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SPECIAL zu Tina und Razvan Georgescu: Die zärtliche Berührung

„Du darfst noch nicht gehen“

Seit bei Tina Georgescus Mann ein Gehirntumor entdeckt wurde, ist das Paar durch die Hölle gegangen – denn die Krankheit bedroht nicht nur sein Leben, sondern auch ihre Beziehung.

Sie hätte die Zeichen doch erkennen müssen. Seine permanenten Kopfschmerzen. Das gequälte Stöhnen, die Müdigkeit. Und dann die Sehstörungen – hatte er nicht kürzlich erst ein parkendes Auto gestreift? Die Ärzte meinten, er sei überarbeitet. Das zu glauben, war verlockend. Und einfacher, als düstere Vorahnungen zuzulassen.

Dann aber kam der 17. Mai 2004, der Tag, den Tina Georgescu niemals vergessen wird. Sie fand ihren Mann Razvan, damals 38, in der Küche stehend, inmitten eines Scherbenhaufens. Zwei Teller waren ihm aus der Hand geglitten. Einfach so. Er schielte. Seine intelligenten, oft verschmitzten Augen, die ihr so vertraut waren, wirkten völlig entfremdet. Als wollten sie aus den Höhlen hervortreten. „Dieser Blick“, sagt die 41-Jährige, „hat sich für ewig in mein Gedächtnis eingeprägt.“ Sie begleitete Razvan, der völlig verwirrt war, ins Schlafzimmer. In dieser Nacht schreckte sie mehrfach schweißgebadet hoch, starrte auf ihren schlafenden Mann und wusste: „Es ist etwas Fürchterliches mit ihm passiert!“ Am nächsten Tag bestätigten die Ärzte alle Befürchtungen, diagnostizierten einen Gehirntumor. Hinten links. Bösartig. Lebenserwartung: drei Jahre – maximal. Dass der Patient überhaupt noch auf den Beinen sei, sei ein Wunder, er müsse sofort stationär aufgenommen werden.

Nur drei Tage blieben dem Familienvater bis zur Operation

In dieser Zeit, sagt er, „hatte ich nur einen Gedanken: Du darfst noch nicht gehen. Es gibt noch so viel zu tun.“ Schließlich waren da seine Frau, die Kinder Denise und Sebastian, gerade erst 11 und 10 Jahre alt. Viel Hoffnung aber machten ihm die Mediziner nicht: Die Chancen, dass er das Ganze unbeschadet überstehe, lägen bei 20 Prozent, sagten sie. Die OP sei sehr kompliziert; ginge etwas schief, könne Razvan blind werden, seine Sprache und sogar seine Motorik verlieren. „Ich habe die Ärzte angefleht, nicht zu viel zu schneiden, nicht zu viel zu riskieren“, erzählt der 44-Jährige. Die Vorstellung, in einem menschenunwürdigen Zustand vor sich hinzudämmern, war für den Regisseur, den Künstler, der das Visuelle liebte und mit der Sprache arbeitete, unerträglich. Dann lieber sterben.

In der Nacht vor der OP aber ließ sich die Angst vor dem Tod nicht mehr verdrängen. Tina und Razvan Georgescu lagen fest aneinandergeklammert zusammen im Krankenhausbett. In Tränen aufgelöst, sagten sie sich immer wieder, wie sehr sie sich liebten. Fühlten sich bedingungslos verbunden. Schöne, jetzt auch schmerzhafte Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit kamen hoch.

Es war die große Liebe gewesen.

Obwohl sie fast noch Kinder waren, als sie zusammenkamen. Sie 14 Jahre, er 17. Beide besuchten in Rumänien dasselbe Gymnasium. Sie war die hübsche, ordentliche Deutsche, er der charismatische Rumäne aus einer bekannten Künstlerfamilie. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir uns jemals trennen müssten“, sagt der 44-Jährige heute. Doch zwei Jahre, nachdem sie sich kennengelernt hatten, beschlossen Tinas Eltern, nach Deutschland zu gehen. „Für uns brach eine Welt zusammen – aber wir wussten, dass uns nichts auseinanderbringen würde“, erzählt Tina. Die zwei Verliebten entschieden sich, zu heiraten, doch erst drei Jahre später durfte Razvan seiner Freundin nach Deutschland folgen. Beide studierten, er machte sich als Dokumentarfilm-Regisseur einen Namen, sie kümmerte sich um die Kinder. Dass einem von ihnen jemals etwas zustoßen könnte, hätte Tina sich nie träumen lassen, geschweige denn, dass sie nicht mit ihrem Mann alt werden könnte.

Während der OP betete sie deshalb verzweifelt, dass er einfach nur wieder zu ihr zurückkommen solle. Und tatsächlich, Razvan überstand den Eingriff verhältnismäßig gut. 70 Prozent des Tumors konnten entfernt werden – und das, ohne langfristige Schäden zu hinterlassen. Ein kleines Wunder. An der Lebensprognose von maximal drei Jahren änderte es allerdings nichts. „Als ich wirklich wieder aufwachte, war es mir aber egal, ob ich noch einen Tag, eine Woche oder ein Jahr zu leben hatte“, sagt Razvan. „Das Wichtigste war: Ich konnte meine Frau und meine Kinder noch einmal in den Arm nehmen.“

Doch so sehr sie es auch gehofft hatten: Nach der Operation und dem Krankenhausaufenthalt war nichts mehr wie zuvor.

Aus einer einst glücklichen Ehe war eine Ménage-à-trois geworden – eine Dreiecksbeziehung mit dem Krebs. Die Krankheit überschattete alles. Chemotherapien, permanente Arztbesuche und die ständige Angst vor schlechten Neuigkeiten bestimmten den Alltag. Hinzu kamen die finanziellen Sorgen. Die Georgescus gaben ihre frisch bezogene Wohnung auf. Da nicht abzusehen war, ob und wie lange Razvan noch arbeiten konnte, suchte sich Tina, die studierte Pädagogin, eine Stelle in einer Behörde. Der Job lenkte sie auch ein wenig ab von der Panik, dass ihr Mann jederzeit sterben könnte. „Ich wollte positiv denken, Pläne für die Zukunft schmieden“, sagt sie.

Razvan hingegen ging anders mit dem Krebs um. Er wollte Punkt für Punkt abarbeiten, was noch zu erledigen war. Empfand sogar Dankbarkeit, dass er dafür noch genug Kraft hatte. „Der Gedanke an den Tod machte mir gar nicht so sehr zu schaffen. Schlimmer war die Vorstellung, ich könnte langsam dahinsiechen und eine noch größere Belastung für meine Familie werden.“ Gern hätte er mit seiner Frau über Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten gesprochen, auch über Sterbehilfe. Doch Tina wollte davon nichts hören. Fühlte sich betrogen. Hatte Razvan sich schon aufgegeben? Warum dachte er nur noch im Dreimonatsrhythmus? Jetzt leben. Intensiv leben. Das war alles, worum es ihm zu gehen schien. Der Regisseur versuchte, sich intellektuell mit seinem Schicksal auseinanderzusetzen, indem er einen Film über sich und andere Krebspatienten drehte. „Um die Diagnose zu ertragen, musste ich sie irgendwie künstlerisch verklären“, sagt er. „Seltsamerweise habe ich mich nie lebendiger gefühlt als in dieser Zeit.“ Er war vollauf mit sich beschäftigt, mit den Dingen, die er noch tun musste und die er der Nachwelt hinterlassen wollte.

Tina fühlte sich dadurch im Stich gelassen. Merkte denn Razvan nicht, dass sie ihn jetzt brauchte? Schließlich war sie erst Mitte 30, so hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt! Oft war sie wütend auf ihren Mann, weil er sie in diese Situation gebracht hatte. Gleichzeitig schämte sie sich für solche Gedanken. Wie konnte sie so egoistisch sein, so eine schlechte Ehefrau? Auch Razvan fühlte sich schuldig. Grübelte oft, wie viel er seiner Familie erspart hätte, wenn er während der OP gestorben wäre. Dann würde sein Tod nicht wie ein Damoklesschwert über ihrem gemeinsamen Leben schweben.

Mit der Zeit lebte das Ehepaar mehr neben- als miteinander, die Missverständnisse waren zu einer unsichtbaren Mauer geworden. „Diese zweisame Einsamkeit war furchtbar, gerade weil ich Tina so liebte“, sagt Razvan. Das Belastendste für seine Frau war, dass sie plötzlich alles am Laufen halten sollte, während ihr Mann sich selbst verwirklichte. „Dazu kam dieser Gedanke, dass mit jeder Sekunde meine Zeit mit Razvan abläuft – das war kaum zu ertragen.“ Tina flüchtete sich in eine Art Selbstschutz. Sie ließ keine Gefühle mehr zu. „Ich konnte weder Schmerzen noch Freude empfinden“, sagt sie. „Als wäre ich lebendig tot.“

Sollte das das Ende ihrer Liebe sein?

Niemals, da waren sich beide sicher. Aber vielleicht das Ende ihrer Beziehung. Die heimtückische Krankheit hatte es fast geschafft, Tina und Razvan auseinanderzureißen. Wäre Tina nicht irgendwann klar geworden, dass sie sich endlich bewusst entscheiden musste. Für oder gegen das Leben mit Razvan und dem Krebs. Um ihre Ehe zu retten und das Ganze emotional zu verarbeiten, entschied sich das Paar, seine Gefühle aufzuschreiben.

Endlich gelang es ihnen, sich gegenseitig besser zu verstehen. Den Weg des anderen zu akzeptieren. „Seitdem entscheide ich mich jeden Morgen neu für Razvan“, sagt Tina. „Und seitdem spüre ich auch wieder Freude, Angst und Verzweiflung – vor allem aber unsere Liebe.“

Razvan Georgescu hat seine Lebenserwartung mittlerweile lange überschritten – obwohl der Tumor zwischendurch wieder gewachsen ist. 2009 wurde er in einer zweiten riskanten OP vorerst gestoppt. Prognosen der Ärzte zählen für Tina und Razvan nicht mehr. Aber sie wollen nicht zu vermessen sein, setzen sich kleine Ziele: Razvan soll es noch miterleben, wenn seine Tochter Abitur macht. Den 18. Geburtstag seines Sohns. Und vielleicht können sie sich auch irgendwann ihren Traum erfüllen und mit einem alten VW-Bus Europa bereisen. Immer an der Grenze zwischen Land und Wasser. Eine Gratwanderung, genau wie ihr eigenes Schicksal. Sie möchten in der ihnen verbleibenden Zeit so intensiv wie möglich leben – und lieben. Denn nur die Liebe, meint Razvan, hat ihn überhaupt so lang am Leben gehalten.

Eine Reportage von © Sarah Seiters
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Mit freundlicher Genehmigung der
Redaktion der Zeitschrift "freundin",
die diesen Beitrag im Heft 25/2010 veröffentlicht hat.
Foto 1 und 3: © Shirin Ourmutchi, Berlin
Foto 2: © privat bei den Autoren

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