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Ich bin zum Schweigen verdammt Tagebücher und Briefe

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Taschenbuch, Broschur ISBN: 978-3-442-71477-3

NEU
Erscheint: 12.12.2016
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Die schriftstellerische Karriere von Michail Bulgakow, dem Autor des epochalen Romans Meister und Margarita, war zu seinen Lebzeiten ein immerwährender und meist vergeblicher Kampf gegen die staatliche Zensur. »Ich weiß, daß ich als Schriftsteller unermeßlich stärker bin als alle, die ich kenne. Aber unter meinen jetzigen Umständen gehe ich womöglich in die Knie«, notierte Bulgakow vor der Beschlagnahmung seiner Tagebücher. Seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen – meisterhaft übersetzt von Thomas und Renate Reschke – erzählen eindrucksvoll vom Ringen des Schriftstellers mit der Zensur, von seinem gescheiterten Versuch, die UdSSR zu verlassen, der materiellen Not und der Krankheit, die zu seinem frühen Tod führte.

3sat Buchzeit empfiehlt "Ich bin zum Schweigen verdammt" zum Buchzeittip

Michail Bulgakow (Autor)

Michail Bulgakow wurde am 15. Mai 1891 in Kiew geboren und starb am 10. März 1940 in Moskau. Nach einem Medizinstudium arbeitete er zunächst als Landarzt und zog dann nach Moskau, um sich ganz der Literatur zu widmen. Er gilt als einer der größten russischen Satiriker und hatte zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu leiden. Seine zahlreichen Dramen durften nicht aufgeführt werden, seine bedeutendsten Prosawerke konnten erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. Seine Werke liegen im Luchterhand Literaturverlag in der Übersetzung von Thomas und Renate Reschke vor.


Aus dem Russischen von Thomas Reschke (Übersetzer)

Thomas Reschke, geboren 1932 in Danzig, studierte Slawistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1955-1990 war er Redakteur und Lektor der DDR-Verlage "Kultur und Fortschritt" und "Volk und Welt". Seit 1956 übersetzt er literarische Werke aus dem Russischen, seit 1990 hauptberuflich als freier Übersetzer. Heute zählt er zu den produktivsten deutschen Russisch-Übersetzern der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, seine Übersetzung eines Großteils der Werke Michail Bulgakows gilt als hervorragend. Thomas Reschke wurde für seine Übersetzungen vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem F.-C.-Weiskopf-Preis (1975), dem Maxim-Gorki-Preis des Sowjetischen Schriftstellerverbandes (1987), dem Deutschen Jugendliteraturpreis, Sparte Übersetzung (1992), dem Bundesverdienstkreuz (2000) sowie in Anerkennung seines Lebenswerks dem Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW (2001).


Aus dem Englischen von Sabine Baumann (Übersetzerin)

Sabine Baumann, geboren 1966, studierte Amerikanistik und Slawistik in Frankfurt am Main und den USA. Sie promovierte über das Werk von Vladimir Nabokov, den sie auch übersetzt hat. 2010 wurde sie für ihre Übertragung von Alexander Puschkins Eugen Onegin und Nabokovs Kommentar mit dem Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW ausgezeichnet. Sie lebt als Lektorin in Frankfurt am Main.

Aus dem Russischen von Aus dem Russischen von Thomas Reschke, Aus dem Russischen von Renate Reschke, Aus dem Englischen von Sabine Baumann
Originaltitel: Diaries and Selected Letters
Originalverlag: Alma Books

Taschenbuch, Broschur, 352 Seiten, 11,8 x 18,7 cm

ISBN: 978-3-442-71477-3

€ 12,99 [D] | € 13,40 [A] | CHF 17,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: btb

NEU
Erscheint: 12.12.2016

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Ich bin zum Schweigen verdammt

Von: Bingereader Datum: 17.11.2016

bingereader.org/

Zu Lebzeiten wurde Michail Bulgakow so gut wie nicht publiziert. Erst ein gutes Vierteljahrhundert nach seinem Tod wurde sein Roman „Der Meister und Margarita“ zum absoluten Weltbestseller. Sein zweiter großer Roman „Hundeherz“, den er 1925 schrieb, wurde erstmals 1967 im englischsprachigen Ausland veröffentlicht, in Russland erst nach der Auflösung der Sowjetunion 1987.

Der Band „Zum Schweigen verdammt“ gibt in Form von Briefen und Tagebüchern Einblick in das tragische Leben des Autors. Die sowjetische Presse führte eine unglaublich hysterische Denunzierungskampagne gegen ihn, die zum fast vollständigen Veröffentlichungsverbot führten. Der wohl einzige Grund warum Bulgakow nicht in einem der gefürchteten Gulags endete, war wohl die Tatsache, dass Stalin ihn aus irgendeinem Grund mochte. Was ihn aber nicht davor bewahrte, ein sehr isoliertes, ärmliches und oft einsames Leben zu führen.

Seine Tagebucheintragungen enden im Februar 1925, als er nach einer Wohnungsdurchsuchung beschließt, keine etwaigen kompromittierenden Einträge mehr zu machen. Sie konfiszieren seine Notizbücher und uns bleiben dann nur noch die Briefe, die er zwischen 1925 und 1940 verschickte.

So tragisch sein Leben ist, in den Tagebüchern gibt es immer wieder auch humorvolle Momente.

„Ein schrecklicher Zustand: Ich verliebe mich immer mehr in meine Frau. Ärgerlich – zehn Jahre habe ich mich gewehrt gegen meinen … Die Frauen sind doch alle gleich. Jetzt erniedrige ich mich sogar bis zu leichter Eifersucht. Sie ist lieb und süß. Und dick.“

Überwiegend zeigen Tagebucheinträge und Briefe allerdings eher einen Einblick in seinen Kampf ums Überleben als Schriftsteller. Je heftiger er von der Kritik als anti-sowjetischer Autor gebrandmarkt wird, desto leichtsinniger wird er. Während eines Verhörs gibt es zu Protokoll:

„… Meine Symphatien gehörten ganz und gar den Weißen, deren Abzug ich mit Entsetzen und Verständnislosigkeit aufnahm…“

Sich zu Verbiegen um zu Gefallen oder auch nur, um endlich publizieren zu können, kam ihm nicht in den Sinn. Hochachtung vor so viel Rückrat. Er gibt im gleichen Verhör weiter zu Protokoll:

„Über landschaftliche Themen kann ich nicht schreiben, weil ich das Dorf nicht mag. Es kommt mir viel mehr vom Kulakentum geprägt vor, als gemeinhin angenommen wird. Über den Alltag der Arbeiter zu schreiben, fällt mir auch schwer: zwar habe ich davon eine bessere Vorstellung als von dem der Bauern, weiß aber nicht genug, interessiere mich auch kaum dafür, aus folgendem Grund: Ich bin beschäftigt, mich interessiert brennend das Leben der russischen Intelligenz, die ich liebe.“

Nicht gerade diplomatische Worte, die im Arbeiter und Bauernstaat auf wohlwollende Ohren stoßen.

Er schreibt Briefe an Stalin, in dem er ihm seine 10-jährige Leidengeschichte als Schriftsteller vor Augen führt und ihn bittet, ihn doch aus der UdSSR zu verbannen. Wiederholt schreibt er an verschiedenste sowjetische Behörden mit der Bitte, ihn doch ausreisen zu lassen, als Autor, der im eigenen Heimatland zu nichts Nutze ist.
Das war aber nun genau die Art Logik, die die Technokraten und Betonköpfe in der UdSSR überhaupt nicht mochten. Sie verweigerten ihm die Ausreise, er blieb bis zu seinem Tod in der UdSSR. Er hat nicht ein einziges Mal das Ausland besuchen können.

Bulgakow bleibt es verwehrt, sich als echter Schriftsteller zu fühlen, denn er hadert mit der Tatsache, als unveröffentlichter Autor nicht wirklich ein Autor zu sein. Seine Öffentlichkeit besteht fast ausschließlich in den Empfängern seiner Briefe. Das „Der Meister und Margarita“ einmal ein solcher Welterfolg werden würde, damit hätte er wohl nicht wirklich rechnen können.

Eine private Lesung seines Romans im Jahr 1939 entsetzte die anwesenden Zuhörer derart, weil sie fürchteten, sich durch bloßes Zuhören schon zu kompromittieren. Er stirbt Anfang 1940 an einer erblichen Nierenkrankeit mit nur knapp 50 Jahren, noch auf dem Krankenbett diktiert er seiner Frau Manuskript-Änderungen.

Wer sich für den Schriftsteller hinter „Der Meister und Margarita“ interessiert, bekommt einen guten Einblick in das Leben des Schriftstellers, die Lektüre ist allerdings durchzogen von tiefer Traurigkeit, Hoffungslosigkeit und Wut.

Wie schade, dass er seinen Erfolg nicht erleben konnte. Was für ein trauriges Schicksal eines großen russischen Schriftstellers, der sich fraglos als Erbe Tolstois, Gorky oder Gogol sehen darf.

Michael Bulgakow, Ich bin zum Schweigen verdammt

Von: Norman Weiß Datum: 16.06.2015

www.notizhefte.wordpress.com

Das zunächst im Jahr 2013 auf Englisch und dann 2015 auf Deutsch bei Luchterhand erschienene Buch enthält ausgewählte Tagebucheinträge und Briefe des sowjetischen Schriftstellers. Die Tagebucheinträge entstanden zwischen 1921 und 1925. Nachdem seine Tagebücher 1926 beschlagnahmt wurden, beendete Bulgakov diese Form der Selbstbefragung und Reflexion. Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1940 schrieb er aber Briefe, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben und geistigen Austausch zu pflegen. Der Staatsapparat hatte ihn im Jahr 1929 mit einem Veröffentlichungsverbot belegt und seine Stimme so zum Verstummen bringen wollen.

Das Buch hat 270 Seiten plus 80 Seiten Apparat inklusive sehr instruktiven Erläuterungen zu Leben und Werk Bulgakows, der mir bislang nur durch seinen Roman »Der Meister und Margarita« bekannt ist.

Eindrucksvoll umreißt die knappe Einleitung des britischen Slawisten Roger Cockrell die Situation des Schriftstellers in Stalins Sowjetunion. Das Buch beginnt dann mit einem Brief vom 1. November 1922 aus Moskau an die Mutter, die bald danach stirbt; in der Folge wechseln sich Tagebucheinträge und Briefe ab. Erstere sind in knappen Auszügen wiedergegeben. Armut und Hunger sind beherrschende Themen.

Bulgakov hatte in seiner Heimatstadt Kiew Medizin studiert und im Ersten Weltkrieg als Arzt gearbeitet; auch im Frieden war er zunächst im erlernten Beruf tätig, bis ihn dies zu sehr belastete. Er wandte sich der Schriftstellerei zu, von der er aber lange nicht leben konnte. Als Sproß einer bürgerlichen und europäisch orientierten Familie schrieb Bulgakow im – plötzlich als überholt geltenden – Stil der Vorkriegszeit. Zwar bekämpfte er die Revolution nicht, schrieb aber Kurzgeschichten, die als Satiren auf die neuen, sowjetischen Zustände verstanden wurden. Von da an war er ständig mit den Zensurbehörden in Konflikt. Viele seiner Werke konnten in der Sowjetunion erst in den 1980er Jahren erscheinen.

Die unregelmäßig geführten Tagebücher kreisen anfangs überwiegend um die persönliche Situation, einmal erwähnt er ein Erdbeben in Japan, dann die Inflation in Deutschland und Reichskanzler Stresemann. Sowjetische Politik wird manchmal nur vage gestreift, gelegentlich aber auch lakonisch kritisiert. Ab dem Herbst 1923 nimmt die Politisierung des Tagebuchs zu; das Deutsche Reich, Bulgarien, Polen, das Verhältnis der Sowjetunion zu Großbritannien geraten angesichts der sich verschärfenden Weltlage in den Blick des Autors, der am 18. Oktober 1923 festhält:

"Vielleicht steht die Welt wirklich vor einer Generalauseinandersetzung zwischen Kommunismus und Faschismus." (S. 40)

Aber weiterhin nehmen seine Krankheit und Berufliches sowie die damit verbundenen Widrigkeiten viel Raum ein.

"Die Literatur ist jetzt ein schwieriges Geschäft." (S. 44)

"Ich kann nichts anderes sein als ein Schriftsteller." (S. 48)

Geldprobleme, Aufträge, angenommene und abgelehnte Artikel, Zensurfragen, Außenpolitik, Trotzki, Stalin, der Beginn des Baus der Moskauer Metro, schlechte Erfahrungen mit der Bürokratie, Kriegserinnerungen oder seine Einschätzung des Verhaltens von Intellektuellen unter den neuen Machthabern – all das fügt sich ob der nur rudimentären und sprunghaft wirkenden Niederschrift nur allmählich zu einem sehr ausschnitthaften Bild der damaligen Zeit. Schnell wird klar, daß sich Bulgakow nicht als Chronist eines Zeitalters sieht. Er führt sein Tagebuch auch nicht als ausführliche Selbstreflexion. Es wirkt durch seine Unmittelbarkeit und erlangt durch den jähen Abbruch nach einem Verhör im September 1926 nachträgliches Gewicht.

"Vor den Flegeln gibt es keine Rettung." (S. 70)

"Moskau ist eine große Stadt. Meine zärtliche und einzige Liebe, den Kreml, habe ich heute nicht gesehen." (S. 71)

"Die negativen Erscheinungen im Leben des Sowjetlandes wecken meine angespannte Aufmerksamkeit, weil ich darin instinktiv Nahrung für mich sehe (ich bin Satiriker)." (S. 94).

Im Juli 1926 soll er ein Theaterstück – »Sonjas Wohnung« – für eine Aufführung in Moskau umarbeiten. In einem Brief an den Regisseur hadert er mit den Forderungen und reflektiert über die Bedeutung von Autorschaft. Der Brief schließt mit den Sätzen:

"Ich schreibe Ihnen ohne Zähneknirschen. Sie haben sich bemüht. Ich mich auch." (S. 89)

Auf den Seiten 95-270 folgen nun nur noch Briefe, die die Zeit vom November 1927 bis Februar 1940, einen Monat vor Bulgakows Tod, abdecken. Manchmal sind es wenige Zeilen sehr privaten Charakters, manchmal längere Briefe, die vor allem das Publikationsverbot thematisieren.

Im Juli 1929 zieht Bulgakow in einem Brief an Stalin, Kalinin und Kunstfunktionäre eine erschütternde Bilanz seiner zehnjährigen Schriftstellertätigkeit im sowjetischen Staat:

"Nach fast zehn Jahren bin ich mit meinen Kräften am Ende; außerstande, weiterhin zu existieren, abgehetzt, wissend, dass ich innerhalb der UdSSR weder gedruckt noch aufgeführt werde, dem Nervenzusammenbruch nahe, wende ich mich an Sie und bitte um Ihre Fürsprache bei der Regierung des UdSSR, MICH ZUSAMMEN MIT MEINER FRAU L.J. BULGAKOWA, die sich dieser Bitte anschließt, AUS DER UdSSR AUSZUWEISEN." (S. 104)

Ähnliche, verzweifelte Bitten schließen sich an, Zeugnisse der großen Zerrüttung des Autors. Auch Briefe an den Bruder handeln von der umfassenden Ausweglosigkeit der Situation. Ein Schreiben an die Regierung der UdSSR vom 28. März 1930 (S. 119 bis 128) und vom 30. Mai 1931 an Stalin (S. 129-133) sind bewegende Zeugnisse eines angegriffenen, mundtot gemachten Mannes.

Bulgakow muß im Land bleiben, darf nichts veröffentlichen und kann sich immerhin als Regieassistent am Theater durchschlagen; ab 1936 ist er Librettist und Übersetzer am Moskauer Bolschoi-Theater. Es schreibt Theaterstücke und Prosa für die Schublade. Sein bekanntester Roman »Der Meister und Margarita« beschäftigt ihn seit Mitte der 1920er Jahre, wird aber vor allem 1936/37 niedergeschrieben. Karl Schlögel liest ihn in seinem großen Buch »Terror und Traum. Moskau 1937« als Zeitdokument und widmet ihm das erste Kapitel. Schlögels Buch soll ein Narrativ der Gleichzeitigkeit sein und behandelt die unterschiedlichsten Quellengruppen, um sie zu einem möglichst umfassenden Gesamtbild zusammenzufügen. Bulgakows hier vorgelegte Tagebucheintragungen und Briefe gehören zweifelsohne dazu.

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