SPECIAL zu Tom McCarthy »K«

Der Übersetzer Bernhard Robben über seine Arbeit an K

Ich glaube, ich irre mich nicht, wenn ich Tom McCarthy für jemanden halte, dem Spiele und Rätsel, Kodes und Verschlüsselungen ein großes Vergnügen bereiten. Bei der Arbeit an seinem Roman K kam ich mir jedenfalls oft wie ein Detektiv vor, der Spuren (auch falschen) und Hinweisen folgte, manchmal nur kaum fassbaren Ahnungen, die immer tiefer hinein in den Text zu Anspielungen, versteckten Zitaten oder Querverweisen führten und gelegentlich gar nichts weiter bedeuteten, dann aber doch der Übersetzung eines Wortes, eines Bildes eine ganz neue Wendung gaben oder gar dem gesamten Roman eine neue Bedeutungsschicht einziehen konnten.

Denn K ist in Schichten angelegt, deren erste dem Leser einen nahezu klassisch anmutenden Bildungsroman bietet. Ein bunter, kaleidoskopischer Bogen, der sich von Serge Karrefax' Kindheit im Jahrhundertwende-England über das tschechische Bad Klodebrady, wohin er zur Genesung von der Melancholie geschickt wurde, bis zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges spannt, vom Swinging London der zwanziger Jahre bis in Howard Carters Ägypten.

Eine etwas tiefer gelegene Schicht verknüpft Bilder zu einem Echoraum. So erinnern etwa Grabanlagen in Ägypten an Tunnel, die aus einem deutschen Gefangenenlager in die Freiheit führen sollen, und diese wiederum an die Graben des weiträumig untertunnelten Klodebrady.

Eine weitere Schicht führt auf die Wortebene. Als nur eines von vielen Beispielen sei das Landgut Versoie genannt, auf dem Serge aufwächst. Der Name erinnert an Versailles, den Hof des Sonnenkönigs, was auf den Sonnengott Ra im Alten Ägypten verweisen konnte, der in Serges Todesträumen auftaucht. Versoie konnte aber auch auf Un ver à soie anspielen, einen Essay von Jacques Derrida uber Seidenraupen, wie sie auf Versoie ja gezüchtet werden. Und vielleicht klingt in Ver sogar Veil an, der Schleier, jene Glückshaube etwa, mit der Serge geboren wurde, oder der Fallschirm, der Serges Flugzeug beim Absturz über der Front umhüllt und ihm das Leben rettet, oder der Seidenstrumpf seiner Geliebten, den er sich beim Fliegen zum Schutz vor der Kalte über das Gesicht zieht – und so weiter. Jede Bedeutungsschicht verwebt sich mit anderen Bedeutungsschichten und kann in uns Lesern eine schon fast süchtig machende Lust auf Spurensuche auslösen, Spuren, die zudem über den Roman hinaus auf zahlreiche Schriften der Weltliteratur verweisen, etwa auf Werke von Charles Dickens, Vladimir Nabokov, Ernst Jünger, Filippo Tommaso Marinetti, Martin Heidegger, George Bataille, Sigmund Freud, Franz Kafka, E. M. Forster, Ovid, James Joyce, Sophokles, Friedrich Hölderlin, die Bibel und viele mehr.

Muss man diese Spuren entdecken, die Zitate aufspüren, die Vielfachbedeutungen enträtseln? Nein, zum Glück bleibt die Wahl uns Lesern überlassen. Wer mag, der liest einfach nur einen faszinierenden Roman, und wem danach ist, der gibt sich dem Vergnügen der Spurensuche hin. Ersteren wünsche ich eine spannende Lektüre, Letzteren viel Vergnügen bei diesem fesselnden Detektivspiel.

GENRE