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Tilman Jens »Demenz«

SPECIAL zu Tilman Jens »Demenz«

„Wir werden sein Leiden nicht verstecken.“

Rezension von Roland Große Holtforth

Walter Jens ist einer der bedeutendsten deutschen Philologen und Literaturkritiker der Nachkriegszeit. Vielmehr: Er war es. Denn er ist dement, und das schon seit einigen Jahren. Jens, ein begnadeter Redner, der zeitlebens mit, in und durch Sprache lebte, dessen Geist den kostbaren Schatz der Literatur zu bewahren und anderen immer wieder neu zu erschließen wusste, hat mit seinem Gedächtnis auch den Zugang zu all den Worten verloren, die ihm die Welt bedeuteten. Er, der Generationen von Lesern für Thomas Mann oder seinen geliebten Fontane zu begeistern wusste, schafft es heute nicht einmal mehr, das Wort „Orangen-Limonade“ auf einem Etikett vollständig zu lesen.

Die Fratze der Demenz
Nachts geistert er manchmal durchs Haus – verliert die Orientierung, landet in seinem nutzlos gewordenen Arbeitszimmer und verschlingt schließlich die für ihn deponierten Kuchenstücke. Ein schwer erträgliches Bild – auch für den Leser, aber natürlich vor allem für die Menschen, die Walter Jens nahe stehen: seine Frau Inge, die Söhne Tilman und Christoph. Denn nicht nur das Gedächtnis zerrüttet die Demenz, auch das Wesen dieses friedvollen und unabhängigen Geistes zeigt fremde Züge: Er jammert und weint, hat aggressive Ausbrüche oder bettelt verzweifelt darum, nicht alleine sein zu müssen. Das Schicksal des leidenschaftlichen Homme de Lettres Walter Jens offenbart die grausame Fratze dieser Krankheit.

Schreiben ist wie Atmen
„Meine Mutter, mein Bruder und ich sind uns einig, wir wollen, wir werden sein Leiden nicht verstecken.“ Tilman Jens hat ein Buch über seinen Vater geschrieben. Es handelt nicht nur – hier täuscht der Titel ein wenig – vom Demenzkranken, sondern auch vom liebevollen Ehemann und Vater und natürlich vom großen Asketen der Literatur, für den Schreiben wie Atmen und ein Leben ohne Bücher eine ebenso abwegige wie grausame Vorstellung war. Und es widmet sich auch der Episode im Leben des Walter Jens, die der letztlich entscheidenden Verschlimmerung der Demenz Anfang 2004 vorausging: die Affäre um seine vermeintliche Mitgliedschaft in der NSDAP, die bei den Recherchen zu einem Lexikon zu Tage trat und vom „Spiegel“ zum Anlass für eine ausführliche Berichterstattung genommen wurde.

Die Mitgliedskarte
Tilman Jens gibt dieser „Entdeckung“ erstaunlich viel Raum. Man spürt, er kann noch immer nicht verwinden, dass der Vater hier nicht, wie sonst immer, klar, offen und mutig handelte, sondern regelrecht herumeierte. Walter Jens hat sich für jüdische Freunde eingesetzt, hat sich keines Verbrechens schuldig gemacht – und doch ist er nicht in der Lage, in ehrlichen und direkten Worten das Auftauchen einer auf seinen Namen lautenden NSDAP-Mitgliedskarte zu kommentieren. Auch deshalb entwickelt sich der „Fall Jens“ zu einem Medienspektakel, das den bereits Erkrankten schwer belastet. Etwas in ihm zerbricht: „In den Wintermonaten 2003/2004 gibt er sich auf“.

Doch so sehr sie den Sohn beschäftigen mag, als Leser hat man nicht den Eindruck, dass diese Affäre für das wesentliche Anliegen des Buches von entscheidender Bedeutung ist. Denn auch und gerade außerhalb der diesem Thema gewidmeten Passagen gelingt es dem Sohn, in offenen, mitunter schutzlos ehrlichen Worten ein persönliches Porträt seines geliebten Vaters zu zeichnen und gleichzeitig zu beschreiben, wie der Intellekt des großen Gelehrten quälend langsam im Schatten der Krankheit verschwindet.

Leben
Der Intellektuelle Walter Jens hatte sich einst vehement für ein menschenwürdiges Sterben ausgesprochen und seinen Hausarzt und seine Familie ermächtigt, sein Leben zu beenden, wenn es nicht mehr „human“ zu nennen sei. „Jetzt will ich gehen“, äußerte später einmal verzweifelt der Demenzpatient – um gleich darauf festzustellen: „Aber schön ist es doch“. Damit stand für die Familie fest: „… das Mandat, ihm aktiv beim Sterben zu helfen, ist in dieser Sekunde erloschen“.

Walter Jens lebt heute das Leben eines Kranken in guter Obhut. Er hat in seiner Pflegerin Margit Hespeler einen Menschen gefunden, der ihn liebevoll betreut und „den Kerl, so wie er ist, ganz einfach gern hat“. Er macht Ausflüge auf Margits Bauernhof, freut sich an den Tieren – und erlebt, so muss man annehmen, schöne Momente. Sicher, auch das Lachen des Kranken, etwa wenn er über den Hund Caro spricht oder ein Malbuch entdeckt, ist Teil einer Tragödie. Und doch ist es eine Tatsache; eine Tatsache des Lebens.

Roland Große Holtforth
(Literaturtest)
Berlin, März 2009