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Tim Mohr: »Stirb nicht im Warteraum der Zukunft« (Heyne Hardcore)

1. Wie sind Sie aufgewachsen?
Ich ging in Baltimore, Maryland, auf eine Staatliche Schule. Meine Eltern waren beide Lehrer, glücklicherweise nie auf meinen Schulen. In der siebten Klasse lernte ich Französisch und dachte, ich wäre auf dem Weg zu hoher Bildung und Weisheit, wenn ich mir französische Filme ansähe. Also fuhr ich nach Baltimore oder Washington, um mir alles Französische anzusehen. Und so sah ich massig Filme mit vielen Worten über Paare, die Beziehungsprobleme hatten. Wirklich klüger wurde ich dadurch aber nicht. Ich schaute nebenher weiterhin Baseball, ging Fischen und hatte wenig Interesse an Politik, obwohl ich schon spürte, dass unter Reagan und Bush etwas gehörig schieflief.
Insgesamt wuchs ich aber wie ein typischer Amerikaner auf. Das führte auch dazu, dass ich –als ich nach meinem Studium mittelalterlicher Geschichte in Yale nach Berlin zog – dachte, jeder Deutsche würde in Lederhose herumrennen. Für mich waren Deutschland und das Oktoberfest eine und dasselbe. Nach der ersten Enttäuschung, sollte Berlin meine Leben verändern. Dort bin ich wirklich aufgewachsen.

2. Gibt es eine Person, die Ihr Leben entscheidend geprägt hat?
Im Dezember 2004 war ich beim Playboy angestellt, als ich eine Woche bei Hunter S. Thompson in Colorado verbrachte. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits zwei Jahre zusammen gearbeitet, so hatten wir uns angefreundet. Er wusste auch, dass ich Deutsch sprach. Eines Abends zog er auf der Owl Farm einen Artikel hervor, der über ihn in Einem deutschen Magazine erscheinen war. Spontan forderte er mich auf, ihn zu übersetzen und vorzulesen, direkt in der Küche. Nachdem ich mich so durchgemurmelt hatte, fragte er mich, ob ich die Übersetzung in New York abtippen und ihm für sein Archiv eine Version schicken könne. Ich sagte es ihm zu. So begann meine Laufbahn als Übersetzer. Und Hunter hatte mir eine Idee in den Kopf gesetzt. Zwei Jahre später übersetzte ich meinen ersten Roman – Guantanamo von Dorothea Dieckmann. Übersetzen ist seither etwas, was ich wirklich liebe. Bis habe ich übersetzt: Tschick und Sand von Wolfgang Herrndorf, Feuchtgebiete und Schossgebete, von Charlotte Roche, vier Romanevon Alina Bronsky sowie Tigermilch von Stefanie de Velasco.

3. Welcher Ort auf der Welt fasziniert sie am meisten?
Das Russische Kriegerdenkmal im Treptower Park in Berlin.

4. Wovor haben Sie Angst?
Mir einen starken amerikanischen Akzent anzugewöhnen.

5. Was macht Sie glücklich?
Laute Musik.

6. Können Sie sich einen Tag ohne Musik vorstellen?
Für mich sind Sprache und Musik untrennbar miteinander verbunden. Hierbei spielt das Übersetzen eine wichtige Rolle. Für mich ist es seine sehr musikalische Aufgabe. Wenn ich übersetze, fühlt es sich so an, als nähme ich den Song und verwandele ihn durch den Einsatz neuer Instrumente. Ich muss den Text „hören“, die Melodie und den Rhythmus der Sprache, die Dynamiken. Und dieser Ansatz hat auch mein eigenes Schreiben beeinflusst. Auch dieses neue Buch konnte ich erst schreiben, nachdem ich wusste, wie es klingen muss.

7. Welche Träume hatten Sie als Kind?
Ich träumte davon, mir einen Kombi zu kaufen, die Rückbank rauszureißen und den ganzen hinteren Bereich in eine mobile Bibliothek umzuwandeln, sodass ich immer Bücher lesen und tauschen könnte, wo immer ich hinfuhr.

8. Wenn Sie nur noch 10 Euro übrig hätten, wofür würden Sie sie ausgeben?
Ich würde alles für Currywürste bei Konnopkes Imbiss raushauen.

9. Gibt es Himmel und Hölle?
Nein.

10. Was ist wichtig im Leben?
Alles, was man im Leben tut, ist politisch. Etwas, was viele Amerikaner nicht verstehen, ist, dass es ein großer Luxus ist, in einem System zu leben, welches es einem erlaubt, apolitisch zu sein. Dieser Luxus ist so unglaublich, dass ich es unverantwortlich und maßlos finde, sich so zu verhalten. Vielleicht die wichtigste Sache im Leben ist es, sich der Konsequenzen seiner politischen Aktivitäten oder Passivitäten bewusst zu sein, egal, wie bedeutend sie sein mögen.

11. Welche noch lebenden Schriftsteller würden Sie zum Abendessen einladen?
Ta-Nehisi Coates, Angela Davis, Irvine Welsh

12. Wie würden Sie einem Freund in einer Kneipe Ihr Buch in zwei einfachen Sätzen beschreiben?

Es ist die Geschichte der ostdeutschen Punkrock-Bewegung und die Rolle, die die Undergroundmusiker beim Fall der Mauer und der Erstehung des modernen Berlins spielten. Es ist die unglaubliche Überlebensgeschichte von einer Horde Kids, die sich gegen eine brutale Diktatur zur Wehr setzten und sich nicht unterkriegen ließen. Der Ton des Buchs ist bewusst rasant und filmisch gehalten, um auch Leser zu erreichen, die an Punkrock oder dem Kalten Krieg wenig Interesse haben.

13. Wie sind Sie auf die Idee für das Buch gekommen? Haben Sie viel recherchiert?
Ich kam mit der Ostberliner Punkszene Mitte der Neunzigerjahre in Berührung, als ich in Berlin Mitte als DJ in Clubs auflegte. Viele der damaligen Clubs und Aktivisten hatten ihre Wurzeln in der Ostpunkszene. Es hat mich immer gestört, dass Menschen im Westen und auch gerade in Amerika das Ende des Kalten Krieges als etwas Zwangsläufiges betrachteten, und als ob die westliche Popkultur maßgeblich dafür verantwortlich sei. Natürlich spielte Bruce Springsteen in Ostberlin, aber zeig mir eine Person, die daraufhin der Opposition beigetreten wäre. Insofern wollte ich dieses Buch schreiben als eine Art Korrektiv zur gängigen westlichen Erzählweise, auch um den Fokus auf die eigentlichen Kräfte zu legen, die im Osten gegen das Regime ankämpften, ohne sich vom Westen beeindrucken zu lassen. Die bisherigen Bücher über die Szene sind großteils von Insidern für Insider geschrieben. Und auch wenn diese Bücher teils tolle Geschichten und Quellen zu Tage förderten, so bot doch keines dieser Bücher einen umfassenderen Überblick über die Geschehnisse, die an ein größeres Lesepublikum gerichtet waren. Genau das will ich erreichen, eine möglichst große Leserschaft für diese Geschichte gewinnen. Die Recherche dauerte knapp sechs Jahre, es gab großartige Momente, während ich nach den zentralen Figuren der Szene forschte und dann auch interviewte. Etwa, als ich im Austausch für ein Gespräch bei eisigen Minusgraden auf einem Hof Holz hacken musste, ohne Handschuhe oder winterfeste Kleidung. Das Interview war dann aber alle Qualen wert, genauso wie der feuerrote Mond während der Heimfahrt nach Berlin.

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Tim Mohr

Stirb nicht im Warteraum der Zukunft

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