Bürokratie

Die Utopie der Regeln

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Taschenbuch
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Wir alle hassen Bürokraten. Wir können es nicht fassen, dass wir einen Großteil unserer Lebenszeit damit verbringen müssen, Formulare auszufüllen. Doch zugleich nährt der Glaube an die Bürokratie unsere Hoffnung auf Effizienz, Transparenz und Gerechtigkeit. Gerade im digitalen Zeitalter wächst die Sehnsucht nach Ordnung und im gleichen Maße nimmt die Macht der Bürokratien über jeden Einzelnen von uns zu. Dabei machen sie unsere Gesellschaften keineswegs transparent und effizient, sondern dienen mittlerweile elitären Gruppeninteressen.Denn Kapitalismus und Bürokratie sind einen verhängnisvollen Pakt eingegangen und könnten die Welt in den Abgrund reißen, warnt David Graeber, der bedeutendste Anthropologe unserer Zeit.


Aus dem Amerikanischen von Hans Freundl, Henning Dedekind
Originaltitel: The Utopia of Rules
Originalverlag: Melville House, Brooklyn, London 2015
Taschenbuch, Broschur, 336 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-442-15920-8
Erschienen am  17. Juli 2017
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Warum füllst du die Steuererklärung aus, obwohl es dich ankackt? Weil sie sonst kommen und dir wehtun.

Von: Schreibplanet

03.07.2019

David Graeber hat mir gerade die Augen geöffnet. David Graeber, dessen Buch Bürokratie vor mir liegt, während ich diese Zeilen schreibe, ein Taschenbuch in unschuldigem hellrosa. David Graeber erklärt (so meine Kurzversion), warum wir einen Sonntagnachmittag damit verbringen, die Steuererklärung auszufüllen - widerwillig, trotz womöglich schönem Wetter und entgegen jeglicher Vorstellung von sonntagnachmittäglicher Lebensqualität. Einfacher gesagt: Obwohl es uns ankackt. Warum wir Formulare ausfüllen, wann immer der Staat oder eine Bank oder eine Versicherung oder die Schule der Kinder das von uns verlangt. Warum wir Parkbussen pünktlich bezahlen, auch wenn unser Auto niemanden gestört hat, ausser einen Polizisten. Warum wir uns an Regeln halten, deren Sinn wir nicht verstehen oder nicht unterstützen. Wir tun das, weil... wir sonst mit Gewalt rechnen müssen! Weil man uns sonst körperlich wehtut. Auf Seite 72 steht Graebers einleuchtendes Argument: «Meine Konzentration auf Gewalt, das räume ich ein, mag seltsam anmuten. Wir sind es nicht gewohnt, Pflegeheime oder Banken oder auch Krankenkassen als gewalttätige Einrichtungen zu betrachten – höchstens in einem sehr abstrakten oder metaphorischen Sinne. Doch die Gewalt, die ich hier meine, ist nicht abstrakt. Ich spreche nicht von Gewalt im konzeptionellen Sinn. Ich spreche wortwörtlich von der Gewalt, wenn jemand einem anderen einen Holzknüppel auf den Kopf schlägt. Bei allen diesen Institutionen handelt es sich um Einrichtungen, die Ressourcen innerhalb eines Systems von Eigentumsrechten verteilen, das Regierungen im Rahmen eines Systems regulieren und absichern und auf Androhung von Zwang beruht. "Zwang" bezeichnet euphemistisch Gewalt, also die Fähigkeit, Menschen herbeizurufen, die Uniformen tragen und bereit sind, anderen anzudrohen, ihnen einen Holzknüppel über den Kopf zu ziehen. Ich fülle also in stundenlanger Sklavenarbeit meine Steuererklärung aus und bezahle später den mehr oder weniger auf meiner Ausfüllarbeit basierenden Steuerbetrag, weil ich (bewusst oder insgeheim) weiss, dass sonst irgendwann – nach Monaten oder Jahren des Nichtausfüllens und Nichtbezahlens – bewaffnete Personen vor meiner Haustür auftauchen, mich mit roher Körperkraft in ein Polizeiauto zerren, meine Handgelenke aneinanderketten und mich ins Gefängnis stecken werden.» Papierkram ist Gewalt in anderer Form. Eine Vorstufe. Hatte ich mir vorher nie so überlegt. Nie zu Ende gedacht. Aber es stimmt wahrscheinlich. David Graeber: Bürokratie. Die Utopie der Regeln. Goldmann-Verlag, 2017.

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Vita

David Graeber

David Graeber, geboren 1961, war bis Juni 2007 Professor für Ethnologie an der Yale University. Heute lehrt er Ethnologie am Goldsmiths College der University of London. Graeber ist Autor mehrerer anthropologischer und politischer Bücher und bekennender Anarchist.

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