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SPECIAL zu Ulla Hahn

»Ich will die Wirklichkeit vergrößern, verlangsamen, vertiefen.«

Ein Gespräch mit Ulla Hahn über ihren neuen Roman Aufbruch

Frau Hahn, als 2001 Ihr erster großer Roman Das verborgene Wort erschien, ahnten Sie es wohl schon: Sie hatten mit Hildegard Palm, diesem Arbeiterkind, das in einem katholisch geprägten rheinischen Dorf in den fünfziger Jahren aufwächst, noch nicht abgeschlossen. Nun liegt die Fortsetzung vor, und in Aufbruch schildern Sie Hillas Loslösung vom Elternhaus, ihre ersten Schritte hinaus in eine neue Welt. Was hat Sie dazu bewogen, die Lebensgeschichte dieses Mädchens weiterzuführen?

Mich beschäftigt der lange Weg, den wir alle gehen müssen, ehe wir zu einer wirklich erwachsenen, selbständigen Person werden. Als ich vor gut fünfzehn Jahren begann, die Lebensgeschichte der Hildegard Palm zu erzählen, sollte die Figur als Studentin die politischen und kulturellen Umbrüche der sechziger Jahre erleben. Doch beim Schreiben stellte ich sehr bald fest, dass mich nicht nur interessierte: Wie ist diese Zeit gewesen?, sondern auch und vor allem die Antwort auf die Frage: Was ist den Sechzigern vorausgegangen? Sowohl im Leben Hilla Palms als auch im Heranwachsen der Bundesrepublik. Und so habe ich Das verborgene Wort in den fünfziger Jahren beginnen lassen. Aufbruch spielt Anfang und Mitte der sechziger Jahre.

Aufbruch ist wie der Vorgängerroman von Ihrer eigenen Kindheit und Jugend inspiriert. Ein gutes Jahrzehnt lang haben Sie sich damals für Das verborgene Wort abgeschottet und sind zurückgetaucht in Ihre eigene Vergangenheit. Auch an Aufbruch haben Sie jahrelang gearbeitet. Ist es Ihnen schwergefallen, sich Ihr früheres Leben noch einmal so intensiv vor Augen zu führen?

Ja. Aber ich gehöre zu den Autoren, die sich ihren Stoff nicht aussuchen können. Die Aufforderung, die Geschichte weiterzuschreiben, saß und sitzt mir regelrecht im Nacken. Und das ist spannend, weil nie abzusehen ist, welche Bilder die Erinnerung freigibt. Auch unwillkommene und schmerzhafte. Die aber sind besonders wichtig. Ich habe lange gebraucht, um das Lichtungskapitel, diesen furchtbaren Einschnitt im Leben Hillas, zur Sprache zu bringen. Immer wieder habe ich dieses Kapitel umgeschrieben, vom krassen Naturalismus bis zu der Form, die Sie jetzt lesen können, einer Überblendung aus Realismus und Surrealismus. Übrigens kennzeichnet dieser Schreibvorgang auch mein Literaturverständnis. Schreiben heißt für mich nicht nur, die Wirklichkeit nachstellen – das tue ich in einigen Kapiteln auch, und mit Lust –, vor allem aber will ich die Wirklichkeit vergrößern, verlangsamen, vertiefen. Die Überraschung im Alltäglichen und Unspektakulären mit sprachlichen Mitteln aufspüren, etwa, wie ein Büro geputzt oder Wäsche aufgehängt wird, das fordert mich heraus.

In beiden Romanen spiegeln Sie die Zeitumstände. Wie weit sind die Figuren von der Zeit, in der sie leben, geprägt?

Ohne ein Heraufbeschwören der damaligen Lebensbedingungen ließ sich die Geschichte Hilla Palms nicht schreiben und lässt sie sich nicht verstehen. Ich habe mich also nicht nur in die Figuren, sondern auch in die Zeit hineinbegeben. An vielen Details – zum Beispiel wurde Ester Ofarim noch 1967 der Zutritt in die Bar eines Hamburger Fünf-Sterne-Hotels verweigert, weil sie Hosen trug! – ist mir noch einmal klar geworden, wie versunken diese Zeit ist. Vieles, was in den sogenannten Achtundsechzigern geschehen ist, versteht man nur, wenn man sie als Folge der frühen sechziger Jahre erlebbar macht. Auch die Auschwitz-Prozesse spielten eine wichtige Rolle im Heranwachsen Hillas, typisch für die politische Bewusstwerdung ihrer Generation.

Aufbruch ist ein Generationenroman, aber genauso ein Entwicklungsroman, in dem Hilla die ersten Schritte in ihre eigene Zukunft wagt. Doch dann wird Hillas Leben regelrecht »aufgebrochen«.

Ja, auch diese fürchterliche Bedeutung schwingt in dem Wort »Aufbruch« mit. Nun muss sich erweisen, wie weit Hilla mit ihren Freunden, den Büchern, diese Krise bestehen kann. Wie kann sie weiterleben? Wer hilft ihr dabei? Das macht den zweiten Teil dieses Buches aus. Und wird auch im nächsten Buch eine wichtige Rolle spielen.

Während des Lesens bekommt man zunehmend den Eindruck, dass Hilla, so sehr sie sich fortsehnt, beinahe Angst vor der eigenen Courage bekommt. Ist dieses Gefühl richtig?

Durchaus. Das Sichere, das Bekannte zu verlassen, auch wenn es beengt, ist so einfach nicht. Es hat Hilla ja auch zu dem gemacht, was sie ist. Das Verlassene ist auch das Verlorene, und das wiegt schwer. Ein Aufbruch ist auch ein Abschied. Im frühen Hochdeutsch hatte das Wort »Abschied« die Bedeutung von »Tod«. Noch heute sprechen wir von dem »Abgeschiedenen«.

Sie arbeiten schon am dritten Teil des Zyklus. Hat Sie die Arbeit an diesem großangelegten Epos verändert?

Ernsthaftes Schreiben verändert immer. Schreiben entlang der eigenen Biographie erst recht. Versuchen zu verstehen, warum man zu der Person geworden ist, die man ist. Das Forschungsfeld des Dichters ist das menschliche Herz. Das gilt auch für meine Prosa. Das Beglückende bei diesem Roman war, dass ich während des Schreibens für die Figuren der Familie Palm ein tiefes Verständnis entwickelt habe. Die kleine Hilla Palm aus Das verborgenen Wort konnte die enge Welt ihrer Eltern noch nicht verstehen. In Aufbruch ändert sich das. Die anderen Figuren bekommen ihre eigene Geschichte, und Hilla beginnt zu begreifen, warum ihre Eltern so ängstlich und abweisend geworden sind.

Dies gilt besonders für den Vater. Sie zeichnen ihn in Aufbruch als einen verschlossenen Menschen, der in einer nahezu undurchdringlichen »Kapsel« lebt – ein Wort, das im Roman eine besondere Bedeutung annimmt. In einer herzergreifenden Szene lässt der Vater die Tochter in sein persönliches Schicksal blicken, das so leicht auch das ihre hätte werden können. Ist Hilla sozusagen die positive Antwort auf die tragische Figur des Vaters?

In Hillas Vater erkennen wir jetzt einen Menschen, dem von vornherein alle Möglichkeiten, seinen eigenen Weg zu gehen, brutal zerstört worden sind. Hilla als »positive Antwort« war mir beim Schreiben nicht bewusst, aber man kann das durchaus so sehen. Auch die übrigen sogenannten kleinen Leute, Mutter, Tante und Cousinen, hatten nie andere Möglichkeiten, und was schlummern in ihnen für Talente! Auch das begreift Hilla erst jetzt.

Schon in Das verborgene Wort fällt auf, dass die Frauen lebendiger, offener, stärker erscheinen als die Männer. Ist auch Aufbruch ein Preislied auf das Weibliche in unserer Gesellschaft?

Ein Preislied? So weit würde ich nicht gehen. Aber die Frauen in diesem Buch sind wiederum starke Persönlichkeiten. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Was hätte aus so resoluten Frauen wie der Tante Berta oder der Großmutter werden können, hätten sie in einer anderen Gesellschaftsschicht gelebt. Bildungschancen und Aufstiegsmöglichkeiten sind heute ungleich größer als in deren Zeiten.

Womit wir bei der Schule wären. Lehrer spielen in Ihrem Buch eine wichtige Rolle. Eine positive Rolle. Das steht im Gegensatz zu den meisten Schulgeschichten, die man so liest.

Da haben Sie recht. Ich finde diese modische, beinah schon obligatorische Lehrerschelte banal und ungerecht. Auch deshalb habe ich drei Lehrern, stellvertretend für ihre Zunft, ein Ständchen gebracht. Sogar dem Mathematiklehrer. Er konnte ja nichts für Sinus und Cosinus.

Mit am beeindruckendsten sind in Aufbruch die lyrischen Passagen, insbesondere, wenn es um die Landschaft am Rhein geht. Macht da die Lyrikerin der Epikerin Konkurrenz?

(Ulla Hahn lacht.) Naja, Konkurrenz belebt das Geschäft. Im Ernst: Gedichte schreiben und Erzählen sind ja nicht nur zwei unterschiedliche Schreibweisen, sondern zwei unterschiedliche Blicke auf die Wirklichkeit. Diese miteinander zu verbinden, sie nebeneinander zu stellen, zu verschränken, einander durchdringen zu lassen, war für mich in Aufbruch eine noch größere Herausforderung als in Das verborgene Wort. Vom Gespräch mit Mutter, Tante und Cousinen über einem Quelle-Katalog bis zur mystischen Versenkung in eine Pappel werden Möglichkeiten der Sprache ausgelotet.

Hilla hadert mit Gott, besonders nach dem, was auf der Lichtung geschah. Ist Aufbruch aus Ihrer Sicht auch ein religiöses Buch?

Gewiss habe ich mich nicht hingesetzt und gesagt: Ich schreibe jetzt ein religiöses Buch. Aber wenn Sie dem Johannesevangelium folgen: Im Anfang war das Wort, und Gott war das Wort; wenn also das Wort Gottes ist, dann kann Schreiben auch ein »Gottes-Dienst« sein. Dichtung und Religion sind sicherlich nahe Verwandte.

Also hat Schreiben für Sie auch etwas mit Moral zu tun?

Wiederum: Ich schreibe nicht »um zu«. Gerade in diesem Buch spare ich das Ekelhafte und Bösartige nicht aus. Aber dabei stehen zu bleiben, wäre mir zu wenig. Ich möchte Leserin und Leser teilhaben lassen an meiner Suche nach Wegen des Lebens und Überlebens. Vielleicht wissen sie dann mehr über sich, wenn sie das Buch gelesen haben, so wie ich mehr über mich wusste, als ich den letzten Satz geschrieben hatte. Meine Bücher hoffen auf einen aktiven Leser. Eine Leserin, die sich in das Buch hineinbegibt mit Herz und Verstand. Nicht nur eine Geschichte konsumiert – und vergisst –, sondern sie im eigenen Kopf mit- und – vielleicht auch – umschreibt.

Das klingt fast wie eine Werbung fürs Lesen!

Ja, ich liebe die Sprache, und ich liebe ernsthafte Leserinnen und Leser. Beide gehören zusammen. Und mein Verhältnis zu beiden ist ein werbendes.

Aufbruch

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