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SPECIAL zu Tom Segev »Simon Wiesenthal«

Interview mit Tom Segev


Tom Segev

In Deutschland sind Sie bekannt geworden als Autor wichtiger Werke zur Geschichte Israels. Wie kam es zu dem Entschluss, erstmals eine Biographie zu schreiben?

In allen meinen Büchern spielt die Frage nach dem Umgang mit dem Holocaust eine Rolle, und natürlich hat auch die Figur Simon Wiesenthal mich schon immer fasziniert. Doch erst als ich mich intensiver mit seiner Biographie beschäftigt habe, ist mir klar geworden, wie dramatisch und fesselnd seine Lebensgeschichte ist. Dass ich dabei so viele bisher unbekannte Dinge aufdecken würde, war anfangs gar nicht geplant.

Worauf spielen Sie damit an?

Ich will noch nicht zu viel verraten, aber man wird in dem Buch zum Beispiel spektakuläre Details zur Jagd auf Adolf Eichmann erfahren. Neben solchen weltpolitischen Verwicklungen gibt es aber auch eher private, wenngleich nicht weniger überraschende Geschichten: Etwa Wiesenthals merkwürdige und menschlich beinahe anrührende Freundschaft zu Albert Speer – einem von Hitlers engsten Vertrauten.

Simon Wiesenthal ist vor dem Ersten Weltkrieg geboren und im Jahr 2005 gestorben. Wie nähert man sich einem solchen Jahrhundertleben?

Wiesenthals Geschichte ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts, mit all seinen guten und schlechten Seiten. Er gehörte noch zu der Generation von Menschen, die bewusst erlebten, wie erstmals Autos auf den Straßen fuhren – und er lebte lange genug, um gegen Nazispiele im Internet zu protestieren. Was mir an ihm so imponiert, ist seine erstaunliche Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Zeiten einzustellen.

Haben Sie Simon Wiesenthal persönlich kennengelernt?

Ich habe ihn einmal im Jahr 1975 getroffen, als er die Auseinandersetzung mit dem österreichischen Bundeskanzler Kreisky hatte, die weltweit Beachtung fand. Und ich bin froh, gerade zu jener Zeit mit ihm gesprochen zu haben. Denn dieser Streit war eine Erfahrung in seinem Leben, die ihn sehr geprägt hat. Damals konnte ich sehen, was ihn bewegt und antreibt.

Wie in allen Ihren Büchern ist es Ihnen auch hier wieder gelungen, bislang unbekannte Quellen aufzutun. Welche besonderen Funde gab es bei dieser Spurensuche?

Ich hatte das Glück, als erster und bisher einziger Historiker Zugang zu seinen persönlichen Dokumenten zu bekommen. Wiesenthals privates »Archiv« ist weder geordnet noch verzeichnet. Hunderttausende von Briefen, Zeitungsausschnitten und Notizen liegen unberührt in seiner kleinen Wiener Wohnung. So als hätte er gestern noch darin gearbeitet. Außerdem ist es mir gelungen, an Material des Mossad, des Bundesverfassungsschutzes, der CIA und anderer Geheimdienste zu kommen. Und auch im Kreisky-Archiv habe ich bisher unter Verschluss gehaltene Dokumente gesehen. Ich versuche immer auch solche Informationen zu bekommen, von denen niemand weiß oder die unter Verschluss gehalten werden. Als Historiker bin ich eben auch Detektiv, und bei der Recherche für dieses Buch habe ich mich manchmal selbst wie Wiesenthal gefühlt: immer auf der Jagd nach geheimen Informationen.

Noch zu seinen Lebzeiten wurde Wiesenthals Leben unter dem Titel seiner Autobiographie »Recht, nicht Rache« verfilmt. Beschreiben ihn diese Worte gut, oder würden Sie seinem Lebenswerk eine andere Überschrift geben?

Wiesenthal ging es nie um Rache. Er hat deswegen auch den kurzzeitigen Plan, Eichmanns Kinder zu töten, abgelehnt. Und nicht viele wissen, dass er sogar gegen die Hinrichtung von Adolf Eichmann selbst war. Er war ein wirklicher Humanist und überzeugter Demokrat, der an Recht und Gerechtigkeit glaubte – und gerade deshalb so frustriert war, wenn er erkennen musste, dass das Rechtssystem auch an seine Grenzen stoßen kann.

Wiesenthal wurde seinerzeit scharf kritisiert, weil er den österreichischen Politiker Kurt Waldheim in der Affäre um dessen Kriegsvergangenheit zunächst verteidigte. Wieso tat sich Wiesenthal so schwer, im Fall Waldheim indeutig Position zu beziehen?

Er hatte Waldheim immer geglaubt, was dessen angeblich »sauberes« Verhalten während der NS-Zeit anging. Als nun herauskam, dass Waldheim manches verschwiegen oder auch falsch dargestellt hatte, fühlte sich Wiesenthal nicht nur hintergangen – es stand auch seine eigene Reputation als unbestechlicher Aufklärer auf dem Spiel. So verteidigte er Waldheim zu lange und verspielte bei der Affäre letztlich viele Sympathien. Ein weiteres tragisches Kapitel in seinem Leben.

In Deutschland ist die Verfolgung von NS-Verbrechern durch den Prozess gegen John Demjanjuk wieder sehr aktuell. Welche Lehren können wir aus Wiesenthals Arbeit für den Umgang mit diesem düstersten Kapitel der deutschen Geschichte ziehen?

Ein geflügeltes Wort von Simon Wiesenthal lautet, dass die Nazis zwar den Krieg, die Opfer aber die Nachkriegszeit verloren haben. Damit meinte er, dass in Deutschland, Österreich und anderen Ländern zu wenige Täter vor Gericht gestellt wurden. Dass die meisten Nazis davongekommen waren, das war die bitterste Erfahrung seines Lebens.


Simon Wiesenthal

Wie unterscheidet sich die Erinnerung an Wiesenthal in Israel, den USA, Deutschland und Österreich?

In Deutschland, Israel und den USA wird Wiesenthal auch heute noch bewundert und verehrt. In Österreich erinnert man sich dagegen eher an den politischen Unruhestifter.

Er hat Tausende Briefe hinterlassen, korrespondierte mit Persönlichkeiten in aller Welt. Wenn man sich Fotos von ihm ansieht, hat man dennoch den Eindruck, dass er letztlich einsam blieb.

Ja, absolut. Selbst auf dem Höhepunkt seines Ruhms als Kämpfer für die Gerechtigkeit und als weltweite moralische Instanz blieb er ein einsamer Mensch, immer bedrängt und getrieben von seinen Erinnerungen an den Holocaust. Man nannte ihn den »Nazi-Jäger« – er selbst aber blieb sein Leben lang ein Verfolgter.

Simon Wiesenthal Blick ins Buch

Tom Segev

Simon Wiesenthal

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