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Tonspuren Roman

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Taschenbuch, Broschur ISBN: 978-3-442-74936-2

Erschienen: 15.06.2015
Dieser Titel ist lieferbar.

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Ein mitreißendes Geschichtsepos über die Kraft der Erinnerung und die Macht des Erzählens

Ein junger Afroamerikaner, der in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen versucht; ein Holocaust-Überlebender, der auf dem Sterbebett die Vergangenheit aufleben lässt; ein Geschichtsdozent, der um seine Karriere und die große Liebe kämpft. Drei Schicksale, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, verknüpfen sich in diesem Roman meisterhaft zu einer epischen Erzählung über Erinnerung, Liebe, Schuld und unerwartetes Heldentum. Elliot Perlman führt uns vom Polen der Kriegs-Ära über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre bis in das New York der Gegenwart und demonstriert uns, wie wichtig es bleibt, sich zu erinnern und Zeugnis abzulegen – denn Geschichte hat die Eigenschaft, sich zu wiederholen.

Elliot Perlman (Autor)

Elliot Perlman wurde 1964 in Melbourne geboren. Er praktizierte einige Jahre als Anwalt, bis er nach dem Erfolg von „Drei Dollar“, seinem ersten Roman, nach New York zog, wo er sich ausschließlich dem Schreiben widmete. Perlmans literarisches Werk ist preisgekrönt. Sein zweiter Roman „Sieben Seiten der Wahrheit“, der ihm international den Durchbruch bescherte, wurde von der Presse als „große Literatur“ (Deutschlandradio Kultur) gefeiert; sein dritter Roman "Tonspuren" erschien 2013. Elliot Perlman lebt heute wieder in Melbourne.

Aus dem Englischen von Grete Osterwald
Originaltitel: The Streetsweeeper
Originalverlag: Random House Australia

Taschenbuch, Broschur, 704 Seiten, 11,8 x 18,7 cm

ISBN: 978-3-442-74936-2

€ 12,99 [D] | € 13,40 [A] | CHF 17,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: btb

Erschienen: 15.06.2015

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Leidenschaftliches Plädoyer gegen Rassismus

Von: Thomas Lawall Datum: 27.04.2016

www.querblatt.com

Lamont Williams sitzt erschöpft in einem voll besetzten Bus. Von seiner sechsmonatigen Probezeit hat er den vierten Tag hinter sich gebracht. Als Angestellter beim Gebäudeservice der Memorial-Sloan-Kettering Krebsklinik könnte ihm das bisher Unmögliche gelingen. Keiner, der einen Teil seiner Vergangenheit im Gefängnis verbrachte, hatte bisher die strengen Anforderungen der Klinik erfüllen können.

Die Exodus Transitional Community, eine gemeinnützige Organisation, die mit privaten Spenden und "unregelmäßig hereinsickerndem Zufluss öffentlicher Mittel" gerade so über die Runden kommt, entwickelte ein neues Sozialhilfeprogramm, dessen erster Kandidat Lamont Williams ist. Voraussetzungen sind ein Lebenslauf ohne Gewaltverbrechen und Drogenmissbrauch sowie ein fester Wohnsitz.

Drei Jahre war Williams zunächst im Gefängnis von Woodbourne und später weitere drei Jahre in Mid-Orange inhaftiert. Er war unwissentlich an einem Raubüberfall beteiligt. Ein Freund und ein Bekannter baten ihn, an einem Spirituosenladen anzuhalten, wo sie für einen angeblichen Filmabend Pizza besorgen wollten ...

Und nun hat er die einmalige Chance zur Wiedereingliederung in ein festes Arbeitsverhältnis erhalten. Er wird angenommen und somit behandelt wie jeder neue Angestellte der Klinik. Nach einer Probezeit von sechs Monaten winkt eine feste Anstellung. Beschäftigt beim Gebäudeservice ahnt er in den ersten Tagen nicht, dass er sehr bald einen ganz besonderen Patienten der Klinik kennenlernen wird ...

Adam Zignelik wird niemals vergessen, was ihm einst sein Vater über die New Yorker Unruhen erzählt hatte. Der wütende Mob machte sogar vor dem Colored Orphan Asylum nicht halt. Im Sommer des Jahres 1863 herrschte nur noch das Chaos. Nord- und Südstaaten befanden sich im Krieg. Die Sklavenbefreiung durch Lincoln im Vorjahr bereits proklamiert, wollten nicht wenige Sklavenhalter auf ihr "Eigentum" keineswegs verzichten.

Schlimmer noch war, dass die unter dem Krieg leidende Bevölkerung ausgerechnet die Schwarzen dafür verantwortlich machte. Furcht vor der "Emanzipationsproklamation" machte sich breit. Man fürchtete eine Flut befreiter Sklaven, die sich auf die Jobs in New York stürzen würden. Schließlich wären sie bereit, für noch weniger Lohn zu arbeiten als Iren und Deutsche ...

Um eine drohende Eskalation abzuwenden, erließ Lincoln ein neues Einberufungsgesetz in Form einer Zwangsauslosung. Im Juli sollte eine solche erstmals stattfinden und es kam zum Aufruhr. Tausende rückten zur Einberufungsstelle und zerstörten sie. Polizei und eine kleine Militäreinheit waren machtlos. Auch vor jenem Waisenhaus, einer wohltätigen Einrichtung für schwarze Kinder, machten sie nicht Halt. Die Betreuer konnten die Kinder retten, bis auf ein Mädchen, welches von einem aus dem Fenster geworfenen Möbelstück tödlich getroffen wurde ...

Der Historiker Adam Zignelik ahnt ebenfalls nicht, welche unerwarteten Wege noch vor ihm liegen, und wie sich sein weiteres Schicksal gestalten und wenden sollte. Eine erstaunliche Entdeckung sollte ihm eine Aufgabe schenken, die er lange suchte und sich dabei selbst beinahe aufgegeben hätte. In den Archiven der Galvin Library des Illinois Institute of Technology in Chicago findet er Transkripte von Interviews, die ein gewisser Dr. Border 1946 bei einem Besuch in Europa geführt hat. Es handelt sich ausnahmslos um Gespräche mit Überlebenden des Holocausts, die Border mit einem Drahttongerät aufgezeichnet hatte ...

Auch der Patient in der Memorial-Sloan-Kettering Krebsklinik ist ein Überlebender. Henryk Mandelbrot ist schwer an Krebs erkrankt und findet in Lamont Williams einen idealen Gesprächspartner ...

... und was die unerwartete Bekanntschaft sowie den zufälligen Fund gleichermaßen betrifft, sind die Abgründe, in die beide führen: die Härte der Vergangenheit und Greueltaten - einmalig in der Weltgeschichte -, die oft und gerne auch heutzutage noch geleugnet, vergessen oder schlimmer, überhaupt nicht gekannt werden.

Elliot Perlmann geht es aber nicht nur um die Aufarbeitung dunkler Kapitel des zweiten Weltkrieges und den Wirren zur Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, sondern um Geschichte im Allgemeinen und vor allem um die Geschichten, die uns Geschichte erzählen kann. Eine oder vielmehr gleich mehrere erzählt uns der Autor, indem er uns Menschen und deren Schicksal auf verschiedenen Zeitebenen vorstellt.

Dies tut er auf fast nüchterne Art und Weise, was dem Ernst der Geschichte(n) durchaus angepasst sein mag. Der ständige Wechsel von Zeit- und Erzählperspektiven leistet einem gewissen literarischen Anspruch Folge, gestaltet sich aber zumindest nach meinem Empfinden mitunter nicht unanstrengend und dem allgemeinen Verständnis nicht immer dienlich. Man darf sich auch gelegentlich fragen, mit welcher Person man es denn nun schon wieder zu tun hat. Man könnte hier und da auch schneller zum Punkt kommen und die eine oder andere Wiederholung streichen. Farblose Schilderungen privater Verhältnisse und Befindlichkeiten können langweilen und den Eindruck entstehen lassen, hier handle es sich um Werkzeuge des Spannungsaufbaus, was in einem solchen Werk eher fatal wäre.

Derartige Erwägungen treten aber hinter die Gesamtheit des Werkes zurück, welche mehr als ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Rassismus in all seinen Schattierungen darstellt. Den grausamen Ereignissen stellt Elliot Einzelschicksale gegenüber und zeichnet somit ein wesentlich eindringlicheres Bild, als dies Geschichtsbücher in ihrer Sachlichkeit vermögen. Die unterschiedlichsten Charaktere vermitteln zudem das ganze Ausmaß eines menschenverachtenden Systems, ob es sich nun gegen Juden oder Schwarze wendet. So stehen die Menschen und ihre ganz persönlichen Befindlichkeiten in diesem Roman auch im Vordergrund. Krieg, Hass und all die Morde bekommen Gesichter! Die Gewalt bleibt kein diffuses Bild, sondern wendet sich gegen "Individuen mit Gedächtnissen, Gefühlen, Ambitionen, Beziehungen, Meinungen, Werten und Errungenschaften".

Henryk Mandelbrot glaubte, nichtsahnend in Auschwitz angekommen, das Ende aller Tage, "wie er sie gekannt hatte", zu erleben. Was ihn am Leben erhält ist die Überzeugung, dass jemand erzählen muss, was hier geschehen ist.
So stellt auch die Macht der Erinnerung ein zentrales Thema dar. Sie kann grauenhaft sein, indem sie einfach kommt und geht wann sie will. Sie raubt den Schlaf und verhindert ein angstfreies Leben, auch wenn all die Schrecken längst im Nebel der Vergangenheit verschwunden sind. Doch die Erinnerung muss andererseits am Leben erhalten und weitergegeben werden. Sie ist Beleg und Zeugnis zugleich. Wird Geschichte ignoriert und totgeschwiegen, kann sie uns nichts lehren.

Schmerzvolle Erinnerungen

Von: Constanze Matthes Datum: 19.09.2015

zeichenundzeiten.com

Der eine ist ein Erzähler, der andere sein geduldiger Zuhörer. Henry Mandelbrot ist Patient einer New Yorker Krebsklinik. Lamont Williams arbeitet für den Gebäudedienst des Krankenhauses. Der eine ist polnischer Jude und Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, der andere ein Afroamerikaner, der nach einer mehrjährigen Haftstrafe mit dem Klinik-Job eine zweite Chance erhalten hat. Henry erzählt Lamont vom Grauen in Auschwitz, der so zum Bewahrer der Geschichte wird. Erinnerungen sind das große Thema in Elliot Perlmans Roman “Tonspuren”, in dem Menschen erleben, wie Geschichte ihre Gegenwart und Zukunft beeinflusst.

Der Leser lernt neben Henry Mandelbrot und Lamont Williams auch den Historiker Adam Zignelik kennen; auch er ist jüdischer Abstammung. Sein Vater hat als Jurist für eine Bürgerrechtsorganisation gearbeitet, die sich für die Rechte der amerikanischen Afroamerikaner eingesetzt hat. Adam erkennt, dass sein Leben vor tiefgreifenden Veränderungen steht. Er ahnt, dass er in Kürze seinen Job als Dozent an der Columbia-Universität verlieren wird. Aus dieser Unsicherheit heraus trennt er sich von seiner Frau Diana, die wie aus allen Wolken fällt. Doch William, ebenfalls Jurist, Verfechter der Bürgerrechte sowie Vater seines besten Freundes Charles, gibt ihm mit der Idee für ein neues Forschungsprojekt zugleich Auftrieb: Adam soll beweisen, dass schwarze Soldaten der US-Armee an der Befreiung von Konzentrationslagern beteiligt waren. Während seiner Recherche stößt der Wissenschaftler indes in Chicago auf die Arbeit des aus Polen stammenden jüdischen Psychologen Henry Border. Er interviewte nach dem Zweiten Weltkrieg sogenannte “displaced persons”, vor allem Überlebende der Konzentrationslager. Seine Gespräche mit den Zeitzeugen hat er auf Tonbänder gebannt. Adam erkennt in Border einen der Mitbegründer der “oral history” als neue Methode der Geschichtswissenschaft.

Perlman, 1964 in Melbourne geboren und in Deutschland bekannt geworden mit dem wunderbaren Roman “Sieben Seiten der Wahrheit”, bringt in seinem aktuellsten Werk zwei große Themen der Geschichte des 20. Jahrhunderts zusammen: das Leid der afroamerikanischen Bevölkerung infolge des tagtäglichen Rassismus in den USA sowie die Verfolgung und Vernichtung der Juden während der Zeit des Nationalsozialismus. Verbindendes Element beider Themen ist dabei die Auffassung des Theologen Dietrich Bonhoeffers (1906 – 1945), der als Stipendiat am Theological Seminary in New York Zeuge des Rassismus wurde und später zurück in Deutschland zugleich das Grauen im Dritten Reich erlebte. Er meinte, dass es zwischen den Schwarzen und den Juden in Hinblick auf deren Gewalterfahrungen Parallelen gibt.

Doch dies ist nicht die einzige Verknüpfung innerhalb dieses fulminanten Romans. Der australische Autor verwebt sowohl die große Geschichte mit den Menschen als auch die Schicksale zwischen den Menschen. Ein grandioses, weil dicht gestricktes Werk entsteht, das nicht nur den Leser an die Charaktere und ihre Lebensgeschichte bindet, sondern mit grauenvollen Szenen aus dem Vorhof der von Menschen gemachten Hölle ungemein schmerzhaft ist. Detailliert beschreibt der Erzähler von den entsetzlichen Geschehnissen in den polnischen Ghettos und im Vernichtungslager, die nicht nur durch die kühle Maschinerie und Struktur des Dritten Reiches, sondern auch durch den menschenverachtenden Hass jedes Einzelnen entstehen konnte. Vor allem die Szenen in der Gaskammer, wo Mandelbrot als Mitglied des Sonderkommandos “arbeiten” musste, oder die Brutalität und Kaltblütigkeit, mit der SS-Schergen jüdische Kinder und Frauen töteten, bringen das damalige Grauen in das Hier und Jetzt.

Nichts soll vergessen werden, war die Hoffnung und Forderung all jener, die diese Jahre nicht überlebt haben. Die Überlebenden wie Mandelbrot und Border, der noch vor dem Dritten Reich in die USA gegangen war, jedoch seine Frau nach einer überstürzenden Trennung in Polen zurückließ, erhalten als Erzähler und Sammler ihrer Erinnerungen eine wichtige Aufgabe. Wie auch Lamont und Adam als Zuhörer eine ebenso bedeutende Funktion bekommen. Trotz dieser großen Themen der Geschichte verliert Perlman nie das Schicksal seine Protagonisten aus den Augen. Für nahezu jeden hat er eine Lebensgeschichte geschrieben; und nicht nur für die Hauptpersonen. Da ist unter anderem Callie, die Bedienstete in Borders Haus und Nanny von dessen Tochter Elise. Sie schafft es, mit ihrem neuen Job hinaus aus der Enge des Schwarzen-Ghettos Chicagos. Ihr Mann und Vater ihres Sohnes Russell wurde einst von einem wütenden Mob Weißer getötet. Und nicht zu vergessen all jene, die Adam nach dem Fund der Tondokumente in Chicago sowie in Australien ausfindig machen kann und die ihm von Borders besonderes Lebenswerk berichten.

Diese Geschichte und Geschichten – Perlman hat zum geschichtlichen Hintergrund der Bürgerrechtsbewegung und zu den Ereignissen in Auschwitz aufwendig recherchiert – werden durch die Protagonisten selbst und durch einen Erzähler nahe gebracht – in einem stetigen Wechsel aus Szenen, Orten und handelnden Personen. Den roten Faden verliert man indes nie; vielmehr entsteht eine ganz subtile Spannung, die ungemein fesselt. Nach knapp 700 Seiten kommen alle Fäden der Geschichte, die sich von den 1930er Jahren bis in die jüngste Vergangenheit spannt, zusammen, werden alle Verbindungen offen gelegt. Am Ende entsteht ein großes Gefühl, der Leser eines brillanten weil berührenden wie tiefgreifenden Romans gewesen zu sein. “Tonspuren” ist ein großes und mahnendes Erinnerungswerk, das hoffentlich viele Leser findet.

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