Über dem Meer tanzt das Licht

Maria hat die halbe Welt bereist, nie ein Abenteuer ausgelassen. Dass sie schließlich auf der kleinen Insel Norderney landet, wäre ihr im Traum nicht eingefallen. Doch da ist sie nun – und sie ist glücklich. Maria liebt ihr kleines Strandcafé. Noch mehr liebt sie ihre Familie, die Töchter Morlen und Hannah. Und Simon, Hannahs Vater. Ihr Leben ist randvoll, für Probleme bleibt da keine Zeit. Bis Simon aus dem gemeinsamen Alltag ausbricht und mit Hannah verreist. Plötzlich hat Maria wieder Zeit. Und mit der Zeit kommen die Fragen. Steckt in ihr noch die alte Abenteurerin? Ist sie eine andere geworden? Und wenn ja – wo gehört sie wirklich hin?

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Reinlesen & verlieben

Der Wind kam an einem der ersten heißen Tage des Sommers. Ich hatte mein Café früher geschlossen und war mit meiner Familie an den Strand gegangen. Den ganzen Nachmittag über hatten wir geplanscht, Burgen gebaut und Muschelherzen in den feuchten Sand
gelegt.
Gegen neun Uhr abends saß ich glücklich und erschöpft auf meinem Handtuch, zwischen Sandeimern, Förmchen und ein paar Pizzakartons. Kleine glasige Wellen rollten an den Strand. Kinderlachen lag in der warmen Luft. Die tief über dem Horizont schwebende Abendsonne ließ alles so hell glitzern, dass ich die Augen zusammenkneifen musste, um Simon und Morlen zu erkennen. Sie trugen nur Badesachen und waren seit Stunden da draußen im Meer. Aber frieren würde heute niemand. Sie hatten ihre Surfbretter dabei, und meine Tochter redete gerade mit ausladenden Gesten auf meinen Freund ein. Dann kam die nächste Welle,
und Morlen sprang mit kindlicher Leichtigkeit auf ihr Brett. Simon hatte nur wenige Stunden gebraucht, um ihr das Surfen beizubringen. Manchmal amüsierten die beiden sich darüber, dass Morlen es ihrer Ansicht nach bereits besser beherrschte als ich. Sie zogen dabei vielsagende Grimassen und lachten sich kaputt. Und ich lachte mit. Konnte es ein besseres Zeichen für ihre Zuneigung zueinander geben, als dass sie sich gegen mich verbündeten?
Morlen hüpfte vergnügt von ihrem Board ins knietiefe Wasser, das wie Funken in alle Richtungen sprühte. Dann schwang sie sich wieder darauf und paddelte zurück zu Simon. Sie so unbeschwert und fröhlich zu sehen machte mein Herz leicht. Bei Simon angekommen, ließ sie ihre Beine links und rechts vom Brett baumeln. Die beiden saßen nun direkt vor der funkelnden Sonne. Vom Strand sahen sie wie pechschwarze Scherenschnitte aus.
Auf meinem Schoß lag der Kopf meiner jüngeren Tochter Hannah. Sie war eingeschlafen. Irgendwann zwischen der dritten Sandburg und der zwölften Qualle, die sie mit ihrem Kescher aus einem Priel gefischt hatte, war sie auf mich zugekrabbelt und hatte sich halb auf mir, halb im Pudersand zusammengerollt. Was gab es Schöneres, als an einem solchen Tag am Meer einzuschlafen, unter freiem Himmel? Hannahs schwarze Löckchen, die sie von Simon geerbt hatte, kräuselten sich schweißnass an den Schläfen. Ihre kleinen Arme waren mit einer Kruste aus Sand, Salzwasser und Sonnencreme überzogen. Sie schmatzte leise im Traum.
Ich versuchte behutsam, mein Bein, das einzuschlafen drohte, unter ihrem warmen Körper auszustrecken. Dabei streifte ich mit dem Fuß einen der Kartons, die Simon vorhin aus dem Laden eines Kumpels im Dorf geholt hatte. Mittlerweile war die Pizza kalt, aber Baden und Surfen und Quallensammeln waren wichtiger gewesen.
Ich betrachtete meine Beine, die dort, wo sie nicht von Hannah oder feinem Sand bedeckt waren, leicht gerötet aussahen. Meine helle Haut war nicht gemacht für dieses Wetter. Auf dem Shirt, das ich über den nassen Bikini geworfen hatte, zeichneten sich
dunkle Flecken ab. Meine langen Haare waren mittlerweile getrocknet, klebten aber strohig an den nackten Oberarmen. Es würde mehr brauchen als eine kurze Dusche, um uns alle von den Spuren dieses Tages zu befreien.
Ich hörte Morlen rufen und hob den Blick. Sie ließ ihr Board am flachen Ufer treiben, dann kam sie herbeigerannt, wobei sie jede Menge Sand aufwirbelte. Schniefend und triefend beugte sie sich über einen der Pizzakartons zu meinen Füßen und öffnete ihn hastig.
»Gibst du mir auch ein Stück, Maus?«, fragte ich sie. Sie riss wortlos eines ab und reichte es mir über Hannah hinweg, die kurz zuckte, als ein paar Tropfen aus Morlens Haar auf ihr Gesicht fielen.
Wie groß Morlen geworden ist, dachte ich. Jetzt war sie schon elf, hatte lange Arme und Beine, und ich ahnte, dass sie bald eine richtige Jugendliche sein würde. Zum Glück wurde man nie zu groß für Sommerabende wie diesen.
Sie riss sich ebenfalls ein Stück Pizza ab und stopfte es sich zur Hälfte in den Mund. Dann nahm sie ein weiteres und sagte kaum verständlich: »Für Simon.«
Mit einem Stück zwischen den Zähnen und dem anderen in der Hand rannte sie zurück in die Wellen, wo sie die Pizza auf ihrem Brett zu Simon transportierte. Im Gegenlicht sah ich ihn beherzt hineinbeißen.
Auch ich biss in mein Pizzastück, das bereits sandig war, wie alles, was man hier aß. Erstaunlicherweise hatte bisher keine der Möwen versucht, uns unser Abendessen zu klauen. Sogar sie schienen heute ein bisschen träge zu sein. Faul hockten sie auf einer der Buhnen und dösten. Erst jetzt kam Bewegung in die Schar, weil ein Labrador mit nassem Fell auf den Steindamm stürmte und die Versammlung bellend sprengte.
Ich sah, wie Morlen kauend mit Simon diskutierte und dabei den Kopf schief legte – vermutlich wollte sie nun ihn zum Pizzaholen schicken. Und wie meistens kam er ihrem Wunsch nach. Amüsiert beobachtete ich, wie er in seinen Badeshorts durch den Sand auf mich zulief. Das liebte ich an ihm. Dass er diesen wunderbar drahtigen Männerkörper hatte und sich gleichzeitig so unbeschwert bewegte wie ein Kind. Er blieb so knapp vor uns stehen, dass ich schützend die Arme über Hannah legte. Trotzdem rieselte eine kleine Sanddusche auf uns hernieder.
Behutsam, damit er seine kleine Tochter nicht aufweckte, beugte Simon sich über mich und tropfte mich mit Salzwasser voll. Dabei küsste er mich so stürmisch, dass ich lachen musste.
»So schön heute, oder?«, fragte er dicht vor meinem Gesicht. Er roch nach Sommer und Meer und Pizza Hawaii.
Ich strich ihm über den nassen, kalten Rücken. »Wunderschön.«
Und schon war er wieder unterwegs, mit einem Stück Pizza für sich und einem extragroßen für Morlen. Hannah bekam von alldem nichts mit. Sie hatte alle viere von sich gestreckt und schlief. Ab und zu zuckten ihre kleinen Mundwinkel. Vermutlich träumte sie von ihren Quallenfreunden.
So könnte es immer bleiben, dachte ich. So und nicht anders.
Dann spürte ich den Wind. Ganz sanft strich er mir über die nackten Beine, ließ Hannahs Löckchen wippen, hob einen Pizzakarton leicht an, jagte eine Gänsehaut über meine Oberarme. Nur kurz, und doch wusste ich, was er bedeutete.

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Zwei Freundinnen, drei Männer – und ein Geheimnis, zu groß für eine kleine Nordseeinsel ...

»Sterne sieht man nur im Dunkeln«

Eigentlich ist Anni glücklich. Mit ihrem Langzeitfreund Thies lebt sie in einem hübschen Bremer Häuschen, ihr Geld verdient sie als Game-Designerin und in ihrer Freizeit entwirft sie Poster- und Postkartenmotive. Doch dann will ihr Chef, dass sie das neue Büro in Berlin leitet. Und Thies will auf einmal heiraten. Nur Anni weiß nicht mehr, was sie will. Da meldet sich ihre Jugendfreundin Maria aus Norderney, und Anni beschließt spontan, eine Auszeit zu nehmen. 6 Wochen Sand und Wind, Sterne und Meer – einfach mal durchpusten lassen. Danach sieht sicher alles anders aus. Wie anders, das hätte Anni sich allerdings nicht träumen lassen.

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Meike Werkmeister
© Ulrike Schacht

Meike Werkmeister

Meike Werkmeister, Jahrgang 1979, lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Sie schreibt für verschiedene Magazine wie Brigitte, Hygge, Emotion und Maxi. Wann immer sie Zeit findet, fährt sie ans Meer – besonders gern nach Norderney, wo sie seit Kindertagen mit ihrer Familie Urlaub macht, und wo auch die Idee zu diesem Roman entstand.

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