat. Nach der Wende fallen sämtliche Strukturen, Ausbildungen werden nicht anerkannt, die Arbeitslosigkeit, die man bisher nicht kannte erhält Einzug, die Chancen- und Perspektivlosigkeit steigt, die Gesellschaft spaltet sich. Eine zunehmende Radikalisierung am rechten Rand und die Angst vor dem Fremden entwickelt sich erschreckend schnell zu einem rechten Terror, gegen den selbst die Polizei hilflos erscheint. Die Geschichte wirkt sehr authentisch, liest sich fast tagebuchartig, so dass man am eigenen Leib mit Mimi, die verängstigt einen Umbruch erlebt und sich in einer scheinbar neuen Welt zurechtfinden muss, mitfühlt - auch wenn mir als "Wessi" Begriffe wie Pionierorganisationen, Fahnenappell und Pionierrepublik nur vom Hörensagen bekannt sind. Für Leser, die selbst in der DDR aufgewachsen sind und die Wiedervereinigung von dern anderen Seite aus erlebte, dürfte der Roman bei der Feststellung von Parallelen zur eigenen Biographie deshalb noch interessanter sein. Während der Alltag in der DDR zu Beginn sehr ausführlich erzählt wird, ist der Zeitpunkt des Mauerfalls und der Übergang zur BRD vergleichsweise kurz gefasst. Aus diesem Grund konnte ich auch die derart extrem gewalttätige Radikalisierung von Mimis ehemaligen Freunden nicht so ganz nachvollziehen. Selbst wenn man sich in einen verblendeten gewaltbereiten Neonazi nicht hineinversetzen kann, fehlten mir die Auslöser für den Aufbau und Erstarken der rechten Szene. Sprachlich weiß der Roman zu überzeugen. Mimis Gedanken sind sehr direkt, ihre Wortwahl ungewollt komisch, ihre Gedichte apokalyptisch düster. "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" ist keine leichte Kost, beschreibt sehr anschaulich das Ende der DDR und den Übergang in die BRD aus Sicht eines jungen Mädchens, die mitansehen muss, wie in ihrem Heimatort nach dem Fall der Mauer Neonazis das Kommando übernehmen und die Einwohner in Angst und Schrecken versetzen. In einer Zeit mit dem Erstarken des Rechtspopulismus und -extremismus ist es ein so wichtiges Buch, das eine Warnung und ein Aufruf zu mehr Zivilcourage sein sollte.

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Vita

Manja Präkels

Manja Präkels, 1974 in Zehdenick/Mark geboren, ist Sängerin der hochgelobten Band »Der singende Tresen«. Sie ist Mitherausgeberin der erzählerischen Anthologie »Kaltland – Eine Sammlung«, eines Klassikers der Nachwende-Literatur. Manja Präkels wurde für ihren Debütroman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" mit dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium und dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Zudem erhält sie für diesen Roman den Anna-Seghers-Preis.

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