Header zu Ulla Hahn, Aufbruch

SPECIAL zu Ulla Hahn

Audio-Interview mit Gudrun Landgrebe

Text & Interview: Petra Metzger
00:00
00:00

"Aufbruch" - gelesen von Gudrun Landgrebe

Zum Hörbuch im Katalog

Hilla Palm, die Heldin aus Ulla Hahns Roman „Das verborgene Wort“ ist inzwischen 16 Jahre alt. Sie hat die Realschule hinter sich gelassen und auch die ungeliebte Lehrstelle im Büro der Papierfabrik. Ihr früherer Lehrer, Rosenbaum, und der Gemeindepfarrer des kleinen rheinischen Dondorf, Pastor Kreuzkamp, hatten die Heranwachsende in ihrem Wunsch unterstützt, weiter zur Schule zu gehen. Dank dieser Fürsprecher war es ihr gelungen, einen ersten Schritt hinaus zu tun aus der geistigen Enge der elterlichen Welt. Abitur heißt das nächste Ziel, das Hilla in Angriff nimmt.

An dieser Stelle nimmt „Aufbruch“ den Erzählfaden wieder auf. Wir befinden uns mit Hilla an dem von ihr so geliebten Rhein, kurz bevor für sie mit ihrem ersten Schultag am Aufbaugymnasium ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Es ist die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens, die Ulla Hahn mit viel Einfühlungsvermögen und großartigem Sprachtalent schildert. Und es ist zugleich eine Reise in die Vergangenheit, in die 60er Jahre, mit ihren Diskussionen und Moden, die hineinwirken in das dörfliche Leben rheinisch-katholischer Prägung und in Hillas Familie. Dort, wo ihr zunächst die traditionellen Vorstellungen ihres Vaters, eines einfachen Hilfsarbeiters, aber auch der Mutter und besonders der frommen Großmutter Grenzen setzen.

Die Träume und Sehnsüchte einer Heranwachsenden

In ihrem ersten Jahr als Gymnasiastin erlebt sie eine romantische neue Liebe, die vieles zu versprechen scheint, was ihr durch die proletarische Herkunft bisher vorenthalten geblieben ist: Schöne Kleidung, Reisen, erlesene Speisen, klassische Musik und Bücher, soviel wie sie mag. Denn Godehard, der schöne Student aus bestem Hause, entstammt einer anderen Welt. Er lässt ihr Aufmerksamkeit, Zuwendung und Geschenke zuteil werden. Aber durch ihn wird das Mädchen gleichzeitig mit neuen Menschen und Schwierigkeiten konfrontiert. Auch dies ist ein Aufbruch für Hilla, der ihr zuletzt eine Richtungsentscheidung abverlangen wird.

Noch sucht sie sucht ihren Platz in der Gesellschaft, versucht mit ihren meist bessergestellten Mitschülern mitzuhalten. In den Ferien, will sie vor allem eines, Geld verdienen. Dabei trifft sie Peter wieder, den Beinahe-Verlobten vergangener Jahre, und träumt von einer Ferienreise an die Adria. Und sie setzt sich, von einem Lehrer angestoßen, mit den Auschwitzprozessen auseinander. Die Beschäftigung mit dem Dritten Reich lässt sie nicht kalt und entwickelt eine eigene Dynamik. Bald schon ist es mehr als nur eine schulische Recherche. Hilla beginnt Fragen zu stellen, vor allem, als sie entdeckt, wie sehr die Zeitumstände in ihre eigene Familie hineinreichen. Die unerwarteten Antworten lassen ihre Mutter und Großmutter plötzlich in neuem Licht erscheinen.

Fragen, Zweifel, Trost und Verwirklichung

Doch es gibt auch einen persönlichen Einschnitt, der jäh Hillas letzte Kindheitsphase beendet. Im Anschluss an ein dörfliches Fest mit Freunden und Klassenkameraden kommt es für sie zu einem traumatischen Erlebnis. Als Folge entfernt sich die junge Frau fast ganz von anderen Menschen. Sie nimmt sogar von den von ihr so geliebten schönen Worten, der Literatur, Abstand. Das Trauma fällt genau in die Zeit, als ihre Abiturprüfungen anstehen. Hilla strauchelt und ist völlig aus der Bahn geworfen. Sie sucht Trost am Rhein und kann sich nicht einmal mehr ihrem Bruder öffnen, der so lange ihr Vertrauter und Seelenverwandter war.

Zu sich zurück zu finden fällt ihr schwer. Wochen und Monate lasten Trauma und Schuldgefühle auf ihrer Seele und schwächen auch ihren Körper. Doch als es trotz aller Widrigkeiten gelingt, nach bestandenem Abitur ein Studium aufzunehmen, gewinnt sie allmählich neue Hoffnung. Obwohl sie sich als Studentin so weit von den Vorstellungen ihrer Eltern entfernt wie nie zuvor, kommt ihr doch auf überraschende Weise ihr Vater zum ersten Mal wirklich nahe.

Ein Roman, der Erinnerungen weckt

In die Zeit und das rheinische Milieu führt Gudrun Landgrebe mit ihrer unverkennbaren Stimme. Sie verleiht Hilla jugendliche Neugier, trifft aber auch den Ton ihrer Gewitztheit, ihrer Sehnsüchte, ihres Trotzes. Aber vor allem die tief empfundene Verstörung und Not, sowie Selbstzweifel und Selbstanklagen, die sich die junge Frau förmlich vorbetet, erlangen durch ihre Interpretation eine Ausruckskraft und Tiefe, die unter die Haut geht.

Daneben bleibt jedoch auch viel Raum für Gudrun Landgrebes Spielfreude. Selbst der rheinische Dialekt, eine Mischung aus Kölsch und Düsseldorfer Platt, wie er zwischen den beiden Rheinstädten gesprochen wird, gelingt ihr überzeugend. Von der Großmutter bis zum Dorfarzt, dem wortkargen Vater und der offenherzig bis unbedarften Tante Bertha erzeugt sie ein lebendiges Figurenpanorama das einen durch die Geschichte trägt.

Eine Geschichte, die Gudrun Landgrebe auch persönlich gefesselt hat, wie sie in einem Interview anlässlich der Hörbuchaufnahme erzählt. Darin lässt sie uns zudem teilhaben an ihren eigenen Erinnerungen an die 60er Jahre, in denen sie sich – genau wie Hilla – furchtlos und willensstark auf den eigenen Weg gemacht hat.

Aufbruch

€ 16,95 [D]* inkl. MwSt. (* empf. VK-Preis)
Bestellen Sie mit einem Klick:
Weiter im Katalog: Zur Buchinfo