Ulrich Kraetzer: Salafisten. Bedrohung für Deutschland?

Salafisten. Bedrohung für Deutschland?

»Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber fast alle Terroristen sind Salafisten.«

Interview im Oktober 2014 mit dem Salafismusexperten Ulrich Kraetzer zu den Ereignissen des IS-Terrors im Nahen-Osten.

Herr Kraetzer, als Sie Ihr Buch zum Salafismus schrieben, hätten Sie sich da vorstellen können, dass das Thema im Zusammenhang mit der IS-Terrror-Miliz so schnell eskaliert?

Es war absehbar, dass die Zahl der jungen Salafisten, die nach Syrien ausreisen, um sich dort einer dschihadistischen Gruppierung anzuschließen, weiter steigen würde. Wie groß diese Dynamik ist, hatte ich allerdings unterschätzt. Ich denke, auch die meisten anderen Beobachter, einschließlich der Sicherheitsbehörden hätten damit nicht gerechnet. Damals war auch nicht absehbar, dass sich der „Islamische Staat“ (IS) gegen die anderen Dschihadisten-Gruppen, etwa die Nusra-Front, würde durchsetzen können. Erst recht hatte kaum jemand damit gerechnet, dass es dem „Islamischen Staat“ gelingen würde, ganze Regionen zu beherrschen. Begünstigt wurde dies unter anderem durch die Passivität der USA. Dadurch ist ein Machtvakuum entstanden, das sich der IS zunutze machen konnte.

Warum zieht ausgerechnet IS auch Jugendliche und Nichtgläubige nach Syrien in den Krieg?

Der „Erfolg“ des IS ist für die Rekrutierung ungeheuer wichtig. Andere oppositionelle Gruppen spielen in Syrien ja kaum noch eine Rolle, auch im Irak ist der IS zur beherrschenden oppositionellen Gruppe geworden. Im grundsätzlich gewaltbereiten Teil der Salafisten-Szene gibt es daher jetzt viele jugendliche Heißsporne, die beim Aufbau eines vermeintlich gottesgerechten „Kalifats“ dabei sein wollen. Sie wollen an dem „Erfolg“ des IS teilhaben. Die Entscheidung in den bewaffneten „Dschihad“ zu ziehen, treffen die jungen Menschen aber nicht von heute auf morgen. Die Radikalisierung kann zwar sehr schnell verlaufen, es gibt aber immer mehrere Stufen. Am Anfang begeistern sie sich für die Salafisten-Szene, die mit der Dschihadisten-Szene zwar Schnittstellen hat, mit dieser aber ja nicht identisch ist. Die Salafisten vermitteln ihnen das Gefühl, Teil einer „auserwählten Gemeinschaft“ zu sein, deren Anhänger das Licht des Paradieses erblicken werden, während die Ungläubigen und die vermeintliche „irregeleiteten“ Muslime in die Hölle kommen. Viele Jugendliche erleben das als eine ungeheure Aufwertung. Gerade unter denen, die später nach Syrien ziehen, gibt es viele, die im Leben nicht zurecht gekommen sind. Viele haben keinen Schulabschluss, einige sogar eine kriminelle Karriere hinter sich. Auch familiäre Probleme und das Gefühl, „nicht dazu zu gehören“ spielen eine sehr große Rolle. Der Salafismus macht also aus ausgegrenzten Verlieren Anhänger einer angeblich „siegreichen Truppe“. Mindestens für Jugendliche, die auch schon vorher Gewalterfahrungen gemacht haben, ist der Schritt in die Militanz dann nicht mehr weit. Denn die radikalsten unter den salafistischen Wortführern, indoktrinieren die Jugendlichen und behaupten, dass es ihre Pflicht sei, den „unterdrückten Glaubensbrüdern“ im Irak und in Syrien zu helfen. Die Bilder, die uns aus diese Regionen erreicht haben, man denke an die Gräueltaten des syrischen Diktators Baschar al-Assad waren ja auch tatsächlich grausam. Bei radikalisierten Jugendlichen, die „etwas tun wollen“, verfehlen die Bilder blutender Kinder ihre Wirkung nicht, so dass einige von ihnen, darunter auch deutschstämmige Konvertiten, tatsächlich meinen, in den sogenannten „Heiligen Krieg“ ziehen zu müssen. Nach Syrien oder in den Irak zu gelangen, ist zudem recht einfach. Selbst wenn die Behörden den Pass einziehen, können Dschihadisten aus Deutschland mit dem Personalausweis in die Türkei und von dort aus weiter in die Gebiete ziehen, die der IS beherrscht.

In Ihrem Buch warnen Sie vor den Gefahren, denen besonders Jugendliche „von der Straße“ in Deutschland ausgesetzt scheinen. Wie sähen Maßnahmen dagegen aus?

Die Sicherheitsbehörden müssen ihren Job machen und Anhänger der Salafisten- und der Dschihadisten-Szene, die Straftaten begehen, mit den Mitteln des Rechtsstaates verfolgen. Das ist das Eine. Es wird aber nicht ausreichen. Um der Anziehungskraft des salafistischen Szene, aus deren Reihen ja auch die Syrien-Ausreiser kommen, etwas entgegen zu setzen, müssen Staat und Gesellschaft den Salafisten den Nährboden entziehen, auf dem ihre Ideologie gedeihen kann. Dafür muss Jugendlichen das Gefühl genommen werden, sie hätten in der Gesellschaft der Ungläubigen“ keine Chance. Denn Salafisten verstehen es bestens, sich dieses Gefühl zunutze zu machen und im Sinne ihrer Ideologie umzudeuten. Gefragt ist also ein breites Spektrum von Akteuren, angefangen natürlich von den Eltern, die man wiederum durch Familienberatung ertüchtigen kann, bis hin zu Lehrern, Jugend- und Sozialarbeitern. Wichtig wären auch mehr spezielle Präventionsprojekte, mit denen die Argumente der Salafisten und die Art, in der sie gesellschaftliche Zusammenhänge im Sinne ihrer Ideologie umdeuten, entkräftet werden könnten. Im besonderen Maß sind hier natürlich die Muslime gefordert, denn nur sie können den theologischen Diskurs gegen die salafistische Ideologie führen.

Entscheidend ist aber der gesellschaftliche Diskurs. Viele wollen das nicht hören – aber je mehr wir „die Muslime“ und „den Islam“, den es als einheitlichen Block ja ohnehin nicht gibt, in ihrer Gesamtheit für das verantwortlich machen, was in Syrien oder im Irak passiert, und je mehr wie über angeblich zu hohe Geburtenraten muslimischer Einwandererfamilien schwadronieren, desto eher haben Jugendliche aus muslimischen Familien das Gefühl, in Deutschland nicht erwünscht zu sein. Je unerwünschter sie sich fühlen, desto größer ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in einer Art Trotz-Reaktion radikalen Gruppen wie den Salafisten zuwenden. Denn dort haben sie das Gefühl akzeptiert zu werden und dort meinen sie auch, sich an dieser Gesellschaft rächen zu können, in der sie in den Augen der Jugendlichen nicht erwünscht sind. Die Scharia-Polizei, die öffentlich und demonstrativ gegen offensichtliche „Verstöße“ auch in Deutschland vorgeht, ist ein neues Phänomen. Wie entschieden muss sich Ihrer Meinung nach die Deutsche Staatsgewalt gegen dieses Vorgehen positionieren?

Die Scharia-Polizei, die öffentlich und demonstrativ gegen offensichtliche „Verstöße“ auch in Deutschland vorgeht, ist ein neues Phänomen. Wie entschieden muss sich Ihrer Meinung nach die Deutsche Staatsgewalt gegen dieses Vorgehen positionieren?

Niemand darf sich anmaßen, selbst Polizei spielen zu dürfen. Das ist aber eine Binse. Ich kann die Aufregung um die Scharia-Polizei gut nachvollziehen, weil es tatsächlich eine unerträgliche Vorstellung wäre, wenn wir in Deutschland eine Religionspolizei hätten. Diese Vorstellung ist aber völlig irreal. Wir sollten bei den Fakten bleiben. In Wuppertal sind ein paar Anhänger der Salafisten-Szene umher gezogen und haben Jugendlichen gesagt, dass sie besser keinen Alkohol trinken sollten. Frauen wurden offenbar auch bedrängt, den Schleier zu tragen. Das ist nicht schön, und wenn mich jemand ansprechen würde, würde ich ihm auch sagen, er soll sich um seinen Kram kümmern. Aber das ist keine Bedrohung für unseren Rechtsstaat. So stark sind die Salafisten glücklicher Weise nicht und so stark werden sie in Deutschland auch nicht werden. Wir sollten uns nach der ersten Aufregung also beruhigen. Und die Kanzlerin sollte sich zu anderen Themen als der „Scharia-Polizei“ äußern. Denn die Salafisten nutzen solche gezielten Provokationen als Propaganda-Instrument. Sie sagen, wir haben doch nur Jugendliche ermahnt, nicht so viel Alkohol zu trinken. Wenn sich Politiker darüber aufregen, haben sie leichtes Spiel, das als „Islamfeindlichkeit“ umzudeuten. Das ist in dieser Verkürztheit natürlich Quatsch. Junge Muslime, die sich ohnehin diskriminiert fühlen, glauben solchen Botschaften aber nur allzu gerne und betrachten die Salafisten daher als Sprachrohr, das auch ihnen eine Stimme gibt.

Besteht die berechtigte Sorge, dass der Terror schneller auf Europa übergreift, als wir es uns im Moment vorstellen können?

Das ist schwer zu prognostizieren. Klar ist aber, dass wir nach den Waffenlieferungen an die Kurden vom IS nun als Kriegspartei gesehen werden könnten. Anders als noch vor einigen Monaten gäbe es aus Sicht des IS jetzt also eine politische Motivation für Anschläge. Die Dschihadisten könnten versuchen, die deutsche Regierung damit zu erpressen, damit sie ihre Unterstützung für die IS-feindlichen Gruppen einstellen. Weil andere Länder nicht nur Waffen liefern, sondern Luftangriffe gegen IS-Stellungen fliegen, stehen sie zurzeit allerdings stärker im Fokus als Deutschland. Die abstrakte Gefahr ist aber dennoch hoch. Denn nach Syrien sind mittlerweile mehr als 450 Islamisten aus Deutschland ausgereist. Viele lernen dort den Umgang mit Waffen und Sprengstoff. Sie sind von den Kriegserfahrungen zudem abgestumpft, so dass die Hemmschwelle Gewalt anzuwenden deutlich gesunken sein könnte. Es ist daher denkbar, dass sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland Anschläge in Eigenregie ausführen wollen. Ein „Befehl“ der IS-Führung wäre dafür gar nicht nötig. Solche „einsamen Wölfe“ im Blick zu behalten, ist für die Sicherheitsbehörden eine kaum zu bewältigende Herausforderung.

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