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SPECIAL zu Ulla Hahn

»Ich habe mich an mein Leben herangeschrieben«

Im Gespräch mit Ulla Hahn

Die vier Bände Ihres Epos sind nicht nur die Geschichte Ihrer, auch autobiografischen, Hauptperson, Hilla Palm, sondern sie ermöglichen einen Einblick in die ersten drei Jahrzehnte der Bundesrepublik Deutschland: Hatten Sie ein Vorbild für dieses ehrgeizige Vorhaben?

Nein, weder ein Vorbild noch einen Plan, und Ehrgeiz schon gar nicht. Wenn mir Mitte der neunziger Jahre jemand gesagt hätte, ich würde einmal gut zwanzig Jahre an diesem Projekt arbeiten und dabei rund 2500 Seiten zu Papier bringen, ich hätte ihn oder sie schlichtweg ausgelacht. Ich habe geschrieben wie zuvor auch meine Gedichte: einfach angefangen habe ich.

Und warum gerade dieses Thema?

Ein Autor sucht sich selten sein Thema – es drängt sich auf. Ich war damals etwas über fünfzig und stellte mir Fragen: Wo komme ich her? Wie war mein Weg bis hierher?

Dann hätten Sie auch eine Autobiografie schreiben können.


Eine Autobiografie erschien mir absurd. Zudem ermöglichte die enge Koppelung der Ulla Hahn an meine Hilla Palm sowohl, von mir abzurücken, ja mich zu vergessen, als auch, mir selbst näherzukommen, mich deutlicher und klarer wiederzufinden. Ich habe also, ähnlich wie in der Lyrik, aus Erfahrungen Erfindungen gemacht, Texte, in die sich Leser*innen mit ihren Erfahrungen hineinbegebenkönnen. Dazu kommt: Neben meinen Erfahrungen gehen auch Erfindungen in die Bücher ein, die keinen oder nur einen entfernten Bezug zu meiner Biografie haben. Es war immer wieder eine Herausforderung, diese im Text nahtlos zu verschmelzen. Das führte gelegentlich zu skurrilen Ergebnissen, etwa wenn sich ein Zeitgenosse in einer erfundenen Person wiederzuerkennen glaubte. Authentisch ist nur der enge Familienkreis.

Dieser wohl letzte Band Wir werden erwartet ist mehr noch als die vorangegangenen Bände voller historischer Bezüge und anschaulicher Details. Finden Sie die sechziger und siebziger Jahre besonders bedeutsam oder liegt das eher am Erwachsenwerden Ihrer Heldin Hilla Palm?

Sicherlich beides. Am Ende von Das verborgene Wort ist die Hauptfigur fünfzehn Jahre alt; sie kann gesellschaftliche Bezüge zu ihrem kindlichen Aufwachsen längstnicht so vielfältig und differenziert herstellen wie die Heranwachsende oder später die junge Erwachsene. Doch an ihr spiegle ich viele Themen: So ist der Umgang mit den Greueln des Nationalsozialismus von Anfang an ein Thema, das sich durch alle vier Bände zieht. Zudem macht die Erzählperspektive einer katholischen Arbeitertochter vom Dorf, die sich in den fünfziger Jahren den Weg
ins Studium erkämpft, die Darstellung gesellschaftlicher Unterschiede unvermeidlich. Und natürlich waren – bis zur Wiedervereinigung – das Jahr 1968 und seine Folgen die wichtigsten Einschnitte in der Geschichte der BRD, die besonders meine Generation geprägt und die Adenauerrepublik verändert haben.

Ulla Hahn? Hilla Palm? Freiheit!

Im Mittelpunkt von Wir werden erwartet steht ein gefährlicher Umweg – oder soll ich es einen großen Irrtum nennen – Ihrer Protagonistin Hilla, Ihrem Alter Ego: der Eintritt 1971 in die Deutsche Kommunistische Partei, DKP, und dann der enttäuschte Austritt 1976. Ist es Ihnen schwergefallen, ungeschminkt über diesen Phase in Ihrem Leben zu schreiben?

Auch dieser Irrweg war ein Grund, mich auf den Weg in diese Bücher zu machen. Ich musste mich an diesen vierten Band über die vorangegangenen Romane buchstäblich heranschreiben. Sich einzugestehen, einer Illusion aufgesessen zu sein, ist wahrlich nicht verlockend. Zorn und Scham über die einstige Verführbarkeit waren groß und bedurften der Aufarbeitung mit Distanz und Humor. Auf keinen Fall jedoch einer Denunziation meiner damaligen Begeisterung für »die gute Sache«. Vor allem nicht, was die alten Genoss*innen betrifft, die ihr Leben im Kampf gegen Hitler aufs Spiel gesetzt hatten. Vor ihnen hat mein Respekt Bestand.

Was hatte Sie auf diesen Weg geführt und warum haben Sie ihn wieder verlassen?

Nun, das habe ich in diesem Roman auszubuchstabieren versucht. Zunächst: Wie kam ich hinein? Zum einen bereitete die katholische Prägung mit ihrer festen Weltsicht wohl den Boden. Auch der Marxismus kommt nicht ohne ein Menschenbild aus, das über den Menschen, wie er jetzt ist, hinausweist. Ich habe zum Kommunismus weit weniger über Marx als vielmehr durch die Bibel, die Evangelien, gefunden. Ich glaubte fest, dass beide, Christentum und Marxismus, im Kampf für Gerechtigkeit die inneren Werte des Individuums fördern und entwickeln, um aus jedem Menschen das Beste zu machen. Doch Wurzeln geschlagen hätte die marxistische Weltanschauung sicher nicht, hätte Hilla, ähnlich wie damals ich, ihren Platz in der Gesellschaft schon gefunden gehabt. Über alte Kommunist*innen näherte ich mich der Ideologie an. Und schließlich war da mein utopieverliebtes Lesen. Ich hatte mir meinen »real existierenden Sozialismus « aus Büchern zusammengebastelt. Bei der ersten Begegnung mit der Realität, einer Reise in die DDR 1975, kam es zu einem heftigen Zusammenprall der Wirklichkeit mit meinem sozialistischen Wolkenkuckucksheim – und zu einem bösen Erwachen. In der DDR verspürte ich wenig von dem Geist, den ichsuchte und meinte. Zur ideologischen Ernüchterungkam menschliche Enttäuschung. Über Personen, mit denen man sich befreundet glaubte, denenjedoch »die gute Sache« mehr galt als der Mensch, und deren Menschlichkeit am Ende buchstäblich in der Sache aufging – das zu erleben, war unheimlich und schmerzhaft. Sich eingestehen müssen, dass man benutzt wurde, Abschied zu nehmen von einer Illusion und von den Menschen, die sie verkörpern, war bitter.

Ulla Hahn, Büchertisch des Marxistischen Studentenbundes Spartakus an der Uni Hamburg

Es gab – und gibt! – ja immer wieder Phasen in derGeschichte nicht nur unseres Landes, in denen sich junge Menschen von autoritären Ideologien angezogen fühlen. Können Sie das aus eigener Erfahrung erklären?

Sicher gelten für den Einzelnen viele verschiedene Aspekte. Grundlegend sind immer die Unzufriedenheit mit der Gegenwart, ein Gefühl, das etwas fehlt, von sozialen Belangen bis zum Sinn des Lebens, und die Hoffnung auf eine große und endgültige Lösung. Diese Gefühle können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Und Zusicherungen schneller Verbesserungen und populäre Heilsversprechen ziehen durchaus nicht nur jüngere Menschen an, das zeigt auch ein Blick auf die heutige politische Situation.

Über alle vier Bände erstreckt sich eine oft ergreifende Beziehung Hillas zu ihren Eltern, besonders zu ihrem Vater. Zu Beginn voller Unverständnis und Trotz, am Ende Verzeihen und liebevolle Zuwendung. Wie kam es zu diesem Wandel bei Ihnen selber?

Nichts begreift man von einem Menschen, wenn man seine Herkunft, seinen Werdegang, seine Vergangenheit nicht kennt. Je mehr ich von der Vergangenheit der Eltern erfuhr, desto näher kamen sie mir. Beide hatten ja nie dieChance, sich zu entwickeln – ein sehr zutreffendes Wort. Je mehr ich von mir selbst begriff,desto bereitwilliger konnte ich mich dem Verständnis der Eltern öffnen. Daher habe ich dem Buch ein Motto von Søren Kierkegaard vorangestellt: »Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.« Dieses »rückwärts verstehen« kann manchmal durchaus schmerzhaft sein. Aber wie heißt es so klug im Johannes-Evangelium:»Die Wahrheit wird euch frei machen.« In der Tat lassen sich die vier Bände auch lesen als einen Lobgesang auf die Freiheit. Sich etwas von der Seele schreiben: Besser lässt es sich kaum ausdrücken. Nicht von ungefähr ist seit meinen Kindertagen Friedrich Schillers »Evangelium der Freiheit« auch das meine.

Wäre Ihr Leben anders verlaufen, wenn Sie aus einem anderen, einem gebildeteren Elternhaus gekommen wären?

Als Kind und Jugendliche ganz gewiss. Da habe ich michauch manchmal für die Eltern geschämt, besonders für den Vater. Später habe ich mich dafür geschämt, dass ich mich geschämt hatte. Und daraus erwuchs eine andere Art Trotz. Trotz, nicht wie als Kind gegen die Eltern, sondern Trotz gegen die, die Schuld trugen an meinem Schämen. Trotz gegen Menschen und Zustände, die meinem Vater oder der Mutter nie eine Chance gegeben, sie klein gehalten hatten. Hier vermute ich, lag die Ursache meiner Hinwendung zum Marxismus: Die kleinen Leute groß machen! Und dann: sie »groß« zu schreiben.

Zum Schluss noch eine Frage zum Titel dieses letzten Bandes: Wir werden erwartet. Wer ist dieses wir, und wo werden wir erwartet und – noch wichtiger – von wem?

Ich wünsche mir lebendige Leser*innen, die meine Bücher in ihrem eigenen Kopf zu Ende schreiben. Meine Bücher sind keine »Radiergummis für den Kopf« wie Gottfried Benn den Kriminalroman einmal so zutreffenddefiniert hat. Diesen Leser*innen ist dieser Titel gewidmet: Offen für immer neue und andere Interpretationen. Wir, das meint uns alle. Wir sind unterwegs. Und wer unterwegs ist, wird immer von irgendwem, irgendwas, irgendwo, irgendwann erwartet. Im Alltag, auf Reisen, auf Festen. Überall und jederzeit kann es zu Begegnungen kommen, die wir nicht erwartet haben: un-erwartet. Un-erhofft.Wie sollte ich wissen, wo und wann und erst recht: von wem? Bleiben wir H-offen-de!

Wir werden erwartet Blick ins Buch

Ulla Hahn

Wir werden erwartet

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